Freitag, 29. Januar 2016

Schwein gehabt!



„Sound of Freedom“, zu Deutsch „Klang der Freiheit“, der mitgliederstärkste Motorradclub am Orte, nahm sich die Freiheit, zum Freiburger Bockmarkt einmal nicht mit dem bisweilen Nerv tötenden Sound ihrer PS-starken Zweiräder aufzufallen. Sonst eher dafür bekannt, einmal die Sau rauszulassen, wollten die Kuttenträger in diesem Jahr eine Sau grillen, um sie dann zu günstigem Preis in kleinen Portionen gemeinsam mit den Bockmarktbesuchern zu verzehren.
Worum sich in den vergangenen Jahren kein Schwein gekümmert hat, geriet in diesem, dem Milleniumjahr, zum Schwein – pardon – zum Stein des Anstoßes. Ein „Anonymus“, ein Schweinefreund vielleicht oder ein anonymer Veganer, vielleicht auch nur jemand, der sich um die Volksgesundheit sorgt oder grundsätzlich alle Schweinereien im öffentlichen Raum ablehnt, hat das Gesundheitsamt alarmiert. Oder aber war es einfach nur ein Neider, der sich geärgert hat, dass ihm das Schweinegeschäft durch die Lappen gegangen ist?
Dass der Hinweis von einem ortsbekannten, männlichen und noch dazu aktiven Freiburger Mitglied der Tierhilfe  mit der Begründung gekommen sei, er wolle der armen Sau die stundenlange Karussellfahrt über glühenden Kohlen ersparen, hat sich als schlechter Scherz eines Nachbarn des Tierschützers herausgestellt.
Tatsache ist jedenfalls, dass die schon für ihren letzten Auftritt präparierte Motorradsau noch am Vorabend des Bockmarktes 2000 zu einem Vorgang bei den zuständigen Behörden wurde. Der Stader Amtsschimmel wieherte unüberhörbar laut und sorgte mit seinen eisenbeschlagenen Hufen für einen wahren Funkenregen auf dem Pflaster des Freiburger Fleckensplatzes.
Wer nun glaubt, dass das das endgültige öffentliche „Aus“ für die bereits tote Sau sein sollte, unterschätzt den Amtsschimmel. Wenn schon einmal eine Akte angelegt ist, muss da auch etwas drinnen sein! Von Amtswegen bekam das  Freiburger Schwein kurz vor dem Wurstanbiss noch eine letzte Chance.
Ein in den deutschen Hygienevorschriften bewanderter Schlachter (Nationalität ist egal, Hauptsache Meisterbrief!) musste her, und ein stählerner (!!!) mit Planen verhangener Gitterzaun sollte das nackte Schwein vor lüsternen, gierigen oder gar infektiösen Blicken des Bockmarktpublikums schützen!
Nicht genug, dass die arme Sau einzig zum Verzehr gemästet wurde! Nun musste sie selbst nach dem Tode noch einmal die volle Härte der Käfighaltung erfahren.
Wer nun glaubt, dass „Sound of Freedom“ sich durch eine denunziantische (neues Wort von mir, der PC will, dass ich es entferne!) Schweinerei ausbremsen lässt, hat sich gewaltig getäuscht. Alle Auflagen wurden erfüllt. Der eben noch feurige Amtsschimmel fand zu seiner normalen Schläfrigkeit zurück, schnaubte noch ein oder zwei Male und verzog sich in seinen Stall.
Schwein gehabt haben auch Ali, der Grillmeister, dass er am Ende das Schwein nicht allein essen musste, all die Bockmarktbesucher, die sich auf ein knuspriges Bratenstück gefreut hatten.

Und noch einer hat Schwein gehabt.
Der Denunziant!
Er blieb unerkannt und das war auch gut so. Andernfalls hätte kein Schwein dafür garantieren können, dass er nicht den „Sound of Freedom“ in voller Stärke zu spüren bekommen hätte.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Begegnungen 2 * Werner Bodeit




 Werner Bodeit – ein Tippelbruder aus Berlin 27. Juni 2015

Ich begegnete Werner Bodeit am 27. Juni 2015. Aus dem fahrenden Auto nahm ich ihn und sein interessantes Gespann  im letzten Moment auf dem Parkplatz kurz vor der Abfahrt von der B 73  zum Natureum wahr. Ich brauchte noch etwa einen Kilometer, bis mich meine Neugier zur Umkehr bewegte. Ich habe es nicht bereut. Mit Bodeit habe ich einen freundlichen und ausgesprochen genügsamen Menschen kennengelernt, der ausgeglichen und im Einklang mit seinen ganz speziellen Umständen zu leben scheint.




 Seit 11 Jahren auf der Straße, Sommer und Winter, kein Zuhause!

Für die allermeisten Menschen ist das eine Vorstellung, die einem Albtraum recht nahe kommt.  Nicht so für den 52 jährigen Werner Bodeit. Vor 11 Jahren hat er sein damaliges Zuhause in Berlin Pankow verlassen, lebt seitdem  auf der Straße und macht dabei keinen unzufriedenen Eindruck. Im  Winter hält er sich gern im Emsland auf, „weil dort das Klima milder ist.“ Steigt die Sonne zum Frühjahr, wandert Bodeit entlang der Küste nach Norden. Alles, was er braucht zum Leben, zieht er auf drei zusammengekoppelten Karren hinter sich her. Elementar sind Schlafsack, Zelt und Planen zum Schutz vor Regen, Wind und Kälte sowie einfaches Kochgerät. Buswartehäuschen oder Schutzhütten an Rastplätzen bieten bevorzugte Übernachtungsplätze. Bodeit berichtet von seinen bescheidenen Unterkünften: „Die meisten Buswartehäuschen haben drei Wände. Wenn ich die offene Seite mit einer Plane verhänge, habe ich einen geschlossenen Raum. Im Winter bekomme ich mein Quartier mit dem Kocher ungefähr 4°C wärmer als die Temperatur außerhalb meiner Hütte.“ 
Auf das ihm zustehende Tagegeld für reisende Obdachlose verzichtet Werner Bodeit meistens. Er lebt von Zuwendungen der Menschen, denen er auf seiner Wanderung begegnet. Dabei bettelt er nicht.
Seine freundliche Art, das seltsame Gefährt, behängt mit skurrilen Erinnerungsstücken, aus den vielen durchreisten Dörfern und Städten und nicht zuletzt seine vier Hunde bringen ihm immer wieder spontane Kontakte zu seinen Mitmenschen.
 Schnell öffnen sich die Herzen und nicht selten die Portemonnaies seiner Gesprächspartner. Einsam wird Werner Bodeit nicht auf seiner Reise ohne festes Ziel. Es gab Zeiten, in denen er mit einem Gefährten zusammen tippelte. Die Gemeinschaft endete oft schon wieder nach kurzer Zeit.  Heute leisten ihm sein Schäferhund Rüde, „ein von und zu“, und seine Berner Sennen Mischlingshündin mit ihren zwei Welpen Gesellschaft. Hunde waren schon einmal sehr wichtig in Bodeits anderem Leben, damals, als er noch Hunde für den Polizeidienst ausbildete. Heute ersetzen sie ihm die Familie und Freunde, in der Nacht bieten sie Schutz vor unerwünschtem Besuch und tagsüber helfen die beiden ausgewachsenen Hunde schon einmal mit, die bepackten Karren zu ziehen.



Nie ist sicher, wo sie am Abend sein werden. An guten Tagen schafft die Karawane bis zu 20 Kilometer, häufig sind es aber auch nur 7 oder 10 Kilometer. In den nächsten Tagen will Werner Bodeit von Wischhafen nach Glückstadt übersetzen. Vorher möchte er aber noch einen „schnellen“ Abstecher nach Hemmoor machen. „Ich habe gute Erinnerungen an den Ort, da habe ich einmal nette Leute kennengelernt“, sagt Bodeit, tritt seine Zigarette aus, legt den Hunden ihre Leinen an und marschiert los.

Mittwoch, 27. Januar 2016

Begegnungen 7 * Werner, Sascha und Willi - Nichtsesshafte Berber, Monarchen, Tippelbrüder ...




Werner, Sascha, Willi  -  Nichtsesshafte, Berber, Monarchen, Tippelbrüder; aber bitte nicht Penner oder Landstreicher!






 von links: Werner, Sascha, Willi

Der Tipp kam von irgendwo. Jemand hat die Gruppe der drei Tippelbrüder mit ihren zwei Hunden im Vorbeifahren im kleinen Schutzhäuschen an der Elbfähre gesehen und gemeint, dass das doch vielleicht etwas für den Zeitungsschreiber sei. Es passte alles und ich machte mich mit Kamera und Notizblock auf den Weg. Noch im Auto überlegte ich, wie ich die drei ansprechen sollte. „Duze“ ich sie? Drücke ich statt eine emotionalen Verbundenheit zu signalisieren vielleicht eine nicht beabsichtigte Geringschätzung aus? Werde ich Offenheit oder Ablehnung bis hin zu Aggressivität erfahren?
Die Antwort auf diese Fragen bekommt man dann bei der Begegnung in Sekundenschnelle. Ich traf auf drei Männer unterschiedlichen Alters, die sich offensichtlich wegen des unangenehmen Herbstwetters schon mit einigen Dosen Bier getröstet hatten. Die Frage des „Duzens“ klärte sich ganz schnell, weil ich gleich nach einem knappen „Moin“ meinerseits per „Du“ angeredet wurde. Als zufällig Schutzsuchender getarnt betrachtete ich die Gruppe und interessierte mich für die Hunde. Das war ein sehr guter Türöffner, um ins Gespräch zu kommen. Irgendwann fragte ich dann, ob sie mir nicht etwas aus ihrem Leben erzählen wollten. Ich würde es dann aufschreiben und vielleicht in die Zeitung bringen.
„Das kostet aber ´ne Kleinigkeit“, sagte Werner (li im Foto), der das Sprachrohr der Gruppe zu sein schien. Wir einigten uns auf 20 DM. Das war ganz schön viel, ungefähr die Hälfte des Honorars, das ich für meinen Beitrag erwartete. Dass das Honorar nachher bedeutend höher ausfiel, hing mit der Länge meiner Geschichte und den insgesamt fünf veröffentlichten Fotos zusammen.

Mein Artikel im Stader Tageblatt vom 22.10. 1991

Und manchmal träumen sie ihren Traum von einer Bauernkate im Grünen…
Gespräche mit drei Tippelbrüdern, deren Wege sich an der Wischhafener Fähre kreuzten

Werner F., 43, Diplom-Betriebswirt und jahrelang Offizier des Passagierschiffes „Norway“ verantwortlich für „Food and Beverage“ sitzt in der Schutzhütte am Wischhafener Fähranleger neben seinem Freund, dem 43jährigen Stahlbauschlosser Sascha K. und dessen Sohn Willi K., 25, Baumschularbeiter.
Der erste Herbststurm peitscht Regenböen um die Hütte, andere Fährbenutzer stehen notdürftigen geschützt vor dem Häuschen – die freien Plätze neben den drei Männern bleiben frei. Die Plätze bleiben frei, weil Werner, Sascha und Willi deutlich erkennbar zu einer Randgruppe unserer Gesellschaft zählen, zu der bestenfalls Beamte von Sozialämtern oder Pastoren ein ungezwungenes Verhältnis haben, während der Rest der Gesellschaft wegschaut, Angst oder Unbehagen empfindet: Sie sind „Berber“
Die äußerlichen Merkmale sind untrüglich: Leicht ungepflegte Erscheinung, Ruck- und Seesäcke, Zigaretten in der einen Hand und in der anderen Hand - wie eine Erkennungsmarke -  eine Dose Bier. Unter den Bänken sind zwei Hunde angeleint, die besten Freunde der drei Tippelbrüder, wie sie mehrfach betonen. Nicht ohne Stolz beschreiben sie ihr freies Leben, und, wenn nicht dieses fürchterliche Wetter wäre, könnte der Zuhörer in die Versuchung geraten, dieses Leben auch einmal ausprobieren zu wollen.
„Wir schlafen meistens auf der „Platte“ (unter freiem Himmel) im Sommer wie im Winter“, schwärmt Willi. Von Reisen nach Finnland erzählen die drei und von Reisen, die sie noch vor sich haben. Je länger wir sitzen und erzählen und je mehr Dosen mit ihrem unverkennbaren Zischen ihrer Leerung entgegengehen, desto mehr bröckelt das Bild von der Pfadfinderromantik, das die drei Männer anfangs darzustellen versuchten.
Schicksalsschläge haben sie aus dem bürgerlichen Leben geworfen. Werner verlor erst seinen zweijährigen Sohn durch ein Herzleiden. Dann starb seine Frau an Leukämie. Aufwendige, selbst zu zahlende  Heilversuche brachten ihn derart in Schulden, dass sein Haus zwangsversteigert wurde. Er wollte nicht mehr leben – zumindest nicht mehr unter den Umständen, die sich ihm damals boten – und begann vor nunmehr drei Jahren das Leben auf der Straße. „Davidoff habe ich geraucht und ein Pferd gehabt und nun …?“
Sascha hat die Woche auf Montage gearbeitet und musste bei einer vorzeitigen Heimkehr feststellen, dass seine Frau sich in seiner Abwesenheit mit anderen Männern tröstete. 18 Jahre ist er schon auf der Straße auf der Flucht vor seinen Erinnerungen. Seit einem Jahr hat Sohn Willi seine Arbeit in einer Baumschule aufgegeben und teilt seitdem das Leben als Tippelbruder mit seinem Vater.
Hatten sich die drei anfangs noch betont von einem bürgerlichen Leben distanziert, wird im weiteren Verlauf des Gespräches immer deutlicher, dass sie sich eigentlich nichts sehnsüchtiger wünschen, als einen Wiedereinstieg in gerade die bürgerliche Gesellschaft, der sie aus den verschiedensten Gründen einst Lebewohl gesagt hatten. „Wir würden ja gerne wieder arbeiten“, sagt Werner, „aber ohne Wohnung kriegen wir keine Arbeit und ohne Arbeit gibt es keine Wohnung.“
„Das schönste wäre jetzt eine alte Kate“, träumt Sascha laut. „Die ausbauen wie eine kleine Puppenstube, zwei von uns gehen arbeiten und einer bleibt zu Hause und kümmert sich um die Hunde und das Essen.“ Willi rundet das Bild von der „glücklichen Familie“ ab, indem er sich noch eine Frau hinzuträumt, die vielleicht auch gerade die Nase von der Straße voll hat.
Die Realität sieht anders aus. Keine Nacht, in der man richtig schlafen kann. Angst vor Übergriffen von Skins oder Neonazis machen manche Nächte zum Horrortrip. Gerade haben 15 Skins in der Kleinstadt Beverstedt den vierten ihrer Gruppe derart zugerichtet, „dass er keine Witze mehr erzählt.“ Die Zähne fehlen ihm und er liegt mit einem Schädelbruch im Krankenhaus. Die Unterkünfte der Kommunen für „Nichtsesshafte“ sind oftmals in einem derart erbärmlichen Zustand, dass an Körperpflege kaum zu denken ist. „Wir würden gerne mal duschen oder schön warm baden, aber guck´ dir die Löcher mal an, in die sie uns stecken“, ereifert sich Werner und räumt im nächsten Satz mit dem Vorurteil auf, dass Berber, wie sie es sind, keinen Wert auf Körperhygiene legen.
„14,78 Mark stünden ihnen nach dem Sozialhilfegesetz als Nichtsesshafte am Tag zu. Einige Ämter zahlen nur 5 Mark aus und die Stadt Elmshorn gibt gar nichts. Schreib´ bloß nichts Schlechtes über Freiburg, also diese Frau auf dem Amt ist echt in Ordnung“, meint Willi und erntet prompt Anspielungen seiner Kameraden auf seine Lobreden über die Sachbearbeiterin der Nordkehdinger Verwaltung. Knapp über 40 Mark für drei Männer und zwei Hunde am Tag ist nicht zu viel. „Wenn wir nicht den vollen Satz kriegen, machen zwei von uns „Sitzung“ (sie betteln) und der Dritte schaut sich nach einem einigermaßen sicheren Schlafplatz um“, erläutert Werner die Beschaffungsstrategie.
Gotteshäuser sind oft die letzte Rettung, aber die Pastoren geben nicht alle gleich. Nicht alle Hirten kümmern sich so barmherzig gerade um die heimatlosen Schafe ihrer Herde, wie eine Pastorin in Elmshorn, die nicht nur Verpflegung und Bargeld herausrückt, sondern auch noch ein annehmbares Nachtquartier zur Verfügung stellt. Andernorts gibt es ein Stück Brot oder nur den Hinweis, wo die zuständigen Amtsstuben der politischen Gemeinde zu finden sind. „Die Härte“, meint Werner, „sind die Kolonien von caritativen Verbänden oder der Kirche. Da geben sie dir ein Bett und Essen und du musst für 145 Mark im Monat plus 1 Mark pro Arbeitstag arbeiten. Die reinste Ausbeutung ist das, da gehen wir nicht rein. 200-400 Männer sind dort untergebracht und beim geringsten Regelverstoß setzen sie einen vor die Tür.“
„Nur die „Winterratten“ gehen dahin“, setzt Willi noch drauf. „Winterratten nennen wir die, die uns im Sommer den Ruf versauen und sich im Winter in diese Kolonien wie die Ratten in ihre Löcher verkriechen.“
Über eine Stunde haben wir uns in der bescheidenen Gemütlichkeit des Wetterunterstandes am Wischhafener Fähranleger unterhalten. Das Leben dieser Menschen wird bestimmt durch das Wetter, den Kampf um das täglich notwendige Geld, die Suche nach einem Schlafplatz und durch die Ablehnung durch die Gesellschaft, deren Normen sie nicht erfüllen. Es wird bestimmt durch Angst vor den Menschen unserer Gesellschaft, die sich heimatlose Berber wie Werner, Sascha und Willi als Opfer ihrer Aggressionen suchen. Beinahe hätten sie es geschafft, die nette Oma gestern. Sie wollte ihnen schon das kleine Häuschen geben, aber, wegen der Hunde hat es nicht geklappt. Beinahe wäre er wahr geworden – der Traum vom kleinen Häuschen, das sie sich zu gerne zum Puppenstübchen ausgebaut hätten.
P.S.: In Nordkehdingen schneiden sich zwei Hauptrouten der Nichtsesshaften: 1. Hamburg – Cuxhaven, 2. Dänemark – Süd- bzw. Westdeutschland. Berber, Monarchen, Tippelbrüder (nur bitte nicht Penner!) sind entlang dieser Strecken ein vertrautes Bild. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie hier als gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft betrachtet werden.

Am 14. November, gut drei  Wochen nach Erscheinen des Artikels im Stader Tageblatt, machten die drei Berber mit ihren Hunden Station in Freiburg. Dort hatte man die Männergruppe noch gut in Erinnerung. Der Zeitungsbericht hatte Emotionen für die Nichtsesshaften geweckt. Ganz unerwartet  schlug ihnen im Dorf eine Welle der Hilfsbereitschaft und Zuneigung entgegen. Überwältigt von dem, was mein Artikel bei meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ausgelöst hat, verfasste ich einen weiteren Artikel für das Tageblatt, der dann am 16. November erschien.




Ja, es ist schon ein schönes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man mit geringem Aufwand unerwartet  zum Guten in Lebensschicksale eingreift. Die Freundlichkeit des Dorfes bewog Werner, wieder sesshaft zu werden. Er bekam ein Zimmer und, was viel wichtiger war, auch eine Arbeit. Der Wirt des Kehdinger Hofes war auf der Suche nach einem Koch. Werner war auch gelernter Koch. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich nicht nur die Speisekarte  des Kehdinger Hofes. Auch Werner war nach nur kurzer Zeit nicht mehr wiederzuerkennen. Bald schon galt bei den Freiburgern der Besuch des Kehdinger Hofes als Geheimtipp. Derart schmackhafte Gerichte wie dort, gab es in der gesamten Umgebung nicht. Zubereitet von einem freundlichen Koch, der sich gerne auch mal den Gästen außerhalb der Küche zeigte. Das Solarium des Hauses, das er kostenlos nutzen durfte, hat ihm schnell zu einer sommerlichen Bräune verholfen, die noch kräftiger zur Geltung kam, wenn Werner seine weiße Kochkluft trug. Werner hatte sich innerhalb weniger Wochen vom ungepflegten Tippelbruder zu einem glücklichen Arbeitnehmer verwandelt, der von allen Menschen gemocht wurde. Keine Spur verriet in seinem Gesicht, dass er Zeiten übermäßigen Alkoholgenusses hinter sich hatte. Der Kehdinger Hof warb mit einem Weihnachtsbuffet, von dem die Gäste noch Tage später schwärmten, und auch das traditionelle Grünkohlessen für 130 Segler bewältigte Werner mit Bravour und Anerkennung von den kritischen Kohlessern.
Und, fehlt da nicht noch etwas?
Ja, eine Frau hat er auch noch gefunden. Eine nette Geschäftsfrau aus Stade hatte sich in ihn verliebt und ihm ein neues Zuhause angeboten. Es ist beinahe wie im Märchen gelaufen. Während die Märchen für die Hauptpersonen immer glücklich enden, endete das Märchen vom Tippelbruder Werner da, wo es vor einigen Monaten begonnen hatte: Auf der Straße.
Werner, der nach seinem Neustart keinen Alkohol mehr angerührt hatte, war rückfällig geworden. Versuche, ihn wieder auf die richtige Spur zu bekommen, misslangen. So plötzlich, wie Werner in Freiburg aufgetaucht war, war er wieder verschwunden. Ein verzweifelter Anruf seiner Freundin bei mir verriet, dass er selbst die Person, der er am meisten verbunden war, in Ahnungslosigkeit und Ratlosigkeit zurückgelassen hatte. Trotz des guten Ansatzes, ist es Werner leider nicht gelungen, auftauchenden Problemen anders als durch Flucht zu begegnen.
Wochen später erreichte uns eine Postkarte aus Westerland auf Sylt. „Herzliche Grüße von Sylt. Arbeite hier als Saisonkoch. Gruß, Werner“, stand auf der Karte geschrieben.
„Vielleicht hat er sich ja berappelt“, war meine Hoffnung. Im Winter kam eine weitere Karte aus dem Raum Würzburg, auf der er uns mitteilte, dass er dort Arbeit hätte.
Werner, ich wünsche dir, dass du es geschafft hast, dein Leben in den Griff zu bekommen.
Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Wenn er wieder auf die Straße zurückgekehrt wäre und er wäre auf der Nord-Südroute getippelt, er hätte bei uns vorbeigeschaut.
Hat er nicht.
Ist er von der Straße losgekommen? Warum hat er sich dann nicht mal gemeldet, um sich in seinem neuen Leben vorzustellen?
Ach Werner, Offizier der „Norway“, Tippelbruder und Koch im Kehdinger Hof, vielleicht meldest du dich ja doch noch einmal.


Dienstag, 26. Januar 2016

Begegnungen 5 * Franziska und Rainer Ulm




Franziska und Rainer Ulm

Anke Diercks, unsere Schulassistentin, hatte die Nachricht von ihrer Freundin Steffi Schlecker erhalten. Nun platzte sie in mein Büro. „Du musst unbedingt mal zum Alten Hafen. Da sind zwei Weltumpaddler oder so etwas Ähnliches.“ Sobald etwas Zeit war, fuhren Anke und ich zum Hafen. Es war ungewöhnlich warm für Oktober. Franziska und Rainer Ulm saßen in Sommerhemdchen vor dem Bootshaus. Sie warteten noch auf die Flut. Mit dem auflaufenden Wasser wollte Soni (Manfred Steuck) sie mit seiner Svenja durch den Hafenpriel hinaus auf die Elbe schleppen. Von dort wollten die beiden Paddler dann ihre Reise in Richtung Hamburg fortsetzen. Es war übrigens keine Weltumpaddlung. 




Aber das, was die beiden bis zu jenem Tag geleistet hatten, war schon erstaunlich genug. Für einen Bericht im Stader Tageblatt reichte ihre Geschichte allemal.

Hier ihre Stationen:
Start in Ulm: 1.5.2000
Österreich
Slowakei: Mai 2000
Ungarn: Juni 2000
Serbien ( auf dem Landweg, da es keine Paddelerlaubnis gab)
Rumänien: Schwarze Meer im Juli 2000
Bulgarien
Türkei: November 2000
Griechenland: April 2001 ; Insel Kos nach genau einem Jahr am 1.5.2001, Kilometer 3752
Italien: Oktober 2001; nach 65 Seemeilen über die Adria Landung im italienischen Gallipoli
Frankreich: Februar 2003 Monaco
Spanien: August 2003 Barcelona, Kilometer 8079, Weihnachten 2003 auf dem Strand bei Almunecar, Costa del Sol; nach 9482 km Ankunft in Chipiona am Atlantik
Portugal: 2004
Spanien
Frankreich: ab hier auf Flüssen und Kanälen; im Mai 2005 – nach fünf Jahren – Ankunft in Paris
Belgien
Holland
Deutschland: Ankunft in Freiburg am  3.Oktober 2005, Weiterreise zur Störmündung am 5.10.2005

Mein Bericht im Tageblatt:

Wer eine Reise tut, hat viel zu erzählen! Franziska und Rainer Ulm sind seit dem 1 Mai 2000 mit ihren Faltbooten  auf Europarundreise. Nach fünfeinhalb Jahren und über 11000 Kilometern ohne „Heimaturlaub“ übernachteten sie kurz vor ihrem Reiseziel Hamburg noch einmal in Freiburg. Sie erzählen gerne von ihren  Erlebnissen, wo immer sie an Land gehen sind sie schnell von wissbegierigen Menschen umgeben.
Vor sechs Jahren hatten die beiden Paddler von einer großen Reise geträumt. Von einer Reise, die sie durch die Vielfalt der Schöpfung Gottes führt, ihre Bedürfnisse an Komfort auf ein Minimum reduziert, täglich neue Herausforderungen aller Art bringt und immer wieder Kreativität  und Improvisationsgeschick erfordert. Franziska und Rainer Ulm ließen es nicht bei Träumerei. Sie suchten Sponsoren für ihr Reiseequipment, sparten etwas Geld und gaben ihre Jobs, Wohnung und ihr bisheriges Leben auf. „Nomen est omen“, weil ihr Familienname Ulm lautet wählten Franziska und Rainer die Stadt Ulm an der oberen Donau als Startpunkt für ihre ursprünglich auf zwei Jahre geplante Reise. Als sie Ulm hinter sich ließen, ahnten sie nicht, dass die Klepperfaltboote und ein kleines Zelt mit spartanischer Campingausrüstung ihr Zuhause für die nächsten 65 Monate sein sollten.
Mit jedem Stromkilometer wuchs nicht nur der Umfang der Oberarme. Täglich neue Eindrücke von der Natur und den Begegnungen mit den Menschen entlang der Reisestrecke boten Stoff für regelmäßige Berichte im Reisetagebuch. Je weiter das Paar sich von Ulm entfernte desto mehr interessierten sich die Menschen und Medien für die beiden Extremsportler. Über 200 Zeitungen und 90 Fernseh- und Radiosender berichteten über die Paddler aus dem fernen Deutschland. In Großstädten gab es regelrechte Pressekonferenzen. Politiker und Bürgermeister ließen sich gerne mit den paddelnden Gästen ablichten und Einladungen zum Essen wurden dankbar angenommen.
Die allseits entgegengebrachte Gastfreundschaft gehört zu den schönsten Erfahrungen, die Franziska und Rainer  mitgebracht haben. Oftmals konnte  der Benzinkocher verpackt bleiben, weil Menschen an den Ufern und Küsten aus Respekt vor der großen Leistung der Paddler spontane Einladungen zum Essen oder Übernachten aussprachen.
Es gab auch aufregende Erlebnisse, auf die Franziska und Rainer gerne verzichtet hätten: Uneinsichtige Grenzer oder Polizisten, Militärs in Sperrgebieten, eine Rattenüberpopulation auf einer winzigen Ägäis Insel oder Schlechtwetterphasen, die an irgendeinem unfreundlichen Gestade abgewartet werden mussten. Einmal ließen sich neugierige Pferde und Kühe nur noch durch abgefeuerte Signalmunition vom nächtlichen Überfall auf das Zelt der Paddler abhalten. Immer wieder bereitete Brandung Schwierigkeiten beim morgendlichen Start und nicht selten begann der Tagestörn schon mit einem vollgeschlagenen Boot und durchnässter Kleidung. Mit Respekt berichten die zwei von meterhohen Wellen im Atlantik und steiler Felsenküste, die ein Anlanden völlig unmöglich machte.
Für Seelenschmerz sorgte der Tod eines treuen Reisegefährten. Über viele Monate, vom Donaudelta bis nach Italien, begleitete eine zahme Ente die Paddler. An Menschen gewöhnt  ließ sie sich arglos im Hafen aus der Hand eines italienischen Fischers füttern ohne zu ahnen, dass ihr im nächsten Moment die gleiche Hand den Hals umdrehen würde.
In wenigen Tagen endet die spektakuläre Reise von Franziska und Rainer Ulm nach über 11000 Kilometern in Hamburg. Und was kommt dann? Zurück in den Beruf? Für die weitgereisten Paddler ist eine Rückkehr in ihr altes Leben nicht mehr vorstellbar. Sie wollen ihre Reise in Buchform aufarbeiten und ihr umfangreiches Fotomaterial für eine Diashow aufbereiten. Mit diesem Reisebericht planen sie dann durch den ganzen deutschsprachigen Raum  zu tingeln. Auf die Frage, ob sie denn schon eine neue Reiseidee hätten, lachten sie verschmitzt und nickten. Reden wollen sie noch nicht darüber, weil es zu schade wäre, wenn ihnen jemand anderes mit der Umsetzung ihrer Idee zuvor käme. 


Franziska und Rainer Ulm haben wenige Tage nach ihrem Aufbruch in Freiburg ihr  Ziel Hamburg erreicht. Dort hatten sie einen grandiosen Empfang von Freunden, Sponsoren, Medien und lokalen Politgrößen. Tatsächlich sind sie in den nächsten Jahren mit ihrer Multimedia Schau durch Deutschland gezogen. Die Nachrichten auf ihrer Homepage werden zunehmend dünner. Rainer scheint eine Designfirma zu betreiben. Es gibt Hinweise darauf, dass die Familie sich vergrößert hat. Mit der Idee, die Geschichte der Paddler in meine Reihe „Begegnungen“ aufzunehmen, habe ich versucht, Kontakt zu den beiden aufzunehmen, um etwas über ihr weiteres Leben zu erfahren. Meine Mail kam nicht zurück. Leider auch keine Antwort.


Ich war wohl ein wenig zu ungeduldig. Heute, am 27.1.2016 erreichte mich eine Antwort von Franziska und Rainer.

Hallo und viele Grüße aus Mittelfranken,
haben uns sehr über deine E-Mail gefreut -  ja lange, lange ist es her....
danke auch für die Bilder – die hatten wir noch nicht von dir bekommen.
Bin ja gespannt auf dein Geschichtenbuch -  bitte gib uns Bescheid wenn es fertig ist!
Ja Vorträge machen wir noch aber nur wenn wir eingeladen werden. Ist auch zeitlich immer sehr eng bei uns!
Mittlerweile sind wir gut gelandet wir sind stolze Eltern von  -  und hier fallen wir aus der Norm –
wie auch bei unserer Tour -  4 Kindern (drei Jungs und ein Mädchen) im Alter von 9,7,5 und 3.
Also im Hause Ulm ist was los.
Wenn es dich interessiert Rainer arbeitet als Selbständiger siehe Homepage: www.rainer-ulm-design.de
und die Kids die du da siehst sind alles unsere...
Oft sind wir in unseren Gedanke auf unserer Tour und erinnern uns gerne
an all die wunderbaren aber auch gefährlichen Dinge - 
Freuen uns wiedermal von dir zu hören -  und wünschen Gottes Segen
die Ulm´s
Rainer und Franziska

Danke für eure Antwort. Ich habe mir eure Homepage noch einmal aufmerksam angesehen. Außer euren netten Kindern sind mir die ausgesprochen kreativen Arbeiten von Rainer aufgefallen. Sie verraten Individualität und irgendwo setzt sich in eurer Arbeit fort, was ihr schon auf eurer einzigartigen Reise über Europas Flüsse und Meere gezeigt habt.  Macht weiter so, und wenn euch einmal wieder der Weg nach Freiburg führt, seid ihr herzlich willkommen, egal, ob mit oder ohne Vortrag.