Donnerstag, 8. November 2018

Das tut man aber nicht


„Und du besorgst Sonnenblumen. Einen schönen großen Strauß. Der soll auf der Bühne stehen und muss ordentlich zur Geltung kommen.“
Ein bisschen klang es so, als wollten sie mich los sein.
„Hinterm Sommerdeich da wachsen welche am Feldrand.“
„Und die kann man da einfach so abschneiden?“
„Stell dich nicht so an, da sind so viele. Die Bienen merken das doch gar nicht, wenn da ein paar weniger sind.“

Ich habe mir dann ein scharfes Messer geholt und bin los in den ehemaligen Außendeich. Nach der Beschreibung musste ich einen Weg nehmen, der nur für Landwirtschaft freigegeben war. Gerne mach ich das nicht. Polizei ist hier draußen allerdings noch seltener als die Trauerseeschwalbe – und die, die gibt es hier so gut wie gar nicht.
Ist ja für einen guten Zweck.
Es war schön im Außendeich, reichlich Sonne und ein schöner Wolkenhimmel dazu – nur Sonnenblumen fand ich nicht, wo sie nach der Beschreibung hätten sein sollen.
Was tun? In Hamelwörden am Köckweg hatte ich Sonnenblumenstreifen am Feldrand gesehen. Auf dem Weg dahin hatte ich dann eben noch bei Gundi und Klaus reingeschaut, liegt ja auf dem Weg.

Die Sonnenblumen entlang des Köckweges standen in vollster Blüte. Ich stellte das Auto in einer Ausweichstelle ab und begab mich in das gelbe Blütenmeer.
Gar nicht so einfach, wenn man sich bei so einem Angebot entscheiden muss. Eigentlich hätte ich rund um mich zu schneiden können. Da hatte ich allerdings nicht die Rechnung mit dem Jäger in mir gemacht.
Vielleicht gab es ja doch noch schönere Blütenstiele weiter drin im Blühstreifen.

Aus der Ferne hörte ich eine Stimme. Ein älteres Paar näherte sich auf Fahrrädern. Das erste, was ich verstehen konnte war:
„Ick hebb di dat ja schon secht. Dor is een in´ne Sünnblooms vun Gundi und Klaus. Klaut sick de Bloomen, Erwin.“
Dann hielten sie auf meiner Höhe kaum 10 Meter von mir entfernt.
„Hallo, Sie wissen aber, dass das nicht geht?“ rief die Frau rüber.
„Wie? Was nicht geht? Ich habe eine gutes Messer dabei. Doch, das geht schon ganz gut“, antwortete ich der silberhaarigen Radlerin.
Halblaut aber gerade noch verständlich sprach sie zu Erwin:
„Is de dusselig, ick meen doch nich dat Afsnieden.“
Und dann wieder lauter an mich gerichtet:
„Sie können doch nicht einfach hier Sonnenblumen abschneiden.“
„Warum nicht, sind doch genug hier. Ob da nun ein paar fehlen.“
„Erwin, hest dat heueert? De is nich nur dösig, de is ook noch utverschoomt. Schriew di mol de Autonummer op.
Aber junger Mann (da war ich 64) die Blumen gehören doch jemanden zu. Mögen Sie das denn, wenn bei Ihnen jemand die Blumen im Vorgarten pflückt?“
„Nein, das geht natürlich nicht. Sind ja auch viel weniger als hier.“
„Nu heueert sick oober alln´s op. Secht Se mool, also, Sie sind doch der Lehrer aus Freiburg? Jo, Se sünd de Peiters ut Freiborch. Schoomt Se sick gor nich? 
Erwin, brukst dat Kennteeken nich noteern.
Wir wissen ja nun, wer sich hier bedient, Herr Peeterrrsen. Sie wissen aber, dass Sie Vorbild sein sollten?“
„Ja“, antworte ich, „ich versuche es auch möglichst immer zu sein.“
„Oober Bloomen klaun is doch allns annert as Vörbild. Ick bitt Se!
Das tut man nicht!
Erwin, wat sechst du dor tau?“
Erwin secht nix!
„Ich klau doch nicht. Ich schneide mir nur einen Strauß Sonnenblumen und trampel auch nichts kaputt.“
„Errwien, hör sick dat een an! De Schoolmester klaut nich, hei snied sick bloots ´n poor Sünnbloom. Also, junger Mann, wenn dat keen klaun is, dann sünd wi ook nich mit´n Rad ünnerwegens. Ick bün enttäuscht vun Se, Herr Petersen.“
„Nun mal nicht so fix, gute Frau. So´n schlechten Kirl bün ick nu ook nich. Also taumindst wat dat Klaun angeiht.“
Unbemerkt bin ich in ihre Sprache geraten. Das hat sie vielleicht ermuntert, zum entscheidenden Schlag.
„Dat sleit dat Fat doch den Böön ut! Erwin, hest dat heueert? Sech nix, Erwin. Wi föhrt furts no Klaus und Gundi Wist hin“, und zu mir gewandt „dat sünd nämlich Wistns Bloomen. Lehrer hin, Lehrer her, ji mööt ook weeten  wo man sick tau beneehm het.“
„Schöne Grüße an Klaus und Gundi vom Schulmeister aus Freiburg.“
„Hest dat heueert Erwin? Noch het hei de Nees ganz scheun no booben. Dat ward anners, wenn hei de Bloomen trüchbringen mööt. Wi föhrt, Erwin.“
„Ach so, wat ick noch seggen wull, Gundi het mi heuchstpersönlik de Erlaubnis geven, dat ick mi hier ´n grooten Struß Sünnbloom förn Spieker in Freiborch holen dröff.“

Sie stieg wieder vom Rad.
„Harrn Se dat nich glieks seggen kunnt?“
„Ick wull dat woll, ober Se geev mi jo keen Chance mit all ehre Verdächtigungen.“
Nun schlägt Erwins große Stunde. Wer bis jetzt noch glaubte, dass Erwin stumm sei, muss sich eines Besseren belehren lassen.
„Un, hebb ick nich secht, dat uus dat all nix angeiht? Nu het hei noch nich mool klaut. So is se nu mool, Herr Peiters“, meinte er schulterzuckend an mich gerichtet.
„Erwiiien, keen het di secht, dat du dien Muul oprieten schallst?“

Als ich den Arm voller Sonnenblumen den Kofferraum meines Autos öffnete, waren Erwin und seine Frau nur noch kleine Punkte am Ende des Köckweges.

Ach so, irgendwann erzählte ich Gundi von meiner Begegnung am Köckweg.
„Und“, fragte sie mich, „wer waren die Leute?“
„Das wüsste ich auch gerne!“



Mittwoch, 12. September 2018

Des Rätsels Lösung


Ausgangssituation:  Schlange vorm Räucherfischstand in Wustrow, Verkäuferin, Kundin Typ mollige Hausfrau Mitte 40 und ich, Kunde 68, loses Mundwerk.

„Zum Mitnehmen oder hier essen?“
„Mitnehmen!“
„Nicht drücken, ist noch ganz frisch!“
Da rutschte mir halblaut raus:
„Können mich drücken, bin nicht mehr ganz frisch!“
Ich biss mir fast auf die Zunge und dachte: „ Gott sei Dank, hat sie nicht gehört.“
Dann musste ich mit meiner Makrele an der Hausfrau vorbei und hörte, wie sie ihrem Begleiter zu tuschelte:
„Dat is er, der Unverschämte, der mit dem weißen Bart.“
„Soll ick?“
„Nee, lass ma, kein Ärga!“
Das letzte hatte das ganzkörpertätowierte Muskelpaket wohl nicht mehr verstanden, stand auf und schob mich vorsichtig zur Seite. Ich rechnete mit dem Schlimmsten.
Dann das Wunder von Wustrow: Er ging an mir vorbei, baute sich  vor einem gut aussehenden Rentner mit weißem Bart auf.
„Is woll ne kleine Entschuldigung fällig, Ziegenbart, oder dat setzt wat.“

Das war nun das Letzte was der urlaubende Ziegenbart wollte und er entschuldigte sich umgehend.
Ich hatte mich inzwischen zu einer älteren, nett aussehenden Dame an den Tisch gesetzt.
Konnte ja nicht wissen, dass sie die Frau des weißen Ziegenbartes war, der sich kurz nach mir etwas verstört auf die Bank setzte.
„Irma, guck mal unauffällig rüber zu dem Mann mit der braunen Glatze. Bei dem musste ich mich eben entschuldigen.“
„Der mit den Tätowierungen?“
„Psst, nicht so laut!“
Zu spät, der Tätowierte drehte sich schon um.
„Ja, ja, erzähl deiner Alten ma ruhig von deine versaute Anmachtouren.“
Die Begleitung des Muskelprotzes legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Unterarm.
„War doch allet nich so schlimm!“
Nun lernte ich die nette Irma von einer ganz anderen Seite kennen.
„Hubert, was um Gottes Willen hast du gemacht? Kann ich dich nicht mal mehr alleine zur Fischbude schicken? Red´ schon!“
„Nix, ich habe definitiv nichts gemacht!“
„Aber gesagt.“
„Auch nichts gesagt.“
„Und warum hast du dich dann entschuldigen müssen?“
„Weiß ich auch nicht!“
„Hast es aber getan. Wie blöd bist du denn, wenn du doch nichts getan hast?“
„Ich fang doch mit dem nix wegen nix an. Willst du das kleine Stück oder dieses hier?“
Ganz entsprechend meiner zurückhaltenden Art mischte ich mich nicht in das Gespräch ein. Still aßen wir mit offensichtlich sehr unterschiedlichem Genuss unseren Räucherfisch.
Ich stand dann auf, um meine Fischreste zu entsorgen.
„Tschüß“, sagte ich den beiden halbzugewandt.
Irma hatte zu ihrer anfänglichen  Nettigkeit zurückgefunden.
„Schönen Tag noch!“
„Ja, danke, Ihnen auch“, antwortete ich. Ich sah Irmas fröhlich, freundliche Augen und auch der Ziegenbart lächelte mich an.
Ich hätte jetzt einfach gehen können. Es wäre so einfach gewesen. Aber ich brachte es nicht übers Herz, die beiden mit ihrem „Nix-Problem“ allein zu lassen.
„Er hat übrigens nix gemacht.“
„Wer?“
„Ihr Mann!“
„Sag ich doch“, meldete Hubert sich zurück.
„Und woher wollen Sie das so genau wissen?“ fragte Irma mit interessiertem Blick.
„Weil ich das gesagt habe wofür Ihr Mann sich bei dem Herren entschuldigt hat. Schönen Tag noch.“

Zwei Tage später, ich saß im „Walfisch“ in Born. Hinter mir hörte ich Stimmen.
„Alles voll hier.“
„Lass uns gehen.“
„Oder wir fragen mal den Herren hier, sind ja noch dreie frei.“
Gesagt, getan! Ich wandte der fragenden Stimme mein Gesicht zu und erkannte sie sofort: Irma!
„Nein Sie schon wieder. Hubert, erkennst du ihn wieder?“
Natürlich hatten wir uns sofort wiedererkannt. Irma und Hubert setzten sich zu mir an den Tisch. So nette Leute, wie sie sich über ihre Speisekarten gebeugt über die Vorzüge und Nachteile des einen oder anderen Gerichtes austauschten.
Nein, ging es mir durch den Kopf, sie haben ein Recht auf Auflösung des Rätsels aus der Räucherbude von Wustrow.
„Danke noch mal, wegen vorgestern.“
„Wie? Was? Da in Wustrow?“
„Ja, dass Sie sich für mich entschuldigt haben.“
„Ach keine Ursache. Nur eine Sache noch. Seit vorgestern rätseln wir immer wieder wofür ich mich entschuldigt habe. Können Sie da vielleicht weiterhelfen?“
„Ich hatte zu der Frau des Tätowierten gesagt sie könne mich ruhig drücken, weil ich ja auch nicht mehr der Frischeste wäre.“
Ein Blick in die Gesichter von Irma und Hubert und ich wusste, dass die Erklärung nicht ausreichte.


Montag, 12. Februar 2018

Revolution der Königinnen





„Ja Frau Melzer, dann haben Sie noch ein Anliegen“, meinte der Vorsitzende des Tourismusvereines  Nordkolbingen zum Schluss der Jahreshauptversammlung mit einer leichten Körperdrehung zu der jungen Geschäftsführerin.
„Danke schön. Mir ist vor vier Wochen aufgefallen, dass das Alte Land auf der Grünen Woche in Berlin mit einer Apfel- und einer Blütenkönigin vertreten war. Wir aber hatten nur unsere eine Königin, die Kolbinger Landkönigin. Nun habe ich mir gedacht, was spricht denn dagegen, wenn wir auch mit einer zweiten Königin in Berlin vertreten wären.“
„Und wie haben Sie es sich vorgestellt, wie können wir zu einer zweiten Königin kommen, Frau Melzer? So einfach geht das nicht.“
Der Vorsitzende neigt dazu, jegliche Initiativen mit einer Fülle von Bedenken möglichst schon im Keime zu ersticken. In diesem Fall sollte er aber ein weiteres Mal an seiner temperamentvollen Geschäftsführerin scheitern. Wenn Gaby Melzer eine gute Idee hat lässt sie sich nicht so leicht wieder davon abbringen. Natürlich war sie gut vorbereitet und konnte dem Vorsitzenden Helge Ehlers und den übrigen 7 erschienenen  Mitgliedern des Tourismusvereines sofort ein Konzept unterbreiten.
„Wir schreiben die Stelle einer Königin in der Kolbinger, der vierteljährlichen Zeitung des Gewerbevereines aus. Vereine, Betriebe und Privatpersonen dürfen Vorschläge einreichen. In der Ausschreibung legen wir ein Anforderungsprofil fest und falls mehr Vorschläge  als einer eingehen, wird eine Jury aus Tourismusverein und Samtgemeinde Bürgermeister eine Entscheidung treffen. Ich habe auch schon einmal vorbereitet, wie so eine Ausschreibung aussehen sollte.“
Zustimmendes Nicken in der Runde. Vorerst muss Ehlers sich dem Elan von seiner Geschäftsführerin beugen.
„Na, denn woll´n wir mal sehen, ob sich da überhaupt einer meldet. Sonst fahren wir eben wieder nur mit der Kolbinger Landkönigin nach Berlin.“

Zum 1. September erschien die Kolbinger. Unter dem Foto der amtierenden Landkönigin Nikki Schütt auf der Titelseite stand mit fettem Druck:
Wer will Nikki zur Seite stehen? Tourismusverein sucht zweite Königin!
Dann folgte die Ausschreibung.
Man soll diese kleine Zeitung nicht unterschätzen. Sie kommt in alle Haushalte und berichtet – wenn auch nur vierteljährlich – von Begebenheiten in der Gemeinde, die im Tageblatt niemals erwähnt würden. Der Bürgermeister entschuldigt sich, weil er nicht zur DRK Weihnachtsfeier gekommen ist. Die Vorsitzende vom Ortsverein überlegt noch, ob sie ihm über das Blättchen doch noch einmal mitteilen soll, was sich für einen Ortsbürgermeister gehört. Schließlich kam der Bürgermeister immer, zumindest soweit Elfie Großkreuz zurück denken konnte.  Einmal kam er sogar als Nikolaus, der sehr zum Spaß der Seniorinnen und Senioren, der ungezogenen Elfie einige  etwas zu heftig geratene  Schläge mit der Rute auf ihr vom weißen DRK Kittel umspanntes Hinterteil gab.
Vielleicht die heimliche Rache von Oliver Detje dafür, dass Elfie sich immer wieder ungefragt  in die Gemeindepolitik einmischte.
Klein ist sie, unsere Gewerbezeitung, und nicht unwichtig, was die flächendeckende Versorgung des flachen Landes mit wesentlichen Informationen aus der Region angeht.

Friedeberg, 1. September, 11.20 Uhr
Roswitha Hampe nimmt das Wochenblatt aus dem Kasten und kann gerade noch den Kolbinger auffangen, der ihr aus dem Zeitungsinnern entgegenrutscht. Glück gehabt! Um Haaresbreite wäre der Kolbinger mit all den anderen Werbeeinlagen ungelesen im Altpapier verschwunden. Hampes haben in ihrer schönen Dachwohnung mit Elbblick auch noch ein kleines Büro mit Küche. Hier wohnen sie tagsüber. Hansi Hampe, eigentlich schon im Ruhestand, verwaltet von hier aus seine kleinen Nebengeschäfte und  Wita oder Witti, wie er sie nannte, wenn sie alleine waren, kocht, bügelt bei geöffneter Tür in der benachbarten 4 m² Küche. Wenn die Haushaltsarbeit verrichtet ist, sitzt Witti auf den kleinen Stahlrohrstuhl vor dem Fenster und liest in einem Buch aus der Gemeindebücherei, durchblättert Frauenmagazine oder liest BILD, Tageblatt oder, wie jetzt, während Kartoffeln und Rosenkohl vor sich hin köcheln, den Kolbinger. Stößt sie auf Infos, die auch für Hansi interessant sein könnten, kündigt sie deren Weitergabe regelmäßig mit den Worten: „Hör mal, Hansi!“ an.
Hansi lässt mit nichts erkennen, ob die Ankündigung ihn auch nur im Geringsten interessiert, ob sie ihn überhaupt an seinem Computer erreicht hat. Das erwartet Witti allerdings auch seit Jahren schon nicht mehr, weiß sie doch durch seine Kommentare, dass sich Hansis Ohren in Dauerbereitschaft befinden.
„Hör mal, Hansi! Die suchen hier eine Königin.“
„Sylvia oder die Queen?“
„Nun sei doch mal ernst. So eine, wie die Kolbinger Landkönigin, für die Grüne Messe. Da kann man sich bewerben.“
„Und, Witti, lass mich raten. Du willst dich da bewerben?“
„Lass doch den Quatsch. Dann sag ich eben nichts mehr!“
Alles schon gehabt. Roswitha fühlt sich nicht ernst genommen und schmollt auf ihrem Stahlrohrhocker so lange, bis Hansi sie nach einer angemessenen Zeit wieder aus der Schmollecke herausholt.
„Und, was wolltest du mir sagen?“
„Hier steht ein „Anforderungsprofil“. Hört sich an, wie eine Stellenausschreibung. Fehlt nur noch der Satz: Wenn sie diese Voraussetzungen erfüllen, würden Sie ausgezeichnet in unser Team passen.“
„Bei einer Königin wohl eher: „Wären sie uns bei Hofe sehr genehm““, meint Hansi durch die geöffnete Küchentür.
„16 – 22 Jahre, weiblich – als wenn das nicht klar wäre bei ´ner Königin - , gepflegte Erscheinung, flexibel, unabhängig, möglichst zweisprachig, freundliches Wesen, sicheres Auftreten, Spaß am Repräsentieren. Fällt dir jemand in Nordkolbingen ein auf den das alles zutrifft?“
„Ne, Witti, so auf Anhieb nicht. Katie Bergmann vielleicht, aber…“
„Von Lehrer Bergmann die Große? Ist doch nicht dein Ernst. Die studiert doch in Hamburg. Sieht zwar gut aus, kann zwei Sprachen und klug schnacken. Aber Königin, Monarchie und so etwas? Nee, die will doch sogar die Demokratie zugunsten eines gerechteren Sozialismus abschaffen. Die ist ja nicht einmal zu den Jungschützen gegangen, weil es da Könige und Königinnen gibt. Nee, Hansi, die bestimmt nicht. Aber was hältst du von Samantha Meyer aus Eriksheil?“
„Doch nicht dein Ernst“, kommt es vom Computer zurück. „Die sieht ja ganz gut aus, knutscht vielleicht auch ganz gut, kann aber kaum bis drei zählen und grinst sogar dann noch freundlich, wenn ihr jemand mit dem Trecker absichtlich über den Fuß fährt.“
Das mit dem Knutschen hätte er nicht sagen sollen. Bis heute gibt es noch keine schlüssige Erklärung für 20 Minuten in denen weder Hansi noch Samantha beim letzten Schützenfest  im Festzelt zu sehen waren.
„Also doch!“
„Also Was?“
„Du hast doch mit ihr geknutscht!“
„Nein, aber das weiß doch jeder, dass die nichts auslässt! Nee wirklich, also ich nun wirklich nicht.“

Dröbermmoor, 1. September, 14.30 Uhr, in der Küche von Kleinlandwirt Jan Riecken.
„Fine, hast du das mit der Königin gelesen, guck mal hier,  dat wär doch wat för di, oder?“
Fine trocknet sich die Hände in der Schürze ab, tritt hinter ihren Mann und sieht über dessen Schulter auf die Stelle, wo sein mit fettem Schwarz umrandeter Fingernagel auf dem weißen Papier des Kolbingers ruht.
„Kannst vergeeten Jan. Kieck doch mool. De söcht´n Deern nich jünger as söstein un nich öller as tweeuntwinnich. Und, du schasst wohl weeten, dat ick ´n poor Dooch öller bün.“
Fine gickelt ein wenig in sich hinein und liest weiter. Schnapsidee, sie und Königin; aber Anneliese, ihre Tochter,  für die könnte das doch passen.
„Anneliese, willst du Königin werden?“
Anneliese saß in der Stube, Nachmittagssoap von RTL, „Und am Ende siegt die Liebe doch!“ Die Tüte mit den Kartoffelchips halb geleert und die zweite Cola Dose schon in Arbeit. „Spinnt die Alte oder habe ich mich verhört?“ denkt sie und beschließt zu tun als hätte sie nichts gehört.
„Anneliese, kumm mol röber, hier kannst ´n Keunigin warrn!“
Keunigin, Königin? Königin hat sie eben doch auch schon gesagt. Anneliese beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen.
Auch Anneliese überfliegt den Artikel.
„Geht nicht, bin doch erst 15.“
„Siehst aber schon aus wie 16 und ´Busen hast du auch schon wie Muddern“, meint Papa Riecken.
„Und außerdem“, gibt Fine zu bedenken, „außerdem bist du bis zur Grünen Woche 16. Dann kannst mit nach Berlin und dann kannst du vor Angela Merkel ´n Knicks machen. Hab´ ich alles schon in Niedersachsen regional gesehen.“
Anneliese nimmt den Kolbinger in die Hände. „Lass noch mal lesen. Hm, was die alles erwarten. Gepflegte Erscheinung, da lässt sich vielleicht was machen. Figur kann man vielleicht unter dem Kleid, na ja, und bis zur Grünen Woche können es ja noch ein paar Pfund weniger werden. Guck mal hier, Zweisprachigkeit, das merken die doch bald, dass ich in Englisch eine 5 habe.“
„Ach wat, wenn de wat markt, denn seggt wi eenfach dat du Hochdütsch und Platt schnacken kannst.“
„Und“,  meldet Jan Riecken sich ins Gespräch zurück, „sicheres Auftreten üben wir auf dem Futtergang im Kuhstall. Erst mit Gummistiefeln und später dann auch mal „mit die guten Schuhe“! Ich mach da einen Strich in die Mitte mit dem Kreidewagen vom Sportplatz, weißt ja, für die Linien beim Fußball. Also, mit dem Auftritt, dem sicheren, das kriegen wir schon hin.“
Anneliese nickt nachdenklich.
 „Und wie ist das mit „flexibel“?“
„Ja, mein Deern“, Fine atmet schwer durch, „flexibel wirst du wohl erst, wenn du weniger Cola trinkst und nicht immer die ollen Chips futterst. Wenn du Königin werden willst, lass ab sofort die Finger von dem Zeuch. Und denn kanns man morgens und abends den Moorpatt  op un dohl schoggen. Viellich hölpt jo ook´n büschen in Anke ehre Gymnastiktruppe an Dienstach Obend.“
„Joo, so mokt wi dat und wi nennt di dann de Moor- oder Torfkeunigin und damit sick dat dann ook soon lütt büschen no Oodel anhört, nennt wie di Moorkeunigin Anneliese von Dröbermmoor!“
Anneliese gefielen die Aufmunterungen ihrer Eltern, ihr Beschluss stand fest. Alter und weiblich kein Problem, Geburtstag in sechs Wochen, flexibel wird trainiert. Wat wer dat noch? Ach so Zweisprachigkeit, na ja, kriegen wir hin. Freundliches Wesen? Das traut sich Anneliese auch irgendwie zu, obwohl, so richtig warmherzig, freundlich hat sie noch nie jemand gesehen. Gepflegte Erscheinung? Das pack ich mit mehrmals duschen in der Woche und Haare waschen. Vielleicht auch mal zum Frisör? Unabhängig, hmm, abhängig bin ich nur von meinen Eltern und die Idee mit dem Trainieren des sicheren Auftretens auf dem Futtergang im Kuhstall scheint die Lösung. Fehlt nur noch „repräsentieren“.
„Papa, was meinen die denn mit repräsentieren?“
„Vielleicht Präsente machen? Wart mal, präsentieren war doch was bei der Bundeswehr mit Gewehr. Nee, nee, dat brukt doch´n Keunigin nicht, wat meenst du, Mudder?“
Fine war ratlos. Dann ging ein kleines Leuchten durch ihr Gesicht.
„De meent bestimmt wat mit „Tieren“. De Keunigin schall doch mit no de Greune Week“ in Berlin un dor hebt se doch ook´n Barg Dierten. Bestimmt meent dat Wör, dat de Keunigin nett tau de Dierten ween schall. Und wenn een lernt hat, nett tau de Viechers tau ween, denn büst du dat, mien Anneliese!“

Damit waren alle Hindernisse, die einer Bewerbung im Wege stehen konnten, aus dem Wege geräumt. Dröbermmoor wird eine Königin bekommen und sie soll, wenn das nach Jan, Fine und Anneliese geht, Moorkönigin von Dröbermmoor heißen.

Den Anmeldeabschnitt hat Jan tags drauf auf dem Weg zum Doktor beim Tourismusbüro eingeworfen. Am liebsten hätte er ihn persönlich rein gereicht. Dann hätte er schon einmal fragen können, was man denn alles sonst noch als Königin zu bedenken hatte.
Leider war das Büro noch geschlossen.
„Mookt nix“, dachte Jan Rieken, „de ward sick schon rögen beför dat los geiht mit Berlin!“

Kolbingerhafen, 1.September 15 Uhr
Helge Ehlers sitzt mit seiner Frau und Schwiegermutter am Kaffeetisch. Er sieht die Titelseite vom Kolbinger, klopft mit der Fingerspitze mehrmals auf den Artikel auf dem Deckblatt um dann den beiden Frauen mit selbstbewusster Stimme zu sagen: „Das wird wieso nichts (er hat es bis heute nicht richtig gelernt!) mit der Königin. Wieder so eine Idee von der Melzer. Erst einmal alles verrückt machen und nachher den Schwanz einziehen. Ist doch so, Mudder!?“
„Erstmal fertig machen und dann kannst du einziehen. Hast ja so Recht Helge.  Grete, ist doch schön, dass wir so einen netten und klugen Mann haben“, sagt die Greisin immer noch kopfnickend ihrer Tochter zugewandt.
„Ja, Mama!“
„Was hast du gesagt?“
Diesmal deutlich lauter: „Jaaha, Mamaa!“
Schwiegermutter redet nicht so gerne. Seit ihre Kinder nicht mehr richtig hören können, ist die Unterhaltung mit ihnen so anstrengend.
Den Keks noch einmal in die Kaffeetasse stippen und er zerfällt fast von alleine im Mund.

Kolbingerhafen, 2.September, 9.34 Uhr
Gaby Melzer öffnet den Umschlag aus Dröbermmoor. Krümel fallen mit dem Brief auf den Schreibtisch. Das wundert Frau Melzer nicht so sehr, hatte sie doch beim Anblick des Fettfleckes auf dem Umschlag gleich die Vermutung, dass dieser Brief auf einem Mehrzwecktisch geschrieben worden war. Mehrzwecktische nannte ihr Vater immer Tische, die zum Essen, Kinder wickeln, Hausaufgaben machen, für Büroarbeiten oder Bastelarbeiten genutzt wurden. Damit lag Gaby Melzer, was den Tisch der Familie Riecken betraf nicht schlecht. Nur, dass der Tisch in Dröbermmoor zusätzlich zu alledem noch einmal im Jahr eine  Schutzplatte aufgelegt bekam, um dann zum Zerteilen der am Tag zuvor geschlachteten Sau zu dienen.
„Kennst du eine Familie Riecken in Dröbermmoor, Hanna? Ich habe hier eine Bewerbung auf unsere Stellenanzeige für den Königinnen Job bekommen.“
„Ja, kenne ich, die haben eine Tochter. Die ist mit unserem Hendrik konfirmiert worden.“
„Und, was ist das für eine?“
„Kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich nur noch an ein viel zu enges, oben und unten etwas zu kurzes Kleid und, dass ich damals in der Kirche noch dachte: „Mädchen, was hast du dir denn mit diesen Schuhen angetan?“ Sie konnte kaum drauf gehen.“
„Wird hoffentlich nicht einzige Bewerbung“, murmelt Gaby Melzer mehr zu sich selbst während sie die Bewerbung von Anneliese Riecken in einen extra für diesen Vorgang angelegten Aktendeckel packte.
An diesem Tag ging keine weitere Bewerbung ein.

Nordkolbingen, 3. September – 2. Oktober
Die großen Katastrophen bahnen sich meist durch kleine Anzeichen an, die allerdings zu dem Zeitpunkt von niemandem ernst genommen werden.
 So war es mit dieser kleinen Stellenanzeige im Kolbinger auch. Kleine Anzeichen gab es schon, die mit etwas Phantasie ahnen ließen, dass hier etwas im Werden war, was weder Helge Ehlers noch seine Geschäftsführerin Gaby Melzer nur annähernd ahnten. 
Bei Hansi und Roswitha Hampe blieb die Tür zwischen Büro und Küche nun schon seit mehreren Tagen geschlossen.
In Dröbermmoor fragte sich die Nachbarschaft von Rieckens, was wohl in Anneliese gefahren sei. Morgens und abends brachte sie das Moor links und rechts vom Moorpatt  durch ihren mehr oder weniger sicheren Auftritt zum Beben. Paula Heinsohn, die ihre beiden Ziegen auf der Weide melkt, meinte am Bäckerwagen, als Fine Riecken schon wieder weg war:
„Ji glöwt dat nich. Anneliese schoggt op´n Moorpatt. Ick wull dat ers nicht glöwen. Kiek noch mool röber  no´n Patt. Dat wer Anneliese. Und denn mark ick dat ook schon dör´n Mälkschemel dör zittert dat bis in mien Oors: wumm, wumm, wumm. Ob de wohl endlich mool´n  Fründ hett? Hebt ji ook nix höört, woll?“
Jan Rieken hat sich den Markierungswagen vom Platzwart ausgeliehen. Schon nach einer halben Stunde war er wieder zurück. Wofür er den denn brauchen würde hatte Hannes Maier noch gefragt. „Ick wull nur jüst wat markieren, weest Bescheed.“
„Ach so“, meint Hannes und war auch nicht klüger.

Hätte er gewusst, dass sein Markierungswagen dazu beiträgt, eine Königin für ihren Auftritt bei Angela Merkel und den anderen großen Tieren in Berlin vorzubereiten, hätte er bei seinen Kegelbrüdern endlich einmal etwas Richtiges zu erzählen gehabt.
Aber er wusste ja nichts.
Familie Riecken wollte noch bis zum Friedeberger Bockmarkt warten und dann so ganz nebenbei, vielleicht an der Wurstbude oder im Kuchenzelt oder auch abends am Tresen nach Köm und Aalsuppe die Bombe hoch gehen zu lassen.
„Übrigens, unsere Anneliese wird Königin.“

Nachher sind natürlich immer alle schlauer. Zu der Zeit aber hat es noch keiner geahnt. Gelesen haben den Artikel aber alle und den ganz Schlauen wäre aufgefallen, dass in allen Dörfern der Samtgemeinde zu außerordentlichen Vorstandssitzungen oder Arbeitskreisen eingeladen wurde. Es war schwierig noch einen Termin in den Clubzimmern der Gaststätten zu bekommen. In einigen Fällen musste auf die Wohnstube des Vereinsvorsitzenden zurückgegriffen werden. 
Die Geheimhaltung hatte erst ein Ende, nachdem Erna Reyels auf dem Kaffee Kränzchen in Aantenwörden erzählte, dass ihr Mann und seine Züchterfreunde überlegten, eine Stutenkönigin ins Rennen um den Königinnenposten zu schicken. Übrigens wusste sie auch schon zu berichten, dass die Runde von dem Titel „ab“ sei. Die Königin soll nun Hannoveraner Königin heißen und der Stoff ihres Gewandes soll über und über mit dem Hannoveraner Zeichen, diesem „H“ mit den Pferdeköpfen, bedruckt sein. Von Stutenkönigin hatten sie sich verabschiedet, weil Erich König, der auch im Vorstand des Dorferneuerungsverein ist, von seinem Schwager gehört hat, dass die Kolbinger Bäcker sich überlegt hätten, aus Marketinggründen eine Stutenkönigin nach Berlin zu schicken.

Mitte September hat niemand mehr versucht, seine Königinnenpläne zu verheimlichen. Spätestens nachdem Gaby Melzer vom Tourismusverein eine Presseinformation herausgegeben hatte, dass ihr schon 13 Bewerbungen vorliegen würden und die Frist erst in 14 Tagen ablaufe, haben Fine, Jan und Anneliese Rieken ihre Geheimnistuerei aufgegeben. „Moorkönigin“ war plötzlich nicht mehr die Angelegenheit der Rieckens. Hinter der Kandidatur von Anneliese Rieken standen plötzlich fast alle Mitglieder des Schützenvereines „Jägerrast“, in dem Anneliese zu den eifrigsten Jungschützinnen gehörte.
Paula Heinsohns Hintern zitterte immer noch unter Annelieses Tritten. Nur inzwischen zweimal, weil Anneliese durch das tägliche Training derartig fit war, dass sie den Moorpatt nun schon zweimal rauf und runter joggen konnte. Paula guckt nicht mehr wortlos zu. Eine Hand am Milcheimer ruft sie schon mal rüber zum Moorpatt: „Scheun, Annelies, scheun as wie du so löpst!“  oder „So´n beeten süht dat all ut as wenn so´ne Keunigin schoggen deit! Mook wieter so, Deern. Schass mool sehn, batz büst´n Keunigin!“
Ja, Paula Heinsohn, als hätte die schon einmal eine echte Königin auf dem Moorpatt  joggen gesehen, geht es Anneliese durch ihren verschwitzten Kopf. Elisabeth, Beatrix, Soraya oder Sylvia von Schweden joggen  auf dem Moorpatt in Dröbermmoor! Zu schön, die Vorstellung.
Aber: Ist es noch so unvorstellbar, so etwas macht Mut. Gerade jetzt, wo Anneliese schon an Aufgeben gedacht hat. 13 Bewerbungen! „Morgen“, denkt Anneliese, „morgen versuche ich den Moorpatt drei Male auf und ab zu laufen. Soll doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht zumindest die flexibelste der 13 Bewerberinnen bin. In Zweisprachigkeit ist Hella Rossmann, die Hannoveranerin, also die Königin der Pferdezüchter,  nicht zu schlagen. Geht ja auch zum Gymnasium und kann sogar drei Sprachen.“

Nein, aufgeben geht nicht. Nicht jetzt, wo Anneliese so viel Zuspruch und Aufmunterung von allen Seiten erhält wie sonst in ihrem Leben noch nie.  Zähne zusammen beißen und durch, ich darf meine neuen Freunde nicht enttäuschen!
In Dröbermmoor hat sich inzwischen ein Arbeitskreis gebildet, der sich mit Entwürfen für Annelieses Outfit befasst.
Carola Dietrich stänkert hinterrücks rum, dass die „fette Kuh“ doch keine Chance habe gegen Samantha Meyer, die, wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen, verlautet, von der Firma ZaunMeyer (übrigens nicht verwandt mit Samantha) als Zaunkönigin ins Rennen geschickt wird. Paula Heinsohn hat die Dietrichsche an der Tanke bei Dürkes getroffen und ihr gehörig den Kopf gewaschen.
„Wenn du een von uus büst, dann büst du ook för Annelies! Und, wenn dat keen End hat mit diene Stänkerei, dan sorch ick höchst persönlich dorför, dat nich een Kerl mit di danzen deit op´n Schützenball. Weet doch jeden een, dat du de annern Kerls taun danzen brukst, wieldes dien Korel (Karl) sick sülbens schon no de erste Stün mit Carolusmischung ut´n Verkehr trekken deit.“

Das hat gesessen. Carola und Anneliese sind keine Freundinnen geworden aber die Intrigen gegen die Moorkönigin, die inzwischen schon 3 Kilo abgenommen und Carola an Flexibilität schon lange überrundet hat, fanden nach dem Gespräch von Frau zu Frau ein abruptes Ende.
Ja, im Moor funktioniert das noch ohne Anwalt. Ein richtiges Wort im richtigen Moment, eine  kräftige Tracht Prügel oder auch nur die Androhung derselben, haben schon manchen Konflikt beendet, bevor er sich erst richtig entfalten konnte.

Kolbingerhafen, 29. September
Gaby Melzer befindet sich im permanenten Rauschzustand. Nur noch wenige Tage bis die Bewerbungsfrist aus läuft. 16 Bewerbungen  haben den Königinnen Aktendeckel zu einer ansehnlichen Dicke anschwellen lassen. Helge Ehlers, immer noch Vorsitzender des Tourismusvereines, sollte eigentlich über diese erfolgreiche Kampagne glücklich sein. Statt sich zu freuen äußert er nur permanent seine große Sorge, dass es schier unmöglich sei, eine Bewerberin auszuwählen. Das sieht Gaby Melzer anders. Längst schon hat sie ein Verfahren entwickelt, das dem Verein alle Türen offen lässt. Vor dem Vorstand referiert sie über öffentliche Vorstellungsrunde, Basisentscheid und Vetorecht der Jury. Sie war wieder einmal so perfekt vorbereitet, dass sich niemand traute, irgendeine Alternative zu ihren Vorschlägen auch nur ansatzweise vorzubringen. Zugegeben, Gabys Vorschlag war einfach auch gut!

Über das Stader Tageblatt wurde die interessierte Öffentlichkeit in die Pausenhalle der Oberschule Nordkolbingen in Friedeberg eingeladen. Schlagzeile: Tourismusverein Nordkolbingen beteiligt die Bevölkerung an der Königinnen Proklamation.
Das macht schon ´was her.

Friedeberg, 3. Oktober, Tag der deutschen Einheit, 18.30 Uhr
Das hat es in Friedeberg noch nie gegeben. Seit 18 Uhr strömt es in die Pausenhalle. Menschen aus Bilge, Hohendeich, Eriksheil, Kolbingerhafen und Bilge -  zum Teil mit Transparenten, auf denen stand: „ Hildegard Radlusz, unsere Radler Königin!“ oder  „ Samantha Meyer, die Zaunkönigin  von ZaunMeyer“.
18.30 Uhr, alle Sitzplätze in der Halle waren besetzt und auch Stehplätze wurden knapp. Geparkt wurde inzwischen schon am Spülbassin gute 400 Meter von der Oberschule entfernt. Musik ertönt von draußen. Gaby Melzers Handy klingelt. Der Hausmeister Conny Rathje ist dran.
 „Hier draußen steht der Moorer Spielmannszug und ungefähr 150 Leute dahinter. Wir können niemanden mehr rein lassen. Ich mach die Dreifachturnhalle fertig. Ihr könnt in 10 Minuten rüber kommen.“
Gaby Melzer schreitet ans Mikrofon, sie ringt um Atem, ihr Selbstbewusstsein gerät sichtbar ins Wanken. Helge Ehlers, der ja alles schon hat kommen sehen, fängt an, sich Sorgen zu machen.
„Sehr geehrte Damen und Herren, also liebe Mitbürgerinnen, also, äh,  das geht hier nicht so. Wir müssen umziehen in die Turnhalle. Bitte nicht an den Ausgängen drängeln. In der Turnhalle werden gerade die Tribünen Elemente herausgezogen.“
Verständlich, dass die, die zeitig gekommen waren, um einen der Sitzplätze abzubekommen, verärgert waren. Nun waren sie die letzten im Zug, der sich hinter der Blasmusik des Spielmannszuges zur Turnhalle hin bewegte.
War es Absicht? Den schlitzohrigen Torfköppen  aus dem Moor war doch alles zuzutrauen. Kommen als letzte um dann die besten Plätze in der Halle zu belegen. Und so kam es. Auf der Mitteltribüne, auf den besten Plätzen saß die ansehnliche Anhängerschaft von Anneliese Riecken. Die Musik spielte stehend unter dem südlichen Basketballkorb weiter. Das war schon eine tolle Idee mit der Musik. Nur, dass sie schon zum dritten Male den Vorjahres Hit „Anne, Anne, Anneliese, sonst keine, nur diese…“ spielten, sorgte für etwas Unmut auf der Tribüne. Es genügte doch eigentlich schon, dass
die Moorer die erste Zeile des Hits auf ihr großes Transparent geschrieben hatten. Da musste ihr Spielmannszug nicht auch noch zum dritten Mal das Stück spielen. Auf der Bühne gab es ein kurzes Gerangel zwischen Moorern und Anhängern der Kandidatin des Kohlanbaubetriebes Hiesel aus Bilge. Im Gegensatz zu Anneliese war die Weißkohlkönigin Viola Hiesel ähnlich wie die Zaunkönigin nicht aus ideellen Motiven sondern  aus rein vermarktungstechnischen Gründen von ihrem Vater gemeldet worden. Anfangs soll die dunkelhaarige Viola mit dem hübschen braunen Gesicht nicht sehr glücklich gewesen sein. Als dann aber eine starke Gruppe von ihren Freundinnen und Freunden aus der Bilger Landjugend die Bewerbung unterstützte, fand sie langsam Gefallen an dem Gedanken, als Repräsentantin Nordkolbingens und Werbeträgerin von Hiesels Kohlanbau in Berlin aufzutreten. Am schönsten fand das humorvolle Mädchen aber das Transparent ihrer Freunde. Nachdem es wegen des Gerangels kurzfristig unleserlich in sich zusammengefallen war -  der rechte Stangenträger hatte einen Schubs von einem Moorer bekommen, weil er beim dritten „Anneliese…“ laut gebuht hatte - und stürzte kopfüber von der dritten Tribünenreihe  in die zweite. Das wollte der Moorer eigentlich gar nicht. Er half dem Fahnenträger aus Bilge sogar wieder hoch, sie kannten sich von der Schule und aus der Landjugend. Und nun war es wieder zu lesen, das Transparent der Bilger. In fetter schwarzer Schönschrift stand dort zu Oberst „VIOLA“. Darunter etwas zarter: KOHL-HIESELS  TOCHTER  FÄHRT  FÜR UNS ZUR GRÜNEN WOCHE! 
Ja, dieses Transparent war schon cool! Aber nicht so wirkungsvoll wie der Auftritt der Moorer mit dem Spielmannszug.
19.15 Uhr, die Halle ist voll, nichts geht mehr und es kommt glücklicherweise nichts mehr dazu. Mit Hilfe von Conny Rathje ist vor den Tribünen eine kleine Bühne aus Bänken und Kästen entstanden, die Schulassistentin hat mit einigen Helfern die mobile Beschallungsanlage installiert. Die Redakteurin des Stader Tageblattes, Suse Hellerich, ist angereist, weil sie im Hinterkopf hatte, einen ironischen Bericht über den Majestäten Missbrauch auf dem Land zu schreiben. Überwältigt von dieser Kulisse überdenkt sie noch einmal ihr Konzept. Hier geht etwas ab, was sie nicht erwartet hatte.
„Was das wohl gibt heute“, denkt sie. Von der anderen Seite winkt ihr der Kollege vom Wochenblatt zu.
 „Oh, dann schreiben die vielleicht etwas Eigenes und müssen nicht von meinem Bericht abschreiben“, geht es ihr durch den Kopf.

Gaby Melzer begrüßt das Publikum und erklärt den Ablauf der Veranstaltung.
„Wir werden die Majestäten und jeweils eine Person, die deren Bewerbung unterstützt, nach unten bitten. Die jeweilige Königin nennt ihren Namen und hat 1 Minute sich und ggfs. ihr Team vorzustellen. Anschließend nehmen die Majestäten auf den Stühlen Platz. Auf einem Schild zeigen sie euch die Ziffer, die wir ihnen auf dem Wahlzettel zugeordnet haben. Nach der Vorstellung dürft ihr euren Vorschlag auf dem Wahlzettel ankreuzen. Jeder hat eine Stimme, auch Kinder. 20 Helferinnen und Helfer, das sind die mit den hellblauen T-Shirts  geben die Wahlzettel zur gleichen Zeit so aus, dass gewährleistet ist, dass jede Person hier auch nur eine Stimme abgeben kann. Ach so, Tommy von Borstel gehört nicht dazu, hatte ganz vergessen, dass der ja nur hellblaue T-Shirts trägt. Pardon Tommy!  Die Jury besteht aus Bürgermeister Oliver Detje (Beifall), Helge Ehlers und mir (Beifall). Das Votum von euch, also eure Meinung ist ein Vorschlag, den Helge, Oliver und ich in unsere Entscheidung ernsthaft mit einbeziehen. Für uns sind die Kriterien, die in der Ausschreibung genannt wurden eindeutig. Damit auch ihr diese Kriterien mit in eure Entscheidung einfließen lassen könnt, findet ihr sie alle oben auf dem Zettel. Alles klar? Dann beginnen wir.

„Bi mi is gor nix klor. Wat het se dor von Kriterien schnackt? Ick wähl doch nur Annelies, is doch richtich, oder wat sechst du Jan?“ Jan Riecken ist sehr nervös. „Wo du Recht hest, hest du Recht, Paula“, sagte er ohne dass er verstanden hatte, was Paula ihm gesagt hatte.

Die Hellerich notiert sich: „Was heißt hier Basisdemokratie???“

Und dann geht es Schlag auf Schlag. Gaby Melzer ruft die Nummer 1 auf, Radlerkönigin. Hildegard Radlusz aus Hohendeich, nominiert von der ADFC Sektion Kolbingen, tritt in bunter Sportfunktionswäsche vor die Jury. In der Hand trägt sie einen Strauß mit Fahrradspeichen und etwas Farn.
Nr. 2 ist die Kartoffelkönigin. Sie heißt Sarah Bauknecht, lernt bei der Kreissparkasse. Ihr Gewand ist langweilig braun aber auf dem Kopf trägt sie eine interessante Krone aus Edelstahl. Auf den kreisförmig angeordneten Zacken sind gleichgroße Kartoffelknollen aufgespießt.
Nr. 3 stellt sich als Bahnkönigin Anette Kober vor. „Das hat nichts mit der Deutschen Bahn zu tun, soll ich sagen. Mich haben meine Freunde von der Leichtathletikabteilung im Friedeberger Sportverein nominiert.“ Ihren Kopf ziert ein Kranz von Goldmedaillen, an denen kleine schwarz-rot-goldene Bändchen hängen.
Nr. 4 wird aufgerufen. Die Halle tobt, der Musikzug spielt das Anneliese Lied, obwohl eigentlich abgesprochen war, dass keine Musik vor Ende der Ausscheidung gespielt werden soll. Die Moorer skandieren An-ne-lie-se, An-ne-lie-se während Anneliese auf ungewohnt hochhackigen Schuhen sicheres Auftreten demonstriert.
Jan strahlt. Hat sich doch gelohnt die Schinderei im Kuhstall.
Fine strahlt auch, ihre Anneliese auf dem Weg zum Königsthron.
Und Anneliese? Die strahlt auch. Das hat sie noch nie erlebt. Sie wird geliebt und gefeiert. Sie mag sich, 8 Kilo sind weg und den Moorpatt läuft sie inzwischen viermal rauf und runter. Die letzten Tage ist Enno von Allwörden immer gerade dann mit seiner Mofa vorbei gekommen, wenn sie am Laufen war. Anschließend haben sie immer noch ein wenig geklönt. Gestern wollte er nicht los fahren und als Anneliese fragte: „Is was?“ hat er gefragt. „Wollen wir miteinander gehen?“ und ist losgejagt bevor sie antworten konnte.
Und ob sie wollte, das hat sie ihm gleich per facebook mitgeteilt, nachdem sie im Haus war. Sie wartete eine scheinbare Ewigkeit.
Dann Ennos Antwort:
 „Gut!“
Ja, so sind sie im Moor. Wenn es darauf ankommt, kein Wort zu viel!
Sie war immer noch in ihren Laufklamotten, als sie Ennos Mofa auf dem Hof hörte.
Und dann?
Dann sind die beiden noch einmal auf den Moorpatt. Paula Heinsohn musste zweimal hingucken um zu glauben, was sie dort sah.
Enno knutscht Anneliese!
„Woför dat schoggen nich allens goot is“, haucht Paula ihrer Ziege in den Hinterschenkel während sie mit dem Melken fortfährt.

Ja, diese Anneliese. Nun marschiert sie selbstbewusst zur Jury. Über ihrer Königsgarderobe trägt sie eine diagonale Schärpe, so wie sie Gärtnerei Lührs immer für Beerdigungen druckt. Darauf steht mit großen Lettern: MOORKÖNIGIN  ANNELIESE. Anneliese liest sich ein bisschen schlecht, weil die Schärpe über dem Busen nicht plan aufliegt. Verwerfungen, die es vor wenigen Wochen noch nicht gegeben hätte von wegen der fehlenden Taille. Kaum, dass ihr Name aus den Lautsprechern verhallt ist, passiert ihr das mühsam einstudierte Missgeschick: Eine Torfsode  gleitet aus dem Korb, den sie am Arm trägt.
 „Oh!“ entfährt ihr und mit einer Eleganz und Beweglichkeit, die ihr vor vier Wochen noch niemand zugetraut hätte, sammelt sie das Torfstückchen wieder ein. Von ihrer Flexibilität muss jetzt doch auch der letzte Trottel in der Jury überzeugt sein.
Anneliese nimmt Platz, der Spielmannszug hält sich plötzlich wieder an die Verabredung, während des Verfahrens nicht zu spielen.  Anneliese ist glücklich, sie sieht Enno in der ersten Reihe wie er beide Daumen hoch hält und sich freut. In diesem Moment war ihr die Königswürde so etwas von egal. Lieber bürgerlich und glücklich als adlig und unglücklich. Ihre Fangemeinde ahnte nichts von Annelieses Gedanken. Mehrfach wurden die Moorer über Lautsprecher aufgefordert die Anfeuerung für Anneliese einzustellen. Schließlich wolle man ja heute noch zu einer Entscheidung kommen.
Nr. 5 – unspektakulär, Beate von Lindern, ohne großen Freundeskreis. Die Wachtelkönigin, nominiert von dem kleinen Kreis von Spinnern unter Leitung des Hobbyornithologen Ubbo Hartwig. Sie sind fest davon überzeugt, dass es den Wachtelkönig im Außendeich gibt. Gesehen hat ihn keiner, den Wachtelkönig, aber angeblich seinen Gesang, ein hässliches Kräck, Kräck habe man mehrfach gehört. Neuen Aufwind für ihre Vermutung gab ihnen ein Foto der Tageblattredakteurin Santana Baisinger, die vom Auto aus (auf verbotenen Wegen) einen ihr unbekannten Vogel im Außendeich aufgenommen hat. In der Redaktion sah Naturredakteur Chris  Schmid das Bild und fragte, wo sie denn den Wachtelkönig aufgenommen habe.
Landwirte,  die im ehemaligen Außendeich neben Weizen, Gerste und Mais zu gerne auch Wind ernten würden, haben sofort angezweifelt, dass dieser Wachtelkönig, den nicht einmal der Freundeskreis Wachtelkönig zu Gesicht bekommen hat, im Nordkolbinger Außendeich aufgenommen worden sei. Baisinger, sonst sehr bauernfreundlich, erklärt die Landwirte zu Spinnern. Sie werde doch wohl noch wissen, wo sie das Bild gemacht habe.
Ein Wachtelkönig im Außendeichgelände wäre das Aus für jegliche Veränderung. Außer ihm gelingt es nur noch dem Feldhamster, Uhu  oder bestimmten Fledermausarten die Mitarbeiter der unteren Naturschutzbehörde in derartige Ekstase  und blinden Aktionismus zu versetzen, dass sie mit vollster Rückendeckung aus Hannover und Berlin sofort jegliche Planungen stoppen und neue Bewirtschaftungsauflagen erlassen.
Liebe Wachtelkönigfreunde, habt Verständnis, euren Wachtelkönig darf es hier nicht geben!
Nr. 6 – die Hannoveranerkönigin, Hella Rossmann,  mit langem, schwarzem Pferdeschwanz. Etwas lächerlich läuft sie ein trabendes Pferd imitierend mit klackerndem Absätzen, Hufgeklapper nicht unähnlich, auf die Jury zu. Fehlt nur noch, dass sie anfängt zu wiehern oder mit lautem Schnauben einen Pferdeapfel unter ihrem Pferdeschwanz  herausdrückt.
Schön, also wirklich schön ist der silberne Stirnreif an dessen Mitte, genau in Verlängerung der Nasenwurzel über der Stirn das typische Hannoveraner Zeichen mit den beiden Pferdeköpfen im H glänzt.
Nr.7 – die Weißkohlkönigin, wir kennen sie ja schon, Kohl - Hiesels Tochter, bewegt sich unter den Anfeuerungsrufen der Landjugend vor. Wegen einiger Kohlköpfe, die sie in einer Kiepe trägt, ist ihr Hohlkreuz besonders ausgeprägt. Das ist nicht so schlimm, weil dadurch wieder ganz andere Partien mehr Betonung erfahren. Die Haube aus Weißkohl Blättern wirkt etwas lächerlich wird aber durch ein ausgesprochen freundlich hübsches Gesicht ausgeglichen. Kohl-Hiesels Tochter Viola ist bestimmt ganz oben wieder zu finden. Man will ja nichts unterstellen, aber Hiesel und Bürgermeister Detje sind beide aktive Sänger bei Gleichklang Bilge, einem Gesangverein mit einer Tradition die weit in das vorvorige Jahrhundert zurückreicht.
Die Hannoveranerin scharrt mit den Hufen und bewegt ihren Kopf rhythmisch auf und ab.
Glaubt man´s?

Nr. 8 – die Pudelkönigin, Cindy Roth, nominiert von einer Arbeitsgemeinschaft bestehend aus neun Kegelvereinen, die alle im Friedeberger Hof kegeln, sich aber nie beim Kegeln sehen, weil, wenn sie kegeln, keine Bahn mehr frei ist für einen anderen Kegelverein. Umso erstaunlicher, dass sie sich zu einer AG zusammen gefunden haben. Witzig das Outfit! Gymnastikanzug, um die Hüfte ein Röckchen aus  Kegeln in Normalgröße um den Hals deutlich kleinere Modelle. Auf dem Kopf ein zierliches Silberkrönchen.

Nr. 9 – sehr gewagt, Königin der Nacht, sehr freizügig mit schillernden Glitzereffekten. Natalie nennt sie sich, vielleicht ist es auch nur ihr Künstlername. Sie arbeitet im Nightclub „Happy Midnight“, den es seit einigen Jahren im Gewerbegebiet in Kolbingerhafen gibt. Dort gibt es eine Lizenz zum Ausschank und maximal noch zum Ausziehen. Mehr aber nicht! Das zumindest wird nach außen immer wieder gebetsmühlenartig verkündet.
Klärchen Adami, die dort vormittags sauber macht, erzählt da ganz andere Sachen. Sachen, die schon mal Männer neugierig und Frauen wütend machen. Aber die Alte tütelt auch schon ein bisschen, man muss nicht alles glauben, was sie erzählt.
Natalie sagt, sie sei auf Empfehlung ihrer Belegschaft „in die-see Competiscionn ro-yal“  eingestiegen.
Paula guckt sich Natalie aufmerksam an.
“Worüm schnackt de so komisch as ob se de Nees vull Schnodder ha?“ Fine, die auf der anderen Seite von Paula saß antwortet: „Dat is keen Schnodder, de will so klingen as´n Franzmann. Vielicht kummt se jo ook ut Frankriek. Heet jo ook Natalie, so heet doch egentlich keen een hier.“
„Ach so.“ Das genügt Paula.
Das ist sie also, die Natalie, von der Harry Röndigs immer erzählt, dass die so nett sei leider aber nur den ganz teuren Sekt mag, der günstige bekommt ihr nicht. Dafür ist sie dann aber auch immer ganz lieb zu ihm.
Ja, so ist das denn, Harry.

Nr. 10 – die Bienenkönigin, Helga Summfleth, Kostüm wie ein geflochtener Bienenkorb aus Stroh mit Aufschrift  IMKEREI MELVIN CORDT. Das geht doch gar nicht, sieht doch aus wie ´ne Tonne, kann man doch nicht nach Berlin lassen! Auf dem Kopf irgendetwas, das aussieht wie eine riesige, aufgetrennte Biene Maja. Hätte sie nur ein wenig von der Hannoveranerin, würde sie nun mit den Armen wedeln, „sum, sum, sum…“  singen und kleine Honigtöpfchen ins Publikum werfen. Vielleicht hat sich das für Berlin aufgehoben. Schade!
 Ist Melvin da wohl ein bisschen zu geizig gewesen?

Nr. 11 – die Stutenkönigin[1]!
 Ja, wer ist denn das? Bildschön, ausgesprochen flexibel schon im Gang, meint Jan Riecken, der sich mit diesem Thema ja bekanntlich  länger beschäftigt hat. An der Hand geführt wird die Stutenkönigin vom ledigen Bäckermeister Hinnerk Holtkamp, dem ledigsten aller Kolbinger Bäcker. Vor der Jury macht die Stutenkönigin einen artigen Knicks und erlächelt sich mit dem bezauberndsten Lächeln des Abends  einige Sympathie Punkte.
„Das ist Natascha“, stellt Hinnerk seine Königin der Jury vor.
Gerade will sie sich auf Stuhl 11 niederlassen, als laut das Wort „Protest“ durch die Halle schallt. Ganz oben auf der Tribüne steht  Mario Backmeier. Bis vor wenigen Monaten hat er bei Hinnerk Holtkamp als Geselle gearbeitet. Hinnerk musste sich von ihm trennen, weil Mario zu häufig anderer Ansicht über den Arbeitsbeginn war als sein Chef. Nun muss er jeden Morgen nach Otterndorf fahren, auch zum Backen, aber viel weiter weg von seiner Wohnung. Else Piening, die ihm sehr nahestehende Bäckereifachverkäuferin hinter Hinnerks Verkaufstresen, hat ihm von dieser Königin erzählt.
„Was heißt hier Protest?“ fragt Gaby Melzer hoch zur Tribüne.
„Die Stutenkönigin ist nicht von hier!“
„Na und? Steht doch nicht in den Regeln, dass sie von hier sein muss.“
„Die kommt aber aus Russland und kann kein Deutsch.“
Das stimmt und Hinnerk hat ihr beigebracht, dass sie mit „Ja“ und „Nein“ genug Deutsch könne, um als Stutenkönigin nach Berlin fahren zu können.
Gaby Melzer fragt die Stutenkönigin: „Natascha, das war doch dein Name?“ „Ja“, kommt die Antwort.
 „Stimmt es, dass du kein Deutsch kannst?“
„Nein.“
„Du sprichst also Deutsch?“
Natascha nimmt das leichte Kopfnicken von Hinnerk Holtkamp nicht wahr und antwortet laut und deutlich: „Nein!“
„Siehst du“, kommt es von Mario Backmeier, „sie kann kein Deutsch, ich weiß es von Else. Kein Deutsch, keine Zweisprachigkeit! Die muss disqualifiziert werden.“
„Hinnerk, stimmt das?“  Es ist inzwischen mucksmäuschenstill geworden in der Halle. Jeder will die Antwort auf Gabys Frage hören.
„Ja und nein“, kommt der Bäckermeister zögerlich raus. „Also, sie kann kein Deutsch aber sie ist zweisprachig. Natascha kommt aus der Ukraine und sie spricht fließend Russisch und Ukrainisch. Lydia (Lydia kommt aus Kasachstan und kann Russisch), da oben sitzt sie, macht bei uns sauber und hilft  ein wenig in der Küche. Lydia hat das erzählt, Stimmt doch Lydia?“
„Und warum habt ihr sie denn als eure Stutenkönigin nominiert? Zum Repräsentieren muss man Deutsch können! Hinnerk, was habt ihr euch dabei gedacht?“
Inzwischen ist Hinnerks Kollege Gerd Lühring aus Kolbingerhafen zur Hilfe geeilt.
„Also, es gab ja keine mehr. Wir haben alles versucht, die meisten Mädchen, die wir gefragt hatten, hatten schon anderswo zugesagt. Nur Samantha Meyer wollte von ZaunMeyer wechseln. Stutenkönigin gefiel ihr einfach besser als Zaunkönigin. Unter fünf Grünen (500 Euro) wäre sie allerdings nicht zu einem Transfer bereit. Das war uns zu viel. Und dann habe ich Natascha ins Spiel gebracht, Natascha Mircowa, sie ist die Schwester von unserem Praktikanten Igor aus Kiew. Na ja, so ist das gekommen.“
Die Köpfe der Jury gehen zusammen und nach kurzem Getuschel  gibt Gaby Melzer das Ergebnis der Beratung bekannt.
„Natascha darf dabei bleiben. Sollte sie aber aus irgendeinem Grunde als Siegerin hervorgehen, erwarten wir, dass ihr die Nominierung zurück nehmt. Verstanden?“
Ja, das war angekommen.
Suse Hellerich notiert sich: „Merkwürdige Regelung. Nachfragen! Interview mit Natascha verabreden!“
Natascha hat unter dem Beifall des Publikums auf Stuhl 11 Platz genommen. Nee, ausländerfreundlich sind sie nun mal, die Kolbinger, und allemal, wenn die Ausländer so aussehen, als wenn sie aus Schweden kommen. Glaubt doch keiner, der es nicht weiß, dass diese Schwedin, die so aussieht wie die drei Töchter von Jens Mahler vom Klinkerdeich, in Wirklichkeit eine Ukrainerin ist, die sogar noch russisch spricht.
„Nee“, tuschelt Fine Paula ins Ohr, „wat nich allens giwt! Fehlt mi nur noch´n witten Afrikoner, de op´n Moorpatt längs löpt un „Oh Tannenbaum“ singen dei.“
Für Paula sind zu viele Nebengeräusche in der Halle. Wenn jemand so leise zu ihr spricht, muss sie raten.
„Wann schüllt wi Oh Tannenbaum singen? Taun Schluss oder nu all mittenmang?“
„Wenn öberhaupt, Paula, denn no dat Enn hin. Ick sech di Bescheed, wenn dat so wiet is.“
„Is jo ook erst Oktober, Anfang Oktober! Wat schüllt wi nu wohl schon Oh Tannenbaum singen. Wart doch jümmer verrückter, de Lüe. Erst in September de Spekulatius bi Edeka und dann Oh Tannenbaum in Oktober.“
Nr.12 – die Kneippkönigin! Gerlinde Coolwater mit Vorfahren väterlicher Seite aus der Gegend von Exmouth, England. Ja, ganz richtig gehört! Kneippkönigin hat überhaupt nichts mit Kneipe zu tun. Das sind die jungen Frauen und Mädchen, die einmal in der Woche über den von Korffschen Weg, barfuß durchs nasse Gras  und manchmal durch eine Schale mit kaltem Wasser gehen. Gerlinde Coolwater, im Badeanzug und natürlich barfuß.
Hallooo?
Das geht doch nicht. Die kann doch nicht für Kolbingen in Berlin durch Schälchen mit kaltem Wasser tapsen. Und nun winkt sie auch noch mit zwei leeren Pet Flaschen zum Publikum. Soll wohl symbolisch sein. Geht gar nicht! Wenn das die Berliner auf der Grünen Woche sehen, buchen die doch lieber Stadturlaub in Castrop Rauxel.
Gaby Melzer, als Jurymitglied zur Unparteilichkeit verpflichtet, schüttelt gedankenverloren den Kopf.
Der Beifall ist sehr verhalten. Na ja, es sind ja auch nicht alle fünfzehn Mitglieder aus der Gruppe heute hier. Tapfere Gerlinde, zieht den rechten Träger von ihrem Badeanzug wieder etwas hoch und setzt sich lächelnd auf Stuhl 12.
Dabei sein ist eben alles!
Nr. 13  - die Fährkönigin, nominiert von Hartwichs Fährkrug in Kolbingerhafen mit Unterstützung des Unterelbischen Fährbetriebes. Das einzig wirklich Originelle war ihr Auftritt. Im rechten Tribünenfeld erhob sie sich nach ihrem Aufruf und rief mehrfach durch ihre zum Sprachrohr geformten Hände ins Publikum: „Fährmann, hol öber!“ Während Alex Blunk, die Fährkönigin, noch rief, sah man einen Hünen von Mann mit der Jacke des Fährbetriebes durch die  Reihen die Bänke hochhasten. Dieter Blunk, Alexs Vater und Kapitän meistens auf der Kolbingerhafen II, erreicht seine rufende Tochter, legt sie sich über die Schulter, als sei sie nicht schwerer als ein Zaunpfahl, und trägt sie leichtfüßig die Stufen runter. Direkt vor den Füßen der Jury stellt er sie ab mit einer Körperhaltung und Mimik, die nichts anderes sagte als:
„Hier habt ihr sie, eure Königin. Die und sonst keine!“
„Von Flexibilität und sicherem Auftreten war hier wohl noch nicht viel zu sehen“, sprach  Jan Riecken mehr zu sich. Weil es aber gerade nicht allzu laut war, konnte Paula Heinsohn  genau verstehen, was Jan da sagte.
„Jo, lütt beeten sicher bi´d Oppedden möt man schon ween, wenn man so as´n Kengeruu mit sien Deern op´n Puckel de Tribün rünner löpt. Dat kann he, Dieter Blunk, de Bullerkopp ut Neuland und sicher mit de Fähr hin und her schippern, dat kann he ook.“
Alex trug Turnschuhe und einen Minirock über ihrer Jeans. Ihren schlanken Oberkörper umgab eine viel zu große Allwetterjacke der Unterelbischen Fährbetriebe.
Halt! Da steht ja noch im gleichen Schriftzug drüber „ F Ä H R K Ö N I G I N“!
Nicht schlecht aber das kleine, billige Kunststoff  Karnevalskrönchen auf dem Lockenkopf wirkt nun wirklich etwas deplatziert.
Hol öber! Die nächste bitte!
Nr. 14 – Samantha Meyer, die Zaunkönigin. Hast du ihre Krone gesehen? Ein Mini Gartenzaun, so, wie er von ZaunMeyer vor dem Pastorat in Hohendeich gesetzt worden ist. Und nun der Knaller: Vorne eine kleine Gartenpforte und obendrauf wippt, Schwänzchen senkrecht aufgestellt, ein unscheinbares,  ausgestopftes Zaunkönigweibchen.
Wenn das man keinen Ärger mit den Naturschützern gibt!
Ubbo Hartwich unterhält sich bereits sichtlich erregt und immer wieder auf die Zaunkönigin zeigend mit seiner Kameradin Annegret Hölscher, Biologielehrerin an der Oberschule und Gründungsmitglied des Freundeskreises Wachtelkönig.
Samantha merkt davon nichts. Berauscht von dem Beifall selbst von Fans anderer Majestäten bringt sie ihren knapp bedeckten, makellosen Körper mit, wie Jan Riecken fachmännisch feststellt, bewundernswert sicherem Auftreten vor die Jury.
Die Köpfe der Jury gehen zusammen. Was ist los, stimmt hier irgendetwas nicht?
Gaby Melzer nimmt das Mikro: „Wir überlegen gerade, ob die Zaunkönigin zugelassen werden kann. Die Bereitschaft, gegen Geld zu den Bäckern zu wechseln, verrät eine gewisse moralische Unzuverlässigkeit und wir glauben, dass das in Berlin …“
Die letzten Worte gingen im aufbrandenden Tumult unter. Samantha hat weit mehr Sympathisanten in der Halle, als es manch einer der hier anwesenden oder auch nicht anwesenden Frauen und Freundinnen lieb war. Sogar einige Sympathie Pfiffe sind zu hören.
Hansi Hampe,  mit dem seine Frau Witti seit einigen Tagen wieder spricht, springt von seinem Platz auf und ruft mehrmals „Bravo! Bravo!“
Das hätte er sich verkneifen sollen. Leider bemerkt er seinen Fehler erst, als seine Witti ihn am Jackett Saum packt, und mit einem kräftigen Ruck auf die Bank herab zieht.  Ihr Blick verkündet unmissverständlich den Beginn der nächsten Eiszeit im Hause Hampe.
Samantha zuckt ratlos mit ihren nackten Schultern und schaut zu ZaunMeyer hoch.
Der erhebt sich gestikulierend, man sieht ihm an, dass er etwas sagen möchte. Weil ihn niemand verstehen kann eilt ein Helfer in hellblauem T-Shirt die Tribüne hoch und reicht dem erregten Meyer das Funk Mikro.
„Eins, Zwei, Tack, tack, eins, zwei … könnt ihr mich verstehen?“
Es wird still. Was wird geschehen, zieht ZaunMeyer seine Nominierung zurück? Dann dröhnt es aus den Lautsprecherboxen:
„Moralische Unzuverlässigkeit, dass ich nicht lache! Das war doch ein ganz normaler Vorgang. War alles mit Sammy abgesprochen. Die Bäcker wollten aus meiner kleinen Zaunkönigin eine Stutenkönigin machen. Aber die Ablösesumme stimmte nicht. So ist das nun einmal im Geschäftsleben. Ist doch in der Bundesliga auch nicht anders, oder?  Die knickerigen Bäcker wollten nicht höher ran und da haben Sammy und ich beschlossen, bevor sie unter Wert zu den Mehlsäcken wechselt bleibt sie lieber bei mir!“
Anhaltender Beifall, Fußgetrampel auf der Tribüne.
 Samantha versteht das alles nicht. Sie hatte doch niemals mit Meyer über den Bäckertransfer gesprochen.
Macht nichts!
Dass sie etwas nicht kapiert ist ihr schließlich nicht fremd. Lächeln. Gut aussehen. Drei Schritte zum Publikum, 360° Drehung und wieder zum Richtertisch.
Die Jury Köpfe gehen wieder zusammen.
ZaunMeyer guckt sich um, genießt seinen Beifall und beginnt sich langsam gegen die auf seine Schultern klatschenden Hände zu wehren.
Die Jury Köpfe gehen auseinander, Gaby Melzer ergreift das Mikro.
„Samantha bleibt im Wettbewerb!“
Samantha strahlt hoch zu ZaunMeyer, der ihr mit hochrotem Kopf beidhändig das Victory Zeichen entgegenstreckt. Sie wirft ihm eine Kusshand zu.
Fast alle Männer in der Halle haben es missverstanden und erwiderten den Luft Kuss mit glänzenden Augen.
Mein Gott, was für eine Stimmung!

Auch Hansi Hampe hatte die Hand schon am Mund und konnte den Luft Kuss noch im allerletzten Moment in einen kleinen Hustenanfall umwandeln.
Oh je! Wie schnell hätte das eine längere Eiszeit auslösen können und das alles ohne Hilfe des immer wieder beschworenen Klimawandels.
Übrigens, Witti Hampe widerte diese ungehemmte Verehrung des „Flittchens mit dem kleinen Vogel auf dem Kopf“ an. Das musste man jedenfalls glauben, wenn man ihr ins Gesicht sah.

Während Samantha den Stuhl 14 besetzte, die Halle wieder zu normalen Schallemissionswerten zurückfand, beugte sich Paula Heinsohn zu Fine, ihrer Nachbarin im Moor und hier auf der Bank.
„Is Annelies nu buten?“
„Nee, wieso, de sitt doch dor vörn bi Enno.“
„Ick meen doch, ob se nu de Barbi ut Eriksheil wählt hebt?“
„Nee, Paula, de Lüe hier hebt sick nur so freut, weil de Menzelsche eben verkünt hett, dat se nur noch dree Keuniginnen op´n Zettel ha und  denn schüllt wie wählen.“
„Ick wähl de doch gor nich, de dree. Ick wähl nur dien Annelies. De annern kann se ruhig op eern Zettel beholn.“
„Du schasst ook nur een Keunigin wählen, Paula. Is dat klor?“
„Ach so.“

Nr. 15 – Knitting Queen, Liesel Struck, die Enkeltochter  von Sabena Fokken-Pätzel, tritt vor die Jury. Sie wollte erst nicht für die „Knüttertanten“, wie sie immer etwas verächtlich den Strickkreis um ihre Großmutter nennt, antreten. In der Klicke haben die Jungen sie Strick Liesel genannt, als die Pläne von Sabena und ihren Freundinnen in die Öffentlichkeit durchsickerten. Als Liesel dann aber von den 13  Kandidaturen in der Zeitung las und ganz besonders von der Bewerbung  der „Zaunkönigin“ hörte, stand ihr Beschluss fest:
„Die ist doch so etwas von verpeilt, das schaffe ich und wenn ich auch nicht gewinne, ich will sie auf jeden Fall hinter mir lassen.“
Leider musste sie sich den überwiegend älteren Damen des Strickkreises fügen und in einem gestrickten und gehäkelten Outfit antreten. Bei der Anprobe zeigte sich aber schon, dass man auch mit „Kettenhemd“, abwertende Bezeichnung ihres Vaters, ganz schön gut aussehen kann. Mit dem jedes Mal anders ausfallenden Stricknadel Arrangement in ihrer Hochfrisur findet Liesel sich selbst inzwischen ziemlich „Cool“.  Dennis, ihr Freund seit den Sommerferien, findet sie auch cool.
Sagt er zumindest!
Auf Facebook hat er allerdings bei seinen Freunden gepostet, dass er nicht an einen Sieg von Liesel glaube. Wörtlich stand da:
 „Immer, wenn ich auf dieses Stricknadelmikado sehe, muss ich an eine japanische Geisha denken. (Zwei lachende Smileys eingefügt) Ich will doch keine Japse heiraten. “
Als Antwort kam:
„Halt die Ohren steif, Alter. Und pass auf deine Augen auf beim Knutschen! O. + M.“
Und das, obwohl gerade in Sozialkunde eine Unterrichtssequenz  über offene und versteckte Rassismen in der Deutschen (Umgangs)Sprache läuft.
Am Tag darauf begegnete Liesel Olaf und Malte in der Pausenhalle und begriff überhaupt nicht, was das blöde Gegrinse sollte. Und dann haben die beiden auch noch fast gleichzeitig ihre Augenhaut nach außen gezogen bis nur noch kleine Schlitze zu sehen waren.
Selbst Oma Sabena glaubte nicht so recht an Sieg. „Aber“, vertraute sie Lotte Hansen, Gründungsmitglied der Strickfreundinnen vor nunmehr schon 24 Jahren, an, „wenn wir dabei sind, kommen vielleicht ein paar jüngere Frauen zum Stricken.“
Liesels Drängen, als „Knitting Queen“ statt „Strickkönigin“ ins Rennen zu gehen, haben die Strickdamen schließlich nur nachgegeben, weil sie auf Liesels Frage: „Wie wollt ihr denn jemals jüngere Frauen erreichen, wenn ihr euch nicht einmal ein klein wenig auf sie zu bewegt?“ keine Antwort wussten. Irgendwann konnte  selbst Konstanze von der Decken, die sich bis zum Schluss gegen die „Anglisierung der Deutschen Sprache“ stemmte und schon einmal heimlich über das Verlassen  des Strickkreises vor Erreichen der silbernen Treuenadel nachgedacht hatte, mit der „Knitting Queen“ leben. „Aber nur mit großen Bedenken, äußerst großen Bedenken!“, wiederholte sie bei jeder Gelegenheit.  „Mit der Zeit gehen muss ja nicht einhergehen mit der Aufgabe aller guten konservativen Werte und Traditionen.“
„Und“, fragt Paula Fine Riecken, „worüm hett de Deern all de Stricknoodeln in´t Hoor?  De meisten annern Keuniginnen ha´n doch so ´ne Oort Kroon op´n Döz?“
„Minsch Paula, manchmool glöw ick, dat du ook nich mehr allens op de Reech krist. Dat is doch eehre Kroon. Knitting (bitte mit scharfem „k“ gesprochen!) Kwien heet doch nix anners as Strickkeunigin, dat hett mie Annelies tauminnst so verkloort. De is zwoor nich all tau best in Engelsk ober dat nehm ick eehr noch af.“
„Ach so.“

Inzwischen hat sich in der Halle rumgesprochen, dass Heller Herwein, Wirt vom Friedeberger Hof, draußen mit seinem Bierwagen steht. Sein Freund, Hausmeister  Conny Rathje hat ihm per Handy gesteckt, dass wohl zwei, drei Fass Kolbinger (bloß nicht verwechseln mit Erdinger, da gab es schon einmal Prozessandrohungen!), also Kolbinger Pils locker durchgehen könnten, wenn er sich beeilen würde.
Wenn es ums Geschäft geht kennt Helle nichts. Obwohl er schon mehrere Biere mit seinen Tresen Gästen runter gekippt hatte, ließ er alles stehen und liegen. Der Bierwagen stand noch, allerdings  mit ungespülten Leitungen, auf dem Hof. Was keiner weiß…
Das halbvolle Fass vom gestrigen Vereinsschießen muss fürs Erste reichen. Marco, Helles Faktotum – Mann für alle Fälle, soll gleich mit Reservefässern nachkommen. Während Helle den Bierwagen ankoppelt überlegt er noch eine Sekunde wegen seiner Promille.
„Nee, bis ich jemanden gefunden habe, ist der Trubel da vielleicht schon vorbei. Außerdem ist Henner Hagenah, der Dorf Scheriff, bestimmt schon lange in der Halle.“
Während Heller die ersten Biere gezapft hat und Conny sein „Informanten Gratis Bier“ etwas abseits trinkt, kommt Annegret Hölscher aus der Halle. Unter Protest! Sie hatte gerade eben von der Jury verlangt, dass Samantha umgehend die Zaunkönigin aus ihrer Krone entfernt.
Das Ansinnen wurde einstimmig abgelehnt, nachdem die Hölscher etwas kleinlaut zugeben musste, dass Zaunkönige und besonders auch  Zaunköniginnen nicht unter Schutz stehen geschweige denn einen Platz auf der Roten Liste einnehmen würden.
Sie nahm das Urteil mit Entrüstung zur Kenntnis, schnaubte:  „Dies ist nicht mehr meine Veranstaltung!“ und verließ die Halle. Noch kein bisschen weniger aufgebracht sieht sie Heller Herwein die Zigarette lässig im Mundwinkel Biere zapfen. Fast der komplette Spielmannszug der Moorer hatte es irgendwie gerochen, dass draußen ein weiteres Highlight auf sie wartet.
„Heller, mokst du mi noch mool tein.“
„Heller, vier Bier und drei Alster für die Kleinen!“
Das waren doch Nicole und Vicky aus der 8a. Na warte!
„Herr Herwein, stellen Sie sofort den Bierverkauf ein. Auf dem Schulhof besteht absolutes Alkoholverbot. Nicole und Vicky ihr geht bitte rein, wir sprechen uns morgen. Und, wenn ich schon einmal dabei bin, Herr Herwein, machen Sie bitte die Zigarette aus!“
Fast der gesamte Spielmannszug rauchte. Edwin Buhrfeindt aus der 7. Klasse steht ganz hinten. Vorsichtshalber hält er die rechte Hand mit der Kippe hinter den Rücken. Die Hölscher ist zu allem fähig.

Conny Rathje, der das alles schon hat kommen sehen, hatte bereits vor Erscheinen des Bierwagens mit dem Schulleiter Gerald Hauptmann telefoniert und ihn über die Lage am Schulzentrum informiert. Auf die Frage, ob er denn noch aus Stade kommen müsse, meinte Conny Rathje, der sich sichtlich in der Rolle des Machers gefiel: „Nein, ich denke, dass es genügt, wenn du telefonisch das Alkoholverbot für heute aufhebst.“
„Okay, war´s das? Dann hebe ich das Verbot auf. Wir sehen uns morgen! Tschaui!“

„Haben Sie mich nicht verstanden, Herr Herwein.  Schluss mit Bier, auf der Stelle!“
„Schluss mit Bier!“ äfft Heino Behrwald, der noch bei der Hölscher Bio hatte, seine ehemalige Lehrerin unter dem Gejohle seiner Spielmannszug Freunde nach.
Heller Herwein ist die Ruhe selbst. Gerade hat Conny ihm zugeflüstert, dass das Alkoholverbot soeben fernmündlich von Gerald Hauptmann für diesen Abend aufgehoben worden sei.
„Danke, Conny, du trinkst heute umsonst!“
Zur fast kollabierenden Hölscher meinte er ober cool: „Nun komm´se man mal wieder langsam runter, gute Frau. Ist doch alles mit der Schulleitung abgesprochen.“
„Wer´s glaubt wird selig! Ich werde das überprüfen. Wenn Sie mich belogen haben, wovon ich ernsthaft ausgehe, werde ich dafür sorgen, dass Sie Ihre Lizenz verlieren. Wissen Sie eigentlich wie alt Vicky und Nicole sind?“
„Wissen Sie eigentlich, wie alt Vicky und Nicole sind?“ echote es aus dem Pulk der inzwischen schon recht fröhlichen Spielleute aus dem Moor.
Annegret Hölscher tritt ab. Es war keine gute Entscheidung diese Veranstaltung zu besuchen. Irgendwie hatte sie es schon den ganzen Tag gespürt.

In der Halle nahm trotz des Pendelverkehrs raus – rein – raus – rein die Veranstaltung ihren weiteren Verlauf, wie geplant. Gerade wollte Gaby Melzer die Nummer 16 aufrufen, als Willem Krahnke mit einem vollen Tablett Biergläser an der Jury vorbei lief.
„Wo kommt das Bier her?“ denkt Gaby Melzer und sieht gerade noch, wie Willem die Gläser vom Tablett gerissen werden, bevor er bei seinen Kumpels ankommt.
Der Geruch gebratener Krakauer wabert durch die geöffnete Tür in die Halle. Klaus Fretwurst, nomen est omen, auch von Conny alarmiert, ist sofort mit „Klausis mobiler Würstchenschmiede“ ausgerückt. Über solche Veranstaltungen freut er sich immer besonders. Das Ladengeschäft läuft nicht mehr so gut, seitdem der EDEKA in Friedeberg so gut sortiert ist und seit zwei Monaten nun auch noch der Nettomarkt in Kolbingerhafen mit einer großen Fleischtheke eröffnet hat.

„Die Veranstaltung droht mir zu entgleiten“, hämmert es durch Melzers Kopf. „Ich muss das Ding  hier irgendwie zu Ende bringen!“
„Ehlers, reichen Sie mir mal bitte das Mikro. Danke.“ Noch nie hatte sie einfach nur Ehlers zu ihm gesagt. Wie peinlich!
„Meine Damen und Herren, im Interesse eines ungestörten Ablaufs möchte ich Sie bitten, Speisen und Getränke nur im Freien einzunehmen. Willem, kannst  gleich wieder umdrehen mit deinem Tablett. Das Bier holen dir die Moorer doch sowieso wieder runter, bevor du hinten angekommen bist.“
Willem leuchtet die Warnung von seiner Kegelschwester Gaby ein. Mit der freien Hand winkt er seine Kumpel vor die Tür und dreht mit dem vollen Tablett ab,  Kurs Schulhof.
„Ich rufe jetzt die Nummer 16 auf, Melanie Pickenpack, die Antikönigin!“
Melanie hüpft die Stufen der Tribüne runter. Ihren schweren Königinnen Mantel trägt sie über dem Arm, es war unerträglich unter dem Mantel in der aufgeheizten Halle. Lächelnd greift sie nach dem Mikro von Gaby Melzer.
„Darf doch?“
Ohne eine Antwort abzuwarten plappert sie ins Mikro:
„Ich bin die Antikkönigin und nicht die Anti-Königin, wie du eben gesagt hast.“
Was duzt die mich eigentlich? Freche Göre!
Gaby Melzer nimmt das Mikro.
„Ich habe Antikönigin gesagt und das ist der Titel, den ihr selbst gemeldet habt. Deswegen steht doch auch auf dem Stimmzettel Antikönigin. Hier, kannst selber sehen, hier ist euer Meldezettel.“
Melanie muss zugeben, dass sie offiziell eine Anti-Königin ist, weil Werner Fabian, der den großen Antik und Trödel an der L 111 in Aantenwörden betreibt, ein „k“ in der Anmeldung vergessen hat.
„Und was steht auf meinem Mantel?“ schießt es Melanie durch den Kopf.
„Aan-ti-kö-ni-gin“, liest Melanie laut für sich selbst. „Scheiße“, rutscht es ihr raus, „hätte ich das bloß gecheckt, bevor Werner den Auftrag an den Online Beschriftungs Versand geschickt hat.“
Werner ist hinzugekommen. „Ww wo ist d  das Problem?“ Er verhaspelt sich leicht, wenn er aufgeregt ist.
„Du hast es versaut, du bist Schuld, dass ich jetzt eine Anti-Königin bin. Mensch, da gehören zwei „k“ in das Wort.“
„Weiß n nicht w was du hast. M musst nur richtig   l lesen können, dann steht d da auch Antikkönigin. Hörst du, An-tik-kö-ni-gin.“
„Hör doch auf. Hier steht An-ti-kö-ni-gin und dann musst du es auch so lesen und nicht wie An-tik-kö-ni-gin. Verstehst du?“
Werner ist ein begnadeter Kaufmann. In nur wenigen Jahren hat er seinen Laden zur Topadresse gemacht. Kunden kommen sogar von Hamburg und Bremen, um bei ihm zu kaufen oder zu verkaufen. Nur mit dem Schreiben will es nicht klappen. Wozu auch? Das meiste macht ja Melanie.
„J ja und? Du b bist a a aber trotzdem Antikkkönigin. Was macht denn das andere  f für einen  Sinn f  für einen Anti Antikladen?“
Gaby Melzer schaltet sich ein.
„W Werner, Tschuldigung Werner, Werner hat Recht. Anti-Königin macht keinen Sinn. Melanie ist ab sofort Antik-Königin.“
„Ha hab ich doch gleich gesagt, d dass das alles ei eine Wichse ist.“
Melanie bekommt Beifall. Er ist nicht mehr sehr kräftig. Werner Fabian, vor drei Jahren erst aus Herne zugezogen, hat hier noch nicht viele Freunde und außerdem ist die Halle nur noch halb voll.

Draußen am Wurststand und Bierwagen tobt das Leben. Das Bier läuft permanent, Heller ist Profi! Und auch Klaus Fretwurst ist kein Anfänger, eine Lage weiße Würstchen nach der anderen hämmert er auf das Rost seiner Würstchenschmiede, wann immer dort wieder Platz ist.
Soeben schallt das Anneliese Lied instrumental und gesungen in die Halle. Die meisten Spielleute hatten nach und nach ihre Instrumente zu sich nach draußen geholt.
Man lässt sein Kind eben nicht gerne allzu lange alleine.
Als Heller Herwein Ulf Heinsohn aufforderte zu spielen und eine Runde Freibier für jeden ausrief, der Heinsohn zur Seite stehen würde, gab es kein Halten mehr.
„Zwei, drei:  Anneliese, Anneliese…“

In der Halle tönt Gaby Melzers Stimme aus den Lautsprechern.
„Wir kommen zu unserer letzten Majestät. Darf ich bitten, Nr. 17, Friederike Herma  Winter die „Milchkönigin“!“
Friederike begibt sich umhüllt von einem blütenweißen Spitzenkleid zur Jury. Auf ihrem Haupt trägt sie ein zierliches Goldkrönchen. 
Schon bemerkenswert, da haben sich die milcherzeugenden  Betriebe Nordkolbingens  tatsächlich an einen Tisch gesetzt um eine gemeinsame Milchkönigin zu nominieren. Im Grunde waren sie sich ja einig. Grüne Messe ist in erster Linie Messe des Nahrungsmittel erzeugenden Gewerbes.
„Und wer, bitte schön, erzeugt mehr und besser Nahrungsmittel als wir“, meldet sich Carl Christian Wüst, der inzwischen über 300 Milchkühe  zweimal täglich durch das Melkkarussell schleust, zu Wort. Die Knöchel der robusten Milchbauerhände drohen wegen des heftigen Klopfens auf die Kneipentische aufzuplatzen.
Gar keine Frage, man war sich von Anbeginn einig darüber, dass die zweite Kolbinger Majestät eine Milchkönigin, ihre Milchkönigin sein muss.
Es wäre nur zu schön, wenn alles so glatt weiter laufen würde. In der Personalie, wer denn nun nominiert werden sollte, schieden sich die Geister. Die Moor Milch Bauern (MMB) hätten gerne Gesine Käse, Tochter eines Moor Bauern Betriebes (MMB) gesehen. Die Marsch Milch Bauern (MMB) hätten gerne Charlotte Wüst, Tochter des oben bereits zitierten Marsch Milch Betriebes (MMB) Carl Christian Wüst, nach Berlin geschickt. Erst drei Tage vor dem Ende der Bewerbungsfrist kamen die Berufskollegen aus Marsch und Moor auf Drängen einiger ihrer Frauen erneut zusammen. Ohne Entscheidung  an diesem Tage würden sie bis zum 3. Oktober kein Gewand für die Königin schneidern können. Das leuchtete ein. Deswegen rief Carl Christian Wüst Bauer des MMB seinen Schwager Nobbi Kahlke an, der einen MMB in Kamerlandermoor führte, und sie einigten sich im Vorwege, dass weder ein Mädchen, das von einem MMB noch eines, das von einem MMB stammt nominiert werden soll. Um zumindest noch ein wenig ihrem Beruf nahe zu bleiben, einigten sich die versammelten MM Betriebsleiter auf die angehende Molkereifachwirtin Friederike Herma Winter. Die kannten alle, weil sie ihren Onkel Hinnerk Winter als Praktikantin  schon mehrfach auf seinen Höfe Rundreisen als staatlich bestellter Milchkontrolleur begleitet hatte. Das Abstimmungsergebnis fiel einstimmig bei einigen Enthaltungen aus. Problem war nur, dass Friederike bis dahin noch nichts von ihrer Nominierung wusste.
Carl Christian und Nobbi sollten sie noch am selben Abend aufsuchen.
„Aber, Nobbi, erst nach´m Melken!“
„Na klar, ich hol dich ab.“

Es war dann schon bald 21 Uhr, Freitagabend, als C.C. Wüst und sein Schwager Nobbi an der Haustür von Friederike Herma Winter klingelten. Friedels Vater öffnete die Tür. Spätestens, als die beiden Bauern davon sprachen, dass sie Friederike sprechen wollten, weil sie sie zur Königin machen wollten, passte er und rief seine Frau zur Hilfe. Frau Winter kam direkt vom Sofa, wahrscheinlich hatte sie schon etwas vor dem Fernseher geschlafen. Vater Winter versteht immer noch nichts.
„Du, Mudder, die beiden sind hier und wollen unsere Friedel zur Königin machen.“
„Geht nich´, Friedel ist nich da. Wieso Königin? Kommt ihr vom Schützenverein?“
Nachdem die beiden es geschafft hatten, den alten Winters klar zu machen, was das denn mit der Königin auf sich hätte, guckte Frau Winter in Gedanken versunken durch die beiden immer noch vor der Tür stehenden Landwirte hindurch in irgendwelche imaginäre, unendliche Weiten. Dann öffnete sich langsam ihr  Mund.
„Geht nu mal leider nich, is ja nich da.“
„Wo ist sie denn?“ Nobbi kann kaum seine Ungeduld beherrschen.
„Wech! Ich geh dann mal wech!“ hat sie gesagt, „und dann war sie wech.“
„Und, hat sie gesagt, wann sie wieder kommt?“
„Nee, aber morgens, wenn ich mir´n Tee aufgieße ist sie meistens wieder da. Sonst kommt doch morgen früh wieder.“
„Geht nicht, die Zeit läuft uns weg, wir brauchen sie sofort. Keine Ahnung, wo sie ist, wenn sie „wech“ ist?“
„Doch“, kommt Frau Winter langsam über die Zunge, „manchmal ist sie im Tatöff, in Lüdingworth oder in Heinbockel. Disco. Wochen Ends immer Disco. Möchte zu gerne ma wissen, was da nun so besonders dran ist.“
Die beiden Milchbauernschwäger guckten sich an, verstanden einander und hasteten einen guten Abend wünschend den Betonplattenweg zum Auto.
„Lüdingworth!“ Zeitgleich vom anderen „Heinbockel!“
„Ja was denn nun?“ Der Motor lief schon.
Eine Münze musste her. Kopf oder Zahl?
Die Münze schickte die beiden Männer in Richtung Cuxhaven – nach Lüdingworth.

Im Glaskasten am Eingang saß ein Kerl, den man absolut nur zum Freund oder zu Nichts haben will – auf gar keinen Fall zum Feind. Glatze, schwarzes T-Shirt, ärmellose Weste. Auf der Glatze einige chinesische Schriftzeichen und beide Arme bis hoch zu den Achselhöhlen tätowiert mit grünschwarzen, feuerspuckenden Drachen.
„Den fragen wir“, sagt Carl Christian und ist schon am Fenster. Noch bevor er etwas sagen konnte redete der schwarze Drache mit der Glatze:
„Ihr seid zu spät, Jungs!“
„Wieso zu spät?“
„Eure Zeit hier ist doch schon vor 20 Jahren abgelaufen. Kontrolliert ihr denn überhaupt nicht euer Verfallsdatum bevor ihr euch auf den Weg macht?“
Das hörte sich so cool an, dass man stark annehmen musste, dass er mit diesen Worten schon manchen einen Vati oder Opi am Discoeingang empfangen hat.
„Wir wollen ja gar nicht rein, wenn du vielleicht nur mal eben Friederike Herma Winter holen könntest. Wir müssen mit ihr reden“, und dann schickte Nobbi noch hinterher: „Ist ganz wichtig!“
„Eeii, was glaubt ihr denn, wo ihr hier seid? Seht ihr nicht, dass ich zu tun habe?“
Carls Idee! Er öffnet das Portemonnaie und schiebt dem Glatzkopf 20 Euro entgegen.
„Und nun? Geht es nun?“
„Sagt mal, wollt ihr mich verscheißern?  Der Haufen muss mindestens doppelt so hoch sein, damit ich ihn auch erkennen kann. Hab was mit die Augen!“
Carl verstand, blöd ist er ja nicht. Leider hatte er nur noch einen 50 Euro Schein in der Tasche. Der Fünfziger lag auf der Ablage und eigentlich wollte er den Zwanziger wieder einstecken. Der Drache war schneller. Blitzschnell zog er beide Scheine zu sich und fragte mit eben noch für nicht möglich gehaltener Freundlichkeit:
„Wie heißt die noch mal, die Kleine, die ich für euch holen soll?“
„Friederike, Herma Winter“, brachten die beiden Kolbinger fast zeitgleich vor.
Und wenn ihr nun glaubt, dass der schwarze Drache aufgestanden wäre, habt ihr euch getäuscht. Er drückte ein kleines Knöpfchen auf dem Schaltpult vor sich,  neigte sich etwas zu einem Mikrofon, das daraus hervor ragte und dann konnten sie auch schon seine Durchsage sowohl aus dem Glasverschlag als auch aus den Lautsprechern in der Disco hören:
„Die kleine Friederike Herma - Pause – ja so heißt sie wirklich. Also die kleine Friederike, Herma Winter soll eben mal kurz das Kinderparadies verlassen. Am Eingang stehen ihre Opas und wollen mit ihr reden.“
Die Durchsage war noch nicht ganz verhallt, als die zweiflügelige Tür nach außen aufschwang und eine schaulustige Meute von Mädchen und Jungen in bester Feierlaune  sich in geringem Abstand. um die „Opas“ arrangierte. Nur mal eben sehen, wer die Opas  und wer Friederike, Herma Winter ist.
Friederike kam nicht. Stattdessen löste sich ein Mädchen mit rotem Lockenkopf, einen Jungen an der Hand hinter sich her ziehend aus dem Pulk.
„Friederike ist nicht da. Die ist heute in Heinbockel.“

Schon auf der B 73 in Richtung Stade fällt Carl Christian ein, dass er 70 € für die Lautsprecherdurchsage bezahlt hat. Unglaublich! Und Friederike war nicht einmal da.
„Wir sollten uns wenigstens einen Teil des Geldes wieder zurückholen. Hat doch nix  getan dafür, der Glatzkopf mit den chinesischen Hieroglyphen oder Runen. Wat auch immer. Er hat nix, aber auch gar nix dafür getan außer diesen scheißblöden Spruch mit den Opas durchs Mikro zu jagen.“
„Also“, fällt Nobbi dazu nur ein, „wenn du mit „wir“ auch mich meinst, hast du dich geschnitten. Ich dreh um; aber rein gehen musst du schon alleine. Ich brauch meine Knochen morgen noch zum Melken! Also, willst du?“
„Nö, aber kannst mir ja wenigstens 35 € geben.“ Als nach kurzer Pause immer noch keine Antwort kam, setzte er hinzu: „ Ach lass man, wir machen Umlage für unsere Unkosten. Denn kannst  auch Kilometer einsetzen.“

Heinbockel Disco! Fängt schon an mit dem Parkplatz. Alles dicht! Als die beiden an der Kasse ankamen ging das Gefrotzel gleich wieder los. Haben die aus Lüdingworth hier angerufen?
„Nur dass das klar ist, mit Seniorenpass läuft hier gar nichts. Mädchen frei, ihr zahlt.“
Carl Christian guckt sich den Kerl an während Nobbi sein Portemonnaie zückt und denkt: „Ohne Ganzkörper Tattoos kein Job in dieser Branche.“
Mein Gott! Sie hatten schon ganz vergessen, was sie hier erwarten würde. Krach, Lichtreflexe, Schweiß- und andere Körpergerüche, Bier, Schnaps und? Das ist doch das Aroma von Gras? Carl Christian kommt zwar vom Dorf; aber dass dies nicht der Geruch von dem Gras ist, das er tagelang in seine Futtersilos fährt, war ihm sofort aufgefallen. Er nimmt noch eine Nase voll und überlegt in Gedanken versunken, wo er dieses „Gras“ das letzte Mal geraucht hat.
„Pass doch auf, du Trottel!“
Er hatte ein Mädchen, das sich gerade mit zwei Gläsern durch die Menge zwängte, angerempelt.
„Charlotte!“
„Papa!“
„Ich denk du bist auf dem Geburtstag der Geerdts Zwillinge in Bilge.“
„Und du, Papa, was machst du hier?“
„Was?“
Der Krach ist kaum zu übertönen.
„Was machst du hier Papa?“
„Ich will mich mit Friederike Winter treffen!“
Charlotte starrt ihren Vater fassungslos an.
„Weiß Mama davon?“
„Nö, hat sich ja erst ganz kurzfristig ergeben, nach dem Melken. Onkel Nobbi ist auch hinter ihr her. Wo steckt der denn  jetzt? Mist, einen verloren und die andere nicht gefunden. Weißt du wo sie sein könnte?“
Charlotte kann das alles nicht glauben. Onkel Nobbi, der einzige aus der Verwandtschaft, der fast jeden Sonntag in die Kirche geht. Ihr Patenonkel Nobbi, der der Tante Alex immer auf den Hintern klatscht und lauthals verkündet, dass sie gemeinsam durch dick und dünn gehen „bis dass der Tod uns scheidet“. Im Fernsehen gibt es so etwas zwischen alten Männern und jungen Mädchen. Aber ihr Papa und Onkel Nobbi auch?! Mit schwarzer Schminke vermischte Tränen laufen ihr übers Gesicht. Sie kippt erst das eine Glas „Mischung“ runter und dann das andere hinterher.
„Wie kannst du das Mama nur antun? Und dann hier. Das ist doch alles nur peinlich. Ich will hier weg!“
Nobbi kommt zurück.
„Charly, meine Kleine, gib deinem Lieblingsonkel ein Küsschen!“
Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen als er im Gesicht schon die Hitze spürte, die Charlottes flache Hand dort hinterlassen hatte. Charlotte strebt dem Ausgang entgegen, die beiden Männer folgen ihr so gut es eben ging. Vor den Toilettentüren kurz vorm Ausgang packte Carl Christian Wüst seine Tochter am Arm und hinderte sie am Verlassen der Disco.

„Hör mal Süße, sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“
Das war einer von den Ganzkörpertätowierten, die fast den ganzen Abend nichts anderes als „Ausweis!“ oder superwitzige Sprüche wie: „Lass dich nicht wieder erwischen mit dem Perso deiner Freundin! Oder: Wenn die Milchzähne raus sind, kannste wiederkommen!“ sagen.
„Schon gut, ist mein Vater!“
„Hör mal, das ist ganz anders, als du denkst…“
Nach mehreren Anläufen gelang es den beiden, Charlotte von ihrer Unschuld zu überzeugen und sie sogar aktiv in die Suche nach Friederike Winter einzubeziehen.
„Bleibt ihr mal hier, ich glaube zu wissen, wo ich suchen muss.“
Charlotte begab sich wieder ins Halbdunkel hinein, in das Gemisch von Musik, Stimmen, Düften und Gerüchen.

Es war so, wie sie vermutet  hatte. Friederike tanzte hinten auf der Tanzfläche wild und ausgelassen mit einigen Freundinnen. Die Jungen standen am Tresen, unterhielten sich über Autos, Milcherträge, Schule und natürlich über all die „Bräute“, die es hier in ganz anderen Mengen und Ausführungen als im fernen Kolbingen gab. Nur schön aufpassen und kein falsches Wort. Es wäre nicht das erste Mal, dass es etwas in die Fresse gibt (O-Ton von Bulli Tomforde).
Charlotte steuert zielstrebig auf Friederike zu. Sie kennen sich nur flüchtig, Rieke ist einige Jahre älter als Charlotte.
„Mein Vater sucht dich!“ schreit sie gegen den Lärm an.
„Was?“
„Mein Vater sucht dich!“
„Spinnst du?“
„Nein, mein Onkel sucht dich auch!“
„Hör mal, Kleines, verarschen kann ich mich selber!“
„Komm mit. Die beiden warten am Ausgang. Die wollen dich zur Königin machen!“
„Geht’s noch? Das nächste Mal anständig Abendbrot essen vor dem Kiffen!“
„Komm mit, sonst hol ich sie rein!“
„Nervensäge. Kann was erleben, wenn die mich verarscht“, denkt Friedel und folgt Charlotte zum Ausgang.
„Hätt ich nun nicht geglaubt“, sprach sie eher zu sich als sie bei den beiden ihr bekannten Milchbauern ankam.
„Mensch Friederike, wie schön, dass wir dich gefunden haben. Wir müssen mit dir reden. Willst du Kolbinger Milchkönigin werden?“ Vater Wüst guckt Friedel mit fragendem Blick an. Als immer noch keine Antwort kam, setzte Onkel Nobbi nach:
„Du weißt doch, stand doch in der Kolbinger! Königin für Grüne Woche gesucht!“

Es dauerte einige Zeit bis Friederike, die Milchkönigin in Spe, alle Zusammenhänge und die Dringlichkeit der Milchbauern Mission begriffen hatte. Wenn es noch etwas werden sollte mit der ersten Königin in der Familie Winter, war wirklich Eile geboten. Nobbi klingelte bei Marga Schütt an, die schon geschlafen hatte, um ihr mit zu teilen, dass sie in 45 Minuten mit der Milchkönigin bei ihr zum Maßnehmen  vorbeikämen.
Die beiden Mädchen holten ihre Jacken und Taschen und verabschiedeten sich noch von ihren Freunden.
Friederike spürte die Wirkung der vielen verschieden bunten Getränke, und ließ sich auf der Rückbank des Autos gegen die schmächtige Charlotte fallen.
„Geht’s euch gut dahinten?“
„Das heißt: Geht’s euch gut da hinten , eure Majestät! Ihr habt es hier mit einer echten Königin zu tun. Iss doch nich suviel verlangt, wenn ihr die Etiketten einhaltet.“
Friederike freut sich über ihre gelungene Zurechtweisung des gemeinen Volkes.

„Charlotte, magst du Mama anrufen und ihr sagen, dass sie sich keine Sorgen machen soll.“
Es dauerte eine Ewigkeit, bis Mama Wüst ans Telefon ging.
„Jaaa!“
„Mama, bist du es?“
„Jaa, ist ja sonst keiner da und Papa hört das Telefon nicht, wenn er einmal schläft. Is was passiert? Wo bist du?“
„Erklär ich dir später. Papa hat gesagt, dass ich dir sagen soll, dass du dir keine Sorgen machen sollst.“
„Wieso Papa, der ist doch hier. Oh! Der ist ja gar nicht in seinem Bett.“
„Sagt sie doch, Täubchen, hör einfach mal zuuhu, wenn deine große Tochter mit dir spricht“, säuselt Friederike von der Seite ins Telefon.
„Papa ist bei mir. Onkel Nobbi übrigens auch. Die beiden waren bei Janssen in Lüdingworth und in Heinbockel. Die waren hinter Rieke Winter hinterher. Nun wollen sie noch…“
„Und nun ha´m sie mich, die beiden Süßen!“
„Mama, Mama! Nichts zu hören.  Kein Empfang. Mist!“

Gisela Wüst war plötzlich hellwach.
„Das war doch Charlotte am Telefon. Carlis Bett ist leer. Nobbi und Carli mit Friedel Winter? Hätte ich im Traum nicht gedacht.“
Gisela drückt die Schnellwahltaste für Nobbi und Alex. Mensch, mach schon. Oh, ist ja schon 1.35 Uhr.
„Suhrbier, hallo, es ist mitten in der Nacht!“
„Alex ich bin es. Ist Nobbi zu Hause?“
„Nee, der ist schon nach dem Melken zu einer Versammlung. Was ist denn los. Ist er mit Carli versackt?“
„Ich verstehe das nicht, Charlotte hat eben angerufen. Nobbi und Carli waren  mit Friederike Winter in Heinbockel. Die war da auch am Telefon zu hören. Keine Ahnung, was Charlotte damit zu tun hat, war heute zum Geburtstag in Bilge, hätte doch längst schon hier sein müssen.“
„Das ist ja ´ne linke Tour. Mir sagt er, dass er Sitzung hat. Carli auch zur Sitzung? Merkst du überhaupt noch ´was, mein Schwesterlein? Die sind in die Disco zum Fischen. Und wen haben sie an der Angel? Friederike, Herma Winter, das Flittchen. Das hätte ich nicht gedacht!“
„Warum Charlotte dabei? Warum ziehen die Dreckskerle auch noch meine Charly in ihre  schmutzigen Machenschaften rein?“ denkt Gisela während sie ihrer Schwester zuhört.
„Alex, ich lass mich scheiden.“
„Komm mal runter. Wer wird denn gleich an Scheidung denken? Was wird mit den Kindern? Was soll mit dem Hof geschehen? Nee, Gisela, die machen wir fertig – ohne Scheidung! Und nun gute Nacht, um 5 Uhr ruft der Melkstand!“
Sprach´s und legte auf. Ja so ist Alex. So war sie schon immer! Nicht aufgeben und immer eine Idee.
Gisela fröstelt, nimmt das Telefon mit und kriecht unter die warme Bettdecke.
„Carli, ach Carli“, seufzt Giselchen.
So nennt  er sie immer, wenn er zärtlich wird. Im nächsten Moment entfährt ihr dann aber:
„Scheißkerl, sieh zu, wo du bleibst!“
Sie springt aus dem Bett, steckt den Haustürschlüssel von innen auf und verschließt die Schlafstubentür.

„Wach auf, Friederike, wir sind da.“
Das Auto steht vor dem Haus der attraktiven, ledigen Schneiderin Marga Schütt. Marga empfängt die kleine Gesellschaft an der Haustür im Morgenrock. Ein Blick über die Dorfstraße. Hat doch hoffentlich niemand gesehen, was hier passiert.
Es war alles gut vorbereitet in ihrem kleinen „Atelier“.  Zu den Männern gewandt sagt Marga:
„Ihr setzt euch aufs Sofa und Friedel und Charlotte, ihr kommt mit rüber in die Nähstube. Dauert nicht lange. Wenn ich die Maße habe, könnt ihr nach Hause, ausschlafen. Ich kann dann morgen schon mit Thekla anfangen. Um 17 Uhr ist Anprobe.“

Friedel steht im Schlüpfer und BH auf dem kleinen Schemel und wird nach allen Regeln der Kunst vermessen. Charlotte fallen fast die Augen zu. Vom Sofa kommen Schnarch Geräusche.
 „Die brauchen bloß zu sitzen und dann knacken sie schon weg“, denkt Charlotte. Oh, Mama! Hier ist bestimmt wieder Empfang, ich muss sie anrufen.“
„Mama?“
„Charlotte, was in Herr Gotts Namen läuft hier ab? Du kommst sofort nach Hause!“
„Geht nicht Mama, wir sind hier bei Marga..“
„Marga Schütt?“
„Ja“
Das passt ja wieder alles zusammen. Marga hatte sich doch so rührend auf dem Schützenfest um Carli gekümmert, als es ihm zwischenzeitlich hinterm Zelt so schlecht ging. Und ich dumme Kuh glaubte noch an 1. Hilfe oder andere edle Motive.
„Charly, du kommst sofort nach Hause, hörst du?!“
„Geht nicht, Mama, so lange Friederike noch in Unterwäsche ist. Papa und Onkel Nobbi schlafen auf dem Sofa und erst, wenn Marga mit Friedel fertig ist, versuche ich sie wach zu bekommen. Marga hat schon gesagt, dass sie hier auch weiter schlafen dürfen,  wenn wir sie nicht wach bekommen. Dann kümmert sie sich um die beiden und Friederike ist dann auch wieder so nüchtern, dass sie mich mit Nobbis Auto nach Hause bringen kann. Sie kann dann ja bei mir schlafen.“
„Sieh zu, dass du Papa mitbringst und das Flittchen kommt mir nicht auf den Hof. Ich rufe Alex an, damit sie Nobbi aus diesem Sündenbabel herausholt. Kennt doch keine Scham, die Schneiderschlampe!“
Giselchen hat sich richtig in Rage geredet.
„Mama, Mama! Mama! Bist du noch dran?“
Mama hatte aufgelegt. Was ist das alles schräg?!  Friederike war wieder angezogen.
„Papa, Onkel Nobbi, aufwachen! Wir wollen los!“

Nobbi ließ Charlotte und Carli vor deren Haustür aussteigen, um dann noch Friederike auf seinem Weg nach Hause abzusetzen.
Die Haustür ließ sich weder mit Charlottes noch mit Carlis Schlüssel öffnen. Es steckte ein Schlüssel von Innen im Schloss. Carli klingelte Sturm. Jenseits der Tür kläffte  Deutsch Langhaar Benno in freudiger Erwartung der beiden heimgekehrten Familienmitglieder.  Papa Wüst probiert Steinchen gegen das Schlafzimmerfenster zu werfen und ruft immer wieder nach seiner Frau. Derweil versucht Charlotte es noch einmal mit dem Handy. Sie hört das Telefon im Haus durch die geschlossenen Fenster, nur ihre Mutter scheint nichts zu hören.
„Ist doch wohl nichts passiert“? fragt Carl seine Tochter.
„Nein. Ich glaube, dass sie auf uns sauer ist.“
„Warum das denn? Sonst schläft sie doch auch schon, wenn ich einmal später von einer Versammlung komme.“
„Ich glaube, das ist so, weil sie denkt, dass Nobbi und besonders  du etwas mit Marga Schütt und Friederike am Laufen habt.“
„Ich glaub es nicht, die spinnt doch. Ich geh´ in die Abkalbbox, die hab´ ich gestern frisch eingestreut. Vielleicht kann ich noch ein wenig vor dem Melken wegdösen.“
„Warte“, ruft Charlotte ihm nach, „ich komme mit.“
Während  Carl Christian sich ins Stroh legte, schrieb Tochter Charlotte noch eine SMS an ihre Mutter. Obwohl Gisela manchmal für einige Tage nicht weiß, wo überhaupt ihr Handy liegt, könnte es vielleicht klappen.
„Liebe Mama, was ist bloß los? Nichts ist passiert. Alles nur, weil Friederike die Milchkönigin werden soll. Marga näht ihr Kostüm. Ich war in Heinbockel, Tschuldigung wegen Lüge. Habe Papa und Onkel Nobbi da getroffen. Schock. Dachte die holen mich. Bitte melde dich! Sind im Stall.“
Sie haben wohl ein wenig geschlafen und wurden durch die Unruhe der Kühe im Stall geweckt, die zu ihrer gewohnten Zeit auf ihre Kraftfutter Ration und die Entleerung der übervollen Euter warteten. So kam es, dass Charlotte in Mamas Melkkittel mit Disco Outfit drunter zum ersten Mal ihrem Vater beim Melken half.
Kaum, dass das Melkkarussell abgespritzt und alles für den nächsten Durchgang vorbereitet war, klingelte Charlottes Handy.
„Hallo Mama.“
„Ja, wie soll ich die SMS von dir verstehen? Hab´ ich mich völlig grundlos aufgeregt?“
Charlotte versuchte Licht ins Dunkel zu bringen, soweit es durchs Telefon möglich war. Benno sprang plötzlich laut kläffend um Carli und Charlotte herum.
„Das Haus ist offen“, kombiniert Charlotte richtig.
„Ich mach denn mal Frühstück, ihr könnt rein kommen“, hört sie Giselas versöhnliche Stimme, bevor das Gespräch abbrach.

Und nun steht sie hier, die Milchkönigin, in ihrem so wunderschön geschneiderten weißen Kleid und dem zarten Goldkrönchen auf dem Kopf. Marga und Thekla zerfließen fast vor Stolz als Friederike sich per Mikrofon vor allen Leuten in der Halle bei ihnen bedankt.
„Ohne euch, Marga und Thekla, hätte ich niemals dieses schöne Kleid und ich hätte nicht hier dabei sein können.“
Das wäre ohnehin beinahe schief gegangen, weil Carl Christian Wüst bei all der Aufregung  fast vergessen hatte, die Milchkönigin offiziell anzumelden.
Beifall für die Näherin aber auch für die bezaubernde Milchkönigin, in der viele der hier anwesenden erst Friederike Herma Winter erkannten, nachdem sie mit Namen vorgestellt wurde.

„Wir kommen nun zum Auswahlverfahren.  Kann mal jemand draußen Bescheid geben?“ Während  Gaby Melzer weiter spricht, strömen Musiker, Biertrinker und Bratwurstesser zurück in die Halle. In einigen Fällen traf alles auf eine Person zu. So zum Beispiel bei Henry Heinsohn. Seine Trommel hatte er umgehängt, die Trommelstäbe ragten aus der Jackentasche, in der einen Hand hält er das Bierglas und in der anderen die Würstchenpappe mit Wurst, Senf, Mayo und Ketchup. „Fürst Pückler“ nennt Klausi Fretwurst diese Kombi und, wenn er „Pückler“? über seinen Tresen fragt, weiß jeder in Kolbingen, was gemeint ist. Wenn dann wirklich einmal jemand irritiert nachfragt, guckt Klausi hoch von seinen Würsten, um zu sehen, wen es aus fernen Landen hierher an seine „Würstchenschmiede“ verschlagen hat.
Gaby Melzer bekommt einen Zettel von Conny Rathje zugeschoben.
„Bitte kein Essen und keine Getränke mit in die Halle nehmen!“
Conny Rathje dachte schon mit Schrecken an die Spuren von Wurst, Mayo, Ketchup, Senf und Bier, um die er sich würde kümmern müssen, wenn schon alle zu Hause sind. Morgen früh stehen hier zwei Schulklassen bereit für den Sportunterricht. Besonders einer von den Sportlehrern, Georg Schultebier, der einzige Lehrer an der ganzen Schule, mit dem Conny Rathje sich nicht duzt, würde beim kleinsten Ketchup Fleck sofort beim Schulträger anrufen und sich dagegen verwahren, dass die „Schulsportstätte“ als öffentlicher Partyraum missbraucht worden sei.
„Ja, ja“, denkt Conny, „die gehen alle nach Hause und für mich geht die Arbeit dann erst richtig los.“ Obwohl er den Reinigungskräften immer einiges abverlangte und er einige von ihnen in der Halle entdeckt hat, mochte er nicht so weit gehen, sie nach der Veranstaltung zur Reinigung der Halle aufzufordern.
„Vielleicht“, denkt er, „kommt Karin Sethmann ja nachher und hilft mir. Die ist ja ´ne ganz Gutmütige.“
„Also“, erklingt Melzers Stimme, „jede und jeder hier im Saal darf ein Kreuz seiner Wahl auf dem Stimmzettel machen. Die Zählkommission wird dann die Stimmenzahl pro Majestät ermitteln Aus der Stimmenzahl ergibt sich eine Rangfolge von 1-17. Der Rang ergibt die Punktzahl, mit der die Majestät in das Urteil der Jury einfließt. Mehr als ein Kreuz auf dem Stimmzettel machen den Zettel ungültig. Also, ganz wichtig, ein Kreuz pro Zettel!“
Inzwischen sind auch alle Stehplätze beiderseits der Jury besetzt. Die Freunde der Weißkohlkönigin haben im Laufe des Abends, nachdem sie gesehen hatten mit wie viel Stimmen die Moorer aufwarten können,  eine beispiellose Telefonkampagne gestartet. Tönjes Geerdts aus Hörne, der Opa der Geerdts Zwillinge,  wurde sogar mit dem Rollstuhl in die Halle gefahren und durfte direkt neben der Jury stehen. Die Handyaktion hat mindestens  60 zusätzliche Stimmen gebracht – natürlich für Kohl Hiesels Tochter. So hofften jedenfalls die cleveren Wahlhelferinnen und Wahlhelfer der Landjugend.
Die Bäcker haben das dann auch versucht, haben die telefonische Wählermobilisierung aber bald aufgegeben „wegen zu schlechter Vernetzung“ wie Teamchef  Hinnerk Holtkamp gefrustet feststellen musste. Die Bäcker haben einfach zu wenige Nummern auf ihren Handys. Hinnerk hatte schon aufgegeben an eine Stutenkönigin in Berlin auf der Grünen Woche zu glauben.
„Das  war´s  dann wohl, Natascha, nach Berlin kommst du nicht. Aber wenn du nach Kiew zurückkehrst, kannst du überall erzählen, dass du die Stutenkönigin von Kolbingen geworden bist“, sagt er leise und deutlich enttäuscht vor sich her.

Gut, dass Anja die Schulassistentin der Oberschule, in der Halle war. Sie konnte schnell noch 300 Stimmzettel nachdrucken, als sich abzeichnete, dass selbst die in sehr hoher Auflage gedruckten Zettel nicht ausreichen würden. Die Verteilung und das Einsammeln der Publikumsstimmen verlaufen reibungslos. Die Jury behält alles im Blick, es scheint keinen Schmu zu geben. In der Jury hatte man sich geeinigt, das Gesamtergebnis des Publikums wie die Bewertung eines  Jurymitgliedes in die Auswahl einfließen zu lassen. Immerhin, das Publikum hat damit ein Mitbestimmungsrecht von 25%. Wenn das keine Basisdemokratie ist! Die Mitglieder der Jury vergaben nach ihrem Reglement bis zu 17 Punkte pro Majestät. Die Punktzahl richtet sich hier nach dem Rang. Setzt Gaby Melzer zum Beispiel die Milchkönigin auf Rang 1 bekommt sie 17 Punkte. Die Bienenkönigin, die von ihr auf  Rang 17 gesetzt wird, erhält nur einen Punkt.  Falls ein Jurymitglied nicht alle Ränge festlegt, verfallen Punkte. Die maximale Punktzahl, die eine Majestät erreichen kann, ist  4 X 17 = 68. Die niedrigste Punktzahl kann theoretisch nur 4 Punkte betragen. Dann nämlich, wenn zum Beispiel  die Stutenkönigin oder die Bienenkönigin sowohl vom Publikum als auch von den drei Jurymitgliedern auf Rang 17 gesetzt werden.
„Ist doch eigentlich ganz leicht zu verstehen, oder Herr Ehlers?“
Der Vorsitzende hatte es nicht verstanden und Gaby Melzer brauchte einig Minuten, um ihm ihr „leichtes“ System noch einmal zu erklären.
Die Auszählung der über 900 Publikumsstimmen stellte sich trotz der 20 Wahlhelfer in den hellblauen T-Shirts als erheblich umständlicher und langwieriger heraus, als von Gaby Melzer vorhergesehen. Der Moorer Spielmannszug zeigt schon leichte Auflösungserscheinungen. Und das nicht nur, was die Kleidung betrifft. Werner Breckwoldt liegt auf seiner großen Kesselpauke und schläft. Einige Instrumente stehen oder liegen inzwischen herrenlos vor den restlichen, noch einsatzbereiten Musikanten. Ihre Besitzerinnen und Besitzer bekämpfen längst schon wieder Durst und Hunger vor der Halle. Klausis Würstchenschmiede musste schon zwei Mal eine Pause einlegen, weil der Nachschub nicht so recht rollen wollte. Auch Heller Herwein hat inzwischen schon eine Nachlieferung bekommen. Es lohnt sich heute. Das vierte Fass hängt an der Anlage und noch ist der Abend lange nicht zu Ende.
Nur noch knapp die Hälfte der Moorer Spielleute sind im Einsatz. Dennoch sind sie gut zu hören. Obwohl sie über ein gutes Repertoire verfügen, ist jedes 2. Lied das Anneliese Lied. Das hat den Fan Club der Hannoveraner Königin, überwiegend Pferdezüchter aus der Marsch, derartig auf die Palme gebracht, dass Paul von Thun, immer gut für einen Spaß, vier seiner Freunde angestiftet hat, einen halben Liter Bier zu opfern. Zu fünft gingen sie mit den gefüllten Gläsern zur Musik. Als dann wieder „Anne, Anne, Anneliese, …“ erklang, hörte man Pauls kräftige Stimme:
„Eins, zwei, drei, jetzt!“
Alle zugleich kippten dem armen Schorsch Beckmann aus Klinkerdeich ihr Bier in den großen Trichter seiner Tuba.
 Das war nicht nett.
Das Gerät, gerade erst von der Kreissparkasse gestiftet, sündhaft teuer und noch nicht ganz eingespielt, verstummt schlagartig. Das Anneliese Lied verstummt auch, zuletzt schweigen zwei kleine Querflöten, gespielt von Schülerinnen der Oberschule. Dieter Schmarje mit dem Schellenbaum schnappt sich Paul von Thun am Kragen. Hätten  Gaby Melzer und der Bürgermeister nicht sofort eingegriffen, es hätte eine Prügelei gegeben, wie sie früher, also ganz früher, gleich nach dem Krieg, zwischen Moorern und Marschbewohnern auf jedem Schützenfest üblich waren. Die Moorer ließen sich erst beruhigen, nachdem von Thun und seine Freunde sich über Mikro entschuldigt und  bereit erklärt hatten für eventuelle Schäden am Musikinstrument aufkommen zu wollen. Kurze Zeit später standen die Spaßvögel wieder mit gefüllten Gläsern  am Bierwagen. Mit ihnen zusammen zahlreiche Moorer, die zu Recht vermutet hatten, dass hier manch ein kostenloses Versöhnungsbier fließen könnte.
Helle Herwein war es egal, wer ihm sein Bier bezahlte.
Auch Heino Buhrfeindt hat später dann nicht mehr musiziert. Seine Trompete wollte nicht mehr. Nicht so schlimm, konnte er doch nun ohne Unterbrechung am Bierwagen stehen. Viel später erst, vor dem nächsten Übungsabend, fand er die Ursache für das hartnäckige Schweigen seines Instrumentes heraus: Irgendein Spaßvogel hatte das Mundstück von der Trompete abgezogen, ein Stück Krakauer Wurst hineingestopft und dann, als wäre nichts geschehen, das Mundstück wieder aufgesetzt.
Wer immer das war, auch das war nicht nett!

22 Uhr, Gaby Melzer verkündet das vorläufige amtliche Endergebnis der Publikumsbefragung. Vorläufig, weil man sicherheitshalber noch eine Kontrollzählung vornehmen wollte. Die Halle füllt sich wieder.
Paula Heinsohn hat nicht verstanden, was da durch den Lautsprecher kam. Gefreut hat sie sich aber. Eben war sie noch Zwölfte in der Wurstschlange und plötzlich, ohne, dass sie auch nur einen vor sich darum gebeten hat, was sie an Kloschlangen  schon manchmal tut, haben ihr alle den Vortritt gelassen. So kam sie dann noch zeitig genug in die Halle zurück. Nix verpasst und noch ´ne  Wurst in der Hand!
„Wir kommen zur Publikumsbewertung.  Ein Punkt geht an die Wachtelkönigin.“ Braver Applaus.
„2 Punkte für die Radler Königin Hildegard Radlusz“, fährt  Gaby Melzer zügig fort, kaum den mäßigen Beifall abwartend.
„3 Punkte für die Bahnkönigin der Friedeberger Leichtathletinnen und 4 Punkte an die Bienenkönigin.“  Aus der kleinen Fan Ecke  ertönt das Lied von der Biene Maja.
„Und nun, wie ich finde, die Überraschung: Gerlinde Coolwater holt 5 Punkte für die Kneippgruppe. 6 Punkte für die Anti-königin Melanie Pickenpack.“
Völlig deplatziert ertönt ein langgezogener Pfiff von der Tribüne.
„Und das wird unsere Kartoffelfreunde vom Eesch freuen: 7 Punkte für die Kartoffelkönigin Sarah Bauknecht! Natascha Mircowa, die Stutenkönigin, wird ganz knapp geschlagen von der Pudelkönigin Cindy Roth! 9 Punkte für die Pudelkönigin.“
„Gut Holz! Gut Holz! Gut Holz!“ tönt es aus ungefähr 40 Kegler Hälsen von der Tribüne.
„Und nun 10 Punkte an unsere Hannoveraner Königin Hella Rossmann!“
Hella wippt mit dem Kopf auf und ab und bedankt sich mit einem temperamentvollen Hufgeklapper auf dem Hallenparkett. Ihre Freunde vom Züchterverband lassen Hella allein mit ihrem Achtungserfolg. Immerhin steht sie auf Platz 6 von 17! Paul von Thun, Heini Holthusen, Krischan Eggerkamp und viele andere Hannoveraner Züchter hätten jetzt Gelegenheit auf Hella Rossmanns Erfolg zu trinken. Weil diese gute Nachricht durch die fröhlichen Zecher rund um Helle Herweins Bierwagen sie nicht erreicht, müssen sie weiterhin  Runde um Runde auf die Versöhnung mit den Moorern trinken.  Die Moorer langen kräftig zu. Die Biere werden getrunken, wie sie kommen. Und, was besondere Freude macht, sie kommen umsonst!
Vor Paul von Thun muss kein Moorer Musikant Angst haben. Er sitzt auf einem leeren Bierfass, stützt sich an der Ecke vom Holstenkarren  ab und bekommt das Bierglas kaum noch an die Lippen. Er kann froh sein, wenn er das Bier in seinen Mund bekommt. Die große Öffnung der Tuba in zwei Meter Höhe zu treffen, stellt in seinem jetzigen Zustand eine unlösbare Aufgabe dar.
Gejohle und Gekreische dringt von der Hallentür auf den Platz.
„Was ist los da drinnen?“ schreit Helle über die Köpfe der Zecher vor seinem Wagen.
„Nüttingkien hat´n Preis bekommen“, antwortet ein nicht mehr ganz standfester Anhänger der Biene Maja, der soeben aus der Halle kommt, um für seine Freunde ein Tablett voll von dem kleinen roten „Nektar“ zu holen. Inzwischen freut man sich im Imkerkreis schon mehr auf die Nektar Runden als über den 10. Platz der Königin Helga Sumfleth.
Helga sitzt etwas abseits auf der Tribüne. Es gefällt ihr überhaupt nicht, dass ihr Freund Kevin zu dem Kreis derer zählt, die ein ums andere Glas auf das Wohl ihrer Bienenkönigin runterkippen. Er wollte sie doch noch nach Hause fahren.  Melvin Cordt kann auch schon lange nicht mehr fahren. Die Biene-Maja-Haube verrutscht. So, wie Helga Sumfleth im Moment aussieht, hätte es wohl kaum zum 10. Platz gereicht.
Natürlich hat die „Nüttingkien“ keinen Preis bekommen. Gaby Melzer hatte nur gerade verkündet, dass die „Knitting Queen“ mit ihrer Stricknadelkrone 11 Punkte eingefahren hat. Damit hatte der Strickzirkel nun wirklich nicht gerechnet. Ein 7. Platz! Queens Mom, Liesel Strucks Mutter wird von Lotte Hansen in die Arme genommen und kräftig gedrückt – so kräftig, dass ihr fast die Luft weg blieb und der oberste Blusenknopf wegplatzte.
„Knitting Queen! Knitting Queen! Knitting Queen!“ skandierten die Knüttertanten um Sabena Fokken-Pätzel tanzend und hüpfend auf der Tribüne.
Selbst  Konstanze von der Decken riss es von ihrem Tribünensitz und sie fiel mit ein in den rhythmischen, vom Händeklatschen begleiteten  Chor der Knüttelfrauen. Anglizismen in der deutschen Sprache waren im Freudenrausch absolut zweitrangig.
Freya von der Decken vom Insel Gut Krautsand, Konstanzes  etwas unkonventionelle Cousine , glaubte ihren Augen nicht zu trauen.
Platz 6 ging überraschend an die Fährkönigin.
„Hey, hey mister ferryman, ..“
Ihre relativ kleine Fangemeinde bestehend aus 12 breitschultrigen Fährmännern in den Jacken des Fährbetriebes stimmten ihren Firmen Song an, den sie von Harry Bellafonte ausgeliehen haben.
„13 Punkte für unsere bezaubernde …. Milchkönigin Friederike Herma Winter!“
Diese kleine, spannungssteigernde Pause hat die Melzer sich im Fernsehen abgeguckt. Das kommt echt ganz gut, selbst Helge Ehlers kann ihr eine gewisse Anerkennung nicht verweigern, obwohl ihm eigentlich das gewandte Auftreten seiner Geschäftsführerin immer ein wenig suspekt ist.
Paula Heinsohn tickt Fine Riecken in deren weiche Seite, bis sie endlich merkt, dass Paula etwas von ihr will.
„Wat willst du, Paula?“
„Fine, nu hört sick doch allens op. Nu is de Winter de Milchkeunigin?! Is dat nich diene Annelies? De heb ick doch wählt un nich de Winter. Wenn dat man keen Schmu is. Ick ha bi lütten dat ganze Keunigin Spektokel bannich ünner Wind!“
„Annelies is de Moor Keunigin un de hebt se noch gor nich opröpt. De het dat wohl op een von´e  veer ersten Plätz schafft, wenn ick dat richtich verstoh.“
„Un ick dacht schon dat de Wintersche uus Annelies von Trohn stött hett. Denn ha wi von´t Moor oober Rewoluschion mookt. Kannst oober een op nehm!“

Die Ausgangslage für Friederike ist nicht schlecht. Die vereinigten MMB (Marsch- oder Moor Milch Betriebe) sind sehr zufrieden. Carl Christian Wüst drückt seine Gisela und Marga nimmt ihre Nähfreundin Thekla etwas länger in den Arm, als es unter Kolleginnen üblich ist.
„Haben die ´was miteinander?“ fragt sich Charlotte Wüst, als sie mitbekam wie Thekla Marga mitten auf den Mund küsste. Onkel Nobbi nervt mit einer Kuhglocke, die er von einer Bildungsreise des Bauernverbandes aus dem Allgäu mitgebracht hat.
„Auf Platz 4 finden wiiir die Kööööniigin mit dem Vogel in der Krone – die Zaunkönigin Samantha …!“
Gaby Melzers Stimme ging unter im Beifall  für Samantha Meyer.  Witti wirft einen Kontrollblick auf Hansi Hampe. Der sitzt aber gar nicht mehr neben ihr. Stattdessen hat sich Hinnerk Holtkamp, der Bäcker, neben sie gesetzt. Hampe hat sich unbemerkt zu seinen Schützenbrüdern am anderen Ende der Halle begeben. Von hier konnte er Samantha ungestört seine Sympathie  durch Klatschen und etwas unpassende „Bravo“ Rufe entgegenbringen. Nachdem sich der Lärm etwas gelegt hat, huschte Hansi zur Hallentür raus an Klausis mobile Würstchenschmiede. Mit zwei Krakauern auf der Pappe hastet er zurück zu seiner Witti. „Bin doch ganz schön schlau, wie ich das hingekriegt habe“, denkt Hansi während er zu Witti hochklettert.
„Moin Hinnerk, Witti ich habe uns zwei Würstchen geholt. Für dich ist die mit nur Senf.“
„Hast du gefragt, ob die Wurst vom Rind ist? Hansi, du weißt doch, ich darf kein Schwein.“
„Oh, hab´ ich vergessen. Hinnerk, willst du die Wurst? Ich lad´ dich ein.“
Hinnerk Holtkamp isst alles, was nichts kostet.
„Gib mal rüber“, brummt er in einem Tonfall, als würde er Hansi Hampe einen Riesengefallen tun. Bei so viel Selbstaufopferung vergisst er sogar, sich für die Gratiswurst zu bedanken. Hansi beißt in seine Wurst. Ein Fettspritzer schießt aus der platzenden Krakauer und landet  auf Wittis Jacke.
„Kannst du nicht aufpassen“, fährt Roswitha Hampe ihren Mann an während Gaby Melzer den Platz 3 für Kohl Hiesels Tochter Viola ausruft.
Viola Hiesel belegt mit 15 Punkten den 3. Platz. Da kann man wieder einmal sehen, dass heute fast nichts ohne Handy und Facebook geht! Jonny Kreiboom  von der Nordkolbinger SPD will sich das unbedingt für die nächste Kommunalwahl merken. In seiner kleinen Kladde notiert er: „Wählermobilisierung per Handy und Facebook!!!“
Die Landjugend tanzt mit Viola Hiesel um die Jury. Einige noch nicht einmal 16 Jahre; aber sie lassen trotzdem schon ein Bier mit sich um die Jury tanzen. So genau guckt zu dieser Zeit niemand mehr. Nachdem Annegret Hölscher unter Protest die Veranstaltung verlassen hatte war auch die letzte Moralinstanz verschwunden. Einige Schulkinder aus dem Moorer Spielmannszug tranken eine Cola nach der anderen. Niemand kümmerte sich darum, ob ihre Ausgelassenheit nur pubertätsbedingt war oder ob die Cola gepanscht war.
„Fine, Fine, keen is denn noch öber. Is se nu Keunigin worn?“  Paula Heinsohn hat schon länger den Überblick verloren.
„Nee, Paula, wenn ick dat richtich sehen dei, dann is dor nur noch de Keunigin der Nacht ut´n Puff in Kolbingerhooben. Dat hängt nu allens von´e Treue von uuse Mannsbiller af, ob mien Anneliese, op Platz 1 kummt.“
„Fine, hest du Puff secht? Denn stimmt also doch, wat Klärchen vertellt. Wenn de Puffmarie, de jümmer so affektiert schnacken dei, wenn de as Keunigin .. Nee, du, wenn de op´n ersten Platz kummt, denn organiseer ick´n Demo in Kolbingerhooben. Mahnwache as solche direkt vör de Ingangsdöör von düssen Nachtclub. Und wenn dann keen een sick mehr in denn Club rinwoogt, denn hett dat ook bald  ´n  End mit denn Puff. Dann künnt se denn Schlödel för immer und alle Tiden ümdreihen.“
„Auf Platz 2 mit 16 Punkten ist Mademoiselle Natal…“
Weiter war Gaby Melzer nicht zu hören. Die Halle tobte. Selbst die, die sich schon seit einiger Zeit selbst ausgelagert hatten, kehrten von Bier- und Wurstwagen zurück in die Halle. Zurück blieben nur Paul von Thun, der nicht vom Bierfass hoch kam so wie Helle Herwein und Klausi Fretwurst, die ihre Wagen und die Abendeinnahmen bewachen mussten.
Später stritt man wieder heftig am Bierwagen, ob der überwältigende Beifall Mademoiselle Natalie auf Platz 2 galt oder ob es die Moorer waren, die nun wussten, dass ihre Anneliese Platz 1 in der Publikumsgunst belegt hatten. Mademoiselle Natalie sonnte sich in dem gigantischen Zuspruch. Später soll sie ihren „Freundinnen“ im Club anvertraut haben, dass sie nicht einmal damals, als sie noch im Moulin Rouge in Paris getanzt hatte, jemals so viel Beifall erhalten hätte. Etwas unvoreingenommene Beobachter hätten ihr gesagt:
„Ist ja auch klar! Wann sind denn schon mal so viele Moorer in Paris und dann auch noch im Moulin Rouge gewesen?“

Nein, für die Moorer war es eine klare Sache. Dieser Aufruhr galt nicht der Mademoiselle. Hier wurde bereits Anneliese, die Moorkönigin gefeiert, bevor ihr Sieg offiziell verkündet worden ist. Als es dann soweit war, brachten die letzten spielfähigen Musikanten der Moorer noch mehrmals das Anneliese Lied – ohne die Tuba und die an Verstopfung leidende Trompete von Heino Buhrfeindt. Dafür sang jetzt fast die ganze Halle das Anneliese Lied und Gaby Melzer brauchte zahllose Anläufe, um den Publikumswahlgang zu Ende führen zu können.
Anneliese, die Moorkönigin, hing ihrer Mutter um den Hals und rief immer nur: „Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“ Fine Riecken fand den Tag auch schön. Wann haben die Rieckens in der Moorgeschichte jemals eine so große Rolle gespielt? Wenn Opa das noch erlebt hätte.
Papa Riecken fand den Tag wahrscheinlich nicht mehr so schön. Einige seiner Moorer Nachbarn hatten ihn nach draußen vor Helles Bierwagen gezerrt. Nun war er dran. Nur Schützenkönig bei „Jägerrast“ hätte ihm teurer werden können. Da schoss er ja schon immer mit Absicht neben die Königscheibe. Man weiß ja, was in so einem Königsjahr durch die Moorer Kehlen geht.
Peter Hintelmann war vor fünf Jahren Schützenkönig geworden und der zahlt heute noch seinem Kredit bei der Volksbank Kolbingen ab.
„Helle, machst noch mal ´ne Runde Helle für alle?!“  Jan Rieckens Stimme überschlug sich ein klein wenig, als er aus dem Augenwinkel überschlug wie schnell die Schar seiner Freunde angewachsen war. Seinen ungewollten Wortwitz hat er vor lauter Aufregung nicht wahrgenommen.
Paul von Thun wacht auf, sieht sich umgeben von lauter Moorern und wähnte sich für einen Moment auf deren Schützenfest.
„Wer ist Schützenkönig geworden?“
„Anneliese, Paul, Anneliese Riecken, Jan sien Dochter. De is dat worn. Hier Paul, nimm hin, kummt von Jan“, sagt Rudi Röndigs zu Paul und reicht ihm eines der Siegerbiere.

23 Uhr, Helge Ehlers schaut schon in immer kürzeren Intervallen auf seine Uhr. Gaby Melzer verkündet über das Funkmikro, dass nun die drei Jurymitglieder ihre Stimme abgeben würden. Schon nach zwei Minuten sammelte die  Wahlkommission die drei Zettel ein. Nach weiteren 5 Minuten stand das vorläufige, amtliche Endergebnis fest. Gaby Melzer wünscht sich einen Trommelwirbel. Die einzige Trommel weit und breit war die Kesselpauke von Werner Breckwoldt. Werner hatte die ersten sechs Gläser Bier auf leeren Magen getrunken und schlief nun schon seit 90 Minuten auf seinem Instrument. Seine Frau winkte nach einem zaghaften Versuch, ihn zu wecken, ab. Auf Werner Breckwoldt war nicht zu zählen – zumindest jetzt nicht. Also verkündet sie das Ergebnis ohne Trommelwirbel.
„Ich denke, dass es euch Recht ist, wenn wir nur die ersten vier Majestäten verlesen.“
Bevor jemand einen Einwand haben konnte sprach sie weiter.
„Einen wunderbaren 4. Platz mit 29 Punkten belegt die …..(Pause) …. Zaunkönigin Samantha Meyer aus Eriksheil! Applaus für Samantha!“
In diesem Moment freuten sich noch alle. Samantha über den 4. Platz und alle anderen hofften heimlich noch auf Platz 1. Das konnten auch alle außer Kohl Hiesels Tochter, die soeben aus dem Lautsprecher hören musste, dass sie mit 37 Punkten auf den 3. Platz gewählt wurde. Tränen der Entspannung rannen über Violas Wangen. Vater Hiesel nahm seine Viola in den Arm, kraulte ihren Nacken und flüsterte ihr ein ums andere Mal ins Ohr: „Ist doch schön, 3. Platz, und du bist doch auf jeden Fall unsere Weißkohlkönigin.“
„Uuuund nuuun auf dem 2. Platz, mit 39 Punkten, unsere beliebte und geliebte Fährkönigin Alex Blunk!“
Anhaltender Beifall. Paula Heinsohn kann nicht ruhig sitzen. Sie müsste eigentlich schon seit einer halben Stunde auf den „Paddermang“[2].
„Fine, lang hol ick dat nich mehr ut. Oober, wenn ick nu no Tante Meier[3] goa, dann röpt se jüst in denn Momang, wenn ick dor sitten dei, uuse Anneliese as Keunigin von´t Moor un ganz Kolbingen ut.“
„Ick bün ook all ganz fickerig. Kiek mool, de Melzersche mookt sick all ferdich“, antwortet  Fine Riecken.
Da kommt Enno, Annelieses Freund gerade Recht. Fine hält ihn am Handgelenk und Enno gehen mehrere Erlebnisse durch den Kopf, für die er in Windeseile eine Entschuldigung braucht. Die Sache mit dem Kondom zum Beispiel, den Frau Riecken in Annelieses Zimmer gefunden hat. Enno sorgte sich schon zu Recht. Annelieses Mutter hatte ihre Tochter natürlich gefragt, was das Ding in ihrem Zimmer zu suchen hat. Anneliese soll geantwortet haben: „Ich weiß es nicht, Mama, ich brauche so ein Teil nicht.“
Fine wollte nicht die gute Stimmung vor der Königinwahl aufs Spiel setzen. Sie hat Paula erzählt, was vorgefallen ist und wie unbefriedigend Anneliese geantwortet hat. Paula sinniert ein wenig über die Worte der Moorkönigin und dann hat sie die passenden Worte:
„Schaa, Fine, wo se Recht hett, hett se Recht. Du hest doch ook nie soon Gummi brukt, wer doch jümmer Jan, oder ha ick dor all weller wat in Tüddel kregen?“

„Du, Enno, machst mal eben nach draußen laufen und Jan und die Anderen holen, uuse Anneliese ward in Kürze de tweete Kolbinger Majestät.“
Das ist ja noch echt gut abgegangen. Wenn es das nur ist.
Der Rumpfspielmannszug spielt das Anneliese Lied, das allerdings in weiten Teilen nichts mehr mit dem Original gemein hat. Macht nichts, schön ist es doch. Fine und Paula schunkeln.
„Nich so dull, Fine, mi steiht de Supp all bis an´t  böbberste End!“
Mit den letzten Klängen der neuen Moorer Hymne sind auch alle Moorer wieder in der Halle. Gaby Melzer ist mit ihrem Mikrofon auf einen der Sprungkästen geklettert.
„Ladies and Gentlemen“, Konstanze von der Decken fragt sich laut ob man das nicht auf Deutsch sagen könne, und als hätte Gaby Melzer diesen nicht hörbaren Vorwurf vernommen, fährt sie fort: „Meine Damen und Herren sehr geehrte Majestäten nun wird das große Geheimnis gelüftet. Unsere zweite Majestät für Berlin heißt …“
Das Anneliese Lied erklingt erneut. Selbst einige Moorer können es inzwischen nicht mehr hören. Helle Ehlers greift zu einem Mikrofon und fordert die Musikanten auf, die Proklamation nicht zu stören. Die Musik verstummt.  Inzwischen ist der Spielmannszug fast komplett. Die Trompete mit der Krakauer im Mundstück kann immer noch nicht mitmachen und auch die Tuba ist verpackt. Viel zu wertvoll! Aber Werner Breckwoldt ist plötzlich wieder wach. Eine echte akustische Bereicherung  zur fortgeschrittenen Stunde. Gaby Melzer setzt erneut an:
Liebe Kolbingerinnen, liebe Kolbinger, mit 49 Punkten heißt die neue, die zweite Kolbinger Königin…“
„Paula! ---  De Bank is jo ganz natt!“
Fine steht auf der Tribüne und wischt mit einem Tempo über ihre rechte Hand. Alle Blicke gehen auf Paula Heinsohn und ihre Nachbarin Fine Riecken. Einige aus dem Publikum sind etwas irritiert. Sie hatten nur Paula gehört. Aber die Paula, zu der alle hinblickten, war überhaupt nicht im Wettbewerb. Gaby Melzer musste erneut ansetzen.
„Wo war ich, ach ja, mit 49 Punkten ist die zweite Kolbinger Majestät (Pause) Friederike Herma Winter, die Milchkönigin!“
Zwei Sekunden herrscht absolute Stille. Dann klatscht jemand im dritten Drittel der Halle, es fallen noch einige andere ein. Gemurmel brandet auf zu lautem Stimmengewirr. Schiebung Rufe! Aber auch Beifall. Was ist mit Anneliese? Carl Christian Wüst freut sich. Er steigt die Tribüne herunter, greift zum Mikro und ruft in die Halle: „Alle Marsch- und Moor Milchbetriebe  (MMM) Nordkolbingens laden zu Freibier an Helle Herweins Wagen ein!“
Gerhard Langholz, Lehrer in Drochtersen und wohnhaft in Aantenwördenermoor ergreift das Mikrofon. Das ist seine Welt. Ganz, ganz früher soll er schon einmal mit Rudi Dutschke in Berlin zusammengetroffen sein.[4]
„Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, ich habe das Gefühl, dass es hier nach einer Riesenmanipulation stinkt. Ich habe, und liebe Freundinnen und Freunde, ich glaube in eurem Sinne zu sprechen, den Eindruck, dass die Milchkönigin schon als Siegerin fest stand, als noch gar nicht gewählt worden war. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass von Friederike Winter am letzten Melde Tag um 22 Uhr noch keine Anmeldung vorlag.  Merkwürdig auch, dass Gaby Melzer jeden Tag eine Kanne Milch vom Wüst Hof holt. Frau Melzer, bezahlen Sie für die Milch oder ist vielleicht der Königintitel des Fräulein Winter die Bezahlung? Haben Sie denn nicht gemerkt, dass es Volkes Wille ist, dass eine Majestät aus dem Moor nach Berlin fährt, dass die Moorkönigin  Anneliese Rieken ihren Platz auf der Grünen Woche hat und sonst keine! (Beifall, Sympathiegetrampel auf der Tribüne) Liebe Leute merkt ihrs denn?? Die Macht liegt beim Geld, die wohlhabenden Bauern und Bonzen bestimmen über das Ticket in die Bundeshauptstadt. Das sollten, das werden wir nicht hinnehmen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wir wollen, dass unsere Königin vom Volk direkt gewählt wird. Jegliche andere Form der Monarchie wird von uns strikt abgelehnt. Ich wende mich in aller Schärfe an den Tourismusverein Nordkolbingen nicht mit der Bitte, nein, mit der Forderung: Hebt diese Unrechtswahl auf oder der soziale, politische, ökonomische und auch noch ökologische Friede ist dahin. Ich sehe schon aufgebrachte Gruppen redlicher Bürgerinnen und Bürger, die unter dem Druck des erlittenen Unrechts zu den Mistgabeln greifen wie einst unsere heroischen Vorfahren in den Bauerkriegen…“
„Aufhören!!, Aufhören!“
„Wann ich aufhöre bestimme immer noch ich! Wir leben hier in einem Land, das zumindest auf dem Papier Rede- und Meinungsfreiheit garantiert! Und solange wir das noch nicht abgeschafft haben, bestehe ich auf Beachtung dieser Grundrechte!“ 
Das hörte sich eben aber nicht gerade nach einem Verfassungsfreund an. Langholz, Langholz, du spielst mit deiner Pension!
Bierglas flog in die Richtung des Redners.
Conny Rathje will nicht mehr für die Sicherheit der Jury garantieren. Immer mehr Moorer drängen zum Richtertisch. Die Worte werden heftiger, verletzend, beleidigend. Drohungen werden ausgesprochen. Conny Rathje flüstert mit Detje, Ehlers und Melzer. Sie ergreifen ihre Unterlagen und folgen Rathje, dem Hausmeister, durch die Umkleidekabinen ins Freie.  Draußen ist es dunkel. Rathje empfiehlt den Weg quer über den Acker zur Landesbrücker Straße zu nehmen. Eure Autos könnt ihr morgen abholen.

Keiner weiß mehr, wo und wie es begann. Aber als Conny Rathje wieder in seine Halle zurückkam, erkannte er sie nicht wieder. Weiter oben auf der Tribüne standen Frauen und Mädchen kreischten hysterisch oder guckten fassungslos zu, wie all die Männer, die noch vor wenigen Minuten friedlich gemeinsam am Bierwagen oder nebeneinander auf der Tribüne standen, ein hin und herwabberndes Knäul bildeten. Bald schon war ein Zustand erreicht, der niemanden mehr darauf achten ließ, wem er seine Fäuste aufs Fell trommeln ließ.
Henner Hagenah hatte sich einigermaßen unbeschadet aus dem prügelnden Pulk rausarbeiten können. Auf der dritten Bankreihe trat er auf etwas Weiches, eine Frau schrie auf. Henner war mit seinem Stiefel auf Paula Heinsohns Hand getreten. Sie saß da unbeweglich in ihrem „Mallör“ und wartete geduldig darauf, dass Fine mit ihrem Mantel aus dem Auto zurückkommt.
„Nu pass doch op, wo du hinpeddst, du Dösbaddel“, schrie sie. Dann erkannte sie, wem sie den Schmerz in der Hand zu verdanken hatte. Henner Hagenah hatte noch etwas gut bei ihr wegen der blöden Geschichte mit den 4 Enten von Pupmeier, die sich eines Abends in Paula Heinsohns Stall verirrt hatten. Da sollten sie Paulas Ansicht nach auch so lange bleiben, bis sie bei Meiers in Vergessenheit geraten wären. Dann sollte sich wohl noch ein Plätzchen in der Tiefkühltruhe finden lassen. Leider hat der Postbote Tiedemann die Enten im Stall gesehen, als er eine Nachnahme bei den Heinsohns loswerden wollte. Wenige Minuten später sah er fünf schlachtreifen Enten bei Pupmeiers, als er dort die Post reinreichte. Es waren die Enten, die den Weg über die Kreisstraße wieder zurück in ihren Stall gefunden hatten.
„Schöne Enten“, meinte Tiedemann, „bei Paula im Stall sind auch vier schöne Enten. Müssten bald geschlachtet werden.“
Die Meiersche war ja nicht blöd. Paula hatte in diesem Jahr keine Enten und vier Enten fehlten ihr nun schon seit zwei Tagen.
„Bi´n besten Willen, so veel kann de Voß ook nich an een Dach wech holen“, hat sie abends vor dem Fernseher noch ihrem schlafenden Oodsche[5] erzählt. Seit Jahren erzählt sie ihm immer alles, wenn er zwischen „Heute“ und „Tagesschau“ im Sessel schläft. Das Gute daran ist, dass er sie nicht mehr am Reden hindert, wie früher. Wie oft hat er gesagt: „Hör op tau schnacken, dor versteihst du nix von.“ So kann sie sich mal aussprechen, ihm auch mal so richtig die Meinung sagen. Zum Beispiel wenn er wieder einmal mit den Stallstiefeln in der Küche war. Das Schlechte an dieser Methode besteht eindeutig darin, dass sie nie eine Antwort bekommt, wenn sie eine Frage stellt.
„Olaf Tiedemann, Sie sind mein Zeuge, dass da wo vorher keine Enten waren plötzlich 4 Enten sind.“ Oodsche traute sich nicht wegen der Enten bei Paula vorzusprechen. Und bei der Polizei anrufen, traute er sich auch nicht. Als seine Frau ihn dann aufgeregt fragte, ob er denn einfach so auf die vier Enten verzichten wolle, fiel ihm nur ein zu sagen:
„So viel Fleisch soll ja gar nicht gesund sein, sagen die ja immer in Fernsehen.“
Oodsches Frau musste selber handeln, wie meistens in Krisensituationen. Mit vor Angst fast zugeschnürtem Hals wählte sie die Nummer des Friedeberger Polizeipostens. Henner Hagenah hörte sich die Geschichte an und versprach, sich um die Meierschen Enten, die zurzeit bei Heinsohns in Pension standen, zu kümmern.

Paula wollte nichts von Enten wissen.
„Wi hebt all lang keen Anten mehr, bringt nix!“ teilt sie mit Unschuldsmiene dem ermittelnden Polizisten mit.
Der kann es ja nun gar nicht gut leiden, wenn man ihn verlädt. Für solche Fälle hat er immer ein paar Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch parat, die es in dieser Form gar nicht gibt.
„Frau Heinsohn, ich weise Sie darauf hin, dass der Diebstahl von Federvieh und Federvieh ähnlichen Haustieren strafbar ist und nach den Paragraphen 33a und 72 ff. mit Freiheitsentzug bestraft wird. Sollte ein Dieb allerdings bei der Wiederbeschaffung des verschwundenen Eigentums behilflich sein und das Objekt keine erkennbaren Schäden aufweisen, kann das Verfahren auf der Stelle eingestellt werden.“
 Diese Methode hat schon häufig zum Erfolg geführt und zeigte auch bei Paula Heinsohn Wirkung.
„Ach so!“
„Wie soll ich das verstehen, Frau Heinsohn, dieses ach so?“
„Tscha, ach so heißt so viel, wie: Ich könnte vielleicht bei der, was haben Sie gesagt? Wiederbeschaffung? Also dabei könnte ich behilflich sein.“
Dann haben die beiden eine Tasse Tee, natürlich mit Moorbrunnenwasser aufgebrüht, getrunken, und gemeinsam überlegt, wie die Rückführung der Enten organisiert werden könnte.

Erna Meier war schon ordentlich auf Krawall gebürstet, als sie Paula Heinsohn und Polizeihauptwachtmeister gemeinsam ihre vier Enten auf den Hof hüten sah. Noch bevor sie los legen konnte, sprach der Polizist:
„Glück gehabt, Frau Meier. Seit zwei Tagen sind die Enten immer mit Heinsohns Gänsen in den Stall marschiert. Wenn die draußen geblieben wären, Sie wissen ja, der Fuchs kennt keinen Urlaub!“
Und dann Paula: „Oh Erna, ick wull die all hüt Morn an Bäckerwogn froogen, ob du vielicht veer Anten vermissen deist. Mi dücht dat all, dat dat dien sünd. No de erste Nacht ha ick dacht, de find  wohl den Wech alleen trüch. Oober obends weern se weller in mien Stall. Nu is ja good, datt diene verlorne Schoop, ha, ha, Anten natürlich, weller trüch sind.“
„Futtergeld hat Frau Heinsohn abgelehnt für die zwei Tage“, schaltet Hagenah sich noch einmal ein.
„Nee“, meint Paula, „dat versteiht sick doch von sülbst ünner goode Nobers. Irgendwann brukt wi jau ook noch mool. Nee, nee, för dat Göld kannst Oodsche beter ´n Schachtel Zigaretten köpen.“
Auf dem Weg zurück zum Polizeiauto auf dem Heinsohnschen Hof verabschiedete sich Henner Hagenah mit den Worten:
„Frau Heinsohn, ich hoffe, dass sich die Meierschen Enten nie wieder in ihren Stall verirren. Machen Sie es gut.“ Er tippte zum Abschied mit zwei Fingern an den Schirm seiner Uniformmütze und verschwand in seinem grün weißen Golf.
Ja, daran musste Paula Heinsohn denken, als sie den Polizisten als die Person ausmachte, die ihr gerade auf die Hand getreten war.
„Entschuldigen Sie bitte Frau Heinsohn, hat es wehgetan?“
Paula macht ein Gesicht, das deutliche Anzeichen von Schmerz zeigt.
„Noch piert dat ganz orntlich, Se künnt oober ook pedden as so´n ollen Ackergaul.“
„Wie kann ich das bloß wieder gut machen, Frau Heinsohn?“
„Eerstmool, wüllt wi nicht bi lütten mool Paula und du seggen? Henner? Geiht kloor? Und denn, meen ick, künnt wie dat mit twee vun Pupmeiers Anten verregnen. Denn sind wie uns fast quitt. Twee Anten hest du denn ´n anner Mool noch goht bi mi.“
„Okay, Paula, ich akzeptiere!“
Sie gaben sich die Hand und als Henner schon im Gehen war, meldet sich Paula noch mal.
„Du Henner, musst du nich dat Towubahou dor ünnen beennen? De haut sick doch bi lütten noch de Köpp blutich.“
„Eigentlich schon, Frau Heinsohn.“
„Paula schasst  du doch seggen, Hennneer!“
„Ja, stimmt ja Paula. Aber ich hab schon seit vier Stunden Feierabend, ich muss nun mal nach Hause.“
„Ach so.“

Carl Christian Wüst  und sein Schwager Norbert Suhrbier stehen sich plötzlich im Getümmel gegenüber und fast hätten sie aufeinander eingedroschen.
„Nobbi, wo ist Friederike?“
„Die habe ich am Ende vom Tribünengang unter einer Feuerdecke versteckt. Charlotte, Gisela und Alex stehen davor und passen auf. Ich habe ihnen gesagt, dass sie  einen Rettungswagen rufen sollen. Vielleicht kriegen wir damit Ruhe in den Laden. Polizei braucht viel zu lange von Stade.“
Was für eine geniale Idee. Sowie das Martinshorn vom Schulhof zu hören war und die blauen Blitze  hatte die Prügelei ein Ende. Alle Köpfe drehten sich zu den beiden Sanitätern, die mit der Klapptrage in die Halle hasteten.
„Hierher, hierher“riefen Carli und Nobbi und geleiteten die Sanitäter zu dem Knäul am Ende des Ganges. Abgeschirmt von den Familien Wüst und Suhrbier knien sich die beiden Helfer runter zu Friederike Winter, die nicht versteht, was die Sanis von ihr wollen.
Muss man immer alles verstehen?
„Packt sie einfach nur auf eure Trage, bringt sie ins Auto und fahrt sie dann bitte mit Blaulicht und  Musik nach Hause zu ihren Eltern. Nicht fragen. Die Geschichtsschreibung wird einst eure Namen mit der Vermeidung eines Blutbades von einem bisher hier in der Elbmarsch noch nicht gekannten Ausmaß erwähnen.“
Das klang unheimlich überzeugend. So überzeugend, dass Friederike auf die Trage verfrachtet und wie besprochen mit dem Auto in Richtung Stade abtransportiert wurde. Der soeben eingetroffene Notarzt, sprang sofort wieder in sein Auto und verfolgte den Rettungswagen ebenfalls mit Sirene und Blaulicht.

Nobbi und Carl Christian streuten überall die Nachricht, dass es nichts Ernstes sei.
„Kleine Kreislaufschwäche.“
„Kreislaufkollaps!“
Die meisten verließen die Halle und diskutierten den Abend am Bierwagen. Einige hatten keine Lust mehr auf Bier, Bratwurst und noch mehr Prügel. Sie verließen die Veranstaltungen. Elfie Großkreuz vom DRK war in ihrem Element. Sie und drei vier ehrenamtliche „Schwestern“ plünderten die Erste Hilfe Kästen der Halle und versorgten die Verwundeten der Prügelei.
Interessant: Ausgerechnet Woldi Wichers steht da lachend am Bierwagen mit einem Arm in der Schlinge und trinkt Bier mit Hermann Ohlrogge, dem er noch vor wenigen Minuten ein blaues Auge verpasst hat.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!

Heller Herwein hat das 11. Fass angezapft. Eine herrliche Veranstaltung. Gerhard Langholz, der Pädagoge mit den Kontakten zu Rudi Dutschke, hat im Laufe der Nacht mehrfach die Weltrevolution ausgerufen.  Ohne mit seiner Frau Rücksprache genommen zu haben, erklärte er die gemeinsame Ferienwohnung auf Mallorca zu Volkseigentum.  Hinnerk Holtkamp, bekannt für seine Spürnase in Sachen Schnäppchen, wollte daraufhin gleich wissen, wo man die volkseigene Wohnung denn buchen könne.
Die Letzten standen noch am Bierwagen, als ihre eigenen Kinder schon mit dem Schulbus eintrafen.
Gerald Hauptmann, immer als erster noch lange vor dem Eintreffen der Busse in der Schule, überblickte sofort die Lage und erkannte, dass dieser Anblick  Jahre arbeitsreicher Präventionsarbeit zunichtemachen würde. Gemeinsam mit Conny Rathje und den ersten Kolleginnen und Kollegen, die langsam eintrafen, wurden die Busse wieder zurück dirigiert.
Ein Wasserschaden im Haupthaus macht leider eine Revision der gesamten Heizungsanlage nötig. Alle Räume sind betroffen und der Unterricht müsse für einen Tag ausfallen.
Das war die offizielle Begründung, die auch der Schulelternratsvorsitzenden einleuchtete. Brenzlig wurde es nur, als sie zum wiederholten Male anbot, einige Eltern zusammen zu trommeln, um bei der Behebung eventueller Wasserschäden behilflich zu sein.
„Ein tolles Angebot, tolle Idee, Frau Ahlf. Sie können vielleicht schon einige Eltern organisieren, die sich in Bereitschaft halten. Ich werde Sie umgehend informieren, wenn die Schule auf Ihre Hilfe angewiesen ist.“
Ja, das macht er immer ausgezeichnet. Er ist eben ein talentierter Krisenmanager.

Dieser Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, wird den Nordkolbingern aus den unterschiedlichsten Gründen in Erinnerung bleiben. Dabei halten sich gute und nicht so gute Erinnerungen ungefähr die Waage. Ca. 400 Schulkinder aus Nordkolbingen erhielten unerwartet einen zweiten freien Tag (+), Friederike Herma Winter darf mit zur Grünen Woche nach Berlin (+), Hinnerk Holtkamp hat in dieser Nacht nicht mehr den Weg in seine Backstube gefunden (-). Allerdings eine Gratiswurst (+) und die Aussicht auf einen Urlaub in der ersten volkseigenen Wohnung auf Mallorca (+) glichen seine Pflichtvergessenheit mehr als aus.  Anneliese Riecken wird von Enno auch geliebt, wenn sie nicht nach Berlin fährt, hat er ihr jedenfalls noch in der Nacht ins Ohr geflüstert (+), Paula Heinsohn hat nach 64 Jahren erstmals wieder das Gefühl des Einnässens gespürt (-), Hella Rossmann fühlte sich von den Züchtern allein gelassen und reflektierte in kleinem Kreis über einen Austritt aus dem Club der Kolbinger Reit- und Fahrfreunde von 1912 e.V. (-), Jan Riecken hat eine Summe im Gegenwert einer guten Milchkuh bei Helle Herwein am Bierwagen gelassen (-), Helle Herwein machte einen Umsatz wie am Schützenfest Freitag (++),  Klausi Fretwurst hat auch noch die 11 tiefgefrorenen Wurstpackungen losgeschlagen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon deutlich  überschritten war (++). Und dann ist da noch Gisela Wüst, die von Charlotte erfahren hat, dass Marga Schütt und Thekla höchstwahrscheinlich ein Paar seien (+).  Heino Buhrfeindt gehört zu der Gruppe der Gewinner und Verlierer. Am Mittwoch nach der denkwürdigen Veranstaltung fand er das Stück Krakauer in seiner Trompete (+). Das war zweifelsfrei gut. Als nicht so gut allerdings stellte sich schon durch Geruchsprobe heraus, dass die Wurst nicht mehr genießbar war (-). Auch Gaby Melzer kann die, ihre!, Veranstaltung nicht ausschließlich auf der positiven Seite verbuchen.  Viele Gäste glaubten, dass das Erscheinen von Helle Herwein und Klausi Fretwurst auf ihre Initiative zurückgingen (was definitiv nicht stimmte) (+). Positiv wurden auch die Größe und der Unterhaltungswert der Veranstaltung bewertet. Für Gaby Melzer nicht kalkulierbar war der Schaden, den sie möglicherweise durch das Wahlverfahren in der Nordkolbinger Öffentlichkeit erlitten haben könnte (--). Kein schönes Gefühl – beim Einkaufen zum Beispiel.

Suse Hellerich brauchte den ganzen 4. Oktober für ihren Bericht. Die Redaktionskonferenz hatte ihr wegen der ungewöhnlichen Veranstaltung eine Seite gegeben. Relativ schnell hat sie eine Auswahl aussagekräftiger Bilder getroffen. Oben quer über alle Spalten die vor der Jury in Reihe sitzenden 17 Majestäten mit deren Namen von links nach rechts. Ein zweispaltiges Foto zeigt die Milchkönigin Friederike Herma Winter lächelnd im Bett sitzend mit ihrer Krone auf dem Kopf. Ein aktuelles Bild vom Abend war leider nicht möglich, weil die Redakteurin sich und ihre Ausrüstung beim Ausbruch des Tumultes in Sicherheit bringen musste. Das Bild, das sie von der zweiten Kolbinger Königin auf der Krankentrage gemacht hatte, war leider unbrauchbar. Gut, dass das Tageblatt einen äußerst einsatzfreudigen freien Mitarbeiter in Nordkolbingen hat. Guntram Hammersen suchte Familie Winter auf, als es gerade zweites Frühstück gab. Nachdem er ein Mettbrötchen und eine Tasse Kaffee zu sich genommen hatte musste die Choreografie für das Foto abgestimmt werden. Damit das Foto auch zu ihrem spektakulären Abgang am Vorabend passt, einigte man sich darauf, die Königin schon etwas rekonvaleszent im Bett zu fotografieren. Außer diesem Bild hatte Hellerich noch ein Hochformat auf dem  Gaby Melzer mit Mikrofon  abgebildet war. Im Hintergrund lassen sich ganz gut die Gesichter von Helge Ehlers und Bürgermeister Oliver Detjen erkennen.  Wenn dann noch Platz sein sollte, hätte sie noch ein wunderschönes Stimmungsbild von Werner Breckwoldt wie er mit dem Oberkörper auf seiner Kesselpauke liegend schläft.
Der Artikel mit den Bildern, auch Werner Breckwoldt hatte noch einen Platz gefunden, kam sehr gut. Dank des vielen Platzes konnte die Redakteurin einen zutreffenden Stimmungsbericht schreiben, in dem durchaus auch kritische Aspekte Berücksichtigung fanden. Gaby Melzer und der Tourismusverein mussten sich zum Beispiel die Frage gefallen lassen, ob das Auswahlverfahren ausreichend demokratisch und zeitgemäß sei. Lob gab es für die Flexibilität der Organisation, für das überall erkennbare große Engagement der Nordkolbinger für ihre Kandidatinnen. Die Wachtelkönigin musste wieder einmal für einen kleinen Seitenhieb in Richtung Untere Naturschutzbehörde herhalten und auch das Jugendschutzgesetz fand zur Freude von Annegret Hölscher, der erzürnten Biologielehrerin,  mit zwei Zeilen Erwähnung. Eine ausführliche Passage über den Tumult nach Verkündung des Wahlergebnisses machte auch deutlich, dass eine Mehrheit lieber die Moorkönigin Anneliese Rieken nach Berlin geschickt hätte. Der Abtransport der soeben auserwählten Milchkönigin im Rettungswagen bildete das dramaturgische I-Tüpfelchen in Hellerichs Artikel.
Noch gerade vor Redaktionsschluss kam die Nachricht rein, dass sich die Touristikvereine im Landkreis  des Proporzes wegen auf eine 5. Majestät von der Geest geeinigt hätten. So konnte Suse Hellerich ihren Bericht mit der Aussage beenden, dass neben der eigentlich illegalen  Appelkönigin eines Altländer Obstbauern, der offiziellen Altländer Blütenkönigin, der Kolbinger Landkönigin  Nikki Schütt und der Milchkönigin Friederike Herma Winter nun auch noch eine Spargelkönigin von der Geest zur Grünen Woche fahren würden.

Nordkolbingen kehrte nur langsam in seinen gewohnten Dornröschenschlaf zurück. Im Tageblatt erschienen  noch einige Leserbriefe, an den Stammtischen war der Wahlabend noch einige Male Thema. Bei Rieckens am Mehrzwecktisch wechselte sich Bedauern über die verpasste Chance mit Erleichterung wegen der entfallenen Verpflichtungen ab. Weihnachten stand vor der Tür und es gab genügend andere Dinge, mit denen man sich beschäftigen wollte oder musste.

Nicht überall kehrte der Alltag ein. Die Geerdts Zwillinge, sie hätten Kohl Hiesels Tochter Viola zu gerne auf der Grünen Woche gesehen, entwickelten während eines einstündigen Fußmarsches von der Neuhauser Disco nach Hörne eine grandiose Idee. Schon am folgenden Tag, es war der Tag vor Nikolaus, hatten sie Tina von Bargen und Kalle Seefeld, zwei  Vorstandsmitglieder der Landjugend, sowie Viola zu sich eingeladen, um sie in ihren Plan einzuweihen.

Mutter Geerdts gefiel es, dass die Zwillinge immer Freunde um sich hatten und sich so sehr  in der Landjugend engagierten. Die Freunde sollten sich wohl fühlen in ihrem Haus. Deshalb schleppte sie ein Tablett voller Gläser, Apfelsaft und einer Schale mit getrockneten Apfelringen die zwei Treppen hoch bis unter das Dach, wo sich die Jungen ihr eigenes Reich eingerichtet hatten.
„Wenn ihr mehr wollt, holt euch das aber selber. Zwei Mal am Tag kann ich nicht hier hochklettern.“
Ein Blick durchs Zimmer und dann der bekannte Kommentar:
„Ein bisschen Aufräumen hätte auch nicht geschadet.“
Kaum, dass sie wieder im Erdgeschoss angekommen war, klingelt es.
„Ist ja zu nett, dass ihr mal wieder die Jungs besuchen kommt. Den Weg kennt ihr ja.“

Ja den kannten sie. Das Dachgeschoss der Zwillinge war der Dorfjugend gut bekannt. Hier konnte man ungestört sein. Vater Geerdts verschwand oftmals wochenlang auf irgendwelche Baustellen Arabiens oder in China. Mutter Geerdts mutete sich den Aufstieg höchstens einmal täglich, in Zeiten längerer Unpässlichkeit sogar nur 14tägig zum Wechseln der Bettwäsche zu. So waren die Zimmer von Jonas und Lukas Geerdts eine nahezu erwachsenenfreie Zone, die, trocken und geheizt, dazu einlud, ungestört Erfahrungen aller Art zu sammeln. Könnten die Tapeten reden, sie hätten von unbeholfenen Knutschversuchen,  Zigarettenkonsum mit und ohne Zusatz, Anschauen verbotener Videos, Bier und Schnapsverkostungen, und, ab einem bestimmten Alter sogar von Sex erzählen können, weniger vom Anfertigen der Hausaufgaben oder vom Üben für Klassenarbeiten.
Als Tina, Kalle und Viola etwas atemlos in die ausrangierten Wohnzimmermöbel  der Familie fielen, hatten Lukas und Jonas schon aufgeräumt. Das heißt, die Apfelringe waren gegen Kartoffelchips und der Apfelsaft gegen Bier ausgetauscht. An die Apfelringe ging schon lange niemand mehr ran. Das hatte ein Ende nachdem es Karlheinz Nagel einmal so schlecht ging, dass er beim Heruntergehen auf die Treppe gespuckt hat. Er hat die Sauerei auf die Apfelkringel geschoben, die tatsächlich noch rudimentär auf den Stufen zu sehen waren. Wenn er etwas ehrlicher gewesen wäre, hätte er nicht verschwiegen, dass er heimlich seine Cola mit größeren Mengen von Strathmanns Weizenbrand gestreckt hatte.

„Was gibt´s? Was gibt es, warum die Geheimniskrämerei?“ Kalle guckt erwartungsvoll zu den Zwillingen. Lukas, der schon immer lieber gesprochen hat als Jonas, ergreift das Wort.
„Also, es geht noch einmal um die Grüne Woche und diese krasse Wahlveranstaltung am 3. Oktober in Friedeberg. Wir finden es immer noch Scheiße, dass Rike Winter mitfahren darf und Viola und die anderen hier bleiben müssen. Ganz abgesehen davon war die Wahl auch undemokratisch.“
„Ist ja nun mal gelaufen“, meldet Viola Hiesel sich zu Wort.
„Darum geht es ja gerade, muss ja nicht das Ende sein.“ Das war Jonas, ein Satz und das genügt dann auch erst einmal.
„Wir bringen alle 16 nichtgewählten Majestäten nach Berlin. Wir mischen die Grüne Woche auf. Wir erobern die Titelseiten der Zeitungen und kommen in die Nachrichten, wir…“
„Eih Lukas, komm wieder runter. Hat er heute schon ´was genommen“, fragt Tina Jonas.
„Nein, er meint das ernst und ich auch“, gibt Jonas zurück, „lass ihn doch mal erzählen.“
Vier Flaschen mit Bügelverschluss ploppen auf. Viola trinkt keinen Alkohol. Sie hat das Auto von ihrem Vater ausgeliehen und musste ihm hoch und heilig versprechen, nichts zu trinken.
„Also, wir karren zwei, drei Busladungen nach Berlin. Meinetwegen auch den Spielmannszug der Moorer, Freunde und Verwandte der Majestäten.“ Lukas kam richtig in Fahrt. „Am besten an einem Tag, an dem Angie oder Weil auf der Grünen Woche sind. Und dann zeigen wir Berlin, dass die Kolbinger mehr zu bieten haben, als die Nikki Schütt und Rike Winter. Natürlich alles top secret! Ist doch klar, kein …“
Allgemeines Kopfschütteln. „Quatsch, kann gar nicht funktionieren!“  „Geheim? Wie willst du das geheim halten?“
„Das ist das große Problem. Darüber haben Jonas und ich fast die ganze Strecke von Neuhaus bis nach Hause nachgedacht. Und wir haben die Lösung. Wir fünf und vielleicht noch Hella Rossmann, weil die so gut Englisch und Französisch kann, dürfen unseren Plan kennen. Alle anderen, besonders die Königinnen,  müssen wir zu einer Art Trostfahrt ins Blaue beschwatzen. Verlängertes Wochenende im Harz oder Partywochenende an der Ostsee. Seht mal, alle sind doch irgendwie enttäuscht und einige sogar wütend über das Ergebnis der Königinwahl. Wir machen ein Programm mit Ballnacht und zu dem Ball müssen alle Majestäten in ihren mehr oder weniger schönen Kostümen erscheinen. Von den anderen wird „gepflegte Garderobe“ erwartet.  Musik müssen die „Five Bad Moore Boys“ machen, die ja ohnehin alle im Spielmannszug sind. Wir verkaufen die Reise als Spaßersatz, weil wir bzw. unsere Majestät nicht mit nach Berlin dürfen.“
„Spinnst du, die steigen in den Bus und glauben, dass die Reise nach Timmendorf oder Quedlinburg geht und dann steigen wir in Berlin aus. Das grenzt an Freiheitsberaubung oder Entführung. Nee, ohne mich.“
„Lass mal, Tina, lass uns mal ein bisschen rumspinnen. Vielleicht könnte es klappen. Wo liegen die Schwachstellen dieses Planes?“ Kalle hat den Köder geschluckt. Viola kann sich aus alledem noch keinen Reim machen.
„Welche Schwachstellen meinst du?“
„Jonas, wo bleiben wir mit den Leuten in Berlin? Wer soll das alles organisieren? Da gehen Riesensummen Geld über den Tisch, wer soll die Finanzen berechnen und verwalten?  Wer übernimmt die Verantwortung, wenn sich irgendwelche Spinner betrogen fühlen? Wie schaffen wir es, dass nichts durchsickert?  Mir fallen bestimmt noch mehr Fragen ein, die mir jetzt noch ungelöst scheinen.“
Viola, die bis dahin relativ unbeteiligt war, beginnt Gefallen an dieser krassen Aktion zu finden.
„Wir haben doch eine Königin, die bei der Kreissparkasse arbeitet. Warte mal, ach ja, ich hab´s. Sarah Bauknecht, die Kartoffelkönigin, die muss die Kasse machen.“
„Dann haben wir ja schon wieder eine weitere Mitwisserin. Ich habe da so meine Bedenken von wegen Geheimhaltung“, gab Tina zu bedenken.
„Null Problemo, sie sammelt das Geld für Timmendorf oder Harz.  Die braucht doch nicht zu wissen, dass wir nach Berlin wollen. Wir müssen nur zwei Reisen perfekt durchplanen: Eine nach Berlin und eine, die zu 100% gefaket ist. Das würde ich mir schon zutrauen, wenn ich von euch Hilfe bekomme.“
„Okay, Viola, das hört sich doch schon ganz gut an. Und du, Bruderherz, schreibst einen Aufruf in der Kolbinger und für das Tageblatt. Ich bereite eine Informationsveranstaltung im Kornspeicher vor. Ihr wisst ja, ich rede nicht gerne; aber, wenn es denn sein muss, krieg ich das schon hin.“
Der und nicht gerne reden! Kalle will schon die ganze Zeit etwas sagen, kommt nur nicht zu Wort.
„Müssen wir nicht zu allererst die Majestäten für die Fahrt ins Blaue gewinnen?“
„Kalle hat Recht, wir müssen zuerst die Königinnen, an einen Tisch bringen und sie überzeugen“, meint Tina Kalle unterstützend.
Jonas hatte inzwischen seinen PC hochgefahren und begann eine „to do – Liste“ anzulegen. Erst kurz vor Mitternacht trennte sich das Verschwörungsquintett mit dem Vorsatz, alles noch einmal bis zum nächsten Treffen zu durchdenken.
Bereits zwei Tage später traf man sich wieder. Dieses Mal trennten sich die Freunde mit sehr konkreten Arbeitsaufträgen. Schade, dass Annegret Hölscher, die letzte Klassenlehrerin der Zwillinge an der Oberschule Nordkolbingen, ihre ehemaligen Schüler hier nicht erleben konnte. Sie müsste umgehend ihre Beurteilung der Zwillinge total revidieren. Was die beiden Jungen und ihre Freunde hier zeigten, war ein Musterbeispiel für Teamfähigkeit, Ausdauer, Kreativität, Selbstständigkeit  und Zuverlässigkeit. Niemand, der sie hier hätte erleben können, würde glauben, dass Vater Geerdts noch vor zwei Jahren juristisch gegen die Schule vorgehen wollte. Er hatte es nicht einfach so hinnehmen wollen, dass seine während der kurzen Heimaturlaube immer ach so lieben Jungen,  sowohl im Sozialverhalten als auch im Arbeitsverhalten den Anforderungen nicht oder nur mit Einschränkungen genügten. Nach einem klärenden Gespräch mit der Klassenlehrerschaft war er dann jedoch sehr glücklich, dass er noch kein Geld in einen Anwalt investiert hatte.

Fine  Rieken blättert die Tagespost durch und sortiert nach „Altpapier“ und  „lesen“.  Bei den Mengen Papier, die Olaf Tiedemann Tag für Tag in die Küche reicht, ist das gar nicht so leicht. Wenn Jan ungeduldig wird, weil Fine zu den „Langsamlesern“ gehört, kriegt er zu hören, dass eben alles seine Zeit braucht. „Du willst doch schließlich auch nicht, dass ich aus Versehen den Hauptgewinn von einem Preisausschreiben in die Tonne schmeiß?“
„Machen wir denn überhaupt mit dabei, ich mein bei´n Preisausschreiben?“
„Nöö, aber könnt ja mal sein. Manchmal gewinnst ja auch ´was durch´n Zufallsakumulator.“
„Zufallsgenerator heet dat un nu her mit de Post!“

Wenn Paula das gelbe Postauto vorfahren sieht und Olaf Tiedemann wieder mit einem dicken Packen Reklame ohne einen einzigen Brief aussteigt, geht ihr immer durch den Kopf:
„Keen Wuunner dat de Breewdreeger hüt tau Dogs nich mehr mit´n Rad föhrn künnt.  Jümmer mit´n Barg Altpapier und ´n poor Breew ünnerwegens. Föhlst di jo eher as´n Müllkutscher von Korel Meyer as´n Breewdreeger.“
Ja, Paula hat Verständnis dafür, dass Olaf die Post nur noch mit dem Auto ausbringt.
„Jan, nun kiek di bloot mool dissen Breew an. An Eure Majestät, Moorkönigin Anneliese Rieken .” Jan Riecken grapscht sich den Brief, dreht ihn um und liest den Absender. „Eure Majestät die Weißkohlkönigin Viola Hiesel, Eierviertel 7, 21730 Hörne.“
„Jan, die kenn ich. Weißt du, das ist Kohl-Hiesels Tochter, die Hübsche von der Landjugend Bilge. Wat de wohl will von uuse Anneliese?“
Anneliese hat heute bis zur 8. Stunde, Nachmittagsunterricht. Das ist jetzt so an der Oberschule Nordkolbingen. Der Brief liegt auf dem Mehrzwecktisch. Er liegt da vor dem Essen und er liegt da auch noch nach dem Essen.
„Was da wohl drin steht“? denkt Fine jedes Mal, wenn ihr der Brief ins Blickfeld kommt. Dann ist Kaffeezeit, der Brief liegt immer noch da, inzwischen hat er schon ein paar kleine Suppenspritzer, und Anneliese ist immer noch in der Schule.
„Was da wohl drin steht“?  denkt Jan Rieken  jedes Mal, wenn ihm der Brief ins Blickfeld kommt.
„Was denkst du, Jan?“
„Ich denk, was da wohl drin steht und was denkst du so?“
„Ich denk, auch was da wohl drin steht.“
„Musst du immer dasselbe denken wie ich, Fine?“
„Ja muss ich. Solln wir Jan?“
„Ja Fine, ich glaub wir müssen sogar. Anneliese ist ja noch nicht volljährig und wer weiß, was da drin steht?“
„Ja wer weiß das schon. Ich weiß das erst, wenn ich ihn gelesen hab. Und du?“
„Na los, guck schon rein!“

Hätten die Eltern Riecken auch nur ansatzweise geahnt, dass sie gegen ein elementares Grundrecht verstoßen, dass sie sich durch diese kleine Verletzung des Briefgeheimnisses nun in einen Konflikt mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland begeben haben, sie hätten die Finger von dem Brief gelassen. Das bisschen Warten bis Anneliese nach Hause kommt wäre allemal leichter zu ertragen gewesen als die altklugen Belehrungen ihrer Tochter, die gerade in dieser Woche die Grundrechte in der Schule zum Thema in Gemeinschaftskunde hatte.
„Strafbar habt ihr euch gemacht! Schämt euch.  Ins Gefängnis könnt ihr dafür kommen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland einfach so missachten. Wenn das der Justizminister mitbekommt ist aber Schluss mit lustig! Ab hinter Gitter!“
„Anneliese, is dat werklich so schlimm? Du wirst uns doch nicht anzeigen?“
Spannungsgeladene Pause.
„Nee, werde ich wohl nicht. Sonst komme ich noch ins Heim, wenn ihr in den Knast geht. Und nun lasst mich erst einmal lesen.“
Das muss man Viola schon lassen, der Brief war großartig geschrieben, als Serienbrief, nur die Unterschrift war in Handschrift.

Sehr geehrte Majestät,
 Moorkönigin zu Dröbermmoor,
Spaß beiseite, Hallo Anneliese. Mich kennst du ja schon. Gemeinsam mit meinen Freunden Tina von Bargen, Kalle Seefeld, Lukas und Tobias Geerdts und haben wir eine Idee. Wie du wohl auch, waren wir überhaupt nicht glücklich mit dem Ausgang der Wahl. Aber wir wollen uns auch nicht darüber ärgern, dass Nikki Schütt und Rieke Winter nun ein paar schöne Tage in Berlin haben.
Nur dachten wir, was hindert uns daran, dass wir uns ebenfalls ein schönes, langes Wochenende machen. Wir wollen eine Reise mit allen 16 nicht berücksichtigten  Majestäten organisieren. Natürlich mit einer schönen Galaparty, alle Königinnen in ihren Festgewändern, mit Wellness- und, wer es denn möchte, auch Fitnessprogramm. Kalle hat auch schon ein kleines Ausflugs- und Besichtigungsprogramm in Arbeit. Jede Majestät darf Freundinnen und Freunde einladen. Die Gesamtteilnehmerzahl wird letztlich von der Anzahl der vorhandenen Quartiere abhängen. Im Moment laufen Anfragen in Goslar, Bad Harzburg und Quedlinburg.
Um deine Meinung und die der anderen Königinnen zu erfahren und in die Vorbereitungen mit einfließen lassen zu können laden wir zu einer Zusammenkunft am Donnerstag, 14. Dezember in Hartwichs Fährkrug, Kolbingerhafen ein. Wir sitzen im Yachtzimmer. Bitte gib uns kurz Bescheid, ob wir mit dir rechnen können.
Tschüßi  bis Donnerstag!

Deine Weißkohlkönigin
Viola Hiesel

P.S.:  Bitte diese Einladung vertraulich behandeln!

Der Nachsatz mit der Geheimhaltung war Jonas Idee.
„So bekommen wir unser Vorhaben am schnellsten unter die Leute.“

So ganz Unrecht hatte er mit seiner Theorie nicht.  Paula Heinsohn melkt nicht mehr draußen. Ihre beiden Ziegen haben es bis Mitte November draußen ausgehalten. Nun stehen sie Tag und Nacht im Stall. Trotzdem ist es Paula nicht verborgen geblieben, dass Anneliese wieder mit dem Laufen angefangen hat. Irgendetwas ist hier doch im Werden. Das kurze, gemeinsame Ende vom Bäckerwagen bis zur Pforte in Paula Heinsohns Gartenzaun musste ausreichen, um Licht ins Dunkel zu bringen.
„Geiht mi jo nix an; oober Annelies löpt all weller. Friederike is doch wohl nich utfohlen?“
„Jo, Paula, dat hest du richtich sehn, se löpt all weller. Kannst du swiegen, Paula? Ick dröff gor nix vertellen. Wenn Annelies dat gewohr ward, de ritt mi den Döz vun Hals.“
„Fine, mook mi nich argerlich. Hebb ick eenmool öber irgend wat sludert, dat du mi vertellt hest?“
„Ne“, denkt Fine, „nich eenmool, tein Mool oder noch beter, egentlich jümmer.“
Kaum, dass Paula von der Einladung der Königinnen gehört hatte, brachte sie ihr Wissen auf die Spur. Jonas Geerdts, hätt er es  mitbekommen, er hätte seine helle Freude gehabt. Schon am nächsten  Vormittag kreuzten sich die geheimen Informationsströme am Kanal, Höhe Tankstelle am Bäckerwagen von  Gerd Lühring. Lührings Angestellte Drewes hatte beim morgendlichen Frühstück in der Backstube von der Einladung der Stutenkönigin in den Fährkrug gehört. Diese Neuigkeit verbreitete sie bei jedem Stopp ohne den wichtigen Hinweis zu vergessen:
 „Von mir habt ihr das aber nicht.“
Von der westlichen Kanalseite hatte sich Paula Heinsohns Indiskretion fast im gleichen Tempo bis an den  Bäckerwagen vorgearbeitet. Leider hatte sich der „Stille Post Effekt“ eingestellt. Nicole Müller kam nämlich mit der Neuigkeit, dass eine Königin im Gästehaus von Hartwichs Fährkrug wohnen soll. Hier konnte die Drewes vom Bäckerwagen für Klarheit sorgen. Schließlich hatte sie ja den Brief mit eigenen Augen gesehen. So konnte Nicole Müller dann die korrigierte Fassung wieder westwärts den Kanal hoch schicken, bis irgendwann Gerda Schlohboom sagt:
 „Weiß ich doch, hab´ ich dir doch gestern schon erzählt.“  Die Fehlerquelle hat also genau am Übergabepunkt von Gerda Schlohboom  zu Hardekopfs  gelegen.

Überall in den Königshäusern Nordkolbingens trafen die Briefe zur gleichen Zeit ein. Die Reaktionen waren sehr vielgestaltig und reichten von Neugierde über verhaltenes Interesse bis hin zur Ablehnung. Nach drei Tagen schon waren per E-mail, SMS und Telefon 14 Teilnahmebestätigungen für das Königinnentreffen an der Süderelbe eingegangen.  Es fehlte eine Rückmeldung der Wachtelkönigin Beate von Lindern. Aus Gründen des Umweltschutzes hatte sie grundsätzliche Bedenken gegen reine Vergnügungsfahrten der vorgestellten Art. Statt die Abgase mehrerer Busse in die ohnehin schon mit Schadstoffen überfrachtete Umwelt zu pusten hätte sie lieber ein Ziel gesehen, das sich mit dem Fahrrad oder zumindest mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichen ließe. Nun fügte es sich, dass ohnehin zum Wochenende die turnusgemäße monatliche Zusammenkunft der „Freunde des Wachtelkönigs“ stattfand.
Gleich zu Beginn bat Beate von Lindern um Ergänzung der Tagesordnung um den Punkt „Lustfahrt der Königinnen“. Zu ihrer Überraschung waren die Reisepläne trotz der im Brief geäußerten Bitte um Verschwiegenheit bereits allen Wachtelkönigfreundinnen und –freunden bekannt. An ihr kann es nicht gelegen haben, Beate musste sich keinen Vorwurf machen. Sie hatte, wie in den Brief erbeten, mit niemandem darüber gesprochen und den Brief auch nirgendwo achtlos herumliegen lassen. Kurz vor Schluss der Versammlung rief Ubbo Hartwig, selbsternannter Experte in allen Fragen, die mit Vögeln und Umweltbelangen der Elbmarschen zu tun haben, den ergänzten Tagesordnungspunkt auf.
„Beate, und nun kommen wir zu deinem Punkt. Wenn du bitte einmal kurz darstellen würdest, was dich in dieser Frage bewegt.“
Die Wachtelkönigin hielt ein flammendes Plädoyer gegen die „Lustreise“, wie sie die Unternehmung in ihrem Wortbeitrag nannte. Dass sie auf dem richtigen Weg war, sah sie am zustimmenden Kopfnicken in der Runde. Ihren Beitrag schloss sie mit den Worten:
„Und deshalb bin ich grundsätzlich gegen meine Teilnahme als Wachtelkönigin und Repräsentantin einer regionalen Umweltzelle wie der unseren, dem Freundeskreis des Wachtelkönigs. Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und die Veranstaltung als solche in Frage stellen, ganz unabhängig davon, wie viele Kilometer dafür verfahren werden.“
Ihr sehr emotionales und engagiertes Plädoyer wurde von den Wachtelköniganhängerinnen und –anhängern mit kurzem aber heftigem Knöchelklopfen auf die Tischplatte honoriert. Ein Anflug von Stolz zeigte sich auf dem Gesicht der Wachtelkönigin begleitet von einer leichten Rötung der Wangen.
„Danke, liebe Beate, das hast du ganz großartig vorgetragen“, kommentierte Ubbo Hartwig den Beitrag der Wachtelkönigin. „Allerdings ging mir die ganze Zeit durch den Kopf, obwohl der Majestäten Trip aus ökologischer Sicht zu 100% abzulehnen ist, ganz außer Frage, ob wir uns aus politisch ideologischen Gründen nicht doch beteiligen sollten?  Wo sonst treffen wir mit unseren Zielen in Nordkolbingen auf eine so große Gruppe von Personen, denen wir unser Anliegen deutlich machen können, sogar deutlich machen müssen.“
Zustimmendes Nicken in der Runde außer von der Wachtelkönigin. Alle Blicke richteten sich auf sie. Beate von Lindern war irritiert. Eben noch gefeiert wegen ihres kämpferischen Plädoyers wurde plötzlich im Interesse des Ganzen, der großen Sache „Umwelt“ von ihr erwartet, was sie nicht zu leisten bereit war. Ubbo Hartwig setzte nach:
„Sieh mal, Beate, könntest du dir nicht in Hinblick auf unser  großes, übergeordnetes Ziel eine Teilnahme an der Reise vorstellen? Natürlich teilen wir auch deine Bedenken. Es sind doch auch unsere.“
Pause. Schweigen. Neun Augenpaare ruhen auf der Wachtelkönigin. Alle warten mit Spannung, was geschehen wird. Beate von Lindern räuspert sich. Aha, gleich wird es losgehen.
„Also, das widerspricht nun ganz und gar allem, wofür ich mich eingesetzt habe. In einer Sache kann ich Ubbo allerdings zustimmen. Wir werden nirgendwo wieder so viele Menschen so lange Zeit zusammen haben, um für unsere Sache zu werben und zu kämpfen. Ich könnte mir vorstellen, mit zu ziehen, wenn wir bei dieser  Reise nicht Eigeninteresse der Wachtelkönigin sondern  die Interessen des Wachtelkönigs und der geschundenen Umwelt im Vordergrund stehen.“
Knöchelklopfen. Helle Herwein steckt den Kopf durch die Schiebetür und fragt, ob es noch etwas sein darf.
„Bring uns noch einmal eine Runde, wie gehabt. Geht auf meinen Deckel.“
Ubbo Hartwig hat einen Sieg im Interesse der Umwelt errungen. Das ist schon eine Runde wert.
„Für mich bitte diesmal einen Pfefferminztee“, korrigierte Beate von Lindern die Bestellung. Ubbo Hartwig setzt die Versammlung fort.
„Ich rufe dann den Punkt „Verschiedenes“ auf.“
Es meldet sich Veronika Eggermann zu Wort, die jahrelang in verschiedenen ökologischen Wohnprojekten im Wendland lebte und drei Jahrzehnte maßgeblich dazu beigetragen hat, dass nun auch andere Bundesländer sich um die Endlagerung von Atommüll innerhalb ihrer Landesgrenzen Gedanken machen müssen. Hätte es Stempelchen für Demo Beteiligungen gegeben,  sie wäre sicherlich die Stempelkönigin des Wendlandes und der Elbtalauen geworden .  Als sie an sich alle Anzeichen eines Burnouts bemerkte, sie verspürte plötzlich keine Freude mehr an den endlosen Diskussionen über Welt-, Beziehungs- und  vielen nichtigen, oft kleinkarierten Problemen ihrer inzwischen auch meist schon jüngeren MitbewohnerInnen, kam ihr zu Pass, dass ihre Großmutter ihr die kleine Kate am Elbdeich vermachte. Mit ihrem Mischlingsrüden, einigen persönlichen Stücken  und einem großen Bündel grobgestrickter Kleidungsstücke hatte sie sich in ihrem 14 Jahre alten Ford Fiesta  kurzerhand auf den Weg nach Kolbingen gemacht. Hier schlüpfte sie nahtlos in den bescheidenen Haushalt ihrer Großmutter, was wegen ihrer anspruchslosen Lebensweise keine große  Mühe bereitete. Mit meist ungewaschenen langen Haaren, auffallendem Ökooutfit und immer den Geruch der alten Kate verbreitend sorgte Veronika überall  für Aufmerksamkeit.
Was hier in Kolbingen nicht selbstverständlich war, verziehen ihr ihre Mitmenschen ihre offensichtliche „Andersartigkeit“ wegen ihres immer freundlichen Wesens und ihrer Kolbinger Wurzeln.
Dass Veronika Eggermann ziemlich schnell zu den Freunden des Wachtelkönigs stieß, verwundert nicht. Man kennt dieses Phänomen  zum Beispiel auch, wenn ein schwieriger Schüler neu an eine Schule kommt.  Man  kann ziemlich sicher sein, dass er schon in der ersten großen Pause mit den schulbekannten Rowdies zusammensteht.
 Menschen gleicher Strickart scheinen einander über weite Distanzen zu wittern.
„Liebe Freundinnen und Freunde, mich bedrückt da schon etwas seit einiger Zeit. Ihr wisst, dass es mir ein ganz, ganz großes Anliegen ist, die Gleichberechtigung der Geschlechter in Wort, Schrift und Bild sowie im täglichen Miteinander  durchzusetzen. Ich möchte jetzt nicht, dass ihr mich für albern haltet, aber wenn ich konsequent mit mir und meinem Umfeld sein will, müssen wir uns umbenennen.“
Ratlose Blicke Ubbo  Hartwig und Henning von Ahn werfen sich einen Blick zu, der deutlich ihre Meinung zu Veronikas Anliegen zum Ausdruck bringt.
Veronika bemerkt das nicht und konkretisiert stattdessen ihr Anliegen:
„Ich meine, dass wir uns zukünftig Kreis der Freundinnen und Freunde des Wachtelkönigs und der Wachtelkönigin nennen müssen.“
Pause! Ubbo Hartwig bricht das etwas zu lange Schweigen:
„Ein interessanter Ansatz, Veronika. Vielleicht sollten wir deinen Vorschlag  im Rahmen der Herbstversammlung noch einmal aufgreifen. Du verstehst, wir können jetzt nicht abstimmen, weil der Punkt nicht auf der Tagesordnung war.“
Das sah Veronika ein. Der Rest der Runde atmete erleichtert durch.
Es ist schon gut, so einen schlauen Vorsitzenden zu haben.

Eigentlich deutete am frühen Donnerstagabend  des 14. Dezembers nichts auf besonderen Betrieb im Fährkrug hin. Das Yachtzimmer war für 19 Uhr von der Landjugend gebucht. Mehr als zwanzig Gäste lassen sich dort nicht unterbringen. Hartwich hatte je eine Kraft am Tresen und eine zum Bedienen eingeteilt. Er selbst stand in der Küche, um Bestellungen von der Abendkarte zuzubereiten. Bereits um 18 Uhr zeichnete sich ab, dass er mindestens eine Bedienung mehr brauchte. Die Gaststube und das angrenzende „Piratenkabinett“  boten schon lange keine Sitzplätze mehr, am Tresen standen sie in Dreierreihe. Als eine Gruppe von etwa 12 Pferdezüchtern um Paul von Thun in die Gaststube drängte, bereiteten Hartwich und seine Frau im Eiltempo den kleinen Saal vor.
Paul von Thun schimpfte. Es war kein Parkplatz mehr in der Nähe des Fährkruges zu bekommen und sie hatten fast 600 Meter von der Tennisanlage bis hierher bei strömendem Regen zu Fuß zurücklegen müssen.
Nach dem Grund für den am Donnerstag ungewöhnlichen Ansturm  brauchten die Wirtsleute und ihr Personal nicht zu fragen. Überall das gleiche Thema, alle unterhielten sich über das geheime Königinnentreffen, das hier in wenigen Minuten beginnen sollte.
Auch das Yachtzimmer begann sich sehr zeitig zu füllen. Nach und nach trafen die Majestäten ein. Die Tische waren in der Form eines offenen U angeordnet. Am Kopf saß das Organisationsteam aus Bilge, Lukas Geerdts und Viola Hiesel in der Mitte. Die Seitenplätze des U´s konnten von den eintreffenden Mädchen frei  gewählt und besetzt werden.
Samantha Meyer hatte irgendetwas missverstanden und war als einzige Königin in vollem Ornat und mit dem Zaunkönigkrönchen auf dem Kopf erschienen. Nachdem sie ihren Fehler bemerkt hatte, legte sie Krone und Mantel doch noch schnell an der Garderobe ab.
Es klopft zart, alle Köpfe drehen sich zur Tür. Glaubt man´s ? Im Türrahmen stehen Nikki Schütt und Rieke Winter, die der Runde mit verlegenem Lächeln unbeholfen zuwinkt.
„Dürfen wir auch? Wir haben gehört, dass sich hier heute alle Kolbinger Majestäten treffen. Da gehören wir doch auch dazu; aber wir haben keinen Brief bekommen“, versucht Friederike ihr Erscheinen zu erklären. Viola, die clevere Weißkohlkönigin aus Bilge, erfasste sofort die Lage und erteilte den beiden in zuckersüßem Ton eine klare Absage:
„Tut uns leid. Das macht keinen Sinn, wenn ihr dabei seid.  Wir machen uns heute Gedanken über einen Ausflug, an dem ihr ohnehin nicht teilnehmen könnt, weil ihr ja in der Zeit auf der Grünen Woche sein müsst. Ciao, viel Spaß in Berlin!“
„Echt cool gemacht, Viola“, meinte Jonas, „hätte sonst keiner hier so hingekriegt.“
Der kurze Auftritt der Kolbinger Landkönigin und der Milchkönigin sorgte für reichlich Gesprächsstoff bei den wartenden Majestäten. 
Von der Wachtelkönigin fehlte immer noch eine Zusage.
18.45 Uhr, Beate von Lindern trat in den Raum. Nun wurde es sehr wahrscheinlich, dass die Runde vollzählig werden würde. Viola setzte kleine Häkchen hinter den erschienenen Majestäten und Punkt 19 Uhr fehlte nur noch ein Häkchen hinter dem Namen von Natalie, der Königin der Nacht. Gerade wollte Lukas die Veranstaltung eröffnen, als Natalie in den Raum trat, den nassen Schirm in die Ecke stellte, das etwas nasse Haar hin und her schüttelte und mit einem Mix aus Deutsch und Französisch über das Sauwetter schimpfte. Hella Rossmann, das Sprachenwunder vom Gymnasium Warstade, beugt sich zur Radler Königin Hildegard Radlusz und flüstert ihr ins Ohr, was schon viele immer vermuteten:
„Die kann gar nicht richtig Französisch.“
Armer Lukas. Er war schon aufgestanden um die Versammlung stehend zu eröffnen, als die Bedienung hereinplatzte und fragt ob es denn schon etwas sein dürfte. Natürlich durfte es schon etwas sein und so verzögerte sich der Start noch einmal um einige Minuten.
Aber dann lief es wie am Schnürchen. Nach Lukas Begrüßung und einer kurzen Begründung, warum sie so begeistert von einem Ausflug waren,  wechselten sich die anderen vier ab mit der Verkündung von Plänen und bereits ermittelter Informationen. Kalle Seefeld rundete die Projektskizze mit der Vorstellung seines Sightseeing Programmes für den Harz ab und forderte die Zuhörerschaft auf, nun Fragen zu stellen bzw. Anregungen zu machen.
Andauerndes Klopfen mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatten des Fährkruges signalisierte den Bilgern, dass die Versammlung den Köder geschluckt hatte. Der Beifall verebbte und ein erwartungsvolles Schweigen setzte ein.
Lukas erlöste die Runde.
„Gibt es irgendwelche Fragen oder Anregungen? Ja bitte, Helga.“
„Ich hätte gerne gewusst, ob wir nicht zu einer anderen Zeit fahren können. Ich meine nur wegen Urlaub. Also es ist doch ziemlich kurzfristig?“
„Willst du das beantworten, Viola?“
„Ja, gerne. Zu unserer Idee gehört schon, dass wir genau zu der Zeit Spaß haben wollen, wenn in Berlin die Grüne Woche läuft, zu der wir ja aus bekannten Gründen nicht mitgenommen werden. Außerdem brauchst du nach unserer Planung nur einen  Tag Urlaub durch die Koppelung mit dem Wochenende. Das bekommst du schon hin.“
„Sarah, du hattest dich noch gemeldet?“
„Ja, ich habe zwei  Fragen. Wie teuer wird die Reise? Und könnte vielleicht noch einmal jemand genauer beschreiben, wie ihr euch das mit dem Ball oder der Party gedacht habt? Ach ja, muss man an den Ausflügen teilnehmen?“
„Kalle, vielleicht sagst du etwas zu den Kosten.“
„Ich habe einmal überschlagen. Zwei Nächte im Doppelzimmer macht ungefähr 70€. Anteil für An- und Abfahrt  20€ und ca. 10€ pauschal für Programm. Außerdem kämen noch 25€ für die Party dazu für Getränkepauschale und eventuell einen DJ falls wir keine eigene Musik mitbringen. Über den Daumen also 110 – 125€ insgesamt. Na ja, die Party oder der Ball soll schon etwas festlicher sein. Cooles Outfit, Königinnen in ihrem Kostüm und so. Vielleicht auch ein paar Spiele. Ihr könnt ja auch noch Vorschläge machen, die Planung steht ja erst am Anfang. An den Ausflügen muss man natürlich nicht teilnehmen.“
„Monsieur, darf isch meine Ündschen mitnehmen?“
„Kalle, sag mal schnell, was ist eine Ündschen?“
„Die hat einen Köter. Ündschen, kapierst du?“
Lukas kapierte.
„Aber natürlich darfst du deine Ündschen mitnehmen, Natalie, aber für Mehrkosten musst du natürlisch selbst aufkommen.“
„Danke. Aber mach keine Witz mit meine Sprache, nicht verohnepieppeln! Das kann isch niecht gut aben.“
„Tschuldigung, war nicht so gemeint. Noch irgendwelche Fragen? Ja, Samantha.“
„Kann ich jetzt schon bezahlen? Überhaupt, wer kriegt das Geld und bis wann muss man sich angemeldet haben?“
„Anmeldungen nehmen wir über E-Mail, per SMS,  per Post und per Anruf entgegen. Wer sich angemeldet hat, bekommt von uns dann laufend Infopost mit allen für euch nötigen Daten. Wir haben vorerst einen Bus mit 54 Plätzen reserviert und noch eine Option für einen zweiten Bus. Übermorgen erscheint auch noch ein Artikel im Tageblatt. Frau Hellerich will morgen noch ein Interview mit uns machen. Nach dem Artikel werden wahrscheinlich noch einige Anmeldungen kommen. Einen Bus bekommen wir bestimmt voll. Was meinst du, Anneliese? Alleine aus dem Moor müssten doch schon 20 Personen mitkommen?“
„Ich weiß nur von meiner Mutter, dass sie mitkommen will. Seit ihrer Hochzeitsreise nach Lüneburg und ein paar Tagesausflügen mit den Landfrauen war sie nie los. Ach ja, vielleicht auch noch Tante Paula, also Paula Heinsohn, wenn sie denn jemanden findet, der ihre Viecher versorgt.“

Der Weg von der Gaststube zu den Toiletten führt am Yachtzimmer vorbei. Wer, wie Viola direkt auf die Tür des Yachtzimmers blickte, konnte eine interessante Beobachtung machen. Wer immer an dieser Tür mit den zwei gläsernen Bullaugen im oberen Viertel vorüber ging, stand einmal auf dem Hin- und einmal auf dem Rückweg für eine kurze Sekunde auf Zehenspitze, um bei dem hastigen Blick in das Zimmer irgendetwas zu entdecken, was in der Gaststube berichtenswert sein könnte.

Nachdem  keine Fragen mehr aus der Runde kamen, schloss Lukas die Versammlung.  Zielstrebig bewegten sich die Majestäten in den Gastraum. Als  Viola, Lukas, Tina, Kalle und Jonas in die Gaststube kamen, hatten sich die Majestäten schon ihren „Fanclubs“ zugeordnet. Niemand war alleine hier. Sogar die Wachtelkönigin fand noch einen Platz am Tisch von Ubbo Hartwig, Verona Eggermann und, man glaubt es kaum nach der Vorgeschichte, Annegret Hölscher. Ein Stuhl an ihrem Tisch war frei geblieben. Als wüssten alle in der Gaststube, dass der Stuhl einzig der Wachtelkönigin vorbehalten sei, hat sich niemand zu den Freunden (später vielleicht auch einmal „Freundinnen“ ) des Wachtelkönigs und der Wachtelkönigin  gesetzt. Vielleicht war es aber auch der Katenmuff aus den Klamotten von Veronika Eggermann. Warum hat sie sich wohl noch nicht umbenannt in „Eggerfrau“, wenn ihr das doch so wichtig ist mit der Gleichberechtigung der Geschlechter? Oder  war es vielleicht das starke Aroma des Pfefferminztees aus Marokko. Garantiert aus biologischem Anbau.
Gerade mit letzterem habe ich so meine Zweifel. Ich war doch gerade in Marokko. Pfefferminztee aus kleinen Blechkannen und getrunken aus kleinen Gläsern habe ich gesehen. Von Pfefferminztee aus biologischem Anbau  war nichts zu sehen.
Nikki Schütt drängt sich durch die Reihen und hängt sich bei Kohl Hiesels Tochter ein, obwohl sie sich  genau genommen erst zwei Mal richtig begegnet sind.
„Ich beneide euch  ja so, dass ihr diese Partytour macht, Viola.“
„Lukas, komm mal eben, Nikki würde gerne mit auf Partytour. Bist du sehr böse, wenn ich für sie nach Berlin fahre?“
„He, he, he, soo war das doch nicht gemeint.“
Viola befreite sich von Nikki.
„Dann sag das doch nicht!“
„Fuck you!“ Nikki steuert wütend auf ihren Freund zu, packt ihn am Arm und zerrt ihn zum Ausgang.

„Hast du das gehört, Lukas? Die Königin hat   „fuck you“ gesagt. Ts,ts, ts. Ich weiß nicht, ob das für unser geliebtes  Kolbinger Land die richtige Vertretung in Berlin ist. Lukas, ich glaube, dass wir unbedingt nach dem Rechten sehen müssen  -  in Berlin!“
„Sie haben ja so Recht, eure Majestät, wir müssen durch unsere wachsame Anwesenheit  auf der „Grünen Woche“ der weiteren Verrohung des Hochadels mit allen, ich betone, mit allen Mitteln entgegenwirken.“

Warum sind die beiden eigentlich noch kein Paar, wo sie sich doch so gut verstehen?

„Habt ihr vielleicht Nikki irgendwo gesehen? Ich suche sie und eben war sie doch noch bei dir, Viola.“
Friederike, die sich gerade etwas mit Nikki angefreundet hatte, stellte sich auf Zehenspitzen, um vielleicht irgendwo etwas von Nikki zu entdecken.
„Ja, sie war eben noch hier und hat den Wiederholungstest zum Thema Zweisprachigkeit bestanden. Es ging ihr wohl nicht so gut. „Fuck you“ hat sie fehlerfrei rausgezischt, hat sich ihren Johannes geschnappt und feiert nun wohl zu Hause mit ihm.“
Friederike  blickt in die grinsenden Gesichter von Viola und Lukas.
„Muss ich das nun verstehen?“
„Musst nicht“, antwortet Lukas, „aber, wenn du es verstehen willst, frag sie doch demnächst selbst einmal.“
Die beiden gingen lachend rüber zu Jonas, Tina und Kalle, um ihnen von ihren jüngsten Kontakten zum Kolbinger Hochadel  zu berichten. Friederike fühlte sich nun endgültig nicht mehr wohl auf dieser Veranstaltung und verließ den Fährkrug. Ein bisschen unglücklich war sie schon, dass sie nicht zu den Verlierern gehörte.
„Wie das wohl wird in Berlin“, ging es ihr durch den Kopf, „mit der Melzer, Detje und Ehlers und Nikki. Den ganzen Tag lächeln und Prospekte verteilen? Jetzt könnte ich vielleicht noch abdanken. Das sagt man doch wohl? Abdanken, ja, und Samantha Meyer fährt für mich. Die lächelt doch so lange bis ihr der kleine Zaunkönig, Pardon, die Zaunkönigin aus der Krone fällt.“

Es war ein guter Abend im Fährkrug, für die meisten jedenfalls und ganz besonders für Marcel Hartwich und seine Frau Vera. Gut auch für die 16 Hoheiten und deren Gefolge. Wie damals schon beim Wiener Kongress  zeigte sich auch hier im Fährkrug wieder, dass Feiern  den besten Nährboden zum Spinnen diplomatischer Netzwerke bieten.  Netzwerke, die maßgeblichen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung der Dinge in Kolbingen nehmen sollten. Hier, bei Marcel und Vera in der Gaststube spielten sich zum Teil sehr ergreifende Szenen ab.

Heino Buhrfeindt, der bis dato noch keinen blassen Schimmer hatte, wem er die Krakauer in seiner Trompete zu verdanken hatte, stand fröhlich mit Paul von Thun zusammen. Gerade hatten sie Brüderschaft getrunken und von Thun, vor diesem Abend noch Hauptverdächtiger in der Wurstaffäre, war nun Freund. Nicht nur, dass hier eine drohende Feindschaft in Freundschaft mutierte. Diese Brüderschaft hatte eine nahezu historische Dimension. Nicht ganz so, wie der Wiener Kongress, aber ein weiterer Schritt in Richtung Überwindung der historischen Gräben zwischen den, wie Carl Christian Wüst (MMB) immer sagt, Marschmellos und Moorpuggen.

Hier ging es so fröhlich und ungezwungen zu. Da könnte sich der europäische Hochadel durchaus etwas abgucken. Bald schon spielten weder die Familienabstammung, Adel, Moor, Marsch oder Herkunftsort eine Rolle. So etwas hat es zuvor in den Deutschen Landen nur einmal gegeben, damals, als es mit vereinten Kräften gelang, sich vom Joch des Korsen Napoleon Bonaparte zu befreien.
In Friedeberg waren sie auch damals, die Franzmänner. Sollen immer am Hafen und am Kornspeicher rumgehangen haben. Weiß man eigentlich etwas über die Familien Pennecote  und Duval? Hört sich doch ein bisschen französisch an? Oder? Was haben Napoleons Soldaten in ihrer Freizeit gemacht? Wenn sie sich mal gerade nicht um die Kontinentalsperre kümmern mussten?

Die Radlerkönigin plauscht mit der Bienenkönigin und die Hannoveraner Königin amüsiert sich köstlich mit dem Gefolge der Weißkohlkönigin. Natalie, die Königin der Nacht hatte ihr „Ündschen“ auf der Tresen Ecke abgestellt  und betrieb, obwohl sie immer wieder betonte, nicht dienstlich hier zu sein, kräftig Eigenwerbung in Harry Röndigs Freundeskreis. Besonders die Zielgruppe der ledigen Männer bis 35 Jahre weckte ihr Interesse. Jedes kleine Kompliment, jedes Bruderschaftsküsschen mit anschließendem „Roten“, „Bomi mit Pflaume“ oder später für sie nur noch „Sangrita“ stellte eine Zukunftsinvestition von nicht zu unterschätzendem Wert dar.

Die größte Freude widerfuhr dem Freundeskreis des Wachtelkönigs (und später auch seiner Frau, vielleicht nach der Herbstversammlung). Als die Wachtelkönigin Beate von Lindern einmal dahin musste, wohin auch die Kaiserin von China zu Fuß hingeht, setzte sich Ackerbauer und Windmühlenfreund Siegfried von Borstel aus Hohedeich auf den freien Platz.
„Das kann ja heiter werden“, dachte Veronika Eggermann und rührte mechanisch in ihrem zuckerfreien Pfefferminztee.
Und Recht sollte sie behalten, völlig unerwartet. Als die Wachtelkönigin vom WC zurückkam, stießen die Freunde des Wachtelkönigs gerade mit Siegfried an. Ubbo Hartwigs Stimme gab das Kommando:
„Ein dreifaches Kräck, kräck! Kräck, kräck! Kräck, kräck!“
Veronika Eggermann entzog sich diesem Zeremoniell und rührte und rührte. Es hatte schon ein wenig von Hospitalismus.

Die Wachtelkönigin fand freundliche Aufnahme bei der Stutenkönigin ohne Deutschkenntnisse. Nein, die Deutschkenntnisse von Natascha waren wirklich nicht sehr gut.
Ukrainisch soll sie ja sehr gut können. Sagen sie zumindest. Igor, ihr Bruder übersetzt. Einmal hat Natascha auch ohne Dolmetscher verstanden, als Beate („kannst Beate zu mir sagen“ hatten sie schon hinter sich) sagte:
„Klitschko gutt!“
Natalia strahlte und, einen rechten Haken und eine gestreckte Linke ausführend,  antwortete sie in fließendem Deutsch:
„Ja, Klitschko gutt!  Boxchampion gutt!“

In diesem Moment ein weiteres Ereignis von historischer Dimension. Siegfried von Borstel, der locker 280 ha unter den Pflug nimmt, steht mit erhobenem Glas am Tisch der Umweltschützer und  bringt ohne Proteste seiner Berufskollegen und seiner Diskussionspartner, oh, pardon Frau Eggermann, und seiner Diskussionspartnerinnen einen Toast aus, den die umstehenden so schnell nicht vergessen werden:
„Liebe Freunde des Wachtelkönigs, ich sehe den Tag kommen, an dem ein Wachtelkönig mit seiner Wachtelkönigin im  gemeinsamen Nest unter den Rotorblättern einer Windkraftanlage Ei um Ei ausbrütet. Irgendwann wird nämlich auch in den Amtsstuben in Brüssel oder Stade angekommen sein, dass der Wachtelkönig …“
„Und  die Wachtelkönigin!“ Einwurf von Veronika Eggermann.
„ja, sagte ich doch, also, dass die beiden Tiefflieger sind und niemals mit den Rotorblättern in Konflikt geraten werden. Auf eine gemeinsame Zukunft von Ackerbau, Windkraft und Wachtelkönig!“
„Und Wachtelkönigin!“
„Ja, sagte ich doch eben. Prost oder Ubbo, meinetwegen auch ein dreifach Kräck, kräck! Kräck, kräck! Kräck, kräck!“

Die Bilger freuten sich. Besser hätte der Abend für ihre Pläne nicht verlaufen können. Jonas ärgerte sich ein wenig, dass er keine Anmeldeformulare für die Reise in den Harz dabei hatte.
„Ich weiß nicht, wie oft ich heute schon gesagt habe, dass man sich noch nicht anmelden kann. Als ich das Samantha Meyer auch sagte, beugte sie sich runter zu mir, gab mir ein Küsschen auf die Stirn und sagte: „Macht nix, mein Süßer, Königinnen fahren doch wieso alle mit.“ Ich fand sie echt cool, heute, die Zaunkönigin.“
Die anderen vier im Auto verdrehten die Augen. Kalle:
„Jonas, hör auf, die hat´n Brett vorm Kopp!“

Die nächsten 14 Tage einschließlich der Weihnachtstage waren von hektischen  Aktivitäten gezeichnet. Zeitweilig glich die Dachwohnung der Geerdts Jungen einem Büro.  Nachbarn konnten den Eindruck gewinnen, dass Viola, Kalle und Tina inzwischen bei den Geerdts zur Untermiete wohnen würden. In einer Ecke lagen die Materialien für die Harzreise, die nie stattfinden sollte. In der anderen Zimmerecke sammelten sich die Unterlagen für Berlin. Auf den Ordnern stand HARZ  I, HARZ  II, HARZ  III und  HARTZ IV. HARTZ IV hat Lukas beschriftet. Seine Rechtschreibung ist auch an der Berufsschule nicht besser geworden. Die Beschriftung der Berlin Ordner mit HARZ I – HARTZ IV war eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls Mutter Geerdts sich einmal in die Zimmer der Jungen verirren sollte. Meist bleibt sie aber in letzter Zeit im ersten Stock stehen und ruft hoch:
„Kann mal einer kommen und das Tablett abnehmen.“
Meistens ging Tina. Mutter Geerdts freute sich immer so, wenn Tina sagte:
„Oh, schon wieder die leckeren Apfelkringel, Frau Geerdts. Sie müssen mir unbedingt noch verraten, wie sie die immer so hinbekommen.“
Das Schöne war, dass Tina sich in den Tagen an die Apfelkringel gewöhnt hatte und sie wirklich mochte. Das spürt eine Mutter, wenn ihr ein echtes Lob entgegengebracht wird.
„Ja, die Tina ist ´ne ganze Nette“, sagte sie schon manches Mal beim Frühstück zu den Jungen. Bei denen kam es dann immer so an, als hätte ihre Mutter gefragt:
„Die Tina, wär das nicht eine für einen von euch?“ Oder besser noch: „Schade, dass die Tina keine Zwillingsschwester hat!“

Inzwischen waren zwei Artikel erschienen, die das Reisevorhaben beschrieben. Suse Hellerich hatte sogar noch kurz vor der Gemeinderatssitzung in Bilge einen kleinen Abstecher zu den Geerdts gemacht. Es sei doch schöner, wenn man sich gegenübersäße als wenn es nur per Telefon laufen würde. Das ganze Team war versammelt. Der Beginn des Pressegespräches verzögerte sich dann allerdings etwas, weil Mutter Geerdts das Tageblatt an der Haustür abfing und gleich um die Ecke auf die neuen Stubenmöbel lotste. Da standen auch schon Kuchenteller, zwei Tassen und eine Thermoskanne mit Kaffee. Sie war sehr aufgeregt.  Mittags am Bäckerwagen konnte sie es nicht für sich behalten. Zu ihrer Nachbarin gewandt fragte sie möglichst cool:
„Was soll ich denn der Zeitung auf den Tisch stellen, Herta, etwas mit Sahne oder eher einen trockenen Kuchen?“
„Wieso Zeitung? Hast du die Zeitung bei dir?“
„Ich sag´s doch, Frau Hellerich, du weißt doch, die mit dem Lockenkopf, die auch über den Kindergarten geschrieben hat, die kommt  nach!!! uns, wegen der Harzfahrt. Kannst sie ja auch nicht einfach so gehen lassen, kommt ja ganz von Stade raus zu uns.“
„Fällt mir nu auch grad nichts ein, was die von´ne Zeitungs nachmittags so essen. Weest wat? Dat Beste is wohl, du nimmst een mit Klackemaschü[6] un een drööget.“
So hat Frau Geerdts es dann auch gemacht. Wofür Nachbarn doch oftmals gut sind.

Suse Hellerich erfasste mit einem Blick über den Stubentisch, dass ihr Zeitmanagement gehörig in Unordnung geraten würde, wenn sie sich auf dem Polstersofa niederlassen würde. Zwei Tassen?  In der Gruppe sind doch fünf Jungen und Mädchen.
„Das ist sehr nett gemeint Frau Geerdts, ich komme gerade vom Mittagstisch und habe nicht viel Zeit fürs Interview. Wo finde ich denn Ihre Jungen und deren Freunde?“
„Nun setzen Sie sich man schon hin. Zeit für ´ne Tasse Kaffee wird ja wohl noch sein. Ich kann Ihnen ja schon ein paar Fragen beim Kaffeetrinken beantworten.“
Suse Hellerich erlebt diese Form der Gastfreundschaft in Nordkolbinger Familien häufiger. Der Besuch der Zeitung -  auch typisch, sie ist dann nicht mehr Suse Hellerich, sie ist „die Zeitung“ oder „das Tageblatt“ – kann nur noch durch das Fernsehen oder den Besuch von Helmut Schmidt im Bilger Gasthof „Zwei Eichen“ getoppt werden.
Die Rettung kündigt sich durch rasant schnell näher kommendes Treppengetrappel. Lukas hatte den Dienstwagen des Tageblattes vor der Haustür gesehen, als er nach dem Türklingeln einen Blick aus dem Fenster auf den Hof warf. Als die Redakteurin dann aber nicht unter dem Dach erschien, überfiel ihn eine Ahnung, die der Wahrheit sehr nahe kam.
„Guten Tag, Frau Hellerich, kommen Sie mit, wir sind oben. Ich bin übrigens Lukas.“
„Vielleicht ein anderes Mal, Frau Geerdts. Ich gehe dann mal mit hoch.“

In ihrem Bericht hat sie noch einmal sehr ausführlich über die Motive der jungen Leute geschrieben. Als Zeugin der doch etwas fragwürdigen Majestäten Wahl am Tag der Deutschen Einheit konnte sie nur allzu gut nachvollziehen, dass diese verwundeten Seelen sich ein Ventil schaffen mussten. Auch das Engagement dieser fünf jungen Menschen aus dem Nordkreis  fand eine angemessene Würdigung. Zuletzt fehlte auch nicht der Hinweis, dass man sich online anmelden könne über  die Reiseseite im Netz mit der Adresse www.queenstrip.de 
Das war Jonas Idee, mit der Seite im Netz. Frau Geerdts fand am schönsten an dem Artikel, dass ihre beiden Jungen auf dem Foto so gut zu sehen waren.

Man kann es nie allen Menschen  Recht machen. Harry Röndigs hat in der Zeitung  „Queenstrip“ gelesen. In Erwartung eines erotischen Filmchens mit Königinnen, die sich ihrer Kleidung entledigen, gab er mehrfach die genannte Internetadresse ein. Immer wieder landete er auf den Seiten mit Anmeldeformularen und Reiseinformationen der Königinnenfahrt nach Bad Harzburg. Als er die angegebene Kontaktnummer anrief, um zu fragen, was er denn immer verkehrt mache, hatte er Jonas Geerdts aus Bilge am Apparat.
„Röndigs hier, Harry Röndigs, Dröbermmoor. Mach ich hier etwas verkehrt oder habt ihr da etwas vergessen auf die Seite zu bringen? Finde ich ja nicht gut, wenn etwas nicht in der Packung drin ist, was draußen drauf steht.“
„Mach mal halblang. Weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst. Du meinst unsere Seite? Ist doch alles drauf, was du brauchst zur Info und Anmeldung?! Kannst dich aber auch über Telefon anmelden, wenn du das per Internet nicht raffst.“
„Hör mal, ich will mich nicht anmelden, ich suche jetzt schon seit 20 Minuten den „Queenstrip“, den man unter der Internetseite vermuten muss. Nix da! Kein Bild von einer Queen, schon gar nicht von einer Queen, die stript! Nur Harzbilder.“
Jonas verstand plötzlich den Lesefehler von Harry. Nein, da könne Harry lange suchen. Er habe lediglich das Wort Königinnenausflug ins Englische übersetzt und dabei ist dieses Wort herausgekommen. Zugegeben, wenn man anders denkt, kann man das Wort auch anders  lesen und verstehen.
„Verstehst du nun? Da findest du keine nackige Königin und da sollte auch nie eine sein.“
„Ach so, Tschüß dann!“
„Type“, dachte Jonas, „aber komisch, dass noch niemand anderes über die zweideutige Internetadresse gestolpert ist. Und, typisch Moorer. Erst großes Gemecker und dann nur „Ach so!“. Keine Entschuldigung. Einfach nur „Ach so!“

Riesenproblem!
Anmeldungen für die Reise erreichten das Planungsteam per e-mail, online – diesen Weg wählten eher die jüngeren Reiseteilnehmerinnen –oder auch per Post. Manchmal  fanden Kalle, Tina, Viola und die Zwillinge auch nur einen ausgefüllten Meldezettel bei sich im Briefkasten.  Der Gipfel war ein kleiner gelber Zettel, auf dem in ungelenker Handschrift stand:
„Ich komm auch mit! Otto“
Das konnte nur Otto Suhr sein, der häufiger als Aushilfe bei Kohl –Hiesel arbeitet. Den Fall hat dann Viola weiter bearbeitet.
Inzwischen haben sich schon  87 Personen angemeldet. Zwei Busse wurden fest bei Primo Reisen in der Wingst gebucht. Eine Option für einen dritten Bus konnten sie nicht geben. Deshalb hat Kalle schon einmal Kontakt  mit der Firma Grell in Mittelstennahe aufgenommen.
„Kein Problem“, war die Antwort, „wenn ihr man zwei Tage vorher Bescheid sagt, damit ich einen Fahrer habe. Eventuell müsst ihr aber einen von den alten Schulbussen nehmen. Geht das in Ordnung? Ihr kriegt ihn auch günstiger.“
Von den Dingern kann Viola ein Lied singen. Ausrangierte Linienbusse! Jeden Tag macht sie darin die Reise von Bilge über die Dörfer nach Hemmoor und wieder zurück. Vielleicht könnte man den Spielmannszug der Moorer, der sich komplett angemeldet hatte, in dem Schulbus unterbringen. Denen ist es meistens ohnehin bald egal, wo sie sitzen. Hauptsache es herrscht gute Stimmung und dafür konnten sie bestens selber sorgen.

Nein, das war noch nicht das Riesenproblem.  Riesenprobleme sind solche, für die es keine Lösung zu geben scheint. Und so eines hatten die wackeren Bilger! Viola, verantwortlich für die Quartiere, hatte erst 60 Übernachtungsplätze für die Zeit ihres Berlinaufenthaltes.  Aktuell fehlten noch 27 Plätze und die Anmeldefrist war noch nicht abgelaufen. Gut, dass es im Hause Geerdts eine Flatrate für Festnetzgespräche gab. Anderenfalls hätte Vater Geerdts bestimmt noch einmal extra nach Schanghai gemusst, um die Telefonrechnung begleichen zu können.
Und dann hat das Western Inn Hotel eine Mail geschickt mit der Bitte, die Übernachtungen mit 40% anzuzahlen. Sarah Bauknecht, die sie tatsächlich zum Einsammeln der Fahrtkosten gewonnen hatten,  hatte bei weitem noch nicht von all denen, die sich angemeldet hatten, Geld auf dem Konto.  Ein bisschen wunderte sie sich schon, dass man ihr nicht zutraute, den Abschlag an das Hotel in Bad Harzburg zu zahlen.
Vielleicht müsste man sie doch bald einmal einweihen. Bislang hat die Tarnung noch wunderbar geklappt. Ganz Nordkolbingen  geht von einer Reise in den Harz aus.
Ein kleines Problem dürfte es noch mit Bilges Gemeindepfarrer Henry Krohn geben. Er begleitet gerne Aktionen seiner Jungen und Mädel von der Landjugend. Er hat sie auch immer zum Ende der Konfirmandenzeit ermuntert, sich in der LJ zu engagieren. Nun ließen sich wunderbar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: 1. An der Reise teilnehmen und 2. sich mit seinem Amtsbruder und Studienfreund Dirk Olschewski in Bad Harzburg treffen. Zuletzt hatten sie sich vor nun schon wieder 11 Jahren während eines Seminares  mit dem weitgefassten Titel „Gottes Wort in aller Ohren“ im Kloster Loccum  getroffen. Er durfte sogar bei Pfarrer Olschewski im Haus wohnen und würde so endlich auch einmal dessen Frau und die fünf Kinder kennenlernen.
Tina und Viola, die schon während der Konfirmandenzeit ein besonders herzliches Verhältnis zu ihrem Pastor hatten, erhielten von der Gruppe den Auftrag, Henry Krohn nach Abfahrt des Busses, in etwa in Harburg, davon zu überzeugen, dass es in Berlin doch auch ganz schön sei, und er dort bestimmt noch per Handy ein Quartier bei einem anderen Amtsbruder finden würde. Wenn nicht, würde man schon noch ein Plätzchen für ihn finden. Schließlich hat er ja auf diversen Freizeiten  mit der kirchlichen Jugend immer wieder gezeigt, dass er sogar noch viel besser mit einfachen Unterkünften leben kann, als manch ein verwöhntes Nordkolbinger Kind.

Anfang des Jahres, zwei Wochen vor Reisebeginn, entspannte sich die Lage in der Reisezentrale. Viola hatte fast das komplette Jugendgästehaus Wedding anmieten können. Es ist in keinem guten Zustand, Schulen fahren in der Regel nur einmal dorthin, aber es ist günstig und liegt nicht weit vom Messegelände. Den Tipp, dort doch einmal zu fragen, hatte sie auf der Internetseite der Berlin Touristik unter der Rubrik „Günstige Übernachtungen“ gefunden. Der Januar ist nicht Reisezeit für Schulklassen. Und wenn doch, dann gibt es einfach schönere Quartiere und näher an der Innenstadt gelegen. Das Haus war fast leer und die Leitung hatte auch kein Problem damit, erst sehr kurzfristig  genaue Zahlen zu bekommen. Die Teilnehmerzahl war inzwischen auf 135 gestiegen. Der dritte Bus musste zum Einsatz kommen!
„Wird höchst interessant, wie sich bei der Zusammensetzung dieser Reisegruppe, Viererzimmer für das Gästehaus finden werden“, ging es Viola durch den Kopf. Ein bisschen Angst vor der eigenen Courage befiel sie schon manchmal. Am Neujahrstag hätte sie die Anspannung fast nicht mehr ertragen. Wenn Papa Hiesel den Morgen nicht so schlecht drauf gewesen wäre, hätte sie ihm wohl alles erzählt.  Aber mag man einem Menschen, der sichtbar unter der Altjahrsabend Feier litt, noch zusätzlich mit seinen Problemen belasten? 
So blieb das Geheimnis gewahrt.
 Inzwischen freuten sich 130 Nordkolbinger auf die Reise nach Bad Harzburg und 5 auf die Reise nach Berlin. Und das Gute daran: Egal, wer sich über was freut, spätestens ab der Ostumgehung von Hamburg freuen sich dann hoffentlich 135 Nordkolbinger auf Berlin.
Hoffentlich!
Was geschieht aber, wenn die Stimmung kippt?

Paula Heinsohn hat seit Tagen schon den Ausschnitt aus dem Tageblatt auf dem Küchentisch liegen. Er sieht schon so aus, dass die Hellerich im ersten Moment behauptet hätte, der Artikel könne auf gar keinen Fall aus dem Tageblatt sein, weil die gar nicht auf Hochglanz drucken.
Das ist natürlich übertrieben!
Aber, was immer sich in Paulas Küche befindet, es verändert sein Aussehen von Tag zu Tag. Flüssiges wird fest, stehen gebliebene Milch zum Beispiel, feste Dinge werden flüssig. So zum Beispiel  die Butter, wenn die Sonne durchs Küchenfenster drauf scheint, oder die Familienpackung Möwenpick Eis, die Paula gekauft hatte, weil sie unterm Strich ja deutlich billiger war, als die kleinen Abpackungen.
Das leuchtet ein! Nur bringt der Vorteil rein gar nichts, wenn man nicht einmal ein Gefrierfach im Kühlschrank hat.
Auch der Zeitungsartikel hat sich verändert; aber er ließ sich noch ausgezeichnet lesen.
Sie würde ja zu gerne mit Anneliese und Fine in den Harz reisen.  Vielleicht die letzte Möglichkeit in ihrem Leben doch noch die Berge zu sehen. Und mit Fine und Anneliese zusammen braucht sie auch keine Angst zu haben. Drei Tage vor Abfahrt hat sie sich entschieden. 
Obama hätte laut ins Moor gerufen: „Yes, I can!“ Bei Paula hörte sich der Ruf ins Moor etwas anders an: „Jo, ick mook dat!“ 
So unterschiedlich wie Obama und Paula in einigen Dingen auch sein mögen. Hier sind sie sich doch sehr ähnlich.
Nun, wo die Entscheidung gefallen war, ging es Paula Heinsohn erheblich besser. Jetzt musste sie rüber zu Jan, der wegen seines Viehs nicht mit konnte, und ihn fragen, ob er sich die drei Tage um ihre Tiere kümmern würde.
Für Jan Riecken war es eine Selbstverständlichkeit Nachbarschaftshilfe zu leisten.
„Dor mook di man keen Kopp öber, Paula, dat kann ick wohl ook noch wuppen. Komm man rin, wi sit grod in´ne Kök und schnackt öbern Harz.  Dor weer jüst güstern wat in Fernsehen von´ne Luchse in Harz.“
„Sünd de wohl fahrlig, Jan, de Luchse meen ick?“
„Nich so lang du nich alleen in Wald rümstromern deist.“
„Nee, dat har ick eegentlich ook nich vör, Dach Fine und Anneliese. Ick föhr nu ook noch mit. Passt ji ´n beeten op mi op?“
„Nu sett die erstmool dahl. Hest du di denn ook anmeld?“
„Nee, dat mött ick morn mooken. Mit´n Breew, oder wie hebt ji dat mookt?”
„Das wird wohl alles zu spät, Tante Paula. Wenn das überhaupt noch klappt dann nur online.“
„Jao, dann mook ick dat online. Hebb ick ook all leest in Dachblatt. Und wo geiht dat? Onnlein heb ick nochj nie nich mookt. Is dat mit Telefon?“
„Nee, da brauchst du Internet, Tante Paula.“
„Und wo schall ick dat so schnell her kreegen? Wo gift dat, Internet. Hebb ick nich bi Penny seehn und ook nicht bien EDEKA in Friedebarg.“
„Kann man so nicht kaufen. Das geht über Telefon und du brauchst einen Computer dafür, Tante Paula.“
„Ach so, denn ward wohl nix mit´n Harz. Viellicht ook beter so von wegen de Luchse.“
„Nu lot dien Kopp man nich so snell bommeln. Anneliese, de kann Internet und online. Dormit bestellt se ook jümmer  uuse neegen Klamotten. Dor schrifst du op´n Schirm, wat du hebben wullst, und twee oder dree Dooch loter bringt die Olaf Tiemann schon de Sooken in´t Huus.“
„Weer jo viellicht ook mool wat för mi. Oober erstmool nich. Anneliese, mien Deern, wull du mi wohl hölpen?“
„Null Problemo. Gib mir eben noch dein Geburtsdatum. Ach so, wie machen wir das mit der Bezahlung?“
„Ach, dat kann dien Internet wohl noch nich, mool eben  lütt beten Göld von Dröbermmoor no Bilge joogen. Geiht wohl nich, oder?“
„Das geht, aber nur mit online-banking.“
„Jo, Anneliese, dann mit onnleinbennking.“
„Nee“, schaltet Fine sich ein, „dat geiht nur mit Internet und wenn du mit de Spoorkass online banking afmookt hest. Hest du oober nich, hest jo ook keen Computer.“
„Ach so.  -   Und keen Internet.“
„Ich schreibe einfach in das Formular, dass du bar bezahlst.“
Und so geschah es! Anneliese hat Paula online angemeldet, Paula hat zugesehen und immer nur den Kopf geschüttelt.
„Wi schall dat denn klappen. Oober, Annelies, wenn dat bi di klappt het, dann ward dat ook bi mi klappen. Ick mark schon, wenn wi ut´n Harz trüch sind und de Luchse uns nich opfreeten hebt, möt ick mie wohl doch mool´n , Computer oder Inline köpen.“
„Woför dat denn, Paula?“
„Na, sühst doch, taun anmelln, wenn ick noch mool no´n Harz hin will, oder wenn Olaf Tiemann mie neege Klamotten bringen schall.“
„Ach so!“
Das ist Fine so rausgerutscht. Sie hat diese beiden Wörtchen in letzter Zeit zu oft gehört.

22. Januar, einen Tag vor der Abfahrt, die Grüne Woche“  ist  bereits von der Landwirtschaftsministerin eröffnet worden. Konnte man im Fernsehen sehen. Carl Christian Wüst glaubte sogar einmal ganz kurz Friederike im Bild gesehen zu haben. Vielleicht war sie es doch nicht. Am nächsten Tag wollte er mit Nobbi und drei anderen MM- Leitern in Fahrgemeinschaft nach Berlin. Dann könnte er sie ja fragen.

22. Januar, letzte Lagebesprechung bei den Geerdtszwillingen.  Lukas übernimmt die Versammlungsleitung.
„Heute ist noch eine Anmeldung von Paula Heinsohn gekommen. Mit ihr haben wir jetzt 146 Anmeldungen. Viola, kriegen wir die noch unter?“
Viola nickt.
„Gehen wir noch einmal die Haltepunkte durch. Hier sind die Listen der Mitreisenden und wo sie zusteigen.  Ich fahre mit dem Bus von Bilge über Hohedeich und dann nehmen wir noch die 8 Züchter und Hella Rossmann in Friedeberg auf. Dann ist unser Bus voll. Viola und Jonas, ihr begleitet den Bus von Eriksheil über Kajedeich, Dröbermmoor  und dann treffen wir uns auf dem Penny Parkplatz in Kolbingerhafen. Kalle und Tina, ihr begleitet Bus 3 von der Kirche Eriksheil über Friedeberg und kommt dann ebenfalls nach Stopps in Aantenwörden und zwei Mal Stader Straße in Kolbingerhafen zum Penny Markt. Abfahrt dort gegen 9 Uhr.
 So, quartiere sind alle da, die Bestätigungen hat Viola. Ab Raststätte Hamburg Stillhorn geht in allen Bussen einer von uns ans Mikro und sagt den Leuten, wo es lang geht, wenn sie es nicht schon gemerkt haben bis dahin. Dann erste Pause auf dem Autohof Öjendorf vor der Abfahrt nach Berlin. Hier können sich die von uns trennen, die nicht mit nach Berlin wollen. Und dann ist da noch etwas. Ich habe kein gutes Gefühl, wenn wir Henry Krohn nichts vorher sagen. Viola und Tina, könntet ihr ihn vielleicht heute Abend noch aufsuchen. Er muss ja zu Hause sein, weil er doch immer freitags um 18 Uhr  die Seniorenandacht[7] macht.  Morgen Nachmittag beziehen wir unsere Quartiere und fahren dann mit unseren Bussen nach Mitte. 22 Uhr wieder zurück. Dann treffen wir uns mit den Königinnen und besprechen den Sonnabend, unseren großen Auftritt. Noch etwas vergessen? Vergesst nicht eure Sachen, die ihr morgen braucht. Viola, du hast noch etwas auf dem Zettel?“
Viola räuspert sich.
„Ich muss euch noch etwas sagen. Heute Morgen wäre ich fast aus den Latschen gekippt. Da begrüßt mich Hannes, unser Schulbusfahrer und sagt für alle in den nächsten Reihen, ob ich denn morgen auch mit nach Berlin wolle. Er solle den Grell Bus fahren.“
„Und, was hast du gesagt?“
„Ich habe gelacht und gesagt, nun fahren wir also auch schon nach Berlin. In Bilge haben einige gemeint es ginge nach Timmendorfer Strand. Das kommt alles von Jonas und Lukas, die einige Dumpfbacken veräppeln. Und die erzählen den Quatsch dann weiter. Ne Hannes, da hat deine Chefin dich wohl verladen. Ich habe die Reise mitorganisiert und ich weiß, dass du uns  in den Harz bringst. Und dann hat der kleine Schlichting aus der 5. Klasse, der immer bei den Großen zuhört, gesagt: „Stimmt, meine Eltern fahren da auch mit.““
„Ist ja noch einmal gut gegangen. Auf geht’s!“

Dreißig Minuten später klingelten Tina und Viola an der Haustür von Pastor Henry Krohn, den sie übrigens seit der gemeinsamen Israel Reise vor drei Jahren duzen dürfen. Henry Krohn freute sich über den Überraschungsbesuch der Mädchen und lud sie gleich auf eine Tasse Tee ein. Gut, dass seine Frau heute nicht im Hause war. So war die Situation schon heikel genug. Während der Pastor noch zwei Tassen aus dem Schrank organisierte begann er bereits die Konversation.
„Was verschafft mir die Ehre eures Besuches? Hat es etwas mit unserer Fahrt morgen zu tun? Wenn ihr am Sonntag noch eine kleine Morgenandacht in das Programm einbauen wollt, habe ich damit kein Problem.“
So ist er, der Gemeindepastor von Bilge. Dann bemerkte er aber an den Gesichtern der Mädchen, dass da irgendwo bei ihnen der Schuh drückte.
„Ein ernstes Problem?“
„Ja, schon“, kam es fast zeitgleich von beiden Mädchen.
Und dann erzählten sie Henry, was sie bedrückte. Der Pastor schüttelte immerwährend sein weißes Haupt und glaubte zeitweilig nicht richtig zu hören. Als Viola und Tina ihren Bericht abgeschlossen hatten, platzte es aus dem sonst so  beherrschten Gottesmann ungefiltert heraus:
„Sagt mal, spinnt ihr total, halb Nordkolbingen wollt ihr verarschen? Und was soll ich dabei tun? Soll ich jetzt schweigen? Du sollst nicht lügen spricht der Herr! Ganz abgesehen davon, dass ich morgen eine Verabredung in Bad Harzburg bei meinem Amtsbruder habe. Soll ich da nun hinfahren und ihr fahrt nach Berlin? Oder soll ich mit nach Berlin? ..“
„Ja, Henry, du sollst mit nach Berlin, unbedingt! Wir sind ja nur hier, weil, weil wir ja von deiner Verabredung in Bad Harzburg wissen.“
„Und wir glauben, dass du nur deswegen mit wolltest, um deinen Freund zu treffen. Auf Berlin hast du doch überhaupt keinen Bock, oder?“
„Ob ich Bock habe oder nicht ist doch egal. Was habt ihr euch dabei nur gedacht? Und, alles gut durchorganisiert? Busse, Quartiere? Alles klar? Finanzen stimmen?“
Henry Krohn wurde mit jeder Frage jünger.  Viola und Tina kannten diese Anzeichen bei ihm aus anderen Situationen. Sollte er vielleicht doch mitkommen wollen?
„Alles passt. Wir haben zweigleisig geplant. Harz nur zum Schein. Für Berlin steht aber alles. Ich habe das alles nach dem Planungsraster gemacht, das wir damals für die Irlandreise hatten.“
Henry Krohn begann sich über „seine“ Mädchen zu freuen.
„Sie haben doch ´was gelernt bei mir“, dachte er während es in seinem Hirn bereits an Strategien für den nächsten Tag arbeitete. Nach einer kleinen Pause in der er kopfnickend auf seine zehn Fingerkuppen starrte, die sich nach keinem erkennbaren Muster rhythmisch berührten, war er wieder da. Tina sagte später im Freundeskreis: „Und was nun kam, war ein echter Henry Krohn.“

Der Pastor hob den Kopf und sah seinem Besuch in die Augen.
„Ich bin dabei! Aber nur unter einer Bedingung.“
„Welcher Bedingung? Raus damit!“
„Es bleibt so geheim wie eure Berlinplanung, dass ich vorher von Berlin wusste. Ich werde mich erst einmal ganz fürchterlich über euren Betrug im Bus auslassen, wenn ihr der Reisegesellschaft die Wahrheit über das Reiseziel mitteilt, und selbstverständlich meine sofortige Heimreise ankündigen. Ihr müsst dann mit Engelszungen auf mich einreden und mir sogar eine Andacht in den Messehallen versprechen. Das wird mich dann umstimmen und ich habe mich bis dahin verhalten, wie man es von einem Diener Gottes erwartet. Natürlich kann ich meine Gemeinde nicht im Stich lassen. Na, ja, ihr wisst schon. Das kriege ich hin und reden ist ja mein Job.“
Tina, die Henry am nächsten saß, sprang auf, nahm den Pastor in den Arm.
„Danke, danke, danke Henry, du bist ja so etwas von cool. Ist er doch Viola?“
Henry Krohn genoss die Freude der Mädchen, er genoss das Gefühl gemocht zu sein und es erfüllte ihn auch ein wenig mit Stolz, was für patente junge Menschen aus seinen Konfirmanden geworden waren.
„Vor vierzig Jahren wäre ich vielleicht auch auf die Idee gekommen einen derart verrückten Plan umzusetzen“, dachte er noch nachdem die Mädchen gegangen waren und er sich bereits wieder mit der Vorbereitung der Seniorenandacht beschäftigte.

In den Abendstunden  machte sich eine ungewohnte Geschäftigkeit in vielen Nordkolbinger Häusern bemerkbar. 146 Taschen, Rollkoffer Hand- und Brieftaschen mussten gepackt werden.
Paula Heinsohn hatte nur den mittelgroßen braunen Pappkoffer mit den beiden Schnappschlössern, mit dem sie einst vor gut vierzig Jahren von Kehdingbruch nach Dröbermmoor gekommen war um Hinrich Heinsohn, den Arbeiter der Straßenmeisterei  mit Nebenerwerbslandwirtschaft zu ehelichen. Die Ehe war nur von kurzer Dauer und glücklich. Für eine andere, also eine hier in Dröbermmoor ganz normale Entwicklung, war sie einfach zu kurz. Nach nur wenigen Ehemonaten trugen ihn seine Kollegen ins Haus. Schon etwas verrückt. Da arbeitet der Mann im ganzen Landkreis und dann kommt er vor der eigenen Haustür zu Tode. Hätte er den Unfall überlebt, hätte er wahrscheinlich bis zum heutigen Tag gegrübelt, was er beim Fällen der alten Esche am Kanal hätte anders machen sollen.
„So einer war er“, ging es Paula durch den Kopf während sie die verrosteten Schlösser versuchte mit zwei, drei Tropfen Salatöl wieder etwas gängiger zu bekommen.
Geblieben ist ihr die Erinnerung an einen liebenswerten und fleißigen jungen Mann und, nachdem Hinrichs Mutter endlich einmal gestorben war, auch noch die kleine Landwirtschaft mit den 3ha am Moorpatt.
Nur wenige Kilometer weiter in Kajedeich war der Koffer bereits gepackt. Allerdings rang Schorsch Beckmann mit sich, ob seine Tuba ihn in den Harz begleiten sollte oder nicht. Mehrmals hatte er das Rieseninstrument neben seinen Koffer gestellt und dann doch wieder in die Schlafstube gebracht.  Letztendlich blieb sie dort auch am nächsten Morgen stehen. Das Ding war einfach zu sperrig und, das muss man einfach einmal sagen, auch zu wertvoll, um sie während der langen  Fahrt in einen ungeheizten Bus Kofferraum zu verstauen.
Schorschi besann sich auf seine Anfänge bei der Schützenmusik und kramte aus einer Kiste mit alten Erinnerungsstücken seine Pikkoloflöte hervor, mit der einst seine  Musikerkarriere in Dröbermmoor begonnen hatte.
Und dann gab es noch einen besonders pfiffigen Musiker, der sich den Abend vor der Reise ausdauernd mit seinem Instrument befasste. Heino Buhrfeindt, der Trompeter. Wir erinnern uns, der mit der Krakauer im Mundstück.  Lange hatte er gegrübelt, wie er eine widerliche Wiederholung wie die Wurstattacke verhindern könnte. Auf dem Weg von der Arbeit hatte er die Lösung. Eine Wurstsperre muss er einbauen, damit nicht wieder irgendein Spaßvogel die Sauerei  mit der Krakauer oder irgendeiner anderen Wurst in einem unbeobachteten Moment wiederholt.  Es war ja so einfach! Ein kleines Restholzstückchen auf Rohrdurchmesser schnitzen und immer dann, wenn das Instrument nicht benutzt wird, eben einbauen. Was sich zu diesem Zeitpunkt als genial einfach zeigte, sollte sich später in Berlin als folgenschwere Fehlkonstruktion erweisen.
Anneliese Rieken hatte alles gepackt, als sie in der Dämmerung den folgenschweren Entschluss fasste noch einmal den Moorpatt rauf und runter zu joggen. Das sagte sie zumindest.
„Jan, war da nicht eben ein Moped zu hören?“
Fine Riecken ging ans Fenster, schob  die Gardine beiseite aber da, wo sie hinsah, war kein Moped. Da war nur Moor.
Ihr Blick ging über den Küchentisch. Jan musste drei Tage alleine zurechtkommen. Das hat es seit ihrer Hochzeit nicht gegeben. Selbst als Anneliese auf die Welt kam, musste er nicht auf seine Fine verzichten.  Die Wehen setzten ein und Jan führte Fine behutsam aus dem Haus, verfrachtete Fine und ihre Nottasche in den uralten 190ger Diesel, ein zuverlässiges, anspruchsloses Auto, bis heute. Keinen Piep gab der Anlasser. Jan ohnehin schon ganz fickerig wegen Annelieses Geburtstag, haute verzweifelt mit den Fäusten aufs Lenkrad. Fine behielt kühlen Kopf. Sie arbeitete sich aus dem Auto, griff ihre Tasche vom Rücksitz und bewegtes ich zurück zum Haus.
„Warte, warte! Du sollst doch nichts mehr tragen. Was soll das hier überhaupt werden?“
„Hausgeburt!“
Während Fine sich aufs Bett packte holte Jan Paula von nebenan. Mit Babys hatte Paula keine Erfahrungen. Aber sie hatte schon mancher Kuh beim Kalben zugesehen und auch manches Mal  mit einem Strick um die Beine des Kalbes kräftig nachgeholfen, wenn es sich noch nicht bereit zeigte den unumkehrbaren Schritt auf den Globus zu tun.  Einen Strick hatte sie nicht dabei, als sie die Schlafstube betrat. Sicher hatte sie gedacht, dass Jan schon schnell einen besorgen würde, wenn Andreas nicht so wollte, wie die Natur es nun einmal vorgesehen hat. Andreas sollte Anneliese heißen, wenn sie ein Junge geworden wäre. Jan hatte sich total auf Andreas eingestellt. Gott sei Dank hatte Fine die Geburt eines Mädchens nicht ganz ausgeschlossen und für sich beschlossen, dass Andreas Anneliese heißen sollte, wenn er ein Mädchen würde. Wie aus seinem Andreas eine Anneliese wurde hat Jan nicht mehr mitbekommen. Jan, für den Tiergeburten reinste Routine waren, kippte aus den Puschen, als sich Annelieses Kopf nach einer äußerst schmerzhaften Presswehe zeigte. Er kam erst wieder zu sich, als die beiden Frauen den Geburtsvorgang für abgeschlossen erklärt hatten.  Später dachte er manchmal für sich, ob Anneliese nicht doch vielleicht Andreas geworden wäre, wenn er ein bisschen besser aufgepasst hätte statt ohnmächtig zu werden. Im nächsten Moment  schaffte er sich selbst, manchmal sogar im Selbstgespräch, Entlastung.
„So´n Quatsch, hätte doch auch nichts geändert, wenn ich  nicht eingeduselt wäre. Wenn Anneliese vertauscht worden wäre, dann wäre die Lage natürlich ganz anders, dann hätte er schon aufpassen können. Aber womit denn vertauschen? Weit und breit keine andere Mutter und kein Baby.“

Ja, daran dachte Fine, als sie drei Tagesrationen Pellkartoffeln, Zwiebeln, Speck und Eier auf dem Tisch sah. Als Fine ihren Jan fragte, was er denn am ersten Tag allein zu Hause essen wollte, sagte er :
„Ach Fine, Bratkantüffeln mit Zibbeln, Speck un´n poor  Spegel Eier.“
„Und wat schall ick di för den tweeten Dach hinstellen?“
„Noch mool  Bratkantüffeln mit Zibbeln, Speck un´n poor  Spegel Eier.“
„Is dat dien Ernst? Und an´n dritten Dach?“
„Dor kannst mi eegentlich dat sülbe hinstelln. Bratkantüffeln mit Zibbeln, Speck un´n poor  Spegel Eier.“
„Oh Jan, ward di dat nich tau veel?“
„Kann ick di noch nich seggen, is jo dat erste Mool, dat ick dree Doch achternanner Bratkantüffeln mit Zibbeln, Speck un´n poor  Spegel Eier eeten  will.“

Ja, so ist er, ihr Jan. Also hatte sie ihm drei Schüsseln mit den gleichen Zutaten gepackt und  vor den Schüsseln  klebten diese kleinen  gelben Zettel auf denen Freitag, Sonnabend oder Sonntag stand. Jan kam in die Küche und schaute über Fines Schulter auf seine drei Tagesrationen und durchschaute Fines System ohne auch nur einmal nachzufragen.
„Warst schon trech kommen und wenn nich dann röpst du Paula.“
„Paula? De föhrt doch mit na´n Harz.“
„Stimmt ja, Jan, oober denn kannst immer noch bi denn Dönerbäcker   Bül in Kolbingerhoben anröpen. De bringt di dann so´n Döner oder wat du sünst bestillt hesst.“

Dann schlug die Haustür zum Hof auf. Anneliese  hinkte mit schmerzverzerrtem Gesicht, gestützt von Enno in die Küche. Mit einem herzzerreißenden Aufstöhnen ließ sie sich auf einen Stuhl gleiten.
„Ich bin über eine von diesen Scheiß Birken Wurzeln auf dem Moorpatt gestolpert, dann schief aufgekommen und umgeknickt. Oh Mann, das piert! Gut, dass Enno gerade zufällig vorbei kam.“
Wer glaubt denn schon an solche Zufälle im Zeitalter von Internet und Handy?
 Fine versorgte den Fuß mit einem Kühlkissen und später einem Verband.
 Enno musste nach Hause, was er als nicht allzu schlimm empfand. Schließlich hat er ja Anneliese die nächsten drei Tage im Harz von morgens bis abends, und, wenn alles nach Plan läuft, auch die Nächte über.
Der Fuß begann im Laufe der Nacht unter dem Verband anzuschwellen. Ein unangenehmes Pochen im Fuß  sorgte für längere Zeit ohne Schlaf. Dazu kam die große Sorge, ob sie denn am nächsten Tag reisen könne.

Freitagmorgen, der Reisetag
Die Geerdts Zwillinge hatten sich schon von ihrer Mutter verabschiedet, als sie noch einmal zurückgerufen wurden.
„Wartet, wartet, ich habe noch etwas vergessen!“
Schnell verschwand sie noch einmal ins Haus und kam gleich wieder zurück.
„Hier, Jonas, das sind Apfelkringel. Die gibst du bitte Tina. Die mag die doch so gerne.“
Und hätte sie gesagt: "Ich mag die doch so gerne (die Tina)", es hätte auch gestimmt.

Tina wurde von ihrem Bruder mit dem Auto nach Eriksheil gefahren. Unterwegs sammelten sie Kalle ein, der mal wieder viel zu leicht angezogen an der Bushaltestelle in Bilgerdorf stand und vor Kälte bibberte. Irgendjemand hatte vergessen, ihm mitzuteilen, dass Winter ist. Glücklicherweise stand der geheizte Bus schon an der Kirche. Die kleine Gruppe Eriksheiler, unter ihnen Samantha Meyer und Zaun Meyer mit Frau, saßen vollständig im Bus. Genau genommen übervollständig. Bei der Zählprobe hatte Tina eine Person zu viel an Bord. Sie wusste schon seit zwei Tagen, dass Samantha sich nicht angemeldet hatte. Tina und Viola wollten sie auflaufen lassen. Tina verlas die Namen der angemeldeten Reise Teilnehmerinnen aus Eriksheil. Käthe Süssmuth war der letzte Name. Tina hob den Kopf und fragte in den Bus:
„Habe ich jetzt alle aufgerufen?“ 
Durch einen flüchtigen Blick auf die Zaunkönigin nahm sie deren Verunsicherung wahr.
„Ich, also du hast mich nicht vorgelesen.“
„Du bist auch nicht auf der Liste, hast du dich denn nicht angemeldet?“
„Nein, ich dachte weil ich Königin bin und ..Das Geld habe ich aber mit.“
„Tut mir leid, musst wohl hier bleiben.“
ZaunMeyer stand von seinem Sitz auf und bekam schon wieder einen roten Kopf. Seine Frau versuchte ihn ganz sanft wieder ins Polster zu ziehen.
„Lass das! Was soll denn der Mist? Ich denke wir machen da eine Königinnen Party im Harz. Da können wir doch Samantha nicht einfach nach Hause schicken. Samantha, bleibe einfach sitzen.“
„Was meinst du Kalle, soll ich noch einmal mit Viola sprechen?“
Kalle nickt nur. Tina sucht  ihr Smartphone, das die unangenehme Eigenschaft besitzt immer gerade dann, wenn man es braucht, sich im entlegensten Winkel ihrer Umhängetasche zu verstecken. Endlich gefunden und aktiviert folgt eine bühnenreife Vorstellung.
„Ich bin´s. Hallo Viola, wir haben hier ein kleines Problem, Samantha sitzt im Bus und sie hatte sich nicht angemeldet. Aussteigen will sie auch nicht. Pause Hm,hm,hm Pause hm, hm Bis nacher!“
Alle Blicke waren auf Tina gerichtet. Sie steigerte die Spannung durch eine kleine Pause, räusperte sich einige Male.
„Viola hat keinen Schlafplatz, müsstest dir mit jemandem das Bett teilen oder im Bus schlafen. Sie will noch telefonieren. Da gibt es irgendwo 7 Kilometer von Bad Harzburg noch eine Pension, die gestern noch zwei Zimmer frei hatte. Willst du?“
„Los, Mädel, das machst du“, kam es von ZaunMeyer.
Samantha jagten Gedanken und Bilder durch den Kopf. Sie wusste genau mit wem sie das Bett gerne teilen würde und  mit wem auf gar keinen Fall. Sie wusste auch, dass sie auf jeden Fall dabei sein wollte. Die Pensionsgeschichte mochte sie überhaupt nicht. Vielleicht ZaunMeyer und seine Frau fragen? Nee, die dreht ab, kann das ja jetzt schon nicht gut haben, dass uns eine wirklich rein geschäftliche Beziehung verbindet. Es wird sich eine Lösung finden!
„Ich komme mit!“
Die Eriksheiler im Bus klatschten Beifall. Sie gehörten ausschließlich zum Freundeskreis der Zaunkönigin.
Der Sohn von Diakon Minners sprach mehr zu sich selbst,  was viele dachten, sich aber nicht zu sagen trauten.
„Kannst mit unter meine Decke.“
„Oh, ist lieb Michel, mal sehen, was sich da im Harz sonst noch ergibt.“
Samantha hatte schnell wieder zu ihrer bekannten Selbstsicherheit zurückgefunden.
„Viola, ich bin es noch einmal. Sie kommt mit“, und zum Fahrer gewandt: „wir können!“
Bus 3 war auf dem Weg nach Berlin!

Als Fine, Anneliese und Paula mit ihrem Gepäck auf der „Gummikarre“ zum Treff an Dürkes Tankstelle losschoben, hatten sie schon einiges hinter sich.
Paulas Handtasche erwies sich reichlich zu klein. Tempotaschentücher, Puderdose, Pillen, Brille, Haustürschlüssel, Portemonnaie, Handschuhe und Mütze, Klopapier, Personalausweis, 4711 Parfüme  300 cm³, Vorratsflasche. Damals noch in der Drogerie in Friedeberg gekauft. Die Drogerie ist schon lange weg. Paulas 4711 gibt es immer noch. Die Handtasche ging nicht zu und auf dem Küchentisch lagen noch vier Butterbrotpakete, 16 hartgekochte Eier, vier Fleischklopse  zwei Bananen und zwei große Elstar. Die Eier mussten weg, weil die schon ziemlich lange lagen. Die Frikadellen standen noch vom Vortag in der Speisekammer. Paula lag schon im Bett, als ich wieder die Luchse in den Kopf kamen. Die Großkatzen ließen ihr keine Ruhe, bis sie die Idee mit den Klopsen hatte. Sie stand extra noch einmal auf, um die Klopse auf den Küchentisch zu stellen. So würde sie sie nicht vergessen. Eine Frikadelle würde sie immer in der Handtasche tragen. Für die Luchse im Harz. Zum Ablenken. Als sie wieder unter der Decke lag, befiel sie erneut Unruhe.
Was ist, wenn die Luchse nun gerade durch den Frikadellen Geruch angelockt würden? Die riechen ja gut, die Frikadellen. Sie beruhigte sich etwas bei der Idee doch immer alle vier Klopse in der Handtasche mit sich zu führen. Genug, um einen oder zwei Luchse so lange abzulenken, bis sie sich in Sicherheit gebracht hätte.
In dieser Nacht vor der Reise in die Berge hatte Paula einen Traum, den sie Fine und Anneliese und einer anderen, die sie gar nicht kannte, später zwischen Stade und Buxtehude erzählte:
„Ick  wer in´n Wald, ganz alleen, und dann keem mie dor´n Luchs op´n schmoolen Patt entgegen. Ick wull woll wechloopen, oober dat güng nich. Dat wer so, as wenn ick fastbacken wür. Dat is mien End har ick dacht. Und dann kummt dat Diert jüst so as´n grooten Kooter, schnurrt  und riebt sick dat Fell an miene Been. Dat weer so wat vun seut. Plötzlich kunn ick mie weller rögen und ick kraul em daat Fell. He schnurrt und schnurrt. Dor fallt mi de Luchsfrikadellen in miene Handtasch in. De Luchs har all miene Klopse opfreeten un keek mie an, as wull he seggen: Giff mie mehr, giff mie mehr davon. Ick sech tau em: Nix mehr dor, mien seute Katt. Dor faucht dat Ös und bit in miene Han´n. Op´n Schlach weer ick hellwach, Klock twee in´ne Nacht, Sweet op de Stirn und möt erstmool no Tante Meier. Op´n Wech trüch bin ick dann in´ne Köök un heb nokeken, ob de Luchs miene Frikadellen von Disch holt hett. Hett he oober nich. Nu hebb ick se noch för de Luchse in Haarz.“
Für das Platzproblem  fand Paula keine schöne aber dafür praktische Lösung. Sie nahm die Jutetasche mit dem langen Umhänge Gurt, die sie immer zum Bohnen pflücken benutzte. Die Tasche hätte eigentlich noch einmal in die Wäsche gemusst. Dafür reichte die Zeit aber nicht mehr. Nachdem Paula alles in der Umhängetasche verstaut hatte, was mit musste, Handtasche und Proviant, schnappte sie ihren braunen Pappkoffer, schloss die Haustür ab und begab sich rüber zu Rieckens.
 Anneliese von Dröbermmoor hatte nach dem Wecken kaum stehen können. Wenn ihr dicker Fuß den Boden auch nur leicht berührte, schoss der Schmerz durch den Unterschenkel hoch. Jan Rieken guckte sich seine Tochter an und murmelte:
„Dat ward nix.“
Anneliese begann zu weinen. Irgendwie hatte sie auch schon das Gefühl, „dat dat nix ward.“
Mutter Fine wollte nicht aufgeben. Seit Weihnachten freute sie sich nun schon auf die Reise in den Harz. Sie holte die abgegriffen Erste Hilfe Kiste. Anders konnte man den alten Schuhkarton mit dem Salamander drauf nicht nennen, Hausapotheke wäre reichlich daneben, also nur so, von der Begrifflichkeit, nicht vom Inhalt.
Voltareen war noch da. Hatte Vadder vom Doktor in Friedeberg, dem Mann von Sabena Fokken Pätzel, verschrieben bekommen, als Paula ihm auf den Fuß getreten war. Natürlich nicht Paula Heinsohn. Bei Rieckens hatten die Kühe noch Namen und Paula, eine sechsjährige Kuh mit mittlerer Milchleistung,  hatte in froher Erwartung des Melkgeschirrs eine Hinter Klaue auf Jan Rieckens Fuß abgestellt. Durch sein Geschrei aufgeschreckt  wandte sie Kraftfutter malmend ihren Kopf mit den sprichwörtlich großen Kuhaugen kurz nach hinten, um sich dann, nachdem sie keinen Grund für die Aufregung ausmachen konnte, wieder dem Kraftfutter zuzuwenden.  Das war vor vier Jahren. Irgendwann hat Paula dann mal ihre Hinterhand angehoben und Jan Riecken konnte wieder frei entscheiden wann und wohin er gehen wollte. Nur gut auftreten konnte er nicht mehr. Was nützt da die Freiheit?!
Er ging zum Doktor, der ihm den Gummistiefel vom Fuß schnitt und die Schwellung mit Voltareen behandelte.
„Rest können Sie mitnehmen, wir sehen uns am Donnerstag zum Verbandswechsel.“
Hinnerk Holtkamp wollte sich nach der nächtlichen Bäckerei gerade zur Ruhe begeben. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, vor dem Gang hoch zu seiner Schlafstube noch einmal kurz vor den Laden zu treten. Genau in dem Moment begegnet ihm Jan Rieken vor der Ladentür. Mit einem zerschnittenen Gummistiefel in der Hand, Voltareen in der Hosentasche, mit einem Gummistiefel am Fuß und auf seiner Arbeitssocke über dem verbundenen Fuß humpelt er in den Laden.
„Wenn du schon mal in Friedeberg bist, bring doch bitte noch ein Paket von dem guten Stuten mit“, hatte sie (natürlich war Fine gemeint!) ihm mit auf den Weg gegeben.
Während der Heilungsprozess für Jan Riecken noch nicht spürbar bereits einsetzte, hastete die Sprechstundenhilfe von Dr. Pätzel von einem Fenster zum anderen um den Stallgeruch aus der Praxis zu lassen.
Aus der Geschichte kennt man, dass ganze Kleinigkeiten, Zufälle  die irrwitzigsten Folgen haben.  Wäre Kolumbus damals nicht in die verkehrte Richtung gesegelt, würden wir vielleicht heute noch nichts von Amerika wissen. Glück für die Menschheit! Oder, hätte der kleine Schwächeanfall von Frau Hitler, geb. Pölzl,  am 7.5.1889 in Braunau nur vier Minuten länger angedauert, wäre der kleine Adolf in der Badeschüssel ertrunken. Pech für die Menschheit.
Was hat das nun mit Familie Riecken in Dröbermmoor  zu tun.
Hätte Fine Riecken die halbvolle Tube Voltareen damals nicht aufgehoben, wäre es ein Pech für Anneliese. Hätte Jan Riecken damals, nach dem Tritt von Paula, den fast noch neuen Gummistiefel, den der Doktor nicht zerschnippelt hatte, nicht aufgehoben, wäre Annelieses Reise bereits  zuende gewesen, bevor sie angefangen hätte. Als weder einer von Annelieses noch von Fines Schuhen über den geschwollenen Fuß von Anneliese passen wollte, erinnerte sich Jan an dem einsamen, einzelnen Gummistiefel unter der Werkbank im Schuppen. Glück im Unglück, es war der richtige Stiefel, der damals unversehrt mit Jan  den Heimweg vom Doktor nach Dröbermmoor antrat! Glück für Anneliese!
 Fine, die sich immer darüber aufregte, dass Jan nichts wegschmeißen kann, musste zugeben, dass sie sich in diesem Fall über Jans Sammelleidenschaft freute.
„Siehst wohl, Fine, irgendwann kannst allens noch mool bruken. `n oole Schruw, krumme Noogels, ´n olle  Blechbüchs oder nu denn verwaisten Gummisteebel.“
Jan und Fine freuten sich, als Anneliese vorsichtig ein paar Schritte durch die Küche probierte. Es funktionierte. Anneliese konnte, was sie allerdings noch nicht wusste, nach Berlin fahren und Jans Gummistiefel durfte mit.
Nach dem Frühstück kam Paula ohne Anklopfen in Rieckens Küche, wie immer.
„Künnt wie?“
Es war noch Zeit genug, aber Paula  hatte noch mehr Angst davor, den Bus zu verpassen, als Angst vor den Luchsen.
Jan blickte der Gruppe mit den drei Frauen hinterher. Fine schiebt die Gummikarre mit dem Gepäck und Paula stützt die hinkende Anneliese. Dann blieben sie stehen.
„Geht wohl doch nicht mit Anneliese“, denkt Jan und überlegt schon, ob er losgehen soll, um sie zurück zu holen. Dann aber war er beruhigt, als er sah, dass Anneliese oben auf dem Gepäck saß und sich zum Treffpunkt schieben ließ.

Der Bus aus Dröbermmoor traf als letzter beim Penny Markt ein. Es hatte eben seine Zeit gebraucht, bis allein die 27 Mitglieder des Spielmannszuges und ganz besonders deren Instrumente einen Platz gefunden hatten. Es sind ja nicht nur die Pfeifen mitgereist.
Vor den Ein- und Ausstiegen der wartenden Busse befanden sich kleine Rauchergrüppchen. Die Aussicht, vielleicht die nächsten 2 Stunden auf die gewohnte Dosis Nikotin verzichten zu müssen, hat selbst diejenigen wieder an die frische Luft gebracht, die erst vor wenigen Minuten, unmittelbar vor Betreten des Busses, die letzte Kippe hinter sich geworfen.
Eigentlich sollte es nun gleich weiter gehen. Aber, kaum, dass der Bus aus Dröbermmoor hielt und die Türen sich geöffnet hatten, stolperte eine Gruppe von Hardcore Rauchern aus dem Bus. Die Reise bis hierher hatte gerade 4 Minuten gedauert. Auch die Fahrer nutzten den Stopp für eine letzte Zigarette vor der Fahrt. Die Reiseleitung aus Bilge nutzte die nicht vorgesehene Pause, um noch einmal die Listen abzugleichen. Aus dem Bilger Bus erklang fetzige Blasmusik. Typisch Henry Krohn! Kaum dass er im Bus saß, hatte er schon seine Posaune ausgepackt und los ging es. In Aantenwörden hat sich Paul von Thun durch den Gang bis zum Posaune spielenden Pastor vorgearbeitet, um für sich und seine Züchterfreunde den Radetzky Marsch zu wünschen. Kein Problem für Henry Krohn, ein Meister des Improvisierens. Noten gibt es in der Schule. Pastor Krohn konnte schon lange darauf verzichten.

Die letzten Rauchwölkchen verteilten sich bis zur Unsichtbarkeit, Finger schnipsten Kippen auf den Grünstreifen und der letzte Raucher betrat gerade seinen Bus als ein aufgemotzter Golf mit wummernden Bässen neben der Bustür hielt. Aus der Beifahrertür wand sich Harry Röndigs, in der Hand hatte er eine kleine Tasche – sie konnte wirklich höchstens  das Allernotwendigste aufnehmen.
„Kann ich noch mit? Ein Notfall!“
Was für ein Notfall mag das sein, dachte Lukas, der diesen Bus begleitete.
„Ich muss unbedingt mit. Ich bezahl sofort und ich schlafe  irgendwo, müsst euch um nix kümmern.“
Harrys Bruder schien das Ergebnis der Verhandlungen schon zu kennen. Ohne abzuwarten, ob Henry denn mitfahren dürfte,  gab er eine kurze Kostprobe der Pferdestärken seines getunten Flitzers. Der Motor heulte auf, kleine Kieselchen pfiffen durch die Luft und das Wummern der Bässe verklang irgendwo weiter hinten im Gewerbegebiet, dort, wo der Happy Midnight Club auf Klärchen Adami, die Putzfrau, wartete.
 Samantha Meyer hatte eine Sekunde überlegt, ob sie umsteigen sollte. Es war eine Sekunde zu lange. Der Prinz war schon davongeritten.
Harry fand Asyl im Bus und war nur glücklich, dass es noch so eben geklappt hatte. Da spielte es auch keine Rolle, dass er der einzige Moorer im Bus war. Ein zweiter Kontrollblick durch den Bus gab ihm noch eine weitere, eine traurige Gewissheit: Natalie saß nicht in diesem Bus.
„Was wäre denn, wenn die „Königin der Nacht“ gar nicht an der Reise teilnimmt? Noch könnte er aussteigen“, geht es ihm durch den Kopf.
Vor ihm saß Hella. Hella Rossmann, die Hannoveranerkönigin. Die müsste es doch wissen.
 Volltreffer!
„Die ist zusammen mit ihrem „Ündschen“ in den Bus vor uns eingestiegen. Ludolf Tausendfreund, der „Club Manager“ und noch zwei seiner Mädchen sind hier in Kolbingerhafen zugestiegen.“
„Danke!“
Harry Röndigs atmete tief durch. War die Rennjagd  von Aantenwördenermoor zum Pennymarkt doch nicht vergebens gewesen. Heute wäre nämlich eigentlich sein „Happy Midnight“ Tag gewesen. Sein Bruder, der ihn immer wegen der Clubbesuche aufzog, hatte auf dem Rückweg von der Nachtschicht im Helgolandhafen eine für Harry elementar wichtige Entdeckung gemacht. An der Eingangstür des bereits geschlossenen Clubs hingen mehrere mit großen Computerbuchstaben beschriebene  Zettel, auf denen zu lesen war: 
„Wegen Betriebsausflug bleibt der Puff heute geschlossen!“
Dennis Röndigs bremste ab, legte den Rückwärtsgang ein und holte sich einen der Zettel vom Glas der Tür. Das entsprach seinem Humor. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie diese Botschaft am Frühstückstisch aufgenommen werden würde.
Später kursierten die abstrusesten Gerüchte durch Kolbingerhafen, wer denn Urheber dieser Schriftstücke sein könnte. Am verrücktesten war die durch nichts bewiesene Behauptung von Henning Hinsch, es sei die alte Apothekerin gewesen, die dahinter gekommen sei, dass Ludolf Tausendfreund neuerdings die Kondome mit Mengenrabatt über einen Online Handel  einkaufen würde. Das war natürlich völliger Quatsch, weil, wie Tausendfreund überall beteuerte, in seinem Club keine Kondome benützt würden.
Eine Aussage, die es völlig unbeabsichtigt, auch wieder in sich hatte.
Ludolf Tausendfreund tat zumindest sehr aufgebracht und sprach wegen der Zettel auf den Scheiben von verleumderischer Sachbeschädigung, einem Tatbestand, den das Deutsche Strafgesetzbuch so nicht kennt. Das störte den Clubmanager aber nicht im Geringsten.
Hörte sich doch gut an. Oder? Verleumderische Sachbeschädigung!
Henner Hagenah auf der Wache in Friedeberg hat sich lange gewehrt, die Anzeige so aufzunehmen. Erst als Tausendfreund ihn fragte, ob seine Frau vom Besuch im Club (natürlich nicht in Uniform, rein privat), damals Aschermittwoch 2006, wisse, hatte Hagenah den Quatsch aufgeschrieben. Wohlwissend, dass man sich in Stade am Gericht wieder kräftig über den Dorfscheriff von Friedeberg amüsieren würde.
Aber das spielte sich ja alles erst in der Zukunft ab. Harrys Problem war ein Problem der Gegenwart. Seit Natalie im Club angefangen hatte, vor einem guten Jahr, hatte Harry sich an die Freitagsbesuche im Club gewöhnt. Er hatte sich sogar so daran gewöhnt, dass er als treuer HSV Fan die Übertragung des Endspiels in der Deutschen Meisterschaft zwischen dem HSV  und  dem 1. FC Nürnberg noch vor der Halbzeitpause abbrach. Es war ein Freitag und eine innere, eine biologische Uhr sagte Harry, dass es doch noch Wichtigeres als Fußball gebe.
Und nun kam sein Bruder heute Morgen in die Küche. Es war ein Freitagmorgen, Harrys Freitag.
„Mensch“, schoss es ihm durch den Kopf, „Natalie ist ja Königin. Die fährt doch mit in den Harz.“
Dennis hatte seinen Bruder schon ewig nicht mehr so schnell gesehen. Mehr als Pyjama und Zahnbürste konnte Harry nicht eingepackt haben. Mit der kleinen, schlaffen Tasche in der einen Hand und seiner Jacke in der anderen Hand kam er in die Küche zurück, nahm zwei  grüne Geldscheine aus der alten Brot Dose im Küchenschrank.
„Los, bring mich sofort nach !!! Penny. Vielleicht schaffe ich es noch.“
Damit hatte Dennis nicht gerechnet. Bruder Harry tat ihm fast schon ein wenig leid.
Sie haben es dann ja, Gott sei Dank,  noch geschafft. Manchmal haben eben auch kleine Gehässigkeiten, wie der Puffzettel auf dem Küchentisch, noch ihr Gutes.

Hätte Lukas dieses alles gewusst, er hätte nicht mehr darüber gerätselt, was  Harry mit „Notfall“ gemeint hatte.
War doch ein Notfall, was denn sonst!

Die Busse rollten in sicherem Abstand voneinander über den Obstmarschenweg, die Ostumgehung von Stade und weiter auf die 15 Kilometer A 26. Ab Horneburg wurde der Verkehr zähflüssig und in Neukloster standen sie zum ersten Mal. Die Stimmung war in allen drei Bussen gut, wenn auch unterschiedlich. Im Bilger Bus machte Henry Krohn im wahrsten Sinne des Wortes die Musik. Der absolute Wahnsinn, was so ein Stück Blech, in erster Linie  geschaffen zur Begleitung getragener Kirchenmusik, in der Lage ist zu produzieren, wenn es so richtig in Urlaubsstimmung gerät. Selbst die unmusikalischen Mitreisenden, die es nach Pastor Krohn gar nicht gibt, wippten im Rhythmus mit. Vor der roten Ampel an der Mitsubishi Werkstatt in Neukloster schwang plötzlich der ganze Bus mit. Als Henry Krohn das bemerkte bekam er einen Lachanfall.  Die Posaune verstummte. Noch lachend kommentierte er die Situation.
„Das hat die alte Tröte noch nie erlebt, einen ganzen Bus in Schwung, oh pardon in Swing gebracht.“
Lukas, der nach seiner Konfirmation immer einen großen Bogen um die Kirche gemacht hatte, musste zugeben, dass Henry den Pastor zu Hause gelassen hatte und echt coole Musik machte.  Hoffentlich spielt er gleich weiter. Das lenkt ab von der Aufgabe, die ihm in Kürze bevorstand.
Kalle und Tina hatten es im Gegensatz zu Lukas richtig friedlich in ihrem Bus. Es gab angeregte Gespräche auch über den Gang rüber und ein reger Austausch von erlesenem Reiseproviant entwickelte sich. Ist das vielleicht die Ruhe vor dem Sturm? Tina und Kalle, die sich eine Bank teilten, berieten sich flüsternd, wie sie gleich agieren wollten.

Flüstern ging bei Viola und Jonas im Bus gar nicht. Höchstens Selbstgespräche, weil man sich dabei ja nicht hören können musste, schließlich weiß man ja, was man sich gerade sagen wollte. Im Moor Bus gaben die Moorer den Ton an.  27 minus 7 Spielleute wollten sich während der  Fahrt unterhalten. Kann man ja eigentlich nichts gegen haben. Die Sitzverteilung war aber leider so, dass die Gruppe der 7 Schülerinnen und Schüler, die mit ihren erwachsenen Kameradinnen und Kameraden mitreisen durften, genau zwischen zwei Zehnerblöcken von Erwachsenen saßen. Solange  die Stimmbänder es mitmachten, dachte niemand daran, vielleicht einmal die Plätze zu tauschen. Peer Schloboom hatte Cola und Korn für Mischung im Handgepäck. Leider hatte die Plastikbecher im Flur stehen gelassen, als er sich die Schuhe zugebunden hatte und nach einem Blick auf die Uhr schnell seinen Koffer griff und zur Bushaltestelle eilte.  Als sie in Heimfeld die A7 unterfuhren, probierte er erstmalig, die Mischung im Mund hinzubekommen. Eine leichte Bodenwelle sorgte für den Bruchteil einer Sekunde für eine gute Durchmischung; leider aber auch für ein unangenehmes Verschlucken. Was eben noch ziemlich gut gemischt darauf wartete heruntergeschluckt zu werden, schoss  beim Husten ungebremst gegen die Rücklehne vor ihm und leider auch gegen Paulas Nacken, die sich gerade zu Fine rüberbeugte.
„Kannst du nich oppassen, du Swien?“
„Trocknet doch wieder, Tante Paula. Schuldigung.“
„Jo, und wenn dat drööch is, dann backt miene Klamotten an Hals. Und dann wull ick die noch seggen, ick bün nich diene Tante. Mit soon Rülpskopp will ick nich verwandt ween.“

Oh, oh, Paula musste schon ganz schön verärgert gewesen sein, wenn sie unter echter Tante und unechter Tante einen Unterschied machte. Normal sind alle älteren Frauen, Mütter und mehr, für die Moorkinder Tanten, wenn sie irgendwo zum Bekanntenkreis der Eltern zählten. Peer Schloohohm  war mit seinen 48 Jahren eine Generation jünger als Paula und wohnte noch dazu nur zwei Häuser weiter neben Paula. Gerhard Langholz, unangefochtener Rechtschreibexperte  und Fachmann in allen Benimmfragen vom ersten bis zum letzten Haus am Kanal in Dröbermmoor, versicherte Peer später während eines Halts auf einem Rastplatz, dass er sich keine Vorwürfe zu machen brauche. Übrigens, damit hier keine Zweifel aufkommen, gibt es auch bei den Männern, die dann aber Onkel oder in der Mehrzahl Onkels heißen. Richtig bodenständige Moorer ohne Fremdeinflüsse von zugewanderten Städtern oder ohne jene Zuwanderer aus den verlorenen Ostgebieten[8] würde man heute wohl häufiger typische Moorer Sprachbeispiele wie zum Beispiel: „Geh mal nach die Onkels und frach mal nach die Uhr“,  sagen hören.
Vor 70 Jahren kein Problem. Jedes Moorkind wäre zu der klönenden Männergruppe hinüber gelaufen und wäre mit der Uhrzeit zu Muddern zurückgekommen.
 Heute würden die meisten Kinder wiederkommen und der Mutter berichten, sie hätten nicht einen ihrer Onkel dort gefunden und die Herren, die sie um deren Uhren gebeten hätten, hätten sie nicht rausgerückt.
Später, viel später, als Paula sich einmal kurz die Beine auf dem Gang vertreten musste, hatte Peer noch einmal eine Mischung im Mund angesetzt und es hat gut geklappt.

Dieter Schmarje und Heino Buhrfeindt hatten schon vor Jahren das Autofarbenroulette entwickelt. Auf einer selbstgebastelteten kleinen Drehscheibe wurde eine Farbe  ermittelt. Immer, wenn ein Auto dann in der Farbe gesichtet wurde durfte der, der das Auto zuerst gesehen hatte,  „Prost“ sagen und zwei kleine Küstennebelfläschchen wurden umgehend zu Leergut. Für den Fall, dass die Farben Schwarz, Weiß und Grau dran kommen sollten, hatten sie den Einkaufstrolly von Heinos Oma randvoll mit Mini Küstennebel und, weil  bei Edeka und Penny zu wenig Vorrat war, auch einigen Zwölferpacks „Kleiner Feigling“ gepackt. Der Zufallsgenerator blieb auf Pink stehen. Da wussten beide, dass sie auf der Hinfahrt in den Harz niemals fröhlich werden würden.
Anders als beim Kegelausflug mit der Farbe „Schwarz“. In Bremervörde waren schon 49 Fläschchen leer und in Bad Zwischenahn mussten sie sich gegenseitig helfen, die Schraubverschlüsse zu öffnen. Dabei haben sie dann schon manch ein schwarzes Auto übersehen. Geschadet hat es ihnen nicht. Sie konnten auch so schon nicht mehr die edle Bundeskegelbahn im Hotel Seeperle testen.
Es war schon ein bisschen blöd am nächsten Tag, dass sie die ganze Rückreise nicht mitreden konnten, sie  hatten ja nicht mitgekegelt. Und Küstennebel gab es auch fast gar nicht mehr. Es waren einfach zu viele schwarze Autos am Vortag!
Aus dem Radio kam die Durchsage:
„Besonders im westlichen Niedersachsen sei mit Küstennebel zu rechnen!“
Heino stößt Dieter in die Seite und meint nur:
„Schön wär´s!“
„Jo“, sagt Dieter,  ohne verstanden zu haben, was Heino da eben hatte mit der Radiodurchsage.

Paula Heinsohn hatte Hunger bekommen als sie von ihrem Traum mit den Luchsen und vor allen Dingen von ihren Luchsfrikadellen erzählte. In Harburg war sie dann der festen Überzeugung, dass sie bestimmt nicht alle Frikadellen brauchen würde. Musste schließlich ja auch passen, dass die Luchse gerade da sind, wo Paula Heinsohn aus Dröbermmoor im Harz den Bus verlässt.  Der Bus fuhr gerade in einer langen Linkskurve die Autobahnauffahrt hoch, als Paula die Tupperdose mit den Klopsen aus ihrem Bohnenbeutel gefischt hatte.  Paula hat lange überlegt, ob sie noch eine von ihren Luchsfrikadellen opfern sollte.
„Fine machst ook wohl een?“
„Lot man, Paula, ick bruk eher mool´n Schiethuus. Givt doch woohl so wat an` e  Autobaahn?“
„Sech Bescheed, wenn du een sühst, kann ick ook bi lütten ganz gau bruuken.“

Unruhe hinten im Moorer Bus. Gerhard Langholz, 37 Jahre Erdkundelehrer bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Sommer,  hatte bemerkt, dass der Busfahrer und, so stellte er nach kurzer Kontrolle fest, die beiden anderen Busse sich auch verfahren hatten. Das war eben ganz sicher die Raststätte Stillhorn. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Langholz erhob sich und arbeitet sich durch den Gang nach vorne. Paula Heinsohn konnte nach einem Rempler gerade noch ihre verbliebenen Luchsfrikadellen auffangen.
„Pass doch op, wo du hinpeddst! Oh, Schulligung, Herr Lehrer, har ick gor nich sehn, dat Se dat wern.“
„Schon gut, wir sind falsch, wir fahren nach Lübeck.“
„Fine, wi beeden sünd doch nich falsch, oder?“
„Nich, dat ick wüsst. Un no Lübeck wüllt wie ook nich. Hei tütert all´n beeten, de Schoolmeester. Het em wohl keen vertellt, dat de Reis no´n Harz hin geiht.“
„Frollein Hiesel, Frollein Hiesel!“
„Es geht los Jonas, mach dich bereit.“
„Wir fahren falsch, Frollein Hiesel, da ist eine Ausfahrt, da können wir umdrehen.“
„Beruhigen Sie sich, Herr Langholz, es ist schon alles in Ordnung. Gehen Sie ´mal auf Ihren Platz. Ich sag da gleich etwas zu.“
„Ja, aber…“
Viola nahm das Mikrofon aus der Halterung. Tock, tock! Fff, fff. Probe bestanden.
„Merkwürdig, dass in diesem alten Schlurren noch das Mikro funktioniert. Willst du sprechen Jonas?“
„Nee, mach du mal.“
„Bitte alle mal herhören. Ich muss euch etwas beichten. Herr Langholz hat ja bereits bemerkt, dass wir in die falsche Richtung fahren. Er hat Recht und auch nicht. Wir sind auf dem Weg nach Berlin und das wiederum ist richtig.“
Und dann erzählte sie die ganze Wahrheit, alles, was bis hierhin geheim geblieben war. Ganz nebenbei, eine Sensation, die in der allgemeinen Aufregung keiner richtig wahrgenommen hatte. Es wurde laut, alle redeten miteinander, Fragen wurden durch den Bus gestellt, Gerhard Langholz sprach davon, dass die Sache noch ein Nachspiel haben würde. So etwas könne man mit ihm nicht machen. Als die erste Erregungswelle etwas abflaute, nutzte Viola die Chance zum Reden.
„Wir machen gleich auf dem Autohof Öjendorf eine Pause und werden noch einmal mit den anderen sprechen. Wer dann nicht mit nach Berlin will, bekommt sein Geld zurück und kann direkt vom Autohof mit dem ÖPNV zurück bis Koldingerhafen oder Friedeberg.“
Paula und Fine rauchte der Kopf. Anneliese, zwei Reihen weiter hinten im Bus, fand den Coup der Bilger nur cool. Keine Frage, Berlin und Grüne Woche ist doch allemal besser als Harz.
„Fine, heb ick dat nu richtich op de Reech? Wi föhrt nich no´n Haaz?“
„Richtich!“
„Und wi föhrt nu ook nich mehr no Lübeck?“
„Richtich, Paula.“
„Und wullt du mit den ÖVdingsbums no Huus?“
„Eegentlich schon, oober ick weet gor nich as wie man dat mookt mit denn ÖV… Wi sünd nu all in Hamborch. Jan kann uns ook nich afholen. De hört dat Telefon eerst, wenn hei sein Middachsloop achter sick het. Wenn hei sick dann in´n Woogen set, is hei taun Melken nich mehr trüch in Dröbermmoor.“
„Ach so.“
Pause
„Du Fine, givt dat in Berlin Luchse?“
„Ick glöv nich.“
„Denn loot uns man doch mit no Berlin föhrn. Machs noch´n Klops. De bruuk ick jo nu nich mehr.“

Die drei Kolbinger Busse rollten auf den Autohof und kamen nebeneinander zum Stehen. So wie die Türen sich öffneten, quollen  die Kolbinger förmlich aus ihren Bussen. Die drei Gruppen mischten sich bunt durcheinander, es wurde überall heftig diskutiert. Berlin war mit Abstand das am meisten gesprochene Wort.  Zigarettenrauch  ließ die Sonne wie durch einen leichten Nebel scheinen.
Henry Krohn ging von Gruppe zu Gruppe, um seinen Unmut über diese Täuschung kund zu tun.  Er lief Lukas, der sich gerade erfolgreich aus einer Gruppe um Samantha Meyer gelöst hatte, direkt in die Arme, die Posaune wäre ihm um Haares Breite aus der Hand gerutscht.
„Kommen Sie mit zu dem Picknick Tisch da drüben. Dann geben Sie mit der Posaune Signal, damit ich zu allen sprechen kann.“
Sie erkletterten beide den Tisch und der Pastor trötete ein Signal, wie gewünscht. Erwartungsgemäß verstummten die Gespräche und die Köpfe drehten sich zu den beiden Kolbingern auf dem Tisch.
„Kommt ein bisschen näher ran, ich will mit euch reden.“
Und noch einmal ließen die verfahrenen Kolbinger sich erklären, was sich ihre fünf ReiseleiterInnen gedacht hatten. Geschickt beschrieb er, was für einen Eindruck sie mit dem Spielmannszug und 16 Majestäten in ihrem royalen Outfit auf der Grünen Messe hinterlassen würden. Er beruhigte auch alle, die Angst davor hatten, dass sie unter einer der vielen Berliner Brücken nächtigen müssten. Und natürlich alles ohne Mehrkosten. Es gibt ja auch Einsparungen, weil die geplante Party mit den Königinnen ja nun auf der Grünen Messe stattfinden soll.
„Aber dafür kostet es viel Eintritt in die Messe zu kommen.“
„Nein, wir haben die Tickets frei über Petra Tiemann und Kai Seefried. Die haben ihre Freikartenkontingente aus dem Niedersachsen Karten Pool für Landtagsabgeordnete zusammen getan. Wir kommen alle über die Freikarten rein.“
Anhaltender Beifall. Pastor Krohn ergreift das Wort.
„Als Mensch und als Seelsorger kann ich diese Täuschung von über hundert erwachsenen Menschen nicht akzeptieren. Was für ein Vertrauensbruch. Ich werde diese Reise hier abbrechen und unter Protest zurückreisen. Selbst, wenn ich den ÖPNV benutze, komme ich noch zeitig zum Sonntagsgottesdienst nach Bilge zurück. Schade nur, dass ihr meine Predigt verpasst. Kannst ruhig ein schlechtes Gewissen haben, Tina. Ich werde über  Ehrlichkeit im Miteinander, über Vertrauen predigen und ich werde für eure verirrten Seelen beten.“
Es war ganz still. Nur wenn die Tabakwolken Geräusche  gemacht hätten, hätte man etwas anderes als Autobahnlärm gehört. Viola drängt sich vor den Tisch.
„Henry, es tut uns sehr leid. War nicht gut, dass wir nichts gesagt haben. Aber sonst wäre es doch keine Überraschung für die da in Berlin und für unsere Königinnen, die sich doch alle so viel Mühe gegeben hatten. Kannst du es dir nicht noch einmal überlegen. Wir können doch mitten auf dem Messegelände eine Andacht abhalten. Wir 140 Kolbinger und vielleicht noch Messebesucher. Katholen ..
„Katholiken!“
„Ja, die meine ich ja und Muslime auch. So richtig Ökonomisch! Das wär´s doch!?“
„Also, wenn ich eine Andacht für alle Konfessionen halte ist sie ökumenisch und nicht ökonomisch, liebe Viola. Müsstest du eigentlich doch wissen, so kurz vor dem Abi. Gut finde ich euer Verhalten immer noch nicht. Die Idee mit der Andacht hat mich aber etwas versöhnt. Wollt ihr das denn, mit der Andacht meine ich?“
Soviel Zuspruch hatte Henry Krohn noch nie bei der Ankündigung eines Gottesdienstes erfahren.
Erst die ersten Takte von  „Geh aus mein Herz und suche Freud“ aus Henry Krohns Posaune sorgten für Ruhe.
Inzwischen verfolgten schon einige Reisende, die gar nicht zur Gruppe gehörten, mit großem Interesse, was sich dort abspielte. Gerade hatte Henry Krohn darüber abstimmen lassen, ob die Reise nach Berlin, in den Harz oder nach Hause gehen sollte.
„Sagen Sie mal“, fragte eine Frau im besten Alter ausgerechnet den Spaßvogel Jonny Kreiboom, „was sind Sie für ein Verein?“
„Wir sind der „Monarchistische Verein für Demokratische Lebensweise bis ins kleinste Glied“. Bei uns geht gar nichts ohne Mehrheitsbeschluss. Heute machen wir mit unseren 16 Königinnen eine Ausfahrt. In unseren Statuten steht, dass wir immer dann die Reise für eine Abstimmung unterbrechen müssen, wenn es von einem Mitglied beantragt wird. Er da oben, das ist unser Vereinsseelsorger, der mit dem Messingteil, der wollte nun gerade abgestimmt haben, ob wir nicht doch lieber in den Harz fahren sollten.“
„Ach so.“
Man musste nicht aus Dröbermmoor kommen, um diesen kurzen, immer passenden Kommentar über die Lippen zu bringen.
Heini Holthusen, der alles gehört hatte, kriegte seinen Mund nicht wieder zu. Hatte er vielleicht irgendetwas nicht richtig mitbekommen als er sich mit Paul von Thun über die letzte Stutenschau[9] unterhalten hatte?
„Georg“, sagte die fremde Frau zu ihrem Mann, „wollen wir auch mal abstimmen, ob wir immer noch zu deiner Mutter fahren wollen?“
„Erstens gehören wir nicht zu diesem Spinnerverein und außerdem würde die Abstimmung 1:1 ausgehen und nach meinen Statuten entscheidet dann der Fahrer!“
„Dann lass mich jetzt mal fahren. Mir gefällt der Verein.“
„Mir auch!“ Das war noch einmal Jonny Kreiboom, der es nicht lassen konnte, seinen Senf dazu zu geben.

Die Abstimmung war gelaufen. Wären so viele Kolbinger mitgefahren, wie es einmal DDR Bürger gab, das Ergebnis wäre sogar noch einen Tick besser als alle Ergebnisse, die Erich Honecker und Walter Ulbricht jemals für sich zurechtgebastelt hatten. Nur, dass hier kein bisschen manipuliert worden ist. Einige wenige Kolbinger hatten nicht mitgestimmt, weil sie unentschlossen waren. Eine einzige Gegenstimme. Gerhard Langholz ließ sich gerade vom Busfahrer seinen Koffer aus dem Gepäckfach suchen. Das war gar nicht so einfach, weil einige Musikinstrumente beiseite geräumt werden mussten.
Lukas machte die Ansage, dass noch 10 Minuten Zeit sei, die Toilette aufzusuchen. Dann würden sie weiterfahren.

Die meisten Reiseteilnehmer bewegten sich zum Raststätten Gebäude. Karlheinz Nagel wartete ein wenig bis alle weit genug weg waren und pinkelte dann zwischen die Busse.  Einer von seinen rauchenden Freunden hätte ihm eigentlich sagen müssen, dass man das hier nicht macht.
Raststätte an einer Europastraße ist doch wohl etwas ganz anderes als Schützenfest im Moor.
Es hat ihm aber niemand etwas gesagt, obwohl einige andere auch noch zwischen die Busse gegangen waren. Wahrscheinlich nur  zum Gucken, was Nagel da zu suchen hatte.

Hatte Lukas nicht von 10 Minuten gesprochen?  Hier zeigte sich ein weiteres Mal, dass Kolbinger sich nicht nur nach Herkunft aus Marsch oder Moor unterscheiden. Lehrer Bergmann hatte seit langem schon mit Sorge beobachtet, dass  die meisten Kolbinger Kinder trotz fester Rechtschreibregelungen, ihre ganz individuellen, eigenen  Regeln  hatten. Und nun das hier! Die ersten, das war die Schülergruppe aus Aantenermoor, kam schon nach 7 Minuten mit neuen Cola Dosen und Chips Tüten zum Bus zurück. Das Gros der Reisegesellschaft trottete gemächlich zwischen der 12. Und 15. Minute zurück. Fine Riecken und  Paula Heinsohn traten als letzte nach 18 Minuten aus dem Drehkreuz der Raststätten Tür. Irgendetwas regte sie maßlos auf. Anneliese hatte sich schon Sorgen gemacht und eilte den beiden entgegen.
„Wo bleibt ihr denn?“
„Ach Anneliese, bloß weg von hier. Paula hatte Ärger mit dem Klomann.“
Paula hatte nämlich mitbekommen, dass Fine eine Münze auf den Teller des Klomannes geworfen hatte, was der aus einiger Entfernung  leicht auf Zehenspitzen wippend mit einer kaum spürbaren Verbeugung des Dankes quittierte. Paula, die das mitbekam, machte zwei Schritte zum Teller, griff sich ein 1 Euro Stück.
„So wiet kommt dat noch! Du wullst denn Keerl doch nix geben. Mien Klosettschüssel har Bremsspuren und  dat Lokuspapier keem ut miene Tasch. Hier, nimm dien Geld trüch.“
Fine, die das Unheil schon in Gestalt des Klomannes auf sie zueilen sah, zog ihre Hand zurück. Sie wollte am liebsten nichts mit der ganzen Sache zu tun haben.
„Meine Dame, Sie haben soeben etwas von meinem Teller gestohlen. Geben Sie mir das Geld bitte wieder.“
Er griff nach Paulas Hand. Als er sie festhielt, umklammerte  sie die Münze nur noch heftiger, zog zurück. Vom SB Restaurant guckten schon einige neugierig rüber, was da wohl  vor sich ging. Paula schlug dem Klomann mit ihrer freien Hand auf dessen behaarte Pranke.
„Finger wech!“
„Geld her!“
Fine wusste nicht mehr ein noch aus.
„Komm, Paula, lass uns gehen.“
Schön wär´s. Der Kerl klammerte und ohne ihn mit zu nehmen hätten sie niemals in den Bus einsteigen können. Drei Damen mit prallgefüllten T-Shirts, deren Aufschrift sie als Mitglieder(innen?) des Skatclubs Bad Schwartau auswiesen, blieben stehen und verfolgten das ungleiche Gerangel zwischen Paula und dem Kloriesen mit den behaarten Händen.
„Foot mi nich an, Finger wech! Nu kommt mi dat oober doch tau dull, bi lütten. Bring du eersmool Lokuspapier op dien Schiethuus, denn kannst man ook glieks de Bremsspuren in de tweete Kabin wechmooken und dat Waschbecken het ook all lang keen Lappen mehr tau Gesicht kreegen. För denn Swienstall wull du ook noch Geld hem? Schomen schast du di! Und nu wech mit dien Han!“
„Sehen Sie nicht, Sie tun der alten Dame weh.“
„Ja, und sie hat ja Recht. Gehen Sie erstmal das Damenklo putzen, bevor wir hier über Geld reden.“
Die dritte Skatschwester schaltet sich ein. Inzwischen hat sich schon eine Menschentraube um die Kolbinger Frauen gebildet.
„Na, hörst du schlecht? Loslassen! Wir kommen aus Bad Schwartau und gucken uns das nicht länger an!“
Der Klomann gibt klein bei, löst den Griff um Paulas Hand und zieht sich unter dem Beifall der Umstehenden zurück. Im Rausgehen legt Paula Fine den Euro in die Hand.
„Hier Fine, dien Euro.“
„Wieso´n Euro? Ick heb doch nur twinnich Cent op den Teller smeten.“
Die beiden Frauen mussten noch beim Einsteigen darüber lachen, dass sie nicht nur Fines Geld zurück hatten, sondern den Toilettenmann auch noch um 80 Cent „beschissen“ hatten.
Mit dieser Geschichte hat sich Paula Heinsohn bei allen ReiseteilnehmerInnen unsterblich gemacht. Wann immer jemand der Berlinreisenden später von der Grünen Woche erzählte folgte kurz über lang die Story, wie Paula Heinsohn aus Dröbermmoor dem Klomann in Öjendorf die Leviten gelesen und ihm am Ende auch noch einen Euro geklaut hat.

Der Moorer Bus war komplett bis auf Langholz. Der stand immer noch neben dem Bus und neben ihm stand sein Koffer. Viola steckt noch einmal den Kopf raus.
„ Herr Langholz, wollen Sie wirklich hier allein zurück bleiben? Wir gehören doch alle zusammen. Kommen Sie mit.“
Gegen diese Charmeoffensive  der Bilger Weißkohlkönigin war letztlich kein Kraut mehr gewachsen. Heimlich hatte Langholz ohnehin schon seinen Entschluss bereut. Irgendwie  wollte er dabei sein. Nicht ohne Grund hatte er sich zur Teilnahme an der Reise in den Harz gemeldet.
„Na gut, wenn sie es wünschen, Frollein Hiesel.“
Langholz steigt in den Bus und begibt sich unter dem Beifall der Mitreisenden zu seinem Platz.
Der Bus rollt an. Paula hat dem Schulmeister aus Dröbermmoor etwas mitzuteilen.
„Schoolmeester, oh pardong, Herr Lehrer, brauchen Sie die Tage noch´ne neue Unnerbüx?“
„Wie meinen?“
„Kiek mool rut, dor, wo eben noch´n Schoolmeester un een Koffer stünn, dor is nu nur noch´n Koffer. Anholln!“
Jonas sprang aus dem Bus und holte den Koffer rein.

Sarah Bauknecht, die Kartoffelkönigin, simst ihrem Freund Theo, der leider wegen Wochenenddienst im Pflegeheim nicht mit konnte:
 „Theo, wir fahren nicht nach Lodsz, wir fahren nach Berlin!“
Theo, der natürlich das Lied von Vicky Leandros kannte, konnte sich aus dieser Short Message keinen Reim machen, und fragt zurück:
„Habt ihr was genommen?“
„Nein, im Ernst, wir fahren zur Grünen Woche nach Berlin. Später mehr. Dein Spatz.“

Nächster Stopp an der Raststätte Stolpe im Grenzbereich von Mecklenburg Vorpommern und Brandenburg.  45 Minuten Pause, Zeit genug für private Geschäfte und, wenn man es dann wollte, eine warme Mahlzeit. Fine Riecken, die fast nie auswärts isst, es sei denn auf einer Hochzeitsfeier, hat sich schon die letzten 70 Kilometer vorgenommen, dass sie Anneliese und Enno zum Essen einladen wollte. So viel gab das Reisebudget her, es musste ja nicht gleich das teuerste Gericht sein. Paula wollte kein Geld für Essen ausgeben so lange sie noch Proviant hatte. Da waren immer noch zwei Luchsfrikadellen und die 16 Eier, die sie gestern Abend noch schnell gekocht hatte. Nein, das Geld konnte sie schon mal sparen. Schließlich konnte zu diesem Zeitpunkt ja auch noch niemand vorhersehen, welch Kosten noch auf sie zukommen würden.
Viel wichtiger war ohnehin erst einmal der Besuch der Sanitäranlagen. Beim Verlassen des Sanitärbereiches wollte Paula 20 Cent auf den Teller der Klofrau legen. Hatte sie sich auch verdient, es gab nichts an den Toiletten auszusetzen. Ganz im Gegenteil. Eine Pracht, die sogar die Ausstattung von Hartwichs Fährkrug übertraf, ganz zu schweigen von ihrem Klo zu Hause in Dröbermmoor. Hier konnte man wirklich mit gutem Gewissen 20 Cent auf den Teller legen. Die Münze schon in der Hand, überlegte Paula Heinsohn sich die Sache noch einmal, als sie sah, dass die Klofrau gerade ihren Beobachtungsposten neben dem Teller verließ.
„Kannst jo nie nich weeten, wann du mool 20 Cent bruuken deist.“

Fine Riecken und Enno haben sich Curry Wurst mit Pommes geholt, dazu ein großes Glas Coca Cola. Vor einem halben Jahr wäre Anneliese noch mit von der Partie gewesen. Seit sie Königin geworden ist und sich der Konkurrenz der 15 anderen Kolbinger Majestäten damals in der Dreifachturnhalle der Oberschule Nordkolbingen in Friedeberg gestellt hatte, hatte sie ihr Essverhalten komplett umgestellt. Was dabei herausgekommen ist, kann sich sehen lassen und Enno beobachtete mit zunehmender Nervosität, dass sich plötzlich auch andere Jungen für Anneliese interessierten.
 Auch auf dem Weg vom Bus in die Raststätte zog Anneliese die Blicke auf sich. Sie genoss diesen Zustand, der ihr früher so nicht bekannt war. Was sie allerdings erst viel später realisierte, war, dass die meisten Menschen hier an der Raststätte erst auf die humpelnde Anneliese und dann auf den Gummistiefel an ihrem rechten Fuß schauten. Das wurde ihr spätestens bewusst, als sich ein kleines Mädchen vor ihr aufbaute und fragte, warum sie nur einen Gummistiefel an hätte.
Anneliese hatte nicht einmal mehr Verlangen nach dem Essen, das sie auf den Tellern von ihrer Mutter und Enno sah. Sie wollte nicht mehr zurück in die Zeit vor dem Beginn der Monarchie in Dröbermmoor. Anneliese war vollauf zufrieden mit ihrem Salatteller und einem Glas Wasser.
Zufrieden war auch Paula Heinsohn, die sich zu den Dreien dazu gesellte. Sie hatte sich ein Glas Leitungswasser geben lassen und auf die Frage: „Darf es sonst noch etwas sein?“ auf Moorer Art knapp aber entschieden mit: „Nö!“ geantwortet. Nun saß sie bei den Rieckens mit am Tisch, auf die ausgebreitete Serviette fiel die Eierschale vom nunmehr schon dritten Ei. Nicht einmal ihr eigenes Salz brauchte sie. Es stand ja ein Salzstreuer auf dem Tisch. Alle zwei, drei Minuten fragte sie in die Runde:
„Will viellicht een vun jau´n Ei?“
Irgendwann   erbarmte Anneliese sich und Paula Heinsohn grabbelte so lange in ihrem „Bohnenbüdel“ bis sie ein Ei für die Königin erwischte.

Überall um die Moorkönigin herum saßen Kolbinger an den Tischen und nahmen eine warme Mahlzeit ein.
 Die vier Mädchen aus Aantenermoor hatte Kontakt zu einer dänischen Schulklasse bekommen und versuchten unter Dauergekicher ihr erlerntes Englisch so anzuwenden, dass die dänischen Jungen zumindest eine ungefähre Ahnung von dem  mit nach Dänemark nehmen konnten, was die Kolbinger Mädchen nach Berlin führte. „Green Week“ gehörte auch ins Programm der fröhlichen Dänen. Zum Abschied noch ein Gruppenfoto auf mindestens 15 Smartphones, der Austausch von e-mail Adressen und Handynummern, die bei den Dänen „Mobile Phone“ heißen. Man sieht sich vielleicht in „Börlinn“, bye!
„War der nicht süß, dieser Knud? Guck mal, ich hab´ ihn hier auf dem Handy.“

Edwin Buhrfeindt hatte das Treiben um die Dänen mit gemischten Gefühlen aus sicherer Distanz neben dem Getränkeautomaten beobachtet. Gemischte Gefühle, weil sich kein Däne für ihn interessierte und die Däninnen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, schon gar nicht. Außerdem traute er sich nicht mehr als „Yes“ und „No“ auf Englisch zu sagen, obwohl er  genauso viele Jahre Englisch in der Schule gehabt hatte, wie die Mädchen. Und dann wurmte ihn noch eine Sache. Im Gegensatz zu  Enno, der zu Anneliese gefunden hatte, war seine heftige Zuneigung zu Nadine Müller da drüben ein Geheimnis, das er nur mit sich selbst teilte. Was fand die bloß „süß“ an dem Dänen?

Ausgelassene Fröhlichkeit war am Ende der Selbstbedienungsstrecke unter dem Schild „Truck-Stop“ zu beobachten. Hier konnten Trucker umsonst Kaffee trinken und heute das Tagesgericht „Eisbein mit Sauerkraut“ satt und zum Vorzugspreis bekommen.
Und wer steht da mitten drin zwischen all den LKW Fahrern aus Polen, Holland und Deutschland – vielleicht war auch noch ein Litauer dabei?
Natalie, die „Königin der Nacht“ aus Kolbingerhafen!
Als sie den Gastraum betrat, blickte sie einmal in die Runde und entschied sich für die Gesellschaft der Trucker. Zielstrebig hatte sie die Männeransammlung am Ende des Selbstbedienungsbuffets angesteuert, stellte die Tasche mit ihrem Hund auf den Stehtisch neben zwei Kaffeepötte.
„Meine Erren, darf isch  s'il vous plaît lassen meine Ündschen bei Ihnän?“
Ohne eine Antwort abzuwarten verschwand sie hüftschwingend in Richtung der Toiletten. Manch ein Kapitän der Landstraße, egal welcher Nationalität, kam mit den Augen vom Kurs ab. Erst als Mademoiselle Natalie hinter der Tür verschwunden war, nahmen die Trucker die Konversation mit dem Hund in der Tragetasche auf. Hier erwies es sich als äußerst vorteilhaft, dass das „Ündschen“ über gute Grundkenntnisse der wichtigsten europäischen Sprachen verfügte. Zumindest hat es alles dankbar in sich hinein gefressen, was ihm in den unterschiedlichsten Sprachen dargereicht wurde. Während Mademoiselle sich erleichterte, wurde das „Ündschen“ schwerer und schwerer. Zum Schluss verweigerte es Pommes und nahm nur noch Wurststückchen zu sich.
Sowie Natalie zurück war, war sie  auch schon wieder im Mittelpunkt des Interesses. Geschäftstüchtig wie sie nun einmal war, verteilte sie Visitenkarten vom „Happy Midnight“ in Kolbingerhafen.
„Meine Erren, iehr fiendet miesch an der Färre Kolbinger - afen – Gluckstadt. In Kolbinger-afen inter die Penny Market“
Versteht sich von selbst, dass Natalie in der Pause satt wurde und weder für Essen noch für eines der Getränke zahlen brauchte. So ist das eben unter Freunden.
Arry, pardon, Harry war auch so ein stiller Beobachter wie Edwin Buhrfeindt, obwohl Natalie doch eigentlich wissen musste, wie lieb er sie hatte. Sie hatte sich nicht zu ihm an den Tisch gesetzt.
„Trucker oder zumindest LKW-Fahrer müsste man sein“, dachte der Maurer aus Aantenwördenermoor. Er war sich nicht hundertprozentig sicher, ob das die gleichen Berufe waren.

Was Harry nicht wusste: Schon sehr bald sollte er Gelegenheit bekommen, in den Mittelpunkt des Interesses von Natalie zu rücken.

Es wurde Zeit aufzubrechen. Paula Heinsohn schob die Eierschalen zusammen und suchte nach einem Lappen zum Tisch abwischen.
„Loot man Paula, Disch abwischen mookt de hier sülbens. Wi mööt nur uus Geschirr doröber in denn Woogen stellen.“
„Ach so.“

Auf dem Weg zurück zum Bus stützt Anneliese sich etwas mehr bei Enno auf, als eigentlich nötig wäre. Als Fine und Paula an ihnen vorbei gezogen waren, ergab sich die Gelegenheit zum Austausch kurzer aber dafür sehr intensiver Zärtlichkeit. Edwin, der mit den Mädchen aus Aantenwördenermoor hinter den beiden buswärts ging, stellte sich vor, dass Nadine und er so miteinander ..also, meinetwegen auch mit einem Gummistiefel. Nur eben auch einmal so, wie Enno und Anneliese.
Keine Chance! Zumindest im Moment noch nicht.
Auch keine Chance hatte der holländische Trucker, der Natalie die Tasche mit dem Hund zum Bus trug. Mehr als ein hingehauchtes „Mercie, Monsieur“ war nicht drin. Vielleicht brauchte er auch erst einmal für die nächsten 500 Kilometer nicht mehr.

Großes Glück für die Reiseleitung! Zwar nicht nach 45 Minuten dafür aber nach einer Stunde waren alle Busse abfahrbereit. Alle Namen auf den Teilnehmerlisten hatten ihr Häkchen bekommen und die Busse rollten von der Raststätte weiter zur Bundeshauptstadt, weiter nach Berlin.

Es war schon auf dem Berliner Ring, als die Königin der Nacht für Unruhe um sich herum sorgte.
„Oh, meine arme Ündschen, bist du kronk? Igitt, so eine Sauerei, hat mal jemand Küchenrolle oder Tempos?“
„Siehst du, die ist keine Französin, die spricht akzentfrei Deutsch.“
So leicht konnte man Hella Rossmann mit ihren drei Sprachen nämlich nichts vor machen.
Jetzt schlug Harry Röndigs große Stunde. Er hatte auf der Raststätte einen freien Platz im Bus von Natalie ergattert. Sofort eilte er seiner Königin zur Hilfe. Es störte ihn auch nicht die Sauerei, die ihm unter die Augen kam.  Das Hündchen hat sämtliche wohlgemeinten Aufmerksamkeiten der Trucker Runde  in und um seine Tragetasche verteilt. Harry machte es überhaupt nichts aus, die Reste von Currywurst und Pommes  Frites zu beseitigen.  Auch das Hündchen hatte etwas abbekommen. Obwohl es am ganzen Leibe zitterte, wedelte es schon wieder mit dem Schwänzchen, als Harry ihm das Fell reinigte.
„Harry, du bist ein Schatz. Wenn ich eine echte Königin wäre, würde ich dich jetzt fragen, ob du mein König werden willst.“
Sie gab ihm einen Kuss mitten auf den Mund und bot ihm den Sitz neben sich an, der bis dahin für das „Ündschen“ reserviert war, das plötzlich wieder ein Hündchen geworden war.
„Natalie, du hast eben Harry zu mir gesagt. Sonst hast du immer Arry gesagt und das Ündschen  ist jetzt ein Hündchen. Kannst du richtig gut Deutsch?“
„Was soll das Theater. Jetzt haben es sowie so alle mitbekommen. Ich komme aus Itzehoe und mein rischtiger, äh, richtiger Name ist Sabine Klöfkorn. Mein Hund heißt eigentlich Hannibal aber, weil „Annibal“ sich so bescheuert anhört, habe ich ihn immer nur „Ündschen“ genannt. Hast du gehört, mein Ündschen, ich glaube ich nenne dich ab jetzt wieder Hannibal, wie Oma.“
Von Oma hatte Sabine Klöfkorn seinerzeit Hannibal übernommen, als das Altenheim zusagte, dass Oma kommen könne; aber ohne Hannibal. Dabei hatten sie Hannibal nicht einmal gesehen. Der Name Hannibal implizierte automatisch bei halb- bis gebildeten Menschen eine Größe, der dieses Tier tatsächlich in keinster Weise entsprach. Sabine Klöfkorn hatte sich, wie sie ihrer Oma später berichtete, bei der Heimleiterin den Mund „fusselig“ geredet.
„Da hat Oma mich dann gefragt, nimmst du ihn, Sabine?“
„Wenn mein Chef nichts dagegen hat, kommt er zu mir. Da erlebt er wenigstens ein bisschen mehr, als bei dir.“
Ludolf Tausendfreund hatte nichts gegen Hannibal und was der Kleine mit dem großen Namen bei Sabine mehr erleben würde, blieb für Oma Klöfkorn offen. Sie ging ins Heim, Hannibal wurde „Clubmitglied“ im Happy Midnight.
„Weißt du, Arry, oh nee!! Harry, ich bin richtig glücklich, dass ich mich hier nicht mehr verstellen muss.“
Hätte Paula, die ja im anderen Bus saß, die Wandlung von Natalie zu Sabine Klöfkorn mitbekommen, sie hätte sich sehr darüber gefreut, dass es „ein End hat mit de Schnodder Nees“ und sie nicht mehr immer das Gefühl haben musste, sie müsse nach einem Tempo Taschentuch suchen, wenn sie Natalie sprechen hört.
Die Freude sollte Paula Heinsohn dann aber noch zu einem späteren Zeitpunkt erfahren.

Dieter Schmarje und Heino Buhrfeindt  haben ihr eigenes Regelwerk für das Autofarbenroulette leichtfertig abgeändert. Nachdem sie von Assel bis zum Autohof Öjendorf nur zwei pinkfarbene Autos gesehen hatten, von denen genau genommen eines eher rot war, kam ihnen die Änderung des Fahrtzieles sehr gelegen.
„Weißt du, Dieter, eigentlich ist das ja nun eine andere Reise, als in den Harz. Sollen wir nicht für Berlin eine neue Farbe wählen?“
Dieter, der schon die Befürchtung hatte, dass all die kleinen Feiglinge und Küstennebel ungetrunken auf die Rückreise müssten, fand die Idee gut. Der Pfeil auf der Drehscheibe stoppte bei hellgrün.
„Du, Heino, ich glaub´ du bist da eben mit deiner Manschette rangekommen. Würd mal sagen, das  ist so wie gebrannt bei „Mensch ärgere dich nicht“.“
Heino, der aus Erfahrung wusste, dass man nur von hellgrünen Autos auch nicht richtig fröhlich werden konnte, stimmte Dieter zu, dass bei „gebrannt“ ein weiterer Versuch drin sein muss.
„Weißt du noch, wie wir einmal dieses Nato oliv hatten und dann bei Lüneburg eine Kolonne Bundeswehr mit 53 Autos kam? Da hatten wir doch auch geglaubt, dass gar nichts mehr laufen würde.“
Der Pfeil blieb beim zweiten Versuch auf Gelb stehen. Auch nicht „so doll“; aber besser als Pink allemal.
„Aber mit Postautos?!“
„Klar mit Postautos!“
Auf dem Ring hatten sie schon 14 gelbe Autos und zwei gelbe LKW´s gesehen. Für die LKW´s mussten auch noch zwei Feiglinge geleert werden. Es waren ja sonst nicht so viele gelbe Autos zu sehen. Immerhin hat es bis zum Ring gereicht, dass die beiden wider besseren Wissens aus voller Kehle sangen: „Ja, wir sind mit`m Radel da, ja wir sind mit`m Radel da.“

Und dann?

Ganz plötzlich war die Busfahrt zuende. In Sichtweite des Messeturmes hielten die Busse vor dem Western Inn Hotel.  Die Gruppe trennte sich fürs erste. Am Abend waren alle zur Erkundung von Mitte verabredet. Die 60 Kolbinger, die Hotelbetten hatten, stiegen aus, die anderen, die überwiegende Mehrzahl fuhr in den Bussen weiter zum Jugendgästehaus Wedding. 80 Kolbinger standen dichtgedrängt in der Eingangshalle des Jugendgästehauses. Der Herbergsvater stand etwas erhöht auf einem Treppchen und begrüßte die neuen Gäste. Leider hatte er nicht viel Zeit. Letzte Nacht hatte es Ärger mit einer Gruppe der Katholischen Knaben Berufsschule Ebbinghaus bei München gegeben. Nach dem gemeinsamen Abendgebet waren die begleitenden Patres noch einmal um die Ecke gegangen ein Gläschen Wein zu trinken. Die Knaben, die eigentlich im Bett sein sollten, gingen auch noch einmal um die andere Ecke ein Bier zu trinken. Sie waren sehr gut vorbereitet auf den Dialog mit dem Herren,  weniger gut auf den Umgang mit dem Alkohol. Die Folge war, dass die meisten von ihnen sich selbst nicht wieder erkannten. Das ging so weit, dass einer, der Xaver hieß, zu seinem Spiegelbild sagte: „Kanns angehn, doss du im verkehrten Stuberl bischt, I hab di noch nie gsehen.“
Abgesehen davon, dass die Flure verdreckt waren, die wenigen anderen Gäste im Schlaf gestört wurden sind noch ein Doppelbett, ein Waschbecken und eine Tür zu Bruch gegangen. Für diesen Abend hatten die Patres eine Beichte und anschließende Exerzitien angeordnet. Gemeinsam mit dem Herbergsvater sollte dann erarbeitet werden, wie der Schaden wieder bereinigt werden könnte.

Also standen Lukas, Kalle und Tina plötzlich mit einer Schale voller Zimmerschlüssel alleine vor der Reisegesellschaft und sollten sehen, wie sie die Kolbinger Herde auf die Räume verteilen. Gott sei Dank war der erfahrene Henry Krohn zur Stelle. Er arbeitete routiniert wie der Viehauktionator Poppe aus Kutenholz.
„Ich habe hier ein wunderschönes Viererzimmer  mit Bad und Toilette. Gibt es eine Vierer Gruppe? Ja, Michel? Fang! Treffen hier in einer Stunde!“
Und so gingen die ersten Zimmer schnell weg. Schwierig wurde es mit dem Rest. Da gab es Dreiergruppen, zu denen niemand dazu wollte, Jugendliche verschiedenen Geschlechts und Lehrer  Gerhard Langholz, der immer wieder betonte, dass er aus Gründen, die er nun wirklich nicht vor allen nennen müsse, nur in einem Einzelzimmer schlafen könne. Am Ende bekamen sie noch weitere Zimmer und das wohl schwierigste Problem dieser Reise war gelöst. Zufrieden blickte Henry auf seine jugendlichen Reiseleiter. In seiner Hand ruhte der letzte Schlüssel und er hatte nur noch eine Person, männlich, erwachsen mit heiliger Schrift im Gepäck und Posaune unterzubringen.
Wie mag es wohl der anderen Gruppe im Western Inn ergangen sein? Hatte Sabine Klöfkorn ein Zimmer für sich, Hannibal und Natalie alleine? Haben die drei, die in Wirklichkeit ja nur zwei waren, vielleicht Harry Röndigs, ihren größten Fan aus Aantenermoor aufgenommen?

Die  Moorkönigin Anneliese Riecken musste ihre Gemächer mit der Königinmutter Fine und einer Gemeinen, Paula Heinsohn aus Dröbermmoor teilen. Das dritte Bett im Viererzimmer blieb leer. Es hätte das Bett des Prinzgemahls sein können. Wegen noch nicht vollzogener Ehe musste der Zukünftige, Enno von Allwörden, nach der strengen Etikette bei Hofe sein Nachtlager mit Edwin Buhrfeindt, Dieter Schmarje und Heino Buhrfeindt, Vetter zweiten Grades von Edwin, teilen.

Das Zimmer der drei Frauen war klein, aber freundlich hell. Zwei sogenannte Stockbetten standen an den Längswänden. Hinten befand sich noch eine Tür, die zu einem Bad mit Toilette führte. Nicht so schön war, dass das Bad noch eine Tür zum Nachbarzimmer hatte. Es musste von beiden Zimmern genutzt werden. Schön war wiederum, dass Enno im Nachbarzimmer eingezogen war. Das wusste aber keiner, bis …
„Is jo man lütt as ´n Kälberbox. Und keen schall denn booben schloopen? Anneliese, du wohl!?“
„Ne, Tante Paula, das geht nicht mit meinem Fuß.“
„Fine, ick kum dor nich rop, und wenn doch, ick kum dor nie nich weller doohl.“
„Ick kann dor ook nich rop. Mie ward jo all swinnelig, wenn ick nur no booben kieken do.“
Pause.
„Ich habe eine Idee. Ich schlafe hier unten und Tante Paula und du Mudder, ihr wechselt euch ab.“
„Und wo schall ick hin, wenn se an´ne Reech is? Is jo nich mool ´n Stoohl in düsset Karbuff.“
„Kannst ja auf dem Klo sitzen. Nee, keine gute Idee.“
„Fine, ick glöw, ick frooch den Busföhrer ob hei mie hüt Nach noch trüch föhrt. So geiht dat nich. In Haaz weer dat bestimmt beeter. - Na, ja, bis op de Luchse.“

Nein, das wollte Anneliese auf gar keinen Fall. So bot sie, die verletzte Majestät aus Dröbermmoor den beiden Damen an, es doch einmal mit einem der oberen Betten zu versuchen. Und, wie heißt es doch so schön, wo ein Wille ist auch ein Weg. Mit etwas Vorsicht hatte Anneliese die Leiter zum oberen Bett bezwungen und dann auch den Abstieg unbeschadet überstanden.
Sie ließen ihre Sachen in den Taschen und Koffern. Für die zwei Nächte genügte es, wenn sie ihr Waschzeug auspackten.



Eine gute Stunde rollten die aus dem Western Inn vor. Das gemeinsame Abendprogramm konnte beginnen. Vorher aber noch Besprechung für alle im großen Speisesaal des Gästehauses.  Lukas machte einige Ansagen zum nächsten Tag und erläuterte das Abendprogramm. 
„Jonas und Kalle begleiten euch zum Potsdamer Platz.  Da könnt ihr euch eineinhalb Stunden umschauen bis euch die Busse wieder abholen. Plant bei allem, was ihr heute noch macht, ein, dass wir morgen unseren großen Auftritt auf der Grünen Woche haben. Die Jugendlichen gehen bitte bei den Erwachsenen mit, die die Aufsicht für sie übernommen haben. Für die Planung und Fertigstellung von Spruchbändern hätte ich gerne alle Majestäten hier. Ist alles klar soweit?“
Die Kolbinger begaben sich in die Busse und, siehe da, sie saßen nicht mehr, wie auf der Herreise. Das machte die Anwesenheitskontrolle für Jonas und Kalle natürlich viel schwieriger.
Eine ungewohnte Ruhe im Haus. Lukas machte eine Bestandsaufnahme. Alle Majestäten waren hier geblieben, halt, eine fehlte. Sehr schnell stellte sich heraus, dass die Zaunkönigin entweder keinen Bock auf Planung hatte oder, was wahrscheinlicher war, nicht gerafft hatte, was Lukas da gesagt hatte. Außer den Königinnen  waren noch geblieben: Enno, Pastor Krohn und Schorsch Beckmann, der vom Spielmannszug als stellvertretender Tambourmajor gewählt worden war, weil der richtige Chef, Kuddel Witt wegen der erwarteten Geburt seines zweiten Kindes nicht mitreisen konnte. Schnell wurden einige Tische zusammen geschoben und alle konnten sich ansehen. Anneliese hatte leichte Schmerzen im Fuß. Gut, dass sie ihr Bein hochlegen durfte und nicht mit in die Stadt brauchte.
Nun erwies es sich als sehr vorteilhaft, dass die fünf Baljer schon so gut vorgeplant hatten.  Lukas eröffnete die Sitzung.
„Also, damit es ganz klar ist, das Motiv für unseren Auftritt morgen ist, wie ich euch schon heute Mittag in Öjendorf erzählt hatte, dass wir deutlich machen, dass unser Landkreis mehr zu bieten hat als Appel-, Blüten-, Land- oder Spargelkönigin.  Nach unserem Plan bilden wir gleich nachdem wir durch den Eingang Nord auf die Freifläche kommen unseren Zug. Vorweg gehen Jonas und ich mit dem großen Transparent „Ferienregion Kolbingen an der Unterelbe“. Hinter uns  marschiert der Moorer Spielmannszug, das zu organisieren ist deine Aufgabe Schorsch. Am besten besprecht ihr euch nachher noch kurz. Und, die Brüder sollen heute keinen Quatsch machen, wir brauchen morgen wirklich gute Musik.  Hinter der Musik sollen dann die Majestäten marschieren. Jede führt eines der Schilder da drüben mit, auf denen ein  touristisches Highlight zu lesen ist. Tina kannst du bitte einmal ein Schild zeigen. Gut so, hier zum Beispiel „Naturfreibad Hohendeich“ und dahinter sehe ich noch „Fahrrad Land Kolbingen“.  Hinter den Königinnen kommen alle anderen mitgereisten Kolbinger und schwenken diese Tücher mit den Farben Nordkolbingens.“
„Wo habt ihr denn die vielen Tücher her?“  Das war Anette Kober, die Bahnkönigin.
„Die hat Violas Vater gesponsort. Wenn ihr genau hinseht, bemerkt ihr ganz fein aufgedruckt den Schriftzug „Kohl Hiesel Bilge“.  Wichtig ist, dass wir dicht beisammen bleiben und, Schorsch, ganz wichtig, es muss unbedingt mit der Musik klappen. Herr Krohn, Sie wollten noch etwas sagen?“
„Ja zwei Dinge, wir wollen die Andacht nicht vergessen und wäre es nicht schöner, wenn die Musiker  eine Gasse bilden, in der die Königinnen laufen?“
Der Vorschlag mit den Musikern wurde durch allgemeines Kopfnicken angenommen. Auch Schosch Beckmann sah keine Probleme, seinen Spielmannszug gassenförmig marschieren zu lassen. Das Thema Andacht wurde auf den nächsten Tag vertagt. Man wolle sich vor Ort einen geeigneten Platz aussuchen und spontan entscheiden. Henry Krohn  hatte kein Problem mit diesem Vorschlag:
„Mir ist es eigentlich egal, wann und wo ich eine Andacht aus dem Ärmel schütteln, mach das ja nicht zum ersten Mal. Apropos Ärmel, ich marschiere in vollem Ornat. Ist doch in Ordnung?“
Es gab keine Widersprüche.
Sarah Bauknecht und die Pudelkönigin Cindy Roth, die schon die ganze letzte Minute miteinander tuschelten, fragten an, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn man heute schon die Schilder den Majestäten zuordnen würde. Ein Vorschlag, der ungeteilten Zuspruch fand. Sofort setzte das große Stuhlscharren ein und die Majestäten bewegten sich zu den Schildern. Hildegard Radlusz hatte schon „ihr“ Schild „Fahrrad Land Kolbingen“ in der einen Hand. In der anderen Hand hielt sie „Flora Fauna Habitat“ hoch und rief:
 „Frau von Lindern, hier, dieses Schild ist doch etwas für Sie.“
Die Wachtelkönigin freute sich. Passender konnte es nicht kommen.  „Tor nach Schleswig Holstein“ hatte sich die Fährkönigin bei Hella Rossmann eingetauscht, die dafür das Schild „Hannoveraner  Zuchtgebiet Kolbingen“ erhielt. Natalie, die ja jetzt auch Sabine Klöfkorn heißt, griff sich das Schild „Als Gast kommen, als Freund gehen“ und Kohl Hiesels Tochter durfte „Regionale Spezialitäten“ über dem Kopf tragen. „Kultur Land Kolbingen“ mit dem roten Kornspeicherlogo gelangte in die Obhut der Bienenkönigin und „Naturfreibad Hohendeich“  ging an die Kneipkönigin Coolwater. Anette Kober, wie passend, wollte für „Kolbingen – Land in Bewegung“ werben.  Die Stutenkönigin, Natascha Mircowa, verstand nichts, von dem was um sie herum geschah. Sie machte trotzdem mit und bekam „Badeparadies Krautsand“ in die Hand gedrückt. Cindy Roth hatte noch die Wahl zwischen „Kolbingen – maritime Perle“, „Land unter weitem Himmel“ und „Kreativregion Kolbingen“. Letzteres nahm sich dann die Knitting Queen Liesel Struck. Sarah Bauknecht  wollte von Natascha das „Badeparadies“, das die aber nicht heraus rücken wollte, weil sie nicht verstand, dass Sarah ihr erklären wollte, dass doch zur Stutenkönigin viel besser  „Kolbingen – Leckereien aus den Bäckereien“ passen würde. Letztlich hat sich Natascha den für sie unverständlichen Argumenten gebeugt und einem Tausch der Sprüche zugestimmt. „Ja“ oder „Nein“, was ihr Hinnerk Holtkamp beigebracht hatte, erwies sich in dieser Situation als eindeutig zu wenig, sorgte sogar zwischenzeitlich nur für zusätzliche Verwirrung.
„Gibst du mir nun das Schild?“
„Ja!“
„Dann lass doch los!“
„Nein!“
„Bist du bescheuert?“
„Ja!“
Erst hier begriff Sarah, dass sie es ja mit der Königin zu tun hatte, die zwar zwei Sprachen fließend konnte, von der jedoch keine Deutsch war.
 Anneliese, die nicht so schnell war wie die anderen, musste mit „Kolbingen – Majestäten Land“ vorlieb nehmen.  „Traditionsregion Kolbingen“  wurde von Melanie Pickenpack, der Antikkönigin, repräsentiert.
Am Ende  blieb „Kolbingen – Maritime Perle“ verwaist an der Wand. Anfangs glaubten die Kolbinger Mädchen noch, dass ein Schild mehr als nötig gefertigt worden sei, bis Viola bemerkte, dass die Zaunkönigin gar nicht anwesend war. Also würde Samantha Meyer morgen die „Maritime Perle“ durch die Messehallen tragen.
Lukas ging während dieses Königinnen  Durcheinanders noch einmal gemeinsam mit  dem Pastor und Schorsch Beckmann durch, was  alles am morgigen Tag zu bedenken sei. Treffpunkt aller Reiseteilnehmer wurde um 10 Uhr im Jugendgästehaus vereinbart.

In der Ebertstraße hielten die zwei vollbesetzten Busse mit den Kolbinger  Berlinbesuchern. Von einem kleinen Mäuerchen aus wandte sich Jonas zwischen zwei Ampelphasen an seine Landsleute.
„Genau hier treffen wir uns in eineinhalb Stunden wieder. Ihr habt alle diesen Punkt auf dem Plan, den wir im Bus an euch verteilt haben.“
Paula Heinsohn befand sich im permanenten Alarmzustand, seit sie im Bus realisiert hatte, dass sie und Fine Riecken völlig auf sich allein gestellt sein würden.  Sie kramte in ihrem Bohnenbüdel. Alles kam ihr in die Hand vom hartgekochten Ei bis zur Familienflasche 4711. Als sie den Plan endlich in Händen hielt musste sie feststellen, dass so ein Stadtplan noch viel konfuser als das Schnittmuster war. Und lesen konnte man auch nichts ohne Brille noch dazu bei diesem Licht.
„Fine, ick glöw wie set uus doohl hier und töft af bis de Busse trüch kummt.“
„Pst! Ick möt mie konzentriern!“
„Ach so.“
Jonas war schon fast fertig.
„Also noch einmal. Links runter, wo ihr die Hochhäuser seht ist der Potsdamer Platz mit dem Sony Center. Lohnt sich da einmal durchzulaufen. Wer etwas gehen möchte läuft die Ebertstraße rechts runter, vorbei am Holocaust Mahnmal zum Brandenburger Tor und wenige 100 Meter dahinter zum Deutschen Bundestag. Viel Spaß und passt auf, dass niemand verloren geht!“

Im Nu hatten sich die Kolbinger Grüppchen die Ebertstraße rauf und runter auf den Weg gemacht. Fine Riecken wollte sich eigentlich zusammen mit Paula an die jungen Leute hängen. Zwei von ihnen waren nämlich gerade letzten Sommer auf Abschlussfahrt in Berlin. Sie hätte nicht versuchen sollen, Paula den Stadtplan erklären zu wollen. Als sie ihre Bemühungen ergebnislos abgebrochen hatte, standen sie alleine, wo man sich bis eben noch inmitten der Kolbinger Reisegesellschaft befand. Allein in einer Lichterflut, die es in Kolbingen annähernd so  vielleicht nur im Industriegebiet zwischen Bützfleth und der Elbe zu sehen gibt, umgeben von Verkehrslärm der Ebertstraße. Paula hakte sich bei Fine ein und man konnte beiden ansehen, dass sie sich in diesem Moment nichts sehnlicher wünschten als ihr Zuhause in Dröbermmoor.
„Warst jo rammdösich hier in düsse Stadt. Wie hold de Merkel und all de annern Politikers dat bloot ut? Dach un Nacht! Fine, wenn wi jemools trüch tau uuse Hotel finnen deit, dann blivt wi morn in´t Hotel. Pass op, dor kummt een mit´n Rad ohne Licht.“
Fine Riecken wollte nicht nach Dröbermmoor zurückkehren, ohne noch ein paar mehr Eindrücke als diese hier von der Ebertstraße. Ein zwei Mal im Jahr bewegt sie sich ja auch alleine  durch Stade und jedes Mal hat sie bisher wieder zur Bushaltestelle oder zum Parkplatz gefunden.
„Paula, soveel anners as in Stood is dat hier ook nich, viellicht ´n lütt beeten grötter. Wi geiht eerst Mool no de hohen Hüüs dor mit dat DB booben. Süht ut, as weer door´n Boohnhoff. Dor schall doch wat tau kieken ween, hett Jonas tauminst secht.“
Der Mensch braucht eben nur jemanden, der die Richtung vorgibt. Und es ist schließlich nicht das erste Mal auf diesem Globus, dass ein Mensch in Krisensituationen, wie dieser,  mit Erstaunen seine Führungseigenschaft entdeckt und anfängt, dieses bislang unbekannte Talent neugierig aus zu probieren. Genau an diesem Punkt befand  sich Fine Riecken jetzt. Wenn das hier kein Strohfeuer  war, drohten der kleinen Familie Riecken im fernen Dröbermmoor an der Elbe in den nächsten Wochen erhebliche Strukturveränderungen.
Jan Riecken, der zu dieser Zeit all sein Vieh und das von Paula noch dazu versorgt hatte, lag schlafend am Kanal in Dröbermmoor vor dem Fernseher und ahnte noch nichts von den weitreichenden Folgen dieser Harzreise, die nach Berlin ging.
Zielstrebig steuerte Fine Riecken die große Kreuzung am Potsdamer Platz an. Die Fußgängerampeln waren hier auch nicht anders als die neue Ampel im Zentrum von Kolbingerhafen. Halt! So ganz stimmte das nicht! Paula, die an der Kreuzung die irritierende Vielfalt von grünen und roten Lichtern auf sich wirken ließ, machte eine interessante Entdeckung.
„Fine, hest du dat ook all bemarkt?“
„Wat?“
„De lüttje Kerl op de Ampel süht anners ut as in Kolbingerhoben, hett´n Hoot op´n Kopp und …“
„Dat is een ut´n Osten, von´ne DDR. Dat weer doch dat Taugeständnis doormools in´n Vertdrach mit de DDR. De wull´n doch partout wat vun de Errungenschaften des Sozialismus in die Bunnesrepublik röbber retten. An End weer dat dann düt Ampelmännchen und de greune Piel an de Ampel. De Piel is fast öberall verswunnen ober de lütte Kommunist op de Ampeln is öberall op´n Vörmarsch. In Stood löpt ook all een vun de.“
„In Friedebarg und Kolbingerhooben hebt wi oober noch keen Kommunisten, oder?“
„Tauminnst nich op de Ampeln.“
„Good so, soveel holl ick nämlich nich vo´ne Kommunisten und eern Sozialismus.“
„Greun, Paula, wi mööt!“

Auf der anderen Straßenseite tauchen die beiden Frauen aus Kolbingen ein in die Glitzerwelt von Geschäften, Cafes, Restaurants, Passagen, Kinos … Eine Welt, wie sie sie höchstens bislang einmal im Fernsehen wahrgenommen hatten. Paula stößt Fine in die Rippen:
„Kiek di denn mool an. De sit dor mit´n Pott Münzen und, wat steiht dor op sien Pappdeckel?“
Paula baut sich unmittelbar vor dem jungen, ungepflegten Mann auf und liest laut vor:
„Bin obdachlos und habe keine Arbeit.“
„ Is dat so slimm, junger Mann?“
Der junge Mann blickt stumm vor sich hin. Paula denkt bei sich, wenn der Kerl nix gegen Landleben hat …
„Wenn du op´n Dörpen leben wullt und goot tau miene Jitten[10] büst, mi´n beeten tau Hand geihst, givt bi mi in Dröbermmoor immer wat tau eeten und n`n Platz taun Schloopen. Is doch wat, oder?“
Keine Reaktion.
„Fine, weest wat? Dat is´n ganz, ganz armen Dübel. Hett keen Aarbeit, keen Wohnung und blööd[11] op de Oohrn is hei ook noch und hei secht nicht witt und nich swatt[12].“
Fine hat Mitleid und packt dem armen Obdachlosen, der taub und stumm ist, ein 50 Cent Stück in die Schachtel. Paula kramt in ihrem Bohnenbüdel und das erste, was ihr in die Finger kommt, ist nicht ihr Portemonnaie, sondern eines der verbliebenen 12 hartgekochten Eier. Und so geschah es wohl erstmalig in der Millionenstadt Berlin, dass einem Obdachlosen direkt vor seinen erstaunten Augen ein Ei in seine Geldschachtel gelegt worden ist.
„Kannst ruhig eeten, is vun de letzte Week. Ick wünsch di wat! Ach Fine, man good, dat wi in Dröbermmoor leevt.“
„Door sechst du wat, Paula.“

In einem riesigen, gläsernen Innenhof stehen viele Menschen beidseitig an einem roten Teppich. Manchmal fährt eine Limousine vor, piekfeine Frauen und Männer steigen aus und eilen freundlich lächelnd über den roten Teppich in das große Kino. Weil die beiden Frauen nicht so richtig gucken konnten sind sie weiter zu den Rolltreppen im hinteren Bereich gegangen. Fine zieht Paula gegen deren leichten Widerstand auf eine Rolltreppe. Auf halber Strecke kommt auf der Gegenspur nach unten ein Männlein mit Baseball Käppi und langen, dunkelblonden Haaren entgegen. Ständig macht er Faxen.
„De hett se doch nich all!“ denkt Paula.
Und dann ist er auf gleicher Höhe mit ihr, glotzt sie an, grapscht mit den Händen in ihre Richtung und schreit:
„Buhhhh!“
Was hat sich die arme Paula verjagt. Irgendwie hat sie den Kerl schon einmal gesehen. Vielleicht bei Markant in Kolbingerhafen oder in der Apotheke? In kurzem Abstand hinter dem Verrückten entdeckt sie die Gruppe von Jungen und Mädchen aus Aantenermoor, die ganz aufgeregt von Treppe zu Treppe auf Paula einredeten, dass da vorne Otto sei.
„Tante Paula, hast du Otto gesehen? Der fährt hier vor uns runter. Otto Waalkes, weißt doch. Der Ostfriese.“
Und dann waren sie weg die Kolbinger. Otto Waalkes! Paula guckt hinter dem Käppi hinterher.
Otto Waalkes aus dem Fernsehen, hier?
Wenn ich das am Montag am Bäckerwagen erzähle, das glaubt mir kein Schwein!
 Im nächsten Moment ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie hatte das Ende der Rolltreppe vor lauter Gucken und Denken vergessen und wäre beinahe lang hingeschlagen.
„So wiet kummt noch, dat ick wegen düssen Blödmann uut Ostfreesland op de Nees fall!“
Vorsichtshalber haakt sie sich wieder bei Fine unter. Im Möwenpick Cafe waren noch ein paar Plätze frei. Nach den ersten Eindrücken hatten Fine und Paula sich eine  Pause verdient. Kaum saßen sie, als ein schmucker junger Mann am Tisch erschien und nach ihrem Wunsch fragte.
„Kaffee, Paula? Zwei Tassen Kaffee bitte!“
„Espresso? Latte Machiato? Cafe o Lait? Cappucino, die Damen?“
“Haben Sie nicht auch Kaffee nuer so?”
„Nuuerso Kaffee haben wir nicht in unserem Sortiment. Ich könnte Ihnen aber Kaffee schwarz oder mit Milch und etwas Zucker bringen.“
„Junger Mann, dat is doch jüst dat sülbe, as „nur so“, verstoht se?“
„Wir nehmen zwei Tassen  schwarz mit Milch und Zucker.“
Fine hat die Situation erfasst und Initiative ergriffen. Sie fing an, sich auf dem Hauptstadtparkett wohl zu fühlen. Erstaunlich, wie schön warm das hier unter dem Glasdach mitten im Januar ist. Hätte Paula nur einen kurzen Blick auf die Karte geworfen, sie hätte noch umbestellt. Ihr Kaffee „nur so“ kostete hier nämlich 5,50 €. Dafür gibt es bei Bäcker Lühring in Kolbingerhafen nämlich schon ein Stück Torte und Kaffee satt.
Es war ein schönes Gefühl einmal von den Füßen zu kommen. Für all das, was es von hier zu sehen gab, waren 5,50 € für einen einfachen Kaffee dann vielleicht doch gerechtfertigt. Sabena Fokken-Pätzel und ihre „Knütterschwester“ Lotte Hansen schlendern am Möwenpick vorbei. Man kennt sich inzwischen vom Sehen und nickt sich freundlich zu. Und noch einmal flaniert eine Gruppe, unter ihnen die Zaunkönigin und einige Nachwuchszüchter aus Aantenwörden und Friedeberg, an ihnen vorbei. Niemand nimmt die beiden Frauen aus Dröbermmoor in ihrem Sonntagsstaat wahr.
Halt!
So ganz stimmt das nicht.
Schon etwas weiter entfernt fiel eine Gruppe von Mädchen und Jungen auf, die überwiegend schwarz gekleidet waren. Die Köpfe zierten die unterschiedlichsten Frisuren bis hin zu Totalrasuren. Einige Köpfe waren halb geschoren, ein Mädchen  trug einen Irokesen Kamm in schrillen Farben. Pink, hellgrün, hellblau und violett waren bei diesen jungen Leuten anscheinend die Renner, um ihren Kopfputz zur Geltung zu bringen. Als zwei mit Schnürstiefeln bekleidete Mädchen, Silberringe durch die Lippen und den Nasenflügel, zielstrebig auf die beiden Kolbinger Frauen zustrebten, war es um Paulas Gelassenheit endgültig geschehen. Vorsichtshalber blickte sie schon einmal hinter sich, was sich dort vielleicht für Rückzugswege anbieten.
Wie so oft kam es dann ganz anders, als erwartet. Später soll Paula sogar gegenüber Mitreisenden geäußert haben, dass diese Panks (den Begriff hatte sie seit diesem Tag gut drauf!) ja „zu und zu nett sünd“.

 „Ey Schwesta, duftes Outfit! Dit is voll retro, wo is`n ditte her? In welch`n Laden jibt`s `n ditte? Kieck ma hier, der Mantel, cool. Echtes Fell dranne?“
„Ey Vivi, haste den Hut jesehn mit `m Netz dranne und och den Handbeutel, darf ick ma?!“

Fine riss ihre Handtasche zu sich. Man hat ja schon so viel gehört.

„Nu habt da ma nich so! Keene Angst, wa, müsst da nur sachen, in welcha Klitsche ihr dit jekooft habt!“
„Mien Mantel is von Hertie in Stood und Herti givt gor nich mehr und de Tasch is mien Bohnenbüdel oober dor hev ick noch mien Handtasch bin.“
Paula wühlt die Handtasche aus dem Beutel. Das Mädchen mit der pinkfarbenen Irokesenbürste gerät nahezu in Ekstase.
 „Kieck ma Vivi, dit gloob ick nich! Haste dit jesehn?! Da jibt`s 10 Zeener für uff`m Flohmarjkt. Krass, lass ma mit de Hand dranne fassen, Mutti!“
Zu Fine gewandt fragt sie dann:
 „Und – och von Stood? Wo iss`n nu die Klitsche? Ick hab keene Ahnung, wo dit sein soll, wa?!. Ey, Mantel dufte, Strickjacke dufte, Botten dufte. Woher habt´an dit Zeug?“
„Ich habe eigentlich alles von Mohr in Dollern.“
 „Welche Station iss`n ditte? Is dit U- oda S- Bahn?“
„Gibt es da nicht. Dollern liegt aber an der Bahn von Hamburg nach Cuxhaven.“
„Dit habt´a nich in Berlin jekooft? Dit is knorke! Latscht da imma so retro rum?“
„Nee, nich jümmer. Nur Sünndach oder wenn wi mool in´ne Stadt föhrt no Friedebarg oder Stood.“
 „Ey Ferdi Komm´ ma ran hier bei mir und machste ma `n schicket Foto mit uns und den beeden Retros. Ick gloob, die sin aus`n Siebzigan hier jelandet, wa?!“

Die bunte Gruppe mit den beiden begeisterten Mädchen und einem Mischlingshund zog weiter.

„Fine, wat weern dat vör welke? Hebt de viellicht Kostümfest hier oder gehört de viellicht ook tau dat Filmfestival mit denn verrückten Waalkes?“
„Paula ick glöv de nennt sick Panks. Nette Deerns. Good, dat Annelies dat nich mitkreegen harr. Annerwies kummt se noch op dulle Gedanken. Wi hebt nur noch´n halbe Stünn. För dat Brannenburger Tor reckt de tiet nich und ook den Bunnesdach künnt wie uus afsminken. Möt wie viellicht noch een anner Mool no Berlin föhrn. Ick meen, wi blivt noch`n beeten sitten und denn bemöht wi noch mool denn lütten Sozialisten an`ne Ampel bi de Krüzung.“
„As du meenst, Fine.“

Mit nur wenig Verspätung konnten die Busse von der Ebertstraße zurück zum Gästehaus fahren. Im Speisesaal gab es die Instruktionen für den nächsten Tag. Die Western Inn Gruppe machte sich auf den Weg zu ihrem Hotel und auch die zurückgebliebenen Kolbinger suchten ihre  Zimmer auf. Es war ein langer Tag und für jeden auf seine Art ein anstrengender Tag. Nicht ohne Spannung erwarteten die Nordkolbinger ihren Auftritt auf der Grünen Messe. So manch ein Musiker putzte vor dem Schlafengehen noch einmal sein Instrument.

Das Haus wurde ungewohnt schnell ruhig. Die Bayernjungen mussten Reue zeigen und durften ihren Patres mit nichts zeigen, dass es ihnen mit der Reue vielleicht nicht ernst sei. Und die Kolbinger waren zum größten Teil aus dem Alter raus, dass sie sich die halbe oder ganze Nacht um die Ohren hauen mussten. Oder sie machten es auf eine Art, die nicht zu hören war.
Wo war Samantha Meyer eigentlich abgeblieben?

Paula, für Anneliese Tante Paula, ist über die Jahre des Alleinseins die Vertrautheit mit der Nacktheit abhandengekommen. Sogar in ihren eigenen vier Wänden wechselt sie inzwischen schon sehr schnell die Wäsche, damit sie nur nicht in die Verlegenheit gerät, sich selbst nackt sehen zu müssen. Und nun hier in Berlin mit Fine und Anneliese Riecken in einem Zimmer. Den ganzen Tag hatte sie der Gedanke an den Abend schon bedrückt. So schlimm, wie befürchtet, war das dann aber gar nicht. Fine war im Bad und hatte etwas mit ihren Zähnen gemacht und Anneliese lag schon mit dem Gesicht zur Wand. Das war die Gelegenheit. Runter mit den Klamotten bis auf Unterhose und Korsett und dann schnell das schwere Nachthemd überziehen. Nachthemd und Korsett kannten sich schon gut aus ganz anderen Zeiten. Beide Kleidungsstücke gehörten zu dem Erbe, das ihre Schwiegermutter, also Hinrich Heinsohns Mutter, ihr hinterlassen hatte. Beide Teile waren vermutlich Vorkriegsware von einzigartiger Qualität. Beim Korsett musste Paula Heinsohn lediglich zweimal die Schnüre auswechseln, weil sie zu brüchig geworden waren und ständig beim Strammziehen zerrissen. Das hatte aber nach dem letzten Bändertausch ein Ende. Da hatte Paula nämlich schwarzes Strohband aus Kunststoff durch die vielen, vielen Oesen des Korsetts gefädelt.
Dass Korsett und Nachthemd auch schon viele gemeinsame Nächte miteinander verbracht haben, verdanken sie dem Umstand, dass Paula manchmal das Getüdel mit den ganzen Schnüren leid war und sie dann einfach, wie jetzt hier in Berlin, das Nachthemd über das rosafarbene Wäschefossil streifte. Das hatte dann wiederum den Vorteil, dass das Ankleiden  am nächsten Morgen erheblich schneller ging. Aus Gründen der Zeitökonomie war das gut. Nicht so gut war, dass an solchen Tagen der Verbrauch an 4711 rapide stieg– allemal dann, wenn Paula in die „Stadt“ nach Friedeberg oder Kolbingerhafen musste.
Das alles hätte ich natürlich auch für mich behalten können. Dann allerdings wäre für die Leserinnen und Leser viel schwerer nachvollziehbar, wie Enno und Heino, ein jeder auf seine Art,  traumatisiert aus ihrer ersten Berliner Nacht herausgingen.
Es kam, wie es kommen musste. Irgendwann in der Berliner Nacht machte sich bei Paula Heinsohn ein dringendes Bedürfnis bemerkbar. Es dauerte ein wenig bis sie die Orientierung wieder hatte. Dann lief eigentlich alles glatt. Sie hatte sogar noch den Badschlüssel hinter sich umgedreht.  Erst im Hinsetzen nahm das Verhängnis seinen Lauf. Das Strohband verhakte sich mit dem Druckspülknopf und permanenter Wasserfluss setzte ein. Paula, die mit dieser Technik überhaupt noch nicht vertraut war, weil man bei ihr zuhause noch an einer Kette ziehen muss und sie andernorts nur Drucktasten im oder am Spülkasten kennen gelernt hat, war ob des anhaltenden Wasserflusses zutiefst verunsichert. Nach kürzester Zeit  war sie sich nicht mehr sicher, ob die Wassergeräusche von ihr kamen. Panik machte sich breit die in laute Hilferufe mündete.
„Fine, Fine, hölp mi, ick glöv ick piss mie doot!“
Fine und Anneliese schreckten aus ihrem leichten Schlaf hoch. Die Hilferufe kamen aus dem Bad. Da kamen sie aber nicht weiter, weil Paula sich eingeschlossen hatte.
„Kann mi denn keen een hölpen? Hört mie denn keen een?“
Nur gut, dass Enno im Nebenzimmer erwachte. Er tapste zum Bad, öffnete die Tür. Auf einen Schlag war er hellwach wie nach einer eiskalten Morgendusche. Da hockte Paula Heinsohn auf der Kloschüssel und schrie aus vollem Hals. Vom Knie abwärts hing ein dicker, rosafarbener Schlüpfer.
„Enno, Jung, di schickt de Himmel. Hölp mi Jung, hölp mi, ick sitt hier fast und ick glöv ick piss mi doot.“
Enno erfasste die Lage mit einem Blick und befreite Paula vom Spülventil. Sofort hörte die Spülung auf und in die Stille hinein sprach Heino Buhrfeindt, der plötzlich im Türrahmen stand:
„Enno, was machst du hier? Komm wieder zu Bett!“
Enno schob ihn aus der Tür, die er dann schnell hinter sich zuzog.

Manchmal ist es doch ganz gut, wenn eine Toilette zwei Türen hat.

Paula kam später zum Frühstück, weil sie das Zimmer noch etwas für sich haben wollte. Mit Herzklopfen ging sie in den Frühstücksraum. Bestimmt wüssten schon längst alle, welch Missgeschick ihr in der Nacht widerfahren war.
Oh Wunder!
Niemand nahm Notiz von ihr. Anneliese und Fine machten Platz für sie und Enno winkte kurz rüber.

Noch eben bevor Paula im Speiseraum erschienen war, hatte Heino Buhrfeindt an seinem Tisch von einem Traum erzählt.
„So etwas Verrücktes erlebt man nur im Traum! Paula Heinsohn lautschreiend auf dem Lokus und Enno von Allwörden daneben!“
Enno lachte mit, dachte aber für sich:
„Nicht nur im Traum, Heino, nicht nur.“
Für Enno war es Ehrensache, das in der vergangenen Nacht Gesehene für sich zu behalten. Paula Heinsohns Dankbarkeit zeigte sich darin, dass sie während des Frühstücks noch einmal kurz rüber an Ennos Tisch ging und ihm wortlos eines ihrer hartgekochten Eier auf den Tisch legte.
„Hat alles seine Gründe“, war Ennos Antwort auf die fragenden Blicke der Tischrunde.
Paula Heinsohns Eiervorrat müsste sich auf elf reduziert haben. Langsam verlor der Bohnenbüdel an Umfang und Gewicht.

10 Uhr, Samstagmorgen.
Die „B-Mannschaft“ der Kolbinger stand pünktlich zur vereinbarten Zeit draußen an den Bussen. Die Königinnen hatten ihre Prunkgewänder angelegt und sich ihr Schild geholt. Samantha Meyer, die Zaunkönigin, sagte jedem und jeder, ganz gleich ob sie es hören wollten, dass sie überhaupt keine Ahnung hätte, was hier heute abgehen sollte.
Damit erzählten niemandem etwas wirklich Neues.
Mehrmals wurde ihr das Schild, das sie wie die anderen Mädchen auch aus der Zimmerecke geholt hatte, von einer anderen Königin aus der Hand genommen.
„Gib her, das ist meins!“
Zuletzt griff sie zu „Kolbingen-Maritime Perle“ und umklammerte die Latte mit tiefster Entschlossenheit dieses Schild nicht wieder herauszurücken. Zu ihrer großen Verwunderung trat der Verteidigungsfall nicht ein. Sie hatte einfach nicht bemerkt, dass das letzte Schild, das dort noch in der Ecke gestanden hatte, niemanden interessierte – es war ja das ihr zugedachte!
Die Musiker trugen ihre Uniform mit den weißen Jacken und Schirmmützen. Ein bisschen sahen sie aus wie die Bediensteten der Friedeberger Molkerei, damals noch, als sie noch nicht abgerissen war. Viele der Spielleute standen im Pulk und gaben Rauchzeichen. Nur echte Indianer konnten die blau-weißen Wölkchen richtig deuten:
„Es-geht-erst-los-wenn-wir-fertig-haben“
Lukas pfiff einige Male aber die Kolbinger waren viel zu aufgeregt, um das Signal als Aufforderung zum Zuhören zu begreifen. Erst als Henry Krohn die ersten Takte von „Ein feste Burg..“ auf der Posaune blies, erhielt Lukas die gewünschte Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit dem Pastor, der in Arbeitskleidung (Talar) erschienen war, wurde der Zug so aufgestellt, wie er in Kürze auf dem Messegelände  in Erscheinung treten sollte. Die Proberunde einmal um die Busse klappte schon ganz gut und ganz besonders die rausgeputzten Königinnen im Musikerspalier machten gute Figur. Das Gefolge der Majestäten schwenkte die bunten Kolbingentücher mit dem zarten Schriftzug Kohl Hiesel Bilge.
Anneliese marschierte in der ersten Reihe der Majestäten. Bildschön sah sie aus. Wahnsinn, was dieses Mädchen in den letzten Monaten aus sich gemacht hatte! Schade, dass Papa Jan sie so nicht sehen konnte. Gut, dass Enno immer mal wieder ein Foto mit seinem Smartphone machte. Leider war der Fuß immer noch zu dick für den guten Schuh. Schweren Herzens musste die Moorkönigin noch einmal in Jan Rieckens Gummistiefel steigen.
Anneliese war in dieser Reisegesellschaft nicht die einzige Person mit Kummer. Heino Buhrfeindt setzte seine Trompete an die Lippen und wartete auf das Einsatzzeichen von Schorsch. Als das dann endlich kam, brachte Heino keinen Piep aus seinem Instrument.
„Sehr witzig, haben wir doch alles schon gehabt“, dachte er während er das Mundstück abzog um die Krakauer aus dem Rohr zu ziehen.  Als er dann aber seine inzwischen völlig aus dem Gedächtnis verlorene Würstchenbremse entdeckte, ging ein glückliches Lächeln über sein Gesicht.
„Siehste, hat doch geklappt! Kein Würstchen drin!“
Leider hatte der pfiffige Erfinder aus Dröbermmoor seine Wurstbremse eingesetzt, nachdem er gerade zuvor längere Zeit auf seinem Instrument geübt hatte. Ein anderer großer Erfinder, Leonardo da Vinci, hätte vorhergesehen, dass die Spucke im Rohr das Holz der Wurstbremse aufquellen lassen würde. Die Proberunde der Kolbinger näherte sich dem Ende, als Heino Buhrfeindt immer noch versuchte, das kleine Stückchen Holz aus der Trompete zu fummeln. Das sollte ihm erst während der Busfahrt zum Messegelände gelingen und auch nur, weil sein Cousin 2. Grades, Edwin, ihm mit einem „Multifunktionstool“  der Kreissparkasse weitergeholfen hatte. Dieses Werbegeschenk, fast identisch mit den Schweizer Armeemessern, hatte Edwin für das gute Abschneiden seines Teams beim Börsenspiel der Sparkassen überreicht bekommen.
Heinos Freude an der geglückten Operation zeigte sich sehr zur Freude aller Mitreisenden in einem fetzigen Trompetensolo.

Das gute alte Taschenmesser – schon oft tot gesagt;
schmerzlich vermisst, wenn es gebraucht wird
 und hochgeschätzt in Momenten allergrößter Not.

Etwas zäh bewegte sich die Gruppe der Nordkolbinger vom Messe ZOB auf den Eingang Nord zu. Die meisten hielten ihr Freiticket schon in der Hand, wenn die nicht schon belegt war durch Handtasche, Musikinstrument oder Zigarette. Bei den Rauchern hatte das Gerücht, dass auf dem Messegelände nur in dafür vorgesehenen Raucherzonen geraucht werden dürfe, blitzschnell die Runde gemacht.  Also vorsichtshalber schnell noch eine durchziehen im freien Luftraum Berlins.

Über den Eingängen blinkten rote Hinweise abwechselnd in Englischer und Deutscher Sprache: Sicherheitskontrolle – Safety Controll- Sicherheitskontrolle- Safety Controll….
Einige Kolbinger mussten nach dem Durchlaufen des Ganzkörperscanners ihre Taschen auspacken. Edwin Buhrfeind durfte sein Taschenmesser nicht mit aufs Messegelände nehmen und auch Fine Riecken musste auf ihren geliebten Kartoffelschäler, den sie immer zum Apfelschälen brauchte, verzichten.
„Sagen Sie bitte, was wollen Sie mit diesem Messer auf der Messe?“
„Wissen Sie, die Jonagold, die ich immer von Suhr hole, haben so eine harte Schale. Und die verhakt sich dann immer unter meinem Gebiss. Gucken Sie mal hier…“
Als Fine Anstalten machte, ihre Zähne auf den Tisch zu packen, winkte der Sicherheitsangestellte ab.
„Lassen se mal stecken, ick gloob Ihnen dat ooch, wenn se die Beißerchen drinnen lassen. Dat Messer bleibt aber hier.“
Fine bekam eine Nummer, unter der ihre „Waffe“ abgelegt war, und durfte gehen.
Ein junges Mädchen  vom Sicherheitspersonal ließ sich Heinos Trompete geben und zog zielstrebig das Mundstück vom Instrument. Sie staunte nicht schlecht, dass der Schatten auf dem Bildschirm sich als kleines Holzstückchen entpuppte. Heino konnte ihr natürlich sofort die Hintergründe erklären.
„Ich hatte vorhin auch schon geguckt. Diesmal war keine Wurst drinnen. Nur, weil ich hier diese Wurstsperre eingebaut habe. Meine Erfindung. Gut nicht? Die stopfen mir sonst immer sonstwat in meine Trompete.“
Die junge Frau nickte, obwohl sie rein gar nichts verstand. Sie war es gewohnt, dass sich immer ein gewisser Prozentsatz Spinner unter den Messebesuchern befand. Dieser hier musste eine ganz besondere Macke haben, aber ungefährlich! Was soll´s, es war ihr Job auf Auffälligkeiten zu achten und es erfüllte sie schon mit ein wenig Stolz, dass ihr diese Unregelmäßigkeit in der Trompete aufgefallen war. Hätte ja auch ein Röhrchen mit Plastiksprengstoff sein können.
„Sie können weiter gehen.“
Nicht ganz so glimpflich verlief die „Safety Controll“ bei Paula Heinsohn. Gleichmäßige ovale Schatten machten das Personal am Bildschirm stutzig. Es wurde noch eine zweite Kraft zur Beratung hinzugezogen und gemeinsam kam man zu dem Entschluss, keine Risiken eingehen zu wollen. Paula wurde in einen Raum etwas abseits geführt. Der Raum war offen zur Eingangshalle hin. Frau Heinsohn aus Dröbermmoor war wieder einmal zutiefst verunsichert.
„Wat wüllt de von mi? Wo blivt de annern? Fine und Anneliese? Ach, dor steiht se jo bi´n Paster.“
„Stellen Sie Ihre Tasche bitte dort auf dem Boden ab.“
Bloß nichts falsch machen! Als die Tasche an der angewiesenen Stelle abgestellt war, führte einer von der „Security“ einen Hund an die Tasche. Das hatte Paula schon einmal im Tatort gesehen. Hier war das aber viel aufregender „weil man nichts nicht wusste“. Der Hund schnupperte und umkreiste schwanzwedelnd die Tasche und versuchte dabei immer mal wieder, mit einer Pfote in die Tasche zu gelangen.
„Sprengstoff ist da nicht, der hat etwas anderes gefunden.“
„Ja, das ist mein Proviant, Düvel ook. De Jiffel ward doch nich mien letztes Bodderbrood dor rut holn?“
Paula wollte an ihre Tasche wird jedoch recht ruppig von einem Uniformierten zurückgerissen.  Ein anderer hebt die Tasche auf den Tisch und beginnt sie vorsichtig auszupacken.
„Guck mal, was ich hier habe, das erklärt die merkwürdigen Schatten auf dem Schirm.“
Paula ist das gar nicht lieb, dass hier wildfremde Personen ihre Tasche durchsuchen. Sie wirft die Arme in die Luft und blickt ratlos zum Pastor, der den Blick als Hilferuf seines verirrten Schäfleins missdeutete. Henry Krohn, ebenfalls uniformiert, schiebt sich durch die Menschen bis hin zu Paula Heinsohn.
„Sehen Sie denn nicht, dass diese Frau völlig harmlos ist. Sie gehört meiner Gemeinde an und ich schwöre, dass diese Frau niemandem etwas tut geschweige denn, dass sie ein Sicherheitsrisiko darstellt.“
„Und die Eier hier? Noch nie etwas von Eierwerfern gehört?“
„Ich glaub es nicht. Das ist der Reiseproviant von Frau Heinsohn. Geben Sie mal her, ihre Wurfgeschosse. Alles hartgekochte Eier.“
Pastor Krohn hatte  sich schon richtig in Rage geredet. Um die Harmlosigkeit der Eier zu beweisen griff er ein ums andere Ei, schlug es gegen seine Stirn, so, dass die Schale platzte. Jedes Klacken der Eierschale an Pastors Hirnschale, kommentierte er mit „Sehn Sie?“ Klack „Sehen Sie?“ Mit dem vierten Ei hatte der Gottesmann einen unerwarteten Volltreffer gelandet. Inzwischen drängten sich die meisten Kolbinger vor dem Raum und verfolgten das Geschehen um ihren Pastor und Paula Heinsohn.
„Sehen Sie?“
Platsch!
Ruhe!

Zuerst waren die Zuschauer wieder da. Aus anfangs zögerlichem entwickelte sich ein befreiendes Lachen, das so laut war, dass alle Menschen im Eingangsbereich rüber schauten. Paula und der Pfarrer waren fassungslos. Paula, weil sie sich nicht erklären konnte, wie sich ein ungekochtes Ei sich unter die hartgekochten „Harzeier“ mogeln konnte. Diese Sauerei hatte den Gottesmann in eine Art kurze Schock Starre verfallen lassen. Mit Sekundenverzögerung fiel er in das allgemeine Gelächter ein und begann sich das Eigelb mit einem Tempotaschentuch aus seinem weißen Haar und vom Talar zu wischen. Auch die Sicherheitskräfte mussten lachen.
„Von wegen hartgekocht! Packen Sie ihre Sachen ein und viel Spaß auf der „Grünen Woche“.“
„Danke“, antwortete Paula, „ick bliv oober nur eenen Dach.“
Nee, die ganze „Grüne Woche“, das hätte sie niemals ausgehalten. Sie war jetzt schon an die Grenze dessen angelangt, was eine Witwe aus Dröbermmoor  in den „allerbesten“ Jahren in der Lage ist zu ertragen.

Hinter dem Palais, im gebäudeumsäumten Sommergarten organisierten  Lukas, der Pastor und Schorsch Beckmann den Zug der Kolbinger Majestäten. Nur gut, dass sie es schon einmal geprobt hatten. Es klappte alles wie am Schnürchen. Nur die Zaunkönigin stand hinten im Zug bei ihren neuen Freunden, den Jungzüchtern aus Friedeberg und Aantenwörden. Wunderschön die Königin aus Eriksheil aber leider „total durchgeschüsselt“ wie Kalle immer über sie zu sagen pflegte.

Was nun in allernächster Zeit seinen verhängnisvollen oder auch glücklichen Verlauf nehmen sollte, hatte die Kolbinger Reisegesellschaft einer Links-, Rechtsschwäche von Jonas zu verdanken. Laut Plan sollte der Zug Halle 25, die Niedersachsen Halle aufsuchen. Dort wollten sie dem Stand der vier Königinnen aus dem Alten Land, der Stader Geest und aus Kolbingen einen Besuch abstatten. Nach einem Ständchen für die Majestäten wollte man sich nach einem geeigneten Plätzchen für die Andacht umsehen.
„Wenn ´s geht unter Dach“, wurde von Henry Krohn gewünscht. Er hatte berufsbedingt guten Kontakt zum Himmel. Der Wetterbericht für Berlin sah heute den einen oder anderen Schauer vor. Danach wollten sie durch weitere Hallen ziehen, für ihr Kolbingen werben und vielleicht diese oder jene nationale oder sogar internationale Königin zum Mitmarschieren zu bewegen. Lukas hatte sich gegen Kalle ausgetauscht. Kalle hatte keine Ahnung, wo sie hin mussten. Jonas wusste ja Bescheid, Lukas hatte es ihm ja erklärt.
„Rechts um dieses Rondell und dann gehst du direkt auf Halle 25 zu.“
„Ja, ja!“
Jonas war etwas genervt darüber, dass sein Bruder sich immer mehr als „Mister Superorganisator“ auf dieser Reise  aufspielte.
„Bin doch nicht blöd!“

Die Musik begann verabredungsgemäß mit dem von der Lehrerlegende Robert Schulz komponierten Kolbinghymne.  Jonas und Kalle mit dem Transparent  „Ferienregion Kolbingen an der Unterelbe“ setzten sich in Bewegung. Rechts um dieses Rondell übersetzte Jonas mit seiner Richtungsschwäche in links um das Rondell und dann geradeaus. Bei „geradeaus“ spielte Jonas Schwäche Gott sei Dank keine Rolle. Lukas bemerkte den Fehler sofort; aber, weil er durchaus schon die Gereiztheit seines Zwillingsbruders verspürt hatte, sagte er sich, dass es nichts schade, wenn sie die Niedersachsenhalle mit etwas Verspätung erreichen würden. Die „Rattenfänger aus Bilge“ führten ihre Kolbinger Gefolgschaft direkt durch die große Eingangstür in Halle 8. Über der Tür stand „Partner Country Estland“. Kaum das die letzten Tücher schwingenden Kolbinger Halle 8 betreten hatten stürmten zwei junge Männer im Maßanzug mit Glatze und Kurzhaarschnitt und einem dünnen Mikrofondraht unter dem Kinn mit ausgebreiteten Armen auf die Kolbinger zu. Aufmerksame Beobachter und regelmäßige Tagesschaugucker hätten die Anzugtypen, die mit ihren Mikrofonen überall in Halle 8 verteilt waren, eigentlich sofort erkennen müssen.  Es waren lauter nichtuniformierten Männer, die dennoch so viel Gemeinsamkeit aufwiesen, dass man sie, hätte man alle Menschen in dieser Halle nach Gruppen mit gemeinsamen Eigenschaften sortieren sollen, in einer Gruppe wiedergefunden hätte. Ein gemeinsames Merkmal bestand darin, dass ihre Köpfe sich, soweit es die Halswirbel zuließen, ständig in Drehbewegung von links nach rechts und wieder zurück befanden.
Zwei dieser  durchtrainierten Mikrofonträger versperrten nun also Jonas und Kalle den Weg. Der Zug stockte. Die hinteren bemerkten den Halt zu spät und schoben ihre Vordermänner weiter. Die Musik verklang.
Was bilden sich diese Großstadtschikkis eigentlich ein? Stoppen hier den Kolbinger Zug der Majestäten. Harry Röndigs, Paul von Thun, Heini Holthusen und Krischan Eggerkamp bauen sich bedrohlich vor den Maßanzügen auf.  Deren Köpfe fangen nahezu an zu rotieren beim Versuch, die Lage zu erfassen.
„E-Case! E-Case! Wir brauchen dringend Verstärkung Richtung Eingangstür.“
Auch der zweite, der mit dem total kahlen Kopf sprach jetzt immer eindringlicher in sein Mikrofon.
„E-Case! E-Case!“
Die Jungs aus Aantenwördenermoor und Dröbermmoor hatten ihre Instrumente beiseitegelegt. Es sah so aus, als würden diese sonst so feinsinnigen Musiker gleich ganz andere Arbeit bekommen. Keiner konnte nachher mehr sagen, wie es zu der Prügelei gekommen war. Erst ein Pistolenschuss in die Hallendecke brachte die Kolbinger zur Besinnung. Inzwischen waren noch mehr Mikrofonträger unter dem Transparent „Ferienregion Kolbingen an der Unterelbe“ angekommen und redeten aufgeregt auf die Kolbinger ein.
„Bitte verlassen Sie die Halle! Bitte verlassen Sie sofort die Halle!“
Paul von Thun befand sich im festen Griff eines Personenschützers. Er konnte die Halle nicht mehr verlassen.

Etwas weiter im Innern der Halle, am Stand einer Estnischen Kartoffelschnapsbrennerei  fanden sich zwei Frauen, die bis eben noch fröhlich den Estnischen Wodka verkostet hatten, umringt von mikrofontragenden  Anzugtypen, die Köpfe flogen hin und her wie bei einer Erdmännchenfamilie, die so tat, als würde sie einem Formel I Rennen zuschauen.
„Frau Kanzlerin, Majestät, Sie müssen hier sofort raus. Folgen Sie mir bitte!“

Die Kameras mehrerer Fernsehsender waren auf die beiden Orte des Geschehens gerichtet. Überall blitzten die Lampen der Kameras. Niemand der vielen in Halle 8 anwesenden Reporter und Redakteure wollte sich diese Sensation entgehen lassen. Tumult während des Besuches der Schwedischen Kronprinzessin Viktoria auf der Grünen Messe!

Dabei war bis dahin alles so harmonisch verlaufen. Erst gemeinsames Frühstück im Kanzleramt in Anwesenheit der schwedischen Botschafterin und des deutschen Botschafters in Stockholm. Dann folgte die gemeinsame Fahrt zur Grünen Messe. Die Kronprinzessin vertraute den deutschen Sicherheitsdiensten und lässt sich nicht zusätzlich von eigenen Leuten bewachen. Der Rundgang durch die Halle des Partnerlandes und der Halle 26 a mit einigen schwedischen Ausstellern gestaltete sich etwas schwierig, weil beide Frauen nicht nur die hohe Verantwortung für ihren Staat verband sondern, bei dieser Begegnung ganz besonders, das gemeinsame Handicap. Beide Frauen hatten gerade einen Skiunfall und konnten sich nur eingeschränkt mit Krücken bewegen. Die Kanzlerin ließ sich gelegentlich sogar im Rollstuhl von Termin zu Termin schieben.  Da kam den beiden Frauen die einladende Atmosphäre der Wodkabrennerei sehr gelegen. Sehr zur Freude der begleitenden Fernsehteams ließen sich Kanzlerin und Kronprinzessin zur Verkostung verschiedener Brände aus baltischen Kartoffeln einladen. Der rührige Brennerei Manager schaffte vom Nachbarstand noch schnell zwei  kleine Polster herbei, damit seine Gäste die Füße hochlegen konnten. Nachdem die beiden Frauen sich köstlich über übereinstimmende Marotten ihrer Lebensgefährten ausgetauscht hatten, wagte Kronprinzessin einen kühnen Vorstoß.
„Sssagen Sssie, Frau Bundeskanzler, ich bin die Kleinigkeit an Jahre von uns beide. Trotzdem will ich probieren du sagen  ssu mich in die Sssukünft. Sssagen Sssie ruhig Victoria sssu  mir.“
„Dat macht doch gar nichts. Unter uns, scheiß auf die Etikette, Victoria, ich bin die Angela. Kannst aber auch Änschi zu mir sagen. Oh, dein Glas ist leer. Herr Direktor, können wir vielleicht noch einen?“
In dem Moment, als der baltische Kartoffelbrand sich seinen Weg durch die Hälse der frischgebackenen Duzschwestern bahnte, peitschte der Knall der Pistole durch Halle 8.

Nichts war mehr, wie zuvor. Überall Personenschützer um sie herum. Ein aufgeregter Beamter möchte gerne die beiden Damen durch einen Hinterausgang in Sicherheit bringen. Victoria war die Sicht versperrt, sie möchte gerne wissen, was sich dort am Eingang von Halle 8 abspielte. Der Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland sind die Krücken weggerutscht. Sie musste auf die Knie gehen, um sich ihre Gehhilfen zu beschaffen. Die schlechten Fotos, die später von dieser Szene durch den internationalen Blätterwald gingen, dienten zur Illustration der gegensätzlichsten Berichterstattung. Die Malmö Nyheder schrieb, dass die Kanzlerin nach dem vierten Wodka das Gleichgewicht verloren hatte und nur noch auf allen Vieren vorankam. Das war etwas gehässig und entsprach der weniger deutschfreundlichen Grundhaltung dieses Organs.  Bilder Zeitung wusste zu berichten, dass höchstwahrscheinlich ein Querschläger der Kanzlerin die Krücke weggerissen hätte. Einzig die Süddeutsche hat einigermaßen tatsachengerecht berichtet.

Ein Beamter kommt von der Gruppe der Kolbinger zum Wodkastand und klärt Kanzlerin und Kronprinzessin auf, dass alles ein riesiges Missverständnis gewesen sei. Der andere Beamte, vermutlich  ein Vorgesetzter, will  die beiden Frauen immer noch evakuieren. Er möchte auf gar keinen Fall einen Fehler machen. Statt seiner erwarteten Beförderung drohte Strafversetzung an das deutsche Konsulat in Timbuktu, wo man in diesen Zeiten der Kämpfe zwischen rivalisierenden Nomadenstämmen nicht genügend qualifizierte Personenschützer haben konnte.
„Victoria, komm mit, wir müssen gehen. Wir befinden uns soeben in einer unübersichtlichen Gemengelage.“
„Lass mal, Angela, in Sssweden sssind wir nicht ssso furchtssam. Wir sssind näher an die Folke dran. Deine Officern hat doch sssagen keine Gefär in Vollsssug. Ich will kennenlernen diessse  froligte Persone mit die Musike.“
Und schon humpelte die schwedische Kronprinzessin etwas abgeschirmt von einigen Beamten auf die Kolbinger zu. Sie konnte sich keinen Reim aus den teilweise zerzausten Musikern, dem Pastor und  den 16 schmucken Königinnen mit ihren bisweilen sehr skurilen Kronen und Krönchen machen.
„Hej, ich bin die Kroneprinzesssin von Sssweden.  Und wer sssind Sssie? Ich ssseh auch mange Konniginne?  Ssseer sspannend die Konnigin mit die kleine Pietzmatz.“
„Piepmatz“, rutscht es dem Pädagogen Langholz heraus. „Entschuldigung Majestät.“
„Maxt nix. Meine Deutsch ist nicht ssso gut. Mein Oma in Munchen hat mich immer gesungen eine Lied mit kommt eine Voogel geflogen.“
Die Kanzlerin hat sich gegen die ausdrückliche Empfehlung ihres Sicherheitschefs mit ihren Krücken bis an Victoria herangearbeitet.  Ganz geheuer ist ihr die Angelegenheit nicht. Ohne die Wodka Verkostung hätte sie sich wohl nicht so leichtsinnig verhalten. 
Anneliese bekam Probleme mit ihrem  verletzten Fuß. Sie konnte nicht mehr stehen und humpelte zu Enno rüber. Durch ihr Gehumpel zog sie die Aufmerksamkeit der Kronprinzessin auf sich.
„Majestät Moorekonnigin,  han du auch eine Skkiunfall? Was ist das mit ihre Fuß? Ich ssseh eine Wellington Boot.“
„Scheiße, Scheiße, Scheiße“, ging es Anneliese durch den Kopf, „das ist die echte Kronprinzessin von Schweden und die dahinter ist unsere Bundeskanzlerin. „Wie soll ich mich benehmen? Was sagt man zu der?“
„Nein, Majestät oder Frau Kronprinzessin..“
„Meine Name ist Victoria. Wie heißen Sssie?“
„Anneliese, Anneliese Riecken.“
„Und was Anneliese mit die Fuß gemacht?“
„Umgeknickt, Majes, äh Victoria, auf dem Moorpatt in Dröbermmoor.“
„Und, wie sssagen du, in Drömeroor kann man gut Skiing machen?“
„Nein, ich bin nur so gelaufen und dann über eine Birkenwurzel gestolpert. Mein Fuß passte nicht mehr in den guten Schuh. Deshalb habe ich den Gummistiefel von meinem Vater an.“
„Ah, Gummistiefel ist die Wört für Wellington. Hat Oma auch ssso gesssagt. Ich kann wieder erinnern. Nach Oma Tod ssprecke wir nix mehr so mange Tysk. Mama speak deutsch manchmal, wenn ssie Papa ihr ärgert. Affäre, weißt du? Ich habe wundersame Idee. Angela komm zu hier, wir machen eine Foto mit Königin Anneliese. Könnt ihr nicht maken eine wenig Musike? Ssswedisch Naschionalhymne?“
Schorsch Beckmann bekam einen roten Kopf. Wenn ihm das alles jemand früher gesagt hätte, er hätte niemals den Spielmannszug in Berlin angeführt. Es war alles ein wenig zu viel. Kronprinzessin,  Bundeskanzlerin und all die Kameras.
„Tschuldigung, wir können Deutschlandlied, Mama mia von Abba und das Lied von unserer Königin, äh nee,ähh..“
„Was meinst Sssie mit Lied von Konningin?“
„Es ist das Anneliese Lied, das können wir wirklich gut, weil, weil wir haben es sehr oft gespielt, und..“
„Okay ich wünsch mir von Sssie ein Abba, weil von Sssweden, und die Anneliese. Und nun, Angela fertig für die Foto? Anneliese?“
„Ich wünsch mir dat Deutschlandlied. Hab wohl nix mehr zu sagen im eigenen Land? Wo sind wir denn hier?“
„Isch versssteh nicht Angela, komm eine Foto mit Anneliese, Angela und Viktoria!“
Mama mia schallt durch Estlands Halle. Anfangs hatte das Stück nur etwas Ähnlichkeit mit dem Ohrwurm aus Schweden. Dann kamen sie richtig in Fahrt und auch der letzte Trottel erkannte den Schwedenhit. Es wurde mitgewippt und mitgesungen. Viktoria hatte inzwischen die Gruppe für das Foto arrangiert. 30 – 40 Fotografen und Kameraleute wollten dieses Bild haben. Enno saß oben auf der Schulter von Paul von Thun, den der Personenschützer inzwischen  aus seinem Haltegriff entlassen hatte, und konnte über die ganze Horde der Fotojournalisten hinweg eine schöne  Fotostrecke mit dem Handy machen.
„Frau Bundeskanzlerin, können Sie bitte auch einmal lächeln und bitte nicht immer den Kopf wegdrehen!“
Das war der Fotograf vom Stern Magazine.
„Ja Änschie, und nimm deinen Stocken in die Händen sso wie dein Freundin Viktoria. Und du, Anneliese, ssseig dein Wellington, äh Gum-mi-stie-fel.“
Inzwischen ertönte das Anneliese Lied durch die Halle 8.
Am nächsten Tag gab es kaum eine Tageszeitung in Schweden und der Bundesrepublik, die nicht mit diesem Foto aufmachte. Eine verletzte Königin, eine verletzte Kronprinzessin und eine verschnupfte Bundeskanzlerin, die zudem auch noch verletzt war. Anneliese und Viktoria strahlen in die Kamera, Angela, unsere Bundeskanzlerin, guckte wie ein Beagle hinter dem Zaun eines Versuchslabors. Mundwinkel hatte sie, als wären dort kleine Gewichte eingehängt. Ein Bild, bei dessen Betrachtung selbst eingefleischte Demokraten ernsthaft über die Umwandlung der BRD in eine Monarchie, also eine konstitutionelle Monarchie, nachzudenken begannen.

Die nächsten Termine riefen, die persönliche Referentin der Kronprinzessin begann zu drängen. Anneliese war begeistert von Viktoria und lud sie zum Schützenfest in Aantenwördenermoor ein.
„Mal sssehen, was sssu machen geht mein Konningin von diese Muur near Hamborch.“
Sie tauschten noch die Mobil- und die Handynummern aus und verabschiedeten sich mit einem flüchtigen Wangenkuss. Auch diese Szene wurde mindestens 20- fach abgelichtet.  
Und dann das Wunder von Berlin. Weiß der Kuckuck, wer Schorsch Beckmann den Tipp ins Ohr geflüstert hatte. Der Spielmannszug spielt das Deutschlandlied. Es existieren heute in einigen wenigen Zeitungsarchiven einige wenige Bilder von dieser ungeplanten Begegnung auf der Grünen Woche.  Bilder, auf denen eine lächelnde Kanzlerin zu sehen ist.
Kanzlerin und Kronprinzessin humpeln zurück zum Stand der estnischen Wodkabrennerei. Beide betonen vor den laufenden Kameras, dass sie heute den Grundstein für eine sehr, sehr enge Freundschaft gelegt hätten. Eine Freundschaft, die schon immer gut gewesen sei, nun aber  kaum noch zu toppen sei.
„Prost Viktoria!“
„Skål, Änschie!“
Im Fernsehen schloss der Beitrag damit, dass die vier Krücken aus dem Bild gingen. Mit ihnen die Kanzlerin und die Kronprinzessin von Schweden.

Die letzten Takte des Deutschlandliedes  klangen gerade aus als die Kolbinger in großen Jubel ausbrachen und sich gegenseitig um den Hals fielen. Enno küsste Anneliese und gemeinsam schauten sie sich die Bilder an, die er in den letzten 15 Minuten von Anneliese und den beiden anderen, ihm nicht ganz so wichtigen Frauen gemacht hatte. Es gab niemanden unter ihnen, der noch irgendwelche Zweifel hatte an der Richtigkeit der Entscheidung nach Berlin zu reisen. Menschen, die sich kaum kannten, fielen sich um den Hals. Fine rannen die Tränen über die Wangen und Paula genoss es sichtlich, dass sie von den jungen Männern umarmt und  gedrückt wurde, bis ihr die Luft knapp wurde und der Drang im Unterleib kaum noch zu bändigen war. In einer kurzen Freudenpause suchte sie die Wände der Halle nach einem WC Schild ab.
Pastor Henry Krohn aus Bilge beendete den Freudentaumel mit der ersten Strophe von „Lobe den Herren, …“ gespielt auf seiner Posaune. Mehrere Kamerateams waren geblieben und filmten, wie der Pfarrer mitten in der Halle des Partner Country Estland seine Kolbinger zu einer Andacht einlud. Einige Esten, die plötzlich das Gefühl hatten, dass auch der Auftritt mit der Kanzlerin schon zur Andacht gezählt hatte, schlossen sich andächtig der Gemeinde aus Kolbingen an.
Henry Krohn konnte sehr zufrieden sein mit seiner “Messe auf der Messe“ (Schlagzeile in Evangelischen Woche) sein. Er hatte hier locker zehnmal  so viele „Schäfchen“ in der Andacht wie sonst in einem ganz normalen Gottesdienst in Bilge, Hohendeich oder Friedeberg.
Lobe den Herren!

Ein Kamerateam aus Riga kam übrigens vier Wochen nach dem Ende der Grünen Woche nach Kolbingen, um einen Dokumentarfilm über jene  Menschen und deren Heimat zu drehen, die im estnischen Fernsehen zu sehen waren, wie sie mitten in ihrer, der estnischen, Halle eine Andacht abhielten. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Die Andacht trauten sich die Presseleute nicht zu stören.  Aber kaum, dass das letzte Amen verklungen war, begann der Run auf potentielle InterviewpartnerInnen. Fast alle Kolbinger Königinnen gaben ein oder mehrere Interviews.

Selbst die Wachtelkönigin wurde interviewt. Ein dänischer Fernsehsender interessierte sich für sie, weil alle anderen Königinnen sich gerade im Gespräch befanden. Sie nutzte die einmalige Gelegenheit, sich vor internationalem Publikum für den Wachtelkönig ins Zeug zu legen. Diese Passage wurde später in einem Kopenhagener Fernsehstudio komplett herausgeschnitten. Dem dänischen Publikum, das bekanntlich sehr Monarchie freundlich ist, wollte man nicht mit einer „Majestät“ belasten, über die sich nicht einmal eine einzige Zeile im „Who is Who?“ des Nieder- bis Hochadels der Deutschen Lande finden ließ.  Der Schwerpunkt des Beitrages lag nachher eindeutig bei einer fröhlich dreinblickenden Königin, deren einer Fuß wegen einer Verletzung in einem Gummistiefel steckte, und die sich gemeinsam mit den beiden gehbehinderten Promis Viktoria und Angela von der Fotografenmeute ablichten ließ. Zumindest zwei der drei Frauen waren dem dänischen Volk weitestgehend bekannt. Im Fokus des öffentlichen Interesses stand in Dänemark nach Ausstrahlung des Messebeitrages aber nur die Königin mit dem Gummistiefel aus der Ortschaft mit dem für die meisten Dänen schwer auszusprechenden Namen „Dröbermmoor“.
Anneliese erhielt einige Tage später sogar eine Einladung für eine Autogrammstunde im Tivoli Park Kopenhagen. Davon aber später mehr!
Das alles wusste Beate von Lindern, die Wachtelkönigin, nicht. Sie sah nämlich grundsätzlich kein dänisches Fernsehen, weil „die“ grundsätzlich auf Dänisch sendeten und Beate grundsätzlich nur deutschsprachige Sender guckte und von denen am liebsten die Dritten Programme mit den schönen Naturfilmen. Und eine Einladung zur Autogrammstunde im Tivoli bekam sie natürlich auch nicht, weil der Parkmanager grundsätzlich nur Persönlichkeiten zur Autogrammstunden einlud, an deren Autogramme seine Landsleute höchstgradig interessiert sind.

Die Königin der Nacht, Natalie, wechselte noch einmal vorübergehend die Staatsbürgerschaft und französelte vor dem Mikrofon von NDR II.
„Iisch liebe Deutschlaand. Vieleischt iisch eirate meine liebe Freund Arry Röndigs aus Aantenwördenermoor und mach grande famile mit Arry. Ast du geöört, mein Liebär?  Ast du geöört, Cherie? Und du mein Ündschen wirst Ochzeitszeuge.“
Und ob er es gehört hatte. Vor Freude hatte er beinahe eingenässt. In der Woche drauf hatte Harry sich für teures Geld einen Mitschnitt des Interviews vom NDR schicken lassen. Immer, wenn er glaubte zu träumen, spielte er sich das Band vor: „Vieleischt iisch eirate meine liebe Freund Arry Röndigs aus Aantenwördenermoor und mach grande famile mit Arry.“
Wenn jemand im Hause Röndigs diese Stimme aus Harrys Zimmer hörte, war er oder sie gut beraten, nicht zu stören.

Den größten „Klopper“ aber landete das Team vom RBB. Sie luden  die gesamte Kolbinger Reisegruppe in die vom RBB gemietete Halle 27 ein, um dort die „Nacht der Nationen“ mitzufeiern.

Anneliese war total erledigt. Sie konnte nicht mehr aufzählen, welchen Zeitungen und Sendern sie Interviews gegeben hatte.  Ein Kamerateam kam sogar aus Kiew - konnte man leider rein gar nicht verstehen. Die versuchten es dann auf Englisch.
Konnte man auch nicht verstehen.
Hella Rossmann bot ihre Hilfe an. Aber auch sie verstand immer nur „Do you speak English?“ und nach der Bejahung fielen sie sofort wieder in ihre Muttersprache Ukrainisch zurück.
Einige Sprachbrocken der Ukrainer trafen auf die Ohren von Natascha Mircowa, der Stutenkönigin.
„Wer spricht hier meine Sprache?“
Das hat sie natürlich in ihrer Sprache gerufen und die einzigen, die sie verstehen konnten, waren die, die sonst niemand verstehen konnte.  Die Stutenkönigin gab ihren Landsleuten ein 15 minütiges Interview, in dessen Verlauf viel gelacht wurde. Natascha war überglücklich ihre Sprache zu hören und sie sprechen zu dürfen.  Ihrer Gestik zufolge erzählte sie von den Kolbingern und den verschiedenen Königinnen, die hierher nach Berlin gereist waren, um  ihre Mitmenschen auf die Schönheit Kolbingens  hinzuweisen. So schlimm kann es nicht gewesen sein, was Natascha dem ukrainischen Fernsehen erzählt hatte. Später, im Sommer 2014, wurden mehrmals Autos mit ukrainischen Kennzeichen in Nordkolbingen gesehen. Gaby Melzer berichtete später auf der Mitgliederversammlung des Tourismusvereines Nordkolbingen, dass nach ihrem Kenntnisstand mindestens 14 Übernachtungen von Menschen aus der Ukraine gebucht worden seien.
Paul von Thun hatte es sogar geschafft einem Ukrainer einen Jährling[13] zu verkaufen. Der Kauf wurde mit viel zu vielen Wodkas, die in Kolbingen Strohtmanns  oder nur Klare heißen, gefeiert.  Als die deutschen und ukrainischen Köpfe am nächsten Tag wieder etwas klarer wurden, drohte vorübergehend eine Trübung der gerade entstandenen Deutsch-Ukrainischen Freundschaft. Der Ukrainer hatte ein Pferd gekauft, obwohl er nicht reiten konnte und auch nicht wusste, wie er das Tier von Kolbingen in die Ukraine kriegen sollte. Im Verkaufsstall  wurde eine Krisensitzung einberufen. Willi Kellermann hatte die rettende Idee. Nach zwei Stunden zäher Verhandlungen besaß der Ukrainer nicht nur ein Pferd, das er eigentlich nicht gebrauchen konnte, sondern auch noch einen alten Pferdehänger, den er nicht und Heini Holthusen nicht mehr gebrauchen konnte. Das erneute Aufflammen der Deutsch-Ukrainischen Freundschaft wurde mit einem weiteren Strohtmann-Tsunami  gefeiert.  Am folgenden Tag gegen Nachmittag erlaubten die Blutwerte des Ukrainers die Abreise gen Osten. Der Jährling, Botschafter Kolbingens in der fernen Ukraine, musste jetzt mindestens drei Tage auf dem Hänger ausharren, bis er die neue Heimat unter den Hufen spüren durfte.
Paul von Thun und einige seine Züchterfreunde trafen sich am Abend im Friedeberger Hof, um einen Teil des Geldes, das der Jährling eingebracht hatte, zu vertrinken. Das war schon immer so in der alten Züchterriege: Wer ein gutes Geschäft unter den Augen seiner Züchterkollegen abgeschlossen hatte, teilte seine Freude und leider auch einen Teil seines Gewinnes mit den Freunden.
Aber hier erzähle ich bereits wieder etwas, das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht stattgefunden hatte.

Nachdem die Pressekarawane sich langsam aufgelöst hatte, kam der Manager der estnischen Schnapsbrennerei mit mehreren Tabletts  Wodka aus seiner Produktion zu den Kolbingern und ermunterte sie, mit ihm auf die Estnisch-Deutsche Freundschaft anzustoßen. Bevor die Estnisch-Deutsche Freundschaft in eine Liebesbeziehung ausarten konnte, organisierte die Bilger Reiseleitung den weiteren Umzug der Kolbinger Majestäten durch die Messehallen. Auf Vorschlag Violas  wollten sie  zuerst die Halle 25 und die Niedersachsenhalle aufsuchen. Lukas freute sich schon auf die Gesichter der Kolbinger Offiziellen. Ob bei denen schon bekannt war, dass die Nordkolbinger Reisegesellschaft ihr Reiseziel kurzfristig vom Harz in die Bundeshauptstadt verlegt hatte? Im Zeitalter der Handys musste man schon davon ausgehen. Aber, dass wir hier so auflaufen müsste immer noch einen riesen Überraschungseffekt haben. Lukas löste Kalle an der Spitze ab und erlöste Jonas aus der schwierigen Verantwortung, die richtige Entscheidung darüber zu treffen, wo denn „links“ und wo „rechts“ sei.

Die Hallen 8-10 ließ der rücksichtsvolle und tierliebende Lukas aus. In diesen Hallen waren die Heim- und Nutztiere untergebracht und niemand hätte mit Gewissheit vorhersagen mögen, ob und wenn ja, welche negativen Reaktionen die Musik des Moorer Spielmannszuges bei den Tieren hervorrufen würde. Der Zug legte einige Zwischenstopps  in Halle 7, nationale und internationale Ernährungswirtschaft/Food Industry , ein. Viele Aussteller boten den Kolbingern für ihre musikalische Darbietung von ihren leckeren Kostproben an. 
Eine Peinlichkeit leistete sich Natalie, die vor einem mit vielen blau- weiß-roten Flaggen geschmückten Käse Stand einen erneuten Rückfall in ihre zweite Identität bekam und laut ihrer Freude freien Lauf ließ.
„Fantastic! Die Tricolor!  Frommage aus meine Eimat, Frankreisch meine Eimatland. Jeteem!“
Die junge Frau in dem blau- weiß-roten Kleid und einer weißen Flügelhaube auf dem Kopf lächelte unsere Königin der Nacht freundlich an und fiel mit einem Redeschwall über sie her – auf Französisch!
 Anscheinend endete ihr Beitrag mit einer Frage. Als keine Antwort kam, wiederholte die Frau ihre Frage. Gut, dass Hella Rossmann gleich zur Stelle war.
„Natalie, oder ich sollte vielleicht besser Sabine sagen, die Frau fragt, warum du nicht antwortest. Warum du hier Werbung für französischen Käse machst? Das hier ist ein holländischer Käsestand. Die  französischen Stände fangen da drüben an.“
„Aber die Trikolore, Frankreichs Flagge?!“
„Das hier ist die niederländische Flagge. Sieh mal dort hinten kannst du Frankreichs Flagge sehen. Sie hat die gleichen Farben aber die Anordnung ist eine ganz andere.“
Sabine Klöfkorns Gesicht rötete sich leicht.
„Scheiße!“
„Sie meinen aber nicht den  Kees von Nederland, oder?“
Gut, dass die Musik erneut einsetzte und der Kolbinger Zug sich wieder in Bewegung setzte.

Gaby Melzer hatte soeben einer Messebesucherin das Kolbinger Infopäckchen in die Hand gedrückt. Friederike Winter verabschiedete sich von der Dame mit einem angedeuteten Knicks.
„Ich hoffe Sie bald in unserem schönen Kolbingen an der Unterelbe begrüßen zu dürfen.“ Fast hätte sie vergessen dabei zu lächeln. Irgendwie hatte sie sich die Messe etwas anders vorgestellt. Die Altländer Königinnen waren erheblich ausgebuffter als sie. Mit der Ankündigung, dass sie mal „müssten“, verschwanden sie einfach mal eben für zwei Stunden auf einen Messebummel. Die Spargelkönigin war nun schon den dritten Tag im Hotel geblieben, weil sie inzwischen mit heftigen Übelkeitsattacken auf den Geruch der Spargel Cremesuppe reagierte, die sie in kleinen Portiönchen an die Messebesucher verteilen musste. Das lag bestimmt nicht an der Suppe, die von allen Seiten gelobt wurde. Alois Brunner, der in der Nachbarhalle den Stand einer Allgäuer Meierei betreute, machte sich sogar mehrmals am Tage auf den Weg zur Spargelkönigin. Er kam auch noch, nachdem die smarte und wirklich sehr gut aussehende Majestät aus Deinste oder Kutenholz bereits krank im Hotel weilte. Diese Tatsache war auch für Frau Dammann aus Klein Fredenbeck der tröstliche Beweis, dass mit ihrer Spargelsuppe alles in bester Ordnung sei.  Was für ein Spagat für die arme Milchkönigin. Stellvertretend für die abwesenden Majestäten musste sie überall repräsentieren. Altes Land – Geestperle-Kolbingen-Geestperle-Kolbingen-Altes Land- Altes Land! Und dann muss sie sich auch noch von dem „Natur Erbe Papst“ Hergen Hilk anpampen lassen, weil sie einmal am „Ollaner Appelstand“ einen Messebesucher mit einem freundlichen Lächeln und dem Satz: „Ich hoffe Sie bald in unserem schönen Kolbingen an der Unterelbe begrüßen zu dürfen“, verabschiedete.
Von Nikki Schütt war keine Entlastung zu erwarten. Die Kolbinger Landkönigin hatte Überraschungsbesuch von ihrem Johannes bekommen und sich kurzerhand von der Melzer und  Helge Ehlers beurlauben lassen.
Wo steckte der Ehlers eigentlich? Ach da drüben steht er. Wieder bei den Eichsfelder Metzgerspezialitäten. Der angebliche Erfahrungsaustausch mit der Eichsfelder Tourismusexpertin entwickelte sich mehr und mehr zu einem handfestem Flirt, der schon zum Austausch der Handynummern geführt hatte, und  der so, wie er hier von Friederike wahrgenommen wurde, auf gar keinem Fall die Runde in Kolbingerhafen machen durfte. Die kleinen luftgetrockneten Wursthäppchen spielten bei Helge Ehlers längst schon eine unerhebliche, untergeordnete Nebenrolle.
Die Melzer guckt auch immer heimlich rüber. Eifersüchtig ist sie bestimmt nicht. Dass sie beide sich eher etwas hakeln ist ja allseits bekannt. Vielleicht wurmte es sie, dass dieser gutaussehende Allgäuer mit den unmöglichen Lederhosen nur immer wegen der „Leckren Suppen“ kommt.  Mehrmals wollte sie ihn ins Gespräch ziehen. Er biss einfach nicht an.
„Ich war auch schon einmal in Bayern, im Urlaub.“
„I mach koa Ualaub i Bayern. Bin ja eh scho imma doa! Hahaha! Hascht noch etwas von der Suppen?“
Zu mehr hat´s einfach nicht gereicht. Da sie ja wirklich nicht unattraktiv ist, hatte Gaby Melzer auch schon einmal ganz kurz gedacht, ob der schmucke Bayer vielleicht schwul sei?
„Ja, warum eigentlich nicht? Warum soll es nicht auch schwule Bayern geben?“, ging es ihr durch den Kopf.
In einem schwachen Moment vertraute sich die Melzer Friederike Winter an, die sich sofort anbot, den Allgäuer Milchburschen zu befragen.
„Bist du verrückt, das machst du nicht!“
Den letzten Messetag kam er nicht mehr. Die Spargelsuppe war ausgegangen und Frau Dammann durfte nach Rückfrage auf ihrem Spargelhof in Deetse die Suppe auf gar keinen Fall mit Beelitzer Spargel aus Brandenburg kochen. Schade!
Es sollte eigentlich Gaby Melzers Geheimnis bleiben, was sie bei ihrer abendlichen Internetrecherche über das Essverhalten von Schwulen herausgefunden hatte. Amors Pfeil hatte sie wohl heftiger getroffen, als sie es selbst wahrhaben wollte. Dann vertraute sie sich doch in einem schwachen Moment der Kolbinger Milchkönigin an.
„Weißt du, Friederike, ich habe bei Google „Schwule, Bayern, Spargel“ eingegeben. Was habe ich gefunden? Nix! Zumindest nix Brauchbares. Google ist auch nicht mehr, was es einmal war. Wahrscheinlich ist der nicht schwul, der steht einfach nur auf Spargel. Was meinst du?“

Welche Meinung Friederike zu diesem Thema hatte, blieb unerhört. Die Aufmerksamkeit der beiden Frauen und all der anderen Menschen in Halle 25 wurde schlagartig von Blasmusik in Anspruch genommen. Anne-Anne-Anneliese… Die Milchkönigin musste sofort an die denkwürdige Majestäten Wahl in der Oberschule Nordkolbingen denken. Das war schon ganz schön krass. Wenn doch etwas an dem Gerücht wäre, dass die Kolbinger gar nicht in den Harz gereist sind.
Anne-Anne-Anneliese… Die Musik kam näher. Wie vertraut? Woher kannte sie diese Jacken? Und dann konnte Friederike das Transparent lesen und alles war klar:
„Ferienregion Kolbingen an der Unterelbe“
Das sind sie, das sind ja Lukas und Jonas Geerdts und der Moorer Spielmannszug, Helga Sumfleth, die Bienenkönigin, Viola Hiesel, Hildegard Radlusz, die Zaunkönigin, Sarah Bauknecht mit ihrer Kartoffelkrone und viele, viele andere bekannte Gesichter aus Nordkolbingen. Helge Ehlers hat die Eichsfelder Wurst verlassen und eilt mit seinem Messeschatten im Schlepptau zum Stader Stand. Die beiden pensionierten Kolbinghafener  Kapitäne Kurt Oellerich und Walter Wolter, die mitten in der Abnahme des Matrosenpatentes steckten, ließen ihre Gäste stehen, um die Kolbinger Abordnung zu begrüßen.
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Kapitän, wir haben noch nicht alle Aufgaben erledigt für unser Matrosenpatent.“
Kein Problem für Wolter, der sich sonst immer gerne als strenger Prüfer ausgab.
„Keen Tiet, Sie haben bestanden und Ihr Mann auch. Nehmen Sie sich bitte ihre Patente und fülle Sie alles zu Hause aus. Unterschriften stehen ja drunter. Tschüß.“
„Und Stempel liegt da auch noch. Ohne Stempel ist das Patent ungültig“, rief Kurt Oellerich der verwirrten Dame noch hinterher.
Während das Berliner Ehepaar sich die Papiere ausfüllte und darüber unterhielt, ob die Patente denn wirklich gültig seien unter diesen Bedingungen, hatte Oellerich seinen Neffen Dieter Schmarje entdeckt.
„Mensch Onkel Kurt, dass wir uns vor deinem 74. Geburtstag noch treffen würden hast du wohl nicht gedacht, oder?“
„Jung, Jung, wat mookt ji denn hier? Ick kann dat gor nich glöben. Kiek mool dor achtern, is dat Paula Heinsohn ut Dröbermmoor. Is de ook mit, de olle Schachtel.“
Von wegen olle Schachtel. Paula war doch noch gerade unter 70 und damit deutlich jünger als Kurt Oellerich. Seit dem letzten Schützenfest in Aantenwördenermoor hatte der Witwer mit dem Kapitänspatent heimlich ein Auge auf Paula geworfen. Die war zwar nicht die Frischeste, aber gut gegen Einsamkeit allemal.
„Vielleicht sollte ich sie das Matrosenpatent ablegen lassen.“
Walter Wolter wusste nicht, ob er richtig verstanden hatte.
„Wer  soll das Matrosenpatent ablegen?“
„Schon gut, schon gut!“

Helge Ehlers meinte immer verkünden zu müssen, dass ja wohl klar sei, dass es hier nur eine ständige und legitimierte Vertretung Nordkolbingens geben könne. Weiß der Kuckuck, wovor er wieder Angst hatte. Ganz anders Gaby Melzer, die sofort erkannte, dass die Musik und der Kolbinger Pulk immer mehr Menschen anzog. In ihrem Kopf ratterte es. Eine Idee musste  her, wie man dieses Potential nutzen kann. Für die Region nutzen, für den gesamten Landkreis. Hier hatte Kirchturmdenken keinen Platz mehr. Von Globalität zu reden wäre zu hoch; aber irgendwie kommt es der Sache schon recht nah. Schorsch Beckmann gibt Kommando: Zwei, drei … Die Musik spielte einen flotten Marsch. Wer nicht musizierte von den Nordkolbingern, inspizierte die Tische der aus 9 Gemeinden bestehenden Interessengemeinschaft Grüne Woche.
Rieke, die Milchkönigin, sah plötzlich den Gummistiefel unter dem Festkleid der Moorkönigin herausgucken und eilte auf Anneliese zu.
„Wenn es dir weh tut, dann komm doch mit zu unserem Tisch. Da kannst du dich auf einen Stuhl setzen.“
So ein nettes Angebot konnte sie nicht ausschlagen. Anneliese hatte sich, ihrem Fuß und dem Gummistiefel in der letzten Stunde etwas viel abgefordert.

Nachdem Kurt Oellerich einen Kleinen Feigling aus der Jackentasche seines Neffen in sich hinein geschüttet hatte, traute er sich zu Paula und schleppte sie ab in die Ecke, in der nun schon den 3. Tag das Kolbinger Matrosenpatent (Melzer: Der Renner der Messe!) abnahm.
„Weet nich, Kuddel, in mien Öller noch´n neegen Beruf? Und denn ook noch Matrose. Fine,  wat meenst du? Willst du ook?
„Nee, loot man Paula, ick kiek´n lütt beeten tau.“
Kuddel, in Kolbingerhafen und Dröbermmoor sagte niemand Kurt zu Kuddel, also Kuddel  machte sich sehr wichtig hinter seinem Tisch. Walter Wolter merkte auf, weil er mit diesem Ernst und in dieser Tonlage seinen Kollegen all die Tage nicht hatte reden hören.
„Sie heißen also Paula Heinsohn. Das schreibe ich hier rein und Sie kommen aus Dröbermmoor. Dann will ich einmal die erste Frage stellen. Wie heißt das Fenster auf einem Schiff?“
???
„Wie heißt das Fenster auf einem Schiff, Paula? Ich sage nur Muuuhh!“
Seine Worte unterstreichend zeigte Kuddel auf sein Auge.
„Wat secht denn Muuuhh, Paula?“
Die plattdeutschen Laute haben ihr die Zunge gelockert.
„Kooh!“
„Und op wat wies ick hier?“
„Dien OoG.“
„Nu bring dat mool tauhoop, dann hest du dat all.“
„Kooh Oog!“
„Walter, dat is woll noch richtich, wat meenst du? Kooh Oog  oder Bulloog. Beede Dierten sind Rindviecher. Paula de erste Frooch hest du all mit Bravour löst.“
„Anker“ wusste Paula und mit etwas Hilfe und einer Eselsbrücke von Kuddel über ein Bord zum Backen kam Paula auch noch auf „Backbord“. Flagge kam gut vom Prüfling und Seekarte. Seekarte war ja auch nicht so schwer. Es war eine sogenannte „Multiple Choice Frage“. Paula konnte zwischen drei Angeboten auswählen.
a)      Speisekarte des Kapitäns
b)      Nautisches Hilfsmittel
c)      Dauerkarte die zum Baden in einem See berechtigt
Nachdem Wolter noch das Wort „nautisch“ erklärt hatte, entschied Paula sich für Antwort b. Walter Wolter verlief der Matrosentest etwas zu nachlässig. Nachdem  Kuddel auch noch ein Auge zudrücken wollte, als die „Noch-nicht-Matrosin“ Heinsohn die Positionslampen eines Schiffes  zu Blinkern erklärte, intervenierte der alte Seebär Wolter und Paula wurde der schon gegebene Punkt aberkannt. Das machte jedoch nichts, weil man sich einen Fehler leisten durfte. Nun wurde es feierlich.
„Hiermit erkläre ich Sie, Frau Paula Heinsohn aus Dröbermmoor, Ortsteil der Gemeinde Eriksheil, zur Matrosin.“
„Dank di ook Kuddel. Dorvun harr ick hüt Nacht noch nich drümt, dat ick hüt noch taun Matrosen kürt ward.“
Zu Fine gewandt meinte sie dann noch.
„Ick glöv jo nich, dat ick noch dat Schippern anfang, oober  is man good tau weten, dat man noch wat in Petto hett, wenn´t mool ganz dick kummt.“

Die Kolbinger wollten weiter und Friederike wollte gerne mit dem Zug über die Messe. Da passte es gerade sehr gut, dass die beiden Altländer Königinnen wieder auftauchten. Ein bisschen erinnerten ihre Blicke an Schaulustige bei einem Unfall. Sie erfassten die Situation nicht ganz. Hergen Hilk versuchte es ihnen zu erklären. Gaby Melzer kam angeflogen.
„Ihr schafft das hier alleine, ja, Hergen? Ich möchte mit meinen Kolbingern gehen. Helge Ehlers unterstützt euch. Geht doch klar Herr Ehlers?“
Bevor er antworten konnte hatte Gaby Melzer schon Riekes Hand ergriffen und schloss sich dem Kolbinger Zug an.

Noch einmal an diesem Tag sollte ein Zufall für einen völlig anderen Ablauf sorgen, als von den Kolbingern vorgesehen.  Niemand im Zug außer Gaby Melzer und Rieke Winter kannte den Fototermin für alle Messemajestäten vor dem Pressezentrum in Halle 6, und die hatten den Termin wegen der ganzen Aufregung erst einmal vergessen.
Nicht vergessen hatte die Heidschnucken Königin aus Wilsede den Termin. Als der Kolbinger Umzug mit den nunmehr 17 Königinnen an ihrem Stand vorbeimarschierte, meinte sie, dass der Umzug zur Begleitung der Königinnen zum Pressezentrum organisiert worden sei. Sie reihte sich in die Schar der Majestäten ein. Viola Hiesel fand das cool und als sie nur wenige Meter weiter die Heideblütenkönigin erblickte, rief sie rüber, sie solle doch mitkommen. Die nächstem, die sich den Kolbingern anschloss, war die Krabbenkönigin aus Harlingersiel. Es folgten die Dümmerprinzessin, die Inselkönigin (Norderney), eine Felsenkönigin aus dem Deister, eine Brockenhexe, die gar keine Königin war aber trotzdem mitging, eine Bördekönigin. Noch in Halle 25 und der angrenzenden  Halle 3a gesellten sich die Salzkönigin aus Lüneburg, eine Ferkel- und eine Putenkönigin aus dem Güllegürtel im Südoldenburgischen,  die Domkönigin aus Verden und die Brauereikönigin aus Einbeck dazu. Ohne die Ollaner Appelkeunigin und die Altländer Blütenkönigin mit ihrer albernen Blütenhaube befanden sich nun schon 28 Königinnen und eine Hexe hinter der Musik aus Aantenermoor! Abgesehen von der Moorer Schützenmusik sorgte die bunte Gruppe der Niedersächsischen Majestäten überall für höchste Aufmerksamkeit. Es würde zu weit führen, alle Majestäten aufzuzählen, die sich im Laufe der nächsten 30 Minuten dem Zug anschlossen. Am Ende waren es 296 Königinnen, 2 Prinzessinnen und eine Hexe aus dem Harz, die, streng genommen, nicht mit auf das Bild gedurft hätte. Alleine 13 Weinköniginnen aus allen deutschen Weinbaugebieten, sogar eine vom stadteigenen Hamburger  Weinberg am Stintfang, 7 Hopfenköniginnen, 2 Nürburgringköniginnen, 29 verschiedene Blumen und Blütenköniginnen, 82 Königinnen, die ihren Namen wie die Kolbinger Landkönigin von ihrer Heimatregion hatten, Kirschenköniginnen und Gurkenköniginnen, 3 Stollenköniginnen aus Dresden, 24 Königinnen, die ihren Namen einem Volksfest verdankten (Wiesenkönigin, etc. ) trafen zum Erstaunen der Pressereferentin vor der Halle 6 zum Fototermin ein. Sie wusste nichts von dem Umzug und die Masse an Majestäten übertraf die Zahl, die sie erwartet hatte deutlich.  Übrigens gab es auch zahlreiche ausländische Majestäten wie die Kernölkönigin aus der Steiermark, die Siltkönigin aus Jütland, Bernsteinkönigin aus Litauen  und die Chiantikönigin aus Italien. Sensationell war die Teilnahme einer echten Prinzessin aus Myamar, die sich lange Zeit in der Umgebung lauter Vertreterinnen des deutschen und europäischen Adels wähnte.
„Mir sagt mal wieder niemand etwas“, murmelte die Pressefrau vor sich hin und dachte, dass auch sie auf die Idee mit dem Umzug hätte kommen können. Die gesamte Reportermeute wartete auf das traditionelle Majestäten Bild. Unzählige Male wurden der herannahende Festzug fotografiert und gefilmt. Und immer deutlich auf den Bildern zu sehen  „Ferienregion Kolbingen an der Unterelbe“, getragen von den Geerdtszwillingen, und außerdem noch all die Schilder der Kolbinger Majestäten.
Kein Mensch nahm Anstoß daran, dass die Kolbinger Majestäten sich mit für das Gruppenbild aufbauten. Einer der Fotografen erkannte Anneliese an ihrem Gummistiefel wieder und sorgte dafür, dass sie in der Mitte der ersten Reihe einen Platz fand. Die beiden Altländer Königinnen, die erst gemerkt hatten, was abging, als der Zug schon lange abgefahren war, kamen ganz zum Schluss und mussten sich hinten in die Reihe stellen, obwohl  Hergen Hilk, der sie begleitete, mehrfach versuchte, ihnen zu einer besseren Position zu verhelfen. Was beim Tageblatt und den anderen Zeitungen im Kreis Stade immer so wunderbar klappte, wollte hier einfach nicht funktionieren. Hilk ahnte schon, dass man ihm nach der Rückkehr ins Alte Land schwere Vorwürfe machen würde, weil die beiden Altländer Königinnen so schlecht ins Bild gekommen seien. Erschwerend  dann auch noch, dass die Appelkeunigin, die sich mehr oder weniger in das Messeteam hineingedrängt hatte bzw. von ihrem geschäftstüchtigen Obstbauern Siggi Quast auf die Reiseliste verhandelt worden war, vor die Blütenkönigin. Hier bahnte sich ein erneutes Aufflammen vergessen geglaubter Differenzen zwischen den Altländern an. Die Appelkeunigin stellt sich doch wahrhaftig vor die eigentlich einzig wahre und echte Königin aus dem Alten Land!
Es wurden wunderschöne Bilder, die dank einiger guter Handyfotos (Enno) nachher in Kolbingen reichlich Abnehmer fanden. Eines sollte sogar noch im Tageblatt erscheinen. Und gerade auf dem Bild hatte Die Königin der Nacht im Zentrum der Gruppe gut leserlich zur Kamera gehalten.
„Als Fremde kommen- Als Freunde gehen!“
Sie selbst wusste später nicht, warum sie das Schild überhaupt bei sich hatte und warum es auf den anderen Bildern nicht zu sehen war. So wollte es wieder einmal der Zufall, dass Sabine Klöfkorn, für viele im Kolbinger Land ein Glücksfall, nun zusätzlich zum touristischen Glücksfall für Kolbingen wurde. Aber davon später mehr.
Während das Majestäten Bild arrangiert wurde spielten die Moorer Musikanten vorerst zum letzten Mal den Anneliese Hit. Für die nächsten Stunden war Freizeit angesagt – auch für die Musikinstrumente.

Die meisten Kolbinger wollten die Zeit bis zum Beginn der „Nacht der Nationen“ in Halle 27 auf dem Messegelände überbrücken. Einige, unter ihnen Paula Heinsohn und Fine Riecken, ließen sich von dem netten plattsprechenden Busfahrer „ut Loomst“ (Lamstedt) zum Quartier fahren. Der hatte auch angeboten, diejenigen, die an der Party teilnehmen wollten, wieder zum Messegelände zu fahren.
Paula und Fine wussten noch gar nicht, was sie wollten. Eigentlich wollten sie erst einmal nur „Von`e Feut“. Vielleicht würde sich ja später noch etwas ergeben.
Und ob sich etwas ergeben würde!
Beide Frauen hatten nur die Schuhe von den dicken Füßen gestreift und sich ins Bett fallen lassen. Paula Heinsohn, der heute ihr Mittagsschläfchen gefehlt hatte und die es nicht gewohnt war derartige Strecken in ihren „guten“ Schuhen zu laufen, lag kaum auf dem Rücken als sie auch schon schlief. Fine Riecken dachte noch daran, dass sie eigentlich ihrem Jan von dem aufregenden Tag in Berlin erzählen müsste. Weiß er überhaupt, dass sie in Berlin ist, fernab der Luchse, die Jan im Harz Film gesehen hatte. Das gleichmäßige Schlafgeräusch von Paula hatte hypnotische Wirkung. Auch sie glitt hinüber in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Jan Riecken musste noch einmal mehr darauf warten, die neuesten Neuigkeiten aus Berlin zu erfahren.

Die erfuhr er dann 70 Minuten später nicht von seiner Frau sondern von „Hallo Niedersachsen“ in der guten Stube der Rieckens.
So einsam hatte Jan sich die Zeit ohne Fine und Anneliese nicht vorgestellt. Er freute sich schon auf den Sonntag, wenn sie wieder alle beisammen sein würden. Tiedemann, der ja immer die Reklame bringt, hatte erzählt, dass das mit dem Harz nicht so geklappt hätte und die Kolbinger nun wohl nach Berlin gereist seien. Man muss ja nicht gleich auf jeden Quatsch eingehen. Nicht einmal eine Postkarte aus dem Harz war zwischen den Prospekten von Marktkauf und Möbel Jähnichen.
Wie sollte es auch sein? Sie waren ja schließlich gestern erst abgefahren. Ob Paula wohl in ständiger Abwehrbereitschaft wegen der Luchse war? Jan wäre schon gerne mitgefahren aber so lange die Tiere auf dem Hof waren musste er in Dröbermmoor bleiben.
„Vielleicht“, dachte er, „vielleicht komme ich ja auch noch einmal los, wenn Anneliese so weit ist und den Hof versorgen kann.“
Alles ging seinen gewohnten Gang. Nur, dass Jan diesen Abend etwas länger brauchte, weil Paulas Tiere auch noch versorgt werden mussten. Gut, dass er nicht jeden Tag Ziegen melken musste. Die Ziegenmilch hatte er mit zu sich rüber genommen für seine Kälber. Die Stiefel und seine Stalljacke blieben im Flur zwischen Stall und Küche. Am Ausguss in der Küche eben die Hände waschen, zwei Hände voll kalten Wassers durchs Gesicht und dann an den Abendbrots Tisch. Und der sah recht traurig aus. Morgens hatte er schon wieder vergessen, den Tisch abzuräumen, ging ja sonst auch immer von alleine. Zwei Portionen Mittagessen waren auch noch unberührt. Irgendwie passte es nicht mit der Kocherei. Ein Brot zwischendurch tat`s doch auch. Zwei Scheiben von dem leckeren, dunklen Reinkorn Brot von Bäcker Lühring aus Kolbingerhafen dick mit Mettwurst belegt und dazu ein schönes Glas Milch! Zufrieden und gesättigt, ohne den Tisch abzuräumen, bewegte Jan sich rüber in die Wohnstube. Fernseher an und nach kurzem Kontrollblick über die Manchesterhose ließ er sich auf die Couch fallen. Hallo Niedersachsen begrüßte soeben seine Stammgucker und kündigte unter anderem einen Beitrag von der Grünen Messe aus Berlin an. Das interessierte ihn wohl, hatte ja auch etwas mit Landwirtschaft zu tun.
Im Emsland trat Schweröl aus dem Erdreich und verunreinigte die Gräben, die unter anderem auch als Tränke für das Vieh galten. Nicht so schlimm, weil die meisten Tiere jetzt im Stall standen. Trotzdem eine Sauerei. Man vermutete schon die große Raffinerie in der Nachbarschaft als Quelle der Umweltverschmutzung.
Jan Riecken wollte schon gerade in seinen gewohnten Kurzschlaf bis zur Tagesschau wegklappen, als er das Wort Kolbingen aus dem Fernseher vernahm.
„Auf der Grünen Messe in Berlin rückten die Niedersächsische Samtgemeinde Nordkolbingen und ihre Mitgliedsgemeinde Dröbermmoor mit einem sehr individuellen Marketingtrick in das Zentrum des öffentlichen Interesses…“
Jan wurde hellwach. Ein schwarzer Stiefel, ein Gummistiefel wird vom Kameramann in den Vordergrund gezoomt, er füllte fast den ganzen Bildschirm aus.
„Solche Stiefel hatte ich auch einmal vom Raiffeisenmarkt in Friedeberg bevor mir der Doktor einen kaputtgeschnitten hatte“, denkt Jan noch. Dann schwenkt die Kamera und zeigt die zum Stiefel gehörige Person.
„Anneliese! Nee, Anneliese, Mudder komm schnell mool her!“
Jan konnte gar nicht verstehen, was da im Fernsehen gesagt wurde. Seine Anneliese war da im Fernsehen zu sehen mit ihrer Krone auf dem Kopf, dem schönen Kleid, der Schärpe, auf der man deutlich „Moorkönigin von Dröbermmoor“ lesen konnte, und eben dem einen, seinem Gummistiefel. Unglaublich! Sein Gummistiefel war im Fernsehen. Erst jetzt realisierte der aufgeregte Moorer, dass Mudder nicht kommen konnte, weil sie ja mit Anneliese und Paula im Harz war. Neben seiner Anneliese lächelte eine hübsche junge Frau mit Krücken in die Fernsehkamera. Das war keine von hier. Also die gehörte mit ziemlicher Sicherheit nicht zu den Nordkolbinger Majestäten. Vielleicht ein Mädchen aus Bilge oder Hohendeich. Da kannte Jan sich nicht mehr so gut aus mit den Leuten. Auf der anderen Seite von Anneliese eine etwas ältere Frau in schwarzer Hose und laubfroschgrünem Blazer. Auch sie trägt einen Satz Krücken bei sich und scheint, so wie sie im Moment der Aufnahmen gerade guckt, etwas mucksch nach links aus dem Bild zu starren. Während Jan noch dachte, dass die Grüne genauso mucksch guckt, wie die Kanzlerin Merkel, hörte er die Stimme aus dem Fernsehapparat:
„..stellten sich Kanzlerin Merkel, die Kronprinzessin Viktoria von Schweden, beide gehandicapt durch Schiverletzungen, gemeinsam mit der Moorkönigin Anneliese Riecken, verletzt durch einen Sturz auf dem „Moorpatt“ in ihrer Heimatgemeinde Dröbermmoor an der Unterelbe, den Fotografen für ein Erinnerungsbild auf. Mehr über die Grüne Woche können Sie heute im Anschluss an die Tagesschau in einem NDR III Special sehen.“ Dann schwenkte die Kamera und bevor der nächste Beitrag begann meinte Jan Riecken für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht seiner Fine gesehen zu haben.
„Momentmal, was machen die in Berlin? Aber das war Anneliese und der hat doch auch etwas von Dröbermmoor in Nordkolbingen gesagt? Hatte Tiedemann vielleicht doch Recht gehabt? Ich muss Anneliese anrufen. Wo ist denn die Handynummer von Anneliese? Irgendwo hatte sie die doch aufgeschrieben, falls `mal etwas sein sollte. Ich kann doch nicht alles mit dem Harz geträumt haben?“
Den Zettel mit Annelieses Handynummer fand er irgendwann auf der Ablage des Küchenschrankes in einem Stapel von Kochrezepten, die Fine immer gerne aus irgendwelchen Zeitschriften riss dann aber nur selten kochte. Leider!

„Oh, Enno, lass mich mal eben los, mein Handy. Unbekannter Anrufer. Soll ich wegdrücken?“
„Nee, kannst ja nie wissen. Nimm lieber ab.“
„Ja!?“
„Anneliese büst du dat? Anneliese seid ihr in Berlin. Ich habe dich eben im Fernsehen gesehen. Ich verstehe das alles nicht. Ihr kommt doch wieder, oder?“
„Nun ´mal langsam, Papa. Ja, wir sind in Berlin. Davon wissen wir alle aber auch erst seit gestern Mittag, als der schlaue Langholz plötzlich bemerkte, dass die Busse auf der Autobahn in die verkehrte Richtung fuhren. Berlin war bis dahin geheim, nur die fünf Bilger wussten alles, weil die heimlich unsere Fahrt nach Berlin geplant hatten. Sie haben uns dann gefragt und niemand wollte umkehren. Hier ist es megacool. Heute Abend sind wir beim RBB zu Gast.
Wo Mama ist? Weiß ich nicht! Wir haben bis heute Abend Freizeit. Die ist mit Paula los.
Ich muss jetzt auflegen, die Keimöl Königin aus der Steiermark möchte gerade etwas von mir. Mach´s gut, Papa. Ja ich grüße sie. Ja, Tschüß.“
Keimöl Königin? Was um Himmels Willen geht da ab in Berlin?

Es klopfte nun schon zum zweiten Mal sehr heftig an der Tür.
„Frau Heinsohn, ist das ihr Zimmer?“
„Paula wach auf! Da will jemand etwas von dir.“
Paula Heinsohn schreckte aus dem Tiefschlaf hoch und schwang die Beine aus dem Bett. Fine hatte inzwischen die Tür geöffnet. Ein Ziwi aus dem Büro stand in der Tür.
„Sind Sie Frau Heinsohn?“
„Nö!“
„Wissen Sie, wo ich Frau Heinsohn finden kann?“
„Joo!“
„Ja und wo bitte?“
„Hinter mir auf der Bettkante, junger Mann.“
„Frau Heinsohn, ich habe einen Herren am Telefon, der behauptet, dass er Kapitän sei und ich sollte ihm sofort die Matrosin Heinsohn ans Telefon holen. „Die Zeit eilt“, hat er gesagt, „er müsse heute noch auslaufen. Wenn nicht gleich alle Mann  und Frau Heinsohn an Deck wären müsse er Anker schmeißen.“ „Und dann“, hat er gesagt, „wenn ich anfange mit dem Ankerschmeißen, garantiere ich für nichts mehr.“ Frau Heinsohn kennen Sie einen Kapitän?“
„Ich tu zwei hier in Berlin kennen. Beide von Kolbingerhafen. De een heet Kuddel und de anner heet Walter. Nu goa man henn no dien Quasselkasten un froog eerst mool, ob dat een von de beeden is. Wenn joo, froog em, ob hei Kuddel heet oder Walter. Wenn…“
„Ich versteh Ihre Sprache so schlecht, Frau Heinsohn…“
„Ja, ja, so ist das, sind ja nicht alle so klug, dass sie zwei Sprachen können. Also noch een mool. Wenn der Kapitän Kuddel heißt, sagst mir Bescheid. Wenn er Walter heißt, sagst du: Die Frau Heinsohn hat sich für Wellness abgemeldet und ist nicht zu sprechen. Und wenn er weder Kuddel noch Walter heißt, sagst du, dass Matrosin Heinsohn Freiwache hat und die nächsten Tage keinen Heuervertrag unterschreibt. Verstanden?“
„Ja, nö.“
„Künnt doch genauso dösig kieken, de Berliner, as soon Dösigen ut Dröbermmoor. Nur bi uus dor versteiht mi de Dösigen taumindst.“
Kurze Zeit später kam der Ziwi durch den Gang zurückgeeilt.
„Der Kapitän heißt Kuddel und, weil es ihm alles zu lange dauert, hat er schon mit dem Ankerschmeißen begonnen. Hoffentlich kommt niemand zu Schaden. Können wir uns ein wenig beeilen, Frau Heinsohn?“
„Wenn ick di seh, dann fallt mi jümmer Hera Klit in. Hev ick von Herrn Pastor hört op´n Wech no Berlin in Bus: „Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort der Schrecken in die Glieder“.
Na, Jung, hesst du di vondooch all verjoocht? Würd mie taumindst nich wunnern. Düsse Hera Klit het sick bestimmt wat bi dacht un so ganz dösig kann de Oolsch ook nich ween. Annerwies har de Herr Pastor nich von eehr schnackt.“
Ein gutes Gedächtnis hatte Paula nun mal und wenn ihre Eltern ihr damals ein bisschen mehr Schule gegönnt hätten, wer weiß, vielleicht hätte sie dann auch gewusst, dass Hera Klit keine Frau war, eigentlich Heraklit heißt, keine Bücher schreibt und seit 475 vor Chr. tot ist.

Beachtlich, wie lange der nun schon tot ist. Kennst du jemanden, der es geschafft hat, noch länger tot zu sein? Vorher muss er sich noch ganz schnell ein paar schlaue Sätze ausgedacht haben. Und einer dieser Sätze ist ausgerechnet unter dem silbergrauen Haar von Paula Heinsohn aus Dröbermmoor hängengeblieben!

„Kuddel, wat is? Wat röpst du mi hier in Berlin an?“
„Wo soll ich denn sonst anrufen? Zuhause bist du ja nicht.“
„Dor hesst du ook all Recht. Wat givt, Kaptein?“
„Willst du mit mir gehen? Also soon lüttjes End nur. Viellicht dör dat Brannenburger Tor?”
„Oober werklich nur gehen?“
„Heet dat, dat du mitkummst?“
„Jo, oober nich ohne min Nobersch und Fründin Fine Riecken.“
„Muss das sein?“
„Jo!“
„Dann hol ich euch in 20 Minuten ab. Tschüß.“

„Und, Paula? Wat wull hei?“
„Eerst wull hei mit mi „Gehen“ und dann nur soon lütt beeten dör dat Brannenburger Tor.“
„Und, hesst du tausecht?“
„Hebb ick und för di ook glieks mit. Hei is in poor Minuten hier und hoolt uus af. Ick bün jo fast ferdich. Man eben noch´n Hann Kölsch Wooter. Wat is mit di? Ook Kölsch Wooter?“
„Nee, scheunen Dank, mi langt dat ganz normale Wooter ut Berlin.“

Fünf Minuten später standen die Frauen aus Dröbermmoor mit Hut und Mantel vor der Tür. Natürlich viel zu früh; aber das machte rein gar nichts, weil Paula Heinsohn sich ohnehin noch schnell ein Ei pellen wollte, eines ihrer hartgekochten Eier aus dem Bohnenbüdel. Beim Frühstück hatte sie noch 10 Eier, nachdem sie und Enno jeder eines verzehrt hatten. Ein Ei, der „blinde Passagier“ unter den Eiern, war heute Vormittag am Kopf von Henry Krohn zerplatzt. Und nun ihre kleine Abendmahlzeit. Gut, dass sie eines der Eier gegriffen hatte, die der Pastor vor den Security Leuten an seine Stirn geschlagen hatte. Das ließ sich nämlich echt gut pellen -  das Ei.
„Fine, du ook een? Schmeckt noch gau, wenn se ook bi lütten ´n beeten blu-swatt üm dat Geele vun´t Ei sünd.“
„Nee, lass man. Oder, doch!   ´n lütt beeten Hunger hebb ick doch.“
Wenn Paula Heinsohn mitgezählt hätte, hätte sie gewusst, dass sich inzwischen nur noch 7 Eier den Bohnenbeutel mit einer schon etwas glibbrigen Luchsfrikadelle, einer Graubrotstulle mit Leberwurst, der Handtasche, der Familienflasche 4711, einer Rolle Klopapier (man kann ja nie wissen!) und ihren Handschuhen teilen mussten.

Ein Taxi fuhr vor und Kuddel Oellerich schwang sich vom Beifahrersitz.
„Fine, du mit deinen langen Beinen gehst am besten nach vorne und Paula und ich sitzen hinten.“
Der spinnt doch, der Oellerich. Dass sie lange Beine haben soll, hörte Fine Riecken heute zum ersten Mal.
Man hat doch keine langen Beine, wenn die Füße abends beim Fernsehgucken nicht einmal den Teppich berühren.
Otto Suhr aus Bilge und Gerhard Langholz sahen durch die Scheibe der Eingangstür zu, wie die Lichter des Taxis im Berliner Verkehr verschwanden. Eigentlich wären sie auch gerne mitgefahren; aber es hat sie ja niemand gefragt.

Die RBB Party war der erwartete Knaller. Fast der gesamte Messeadel war versammelt. Sogar die Spargelkönigin genas relativ schnell, nachdem ihr von der Landkönigin zugetragen worden war, dass es keinen Nachschub für die ausgegangene Spargelsuppe geben würde. Zusammen mit Nikki Schütt und den beiden Altländer Königinnen hatte sie sich auf den Weg in Halle 27 gemacht. Ludolf Tausendfreund, von dem bisher noch kaum etwas auf dieser Reise bemerkt worden war, hatte eine Wette mit Kalle Seefeld abgeschlossen, wer von den beiden an diesem Abend mit den meisten Königinnen tanzen würde. So viel sei hier schon mal verraten: Kurz vor Mitternacht, die Party näherte sich schon dem Ende, waren beide gleichauf. Weit und breit war keine Majestät zu sehen, die noch nicht bei den beiden Kolbinger Tänzern unterschrieben hatte. Ludolf, der alte Charmeur, musste sich letztlich einem Schiedsgericht gegenüber als Verlierer bekennen, weil er die Brockenhexe, die ja nun wahrlich keine Königin ist, mitgezählt hatte. Und so kam es, dass Kalle Seefeld der Wettkönig des Abends wurde und, nur für ganz kurze Zeit, der wahrscheinlich einzige König in Halle 27 war.

Das Handy der Moorkönigin gibt Signal. Anneliese öffnet die SMS:
„Empfang von die Deutsch – Svensk kamratskab med Angela, Angie ist ein ægte Spaßbrake(bremsen??). Viktoria“
„Viktoria hat mir eine SMS von einem Empfang mit Merkel geschickt. Die ist echt cool. Sie schreibt: Angie ist eine ægte Spaßbremse!“
Die umstehenden Kolbinger lachten und freuten sich für Anneliese, dass sie eine SMS von einer echten Prinzessin, von der Kronprinzessin von Schweden bekommen hatte. Lukas, der neben Anneliese stand, meinte: „Schreib zurück, dass du hier auf einer Fete mit 300 Majestäten aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland bist und dass es hier sehr fröhlich zugeht.“

Die Blütenkönigin aus dem Alten Land hatte ihre Schmuckhaube schon wieder abgesetzt. Durch das lange Tragen der Haube während der Messetage hatte sich ein juckendes Ekzem auf der Kopfhaut gebildet. Sie musste sich wegen des ständigen Juckreizes zwingen, nicht immer mit der Hand über den Kopf zu streichen. Viktorias SMS an die Moorkönigin mit dem Gummistiefel aus Dröbermmoor interessierte sie nur beiläufig. Gut, dass Hergen Hilk nicht mit zur Party gekommen war. Bestimmt wäre er sofort auf sie zugeflogen und hätte darauf bestanden, dass sie umgehend die Haube aufsetzen müsse.
Dabei sah sie ohne diese Haube richtig niedlich aus.
Das meinte auch Kalle Seefeld, der immer auf der Suche nach der Frau fürs Leben war. Wenn es denn die Richtige wäre, würde es auch nichts ausmachen, wenn sie aus dem Alten Land käme. Es gab genügend Beispiele von Kolbingern, die Frauen aus dem Alten Land geheiratet hatten. Die Ehen waren auch nicht glücklicher, als die „reinen“ Kolbinger Ehen. Fast immer aber waren sie von wirtschaftlichem Erfolg gekrönt. Vielleicht war doch etwas dran am Gerede von Geiz und Sparsamkeit der Altländer.
Natalie, Königin der Nacht, die sich inzwischen bei den meisten neuen Bekanntschaften als Sabine oder nur Bine vorstellte, konnte schon über eine Stunde nicht mehr „Party machen“. Ihrem Hündchen Hannibal (vormals Ündschen Annibal) hatte ein gesundheitliches Problem. Fliegender Atem und schneller Puls verbunden mit geringer Standfestigkeit, Grund für große Sorge bei Sabine Klöfkorn. Ludolf Tausendfreund, der Natalies schrittweise Rückverwandlung in Sabine Klöfkorn mit distanzierter Aufmerksamkeit begleitete, hätte seiner Angestellten schnell des Rätsels Lösung geben können. Er hatte nicht nur gesehen, wie das „Ündschen“ eine Sektpfütze vom Fußboden aufgeschleckt hatte sondern auch noch für Nachschub gesorgt, als das Tier den Hallenboden schon fast trocken geleckt hatte. Er war nie ein Freund von Tieren und es bereitete ihm eine heimliche Freude zu beobachten, wie sich der kleine „Annibal“ im Sektrausch aufführte.

Der Spielmannszug aus dem Moor hatte am „Abend der Nationen“ drei Auftritte. Ein kleiner Ausschnitt war auch im Berliner Rundfunk zu hören. Das wusste aber niemand von den Kolbingern in Berlin. Und von den Kolbingern in Kolbingen wusste es erst recht niemand, wer hörte an der Elbe schon Berliner Rundfunk. Eigentlich schade! Nun waren sie schon einmal im Radio und kein Kolbinger nahm es wahr. Nachdem der DJ kurz nach Mitternacht das Ende der Party verkündete, zogen die Kolbinger geschlossen hinter der Musik über das verwaiste Messegelände hin zum Busparkplatz. Immer leiser war das Anneliese Lied in der Halle 27 zu hören bis es endlich ganz verstummte.

Der Auftritt der Kolbinger mit dem Spielmannszug aus Aantenermoor auf der Grünen Messe in Berlin  war Geschichte.

Irgendwie merkte man sofort, dass Kuddel Oellerich aus Kolbingerhafen ein Mann von Welt war. Wie selbstsicher er sich im Taxi aufführte.
„Fahren nach Deutsche Bundestag! Du wissen wo Bundestag ist?“
Der südländisch aussehende junge Fahrer spricht in den Spiegel.
„Was glaubst du denn, wer dich fährt? Ich kenne Berlin wie meine Westentasche, bin hier geboren und aufgewachsen. Wer mit mir fährt muss keine Angst haben, kommt immer ans Ziel.“
„Hm.“
„Bist noch nicht so lange in Deutschland, wie du sprichst. Kommst wohl aus dem Kaukasus oder Moldawien? Hab gestern gerade auch einen Ausländer von Tegel abgeholt, hatte genauso schlecht Deutsch gesprochen, wie du.
Beides Deine Frauen? Sprechen wohl kein Deutsch?“
„Sech mool Kuddel, de hett doch nich alle Tassen in Schapp. Vertell em mool, dat wi von Dröbermmoor sünd.“
„Oh, Ihre Frau hat etwas gesagt. Ich verstehe nur „alle Tassen“. Wahrscheinlich ein Irrtum. Manchmal klingen ausländische Wörter wie Worte aus meiner Heimatsprache. Was hat sie gesagt?“
„Sie sagen, Farrer sollen nix reden, lieber auf Strassen gucken.“
Der Taxifahrer fixiert Paula Heinsohn im Rückspiegel und sprach mehr zu sich:
„Na gut, wenn sie das so will.“
„Sech mool Kuddel, hest du viellicht ook nich alle Tassen in Schapp?“
„Hat sie wieder gesagt, dass ich auf die Strasse gucken soll? Klang so ähnlich. Ich hatte doch gar nichts mehr gesagt.“

Der freundliche Taxifahrer tat Fine Riecken leid und außerdem schämte sie sich für den Auftritt ihrer Landsleute. Wieso spricht Kuddel, als hätte er erst eine Saison bei Suhr Äpfel gepflückt? Der Lebt doch schon sein ganzes Leben in Kolbingerhafen abgesehen von seinen großen Fahrten als Kapitän auf dem Binnenschiff „Martha Oellerich“, das er in seiner aktiven Zeit nach Hamburg und sogar bis in die Krückau nach Elmshorn gesteuert hatte.
„Wissen Sie, meine Freunde sind Kolbinger und sehr fremd in Berlin - müssen Sie wissen.“
„Und Sie? Sie sprechen fast ohne Akzent Deutsch. Woher können Sie so gut Deutsch?“
„Mir geht es wie Ihnen. Ich bin auch in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, in Dröbermmoor bei Stade an der Elbe.“
Auf der Rückbank wurde es ganz still. Paula Heinsohn merkte gar nicht, dass sie Kuddels Hand drückte und Kuddel dachte überhaupt nicht daran, seine Hand aus der von Paula zu befreien.
„Muss ganz schön schwer sein für ihre Freunde im Ausland und so fast ohne Deutschkenntnisse. Da ist es schon gut, wenn Sie dabei sind.“
„Ja, ich bin auch immer ganz glücklich, wenn ich sie begleiten kann. Dann weiß ich wenigstens, dass ich sie auch heil wieder bekomme.“
Paula räusperte sich.
„Fine nu hör oober mool op. Wat schnackst…”
“Hol dien Muul Paula, du büst nur scharneerlich[14].“
„Und was hat sie nun gesagt?“
„Sie hat gefragt, ob Sie wohl gerne ein hartgekochtes Ei aus ihrer Heimat hätten. Das ist ihre Art der Gastfreundschaft. Nehmen Sie es ruhig an, das wird ihr Freude bereiten. Hesst du nich hört, nu mool dalli dalli, her mit dat Ei. Hesst doch mitkregen, wat ick dem Keerl vonne gastfründlichen Utlänners vertellt heb.“
Paula befreit ihre Hand und versenkt sie in den Tiefen ihres Bohnenbüdels. Die 4711 Flasche ist im Weg.
„Kuddel, hol mool de Buddel fast bis ick funn ha, wat ick söök.“
Kuddel kam die Flasche gerade recht. Er litt in den letzten Minuten mehr und mehr darunter, dass er sich aus dem Spiel gebracht hatte. Vertrautem Muster folgend, dass nämlich in aussichtsloser Situation immer schon ein guter Tropfen geholfen hatte, schraubte er Paulas Kölnisch Wasser auf und nahm einen tiefen Schluck.
Es schmeckte schon ein bisschen merkwürdig – tat aber gut!
Paula tippt Fine auf die Schulter und reichte zwei Eier nach vorne.
„Een vun mie un een vun Kuddel. So, un nu kannst mien Buddel trüch geben, Kuddel.“
„Sagen Sie ihr bitte herzlichen Dank. Das ist wirklich sehr nett. Wir sind gleich da.“
„Hesst hört, wat hee secht hett. Swie eenfach nur still Paula. Sech bloot nix mehr bis wie buten sünd.“
Und so kam es. Am Deutschen Bundestag reichte Kuddel Fine dreißig Euro rüber, damit sie das Taxi bezahlen konnte. Schließlich konnte sie ja eindeutig am besten Deutsch von den Dreien. Fine beschloss, dass ihr „Freund“ Kuddel Oellerich aus dem fernen Kolbingen sich heute großzügig zeigen wollte und verzichtete auf die 5,20 € Wechselgeld. Kuddel schluckte das unüblich hohe Trinkgeld ähnlich wie Paulas Erfrischungswasser kurz zuvor und atmete heftig aus. Eine Duftwolke von 4711 verbreitete sich im Taxi. Paula griff instinktiv in ihren Bohnenbüdel, weil sie irrtümlich davon ausging, dass sich der Verschluss ihrer Wunderwaffe gegen Körpergeruch geöffnet hätte.
„Danke schön. Hier ist meine Karte, falls Sie noch einmal ein Taxi in Berlin brauchen. Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Zeit in Deutschland!“

Kurze Zeit später am Taxistand hatte er sein Samsung aus dem ledernen Etui mit dem Aufdruck „Commander“ herausgezogen und „Kolbingen“ gegoogelt. Das Land meinte er schon einmal in den Nachrichten gehört zu haben. Als Geografie Student ließ es ihm keine Ruhe, nicht zu wissen, aus welchem Land seine Fahrgäste stammten. Wikipeda gab ihm nur neue Rätsel auf. Hatte er wirklich richtig gehört? Kolbingen: Strukturschwache, ländliche Region im nördlichen Kreis Stade, Niedersachsen. Während er sein Smartphone wieder im „Commander Etui“ verschwinden ließ, nahm er sich vor, zuhause noch einmal am PC nach Kolbingen oder ähnlich klingenden Orten zu suchen.

Die drei Kolbinger standen vor dem Deutschen Bundestag, der genauso aussah, wie im Fernsehen. Nur etwas größer. Kuddel und Fine waren ganz ergriffen von der durchleuchteten Kuppel während Paula immer noch rätselte, was das mit den Eiern sollte und warum sie nichts mehr sagen durfte.
„Fine, wat weer dat eben in´t Taxi? Worüm weerst du so, so koomisch mit uus?“
„Nu hör oober mool op, Paula. Dat weer doch nur pienlich as wie Kuddel den Taxi Föhrer mit sien Utlänner Dütsch anquasselt hett. Wat hesst du di dorbi bloot dacht, Kuddel?“
„Ick dacht, dat wer´n Utlänner. Hei seh doch ook soon lütt beeten ut as so een von´e Türkei oder Libanon.“
„Und deswegen musst du so dusselig reden, wie sonst nie? Ist euch aufgefallen, dass er uns für Ausländer gehalten hat? Ist euch aufgefallen, dass er trotzdem mit uns in bestem Hochdeutsch geredet hat? Mensch, Mensch, peinlich, peinlich Paula Heinsohn und Kuddel Oellerich.“
„Oober hei hett doch utsehen as´n Utlänner!“
„Hör op, Paula. Nimm di´n Bispeel an em. För em weerst du´ne Utlännerin un har hei di behannelt as soon Dösbaddel ut´n Moor?“
„Ne, hett hei nich. Wo du recht hest, hesst du recht. Denn weer dat doch wohl ganz gaud mit de twee Eiers. Wat rügt dat hier? Is mien Kölsch Wooter doch nich ganz dicht?“

Kuddel hatte für den Abend vier Karten für den letzten Einlass in das Reichstagsgebäude organisiert. Ursprünglich wollte er mit Walter Wolter, Gaby Melzer und Frau Dammann, die mit der Spargelsuppe, los. Da wusste er aber noch nichts vom überraschenden Auftauchen der Kolbinger Delegation vor dem Stader Messestand. Als er Paula Heinsohn zwischen den Kolbingern erkannte, disponierte er blitzschnell um. Dass Fine Riecken nun auch noch dabei war, entsprach nicht gerade seiner Traumbesetzung für diesen Abend. Irgendwie sollte es alles noch nicht so sein, wie Kapitän i.R. Kurt Oellerich sich das gedacht hatte.
Nix geht ohne Sicherheitskontrolle im Deutschen Bundestag.
„Ihre Tasche müssen Sie hier lassen, gnädige Frau.“
Paula war zutiefst beeindruckt. „Gnädige Frau“ hatte der nette Herr im grauen Anzug zu ihr gesagt. Das hatte weder ihr dahingeschiedener Ehemann Hinrich noch Kuddel Oellerich jemals zu ihr gesagt.
„Ja gerne, oober worüm?“
„Wegen des unklaren Inhaltes, verstehen Sie?“
„Ach so.“
Fines Tasche ging so durch. Kein unklarer Inhalt. Paula wollte, dass sie nach ihrer Rückkehr die Taschen auf dem großen Tisch im Speisesaal auskippen, um herauszubekommen, warum ihr Tascheninhalt „unklar“ sei und der von Fine nicht.
Dabei hatte Fine schon große Angst, dass man ihr wieder den Kartoffelschäler für ihre Äpfel abnehmen würde. Als das dann aber nicht geschah, durchzuckte es sie schmerzlich. Sie hatte vergessen, sich das geliebte Messer beim Verlassen des Messegländes wieder an der Sicherheitskontrolle abzuholen.
Es ging mit einem Fahrstuhl hoch bis zur gläsernen Kuppel. Jeder der drei Kolbinger war auf seine Art tief beeindruckt von der Architektur der Glaskuppel.
„Hier müsst ihr einmal runtersehen. Da kann man direkt in den Bundestag sehen, wie die Abgeordneten und die Regierung sich streiten. Guck mal hier Paula!“
Paula und Fine beugen sich über das Geländer. Fine macht gleich wieder drei Schritte zurück, ihr wurde sofort übel beim Blick in die Tiefe. Paula blickte sehr aufmerksam, hatte die Nasenspitze fast schon auf dem Glas.
„Du, Kuddel, ick kann keen von de Regierungsbagaluten sehn und ook keen von de Afgeoordneten. Denk mool, dat de Merkel de all no Bett hinschickt hett. Weer bestimmt weller ´n anstrengenden Dach. Oh, door kümmt een mit´n Huulbessen[15]. Süht uut as de Merkel. Dat glöv ick nu oober nich. De waart doch nich an End, wenn se de ganze Bagaasch rutsmeeten hett, sülbigst mit denn Huulbessen dör´n Bunnestach saugen? Wat meenst du Fine?“
„Hat sie Krücken und so komische Klamotten an as soone Putze?“
„Ne, Krücken kann ick nich sehn oober ehre Kledaasch süht so ut as von Angela.“
„Ne, Paula, hesst doch sehn vondooch, dat se ohne ehre Krücken goor nich loopen kann.“
„Joo, hesst recht. Denn is dat wohl doch eher een von de Staatsputzen.“

Hätte Fine ein Handy gehabt, sie hätte schon längst von Anneliese erfahren, dass Änschie Merkel gar nicht den Bundestag saugen konnte, weil sie sich ja mit Viktoria auf dem Empfang der Tysk – Svensk kamratskab aufhielt und dort als Spaßbremse unabkömmlich war.

Kuddel führte seine beiden Begleiterinnen die spiralförmige Rampe hoch bis in die Spitze der Kuppel. Fine Riecken konnte das nur ertragen, wenn sie ihren Blick weit über das Lichtermeer der Berliner Innenstadt schweifen ließ. Paulas größte Sorge galt der Außenseite der Glaskuppel.
„Nich mool tein Peer würn mie dor buten taun Fensterputzen hinkreegen. Nich mool twinnich Peer un mehr!“
Obwohl beileibe nicht alles schön war für Fine, nahm sie sich fest vor, ihrem Jan am nächsten Abend genau vom Besuch des Deutschen Bundestages zu erzählen.
Eine Glocke mahnte die Besucher den Bundestag zu verlassen. Das Ende der Besuchszeit deutete sich schon durch die Blicke des Aufsichtspersonals auf Ihre Armbanduhren an. Bis zum Erklingen der Glocke wurden die Intervalle zwischen den Blicken immer kürzer.
Die Zeit lief den drei Kehdingern davon. Das Kanzleramt hat Kuddel kurzfristig aus seinem Programm gestrichen. Nicht aber das Brandenburger Tor. Er wollte unbedingt eine Fotografie von sich mit Paula am Arm unter dem Wahrzeichen Berlins.
Am Tor angekommen sollte wieder einmal alles anders kommen. Paula fand Kuddels Idee super und ergänzte seinen Vorschlag noch ein wenig.
„Hier löpt jo´n poor Fotografen rüm, de Fotos för Touristen mookt. Fine un ick nehmt di in´ne Mitt un dann loot wi uus opnehmen vun denn Keerl dor dröben mit denn Knippskassen.“
Kaum ausgesprochen begab sie sich zu einem der Fotografen. Leider konnte sie sich weder auf Platt noch auf Hochdeutsch verständlich machen. Erst etwas später musste sie feststellen, dass sie keinen der Berufsfotografen sondern einen sprachunkundigen Touristen aus einem ihr nicht bekannten Land angesprochen hatte. Im zweiten Versuch hatte es dann aber doch noch geklappt. Fine und Paula strahlen in die Kamera, Kuddel, zwischen den beiden Frauen, strahlte nur auf einem der drei Ausdrucke. Auf den beiden anderen hatte er eher Merkelsche Züge.
An der Nähe der Kanzlerin konnte es eigentlich nicht liegen.

Kuddel gab noch eine Runde Berliner aus. Auf dem Weg zum Taxistand genehmigte er sich dann noch einen Hamburger. Paula verzehrte zwei Frankfurter und Fine, die auch schon lange nichts Warmes in den Bauch bekommen hatte, bevorzugte Krakauer.
Die Rückfahrt zum Jugendgästehaus im Taxi verlief unerwartet ruhig und für Kuddel viel zu schnell. Dort angekommen sprang der Kapitän aus dem Auto, rannte für sein Alter viel zu schnell um das Taxi, um Paula die Tür aufzureißen. Er nahm sie in den Arm, wie er es immer bei den jungen Leuten beobachtet hatte und hätte sie fast nicht losgelassen, hätte Paula nicht bemerkt, dass sie nicht loskam.
„Kuddel, nu loot mi mool, ick will no Bett. Wi föhrt morn freu und ick möt noch´n beeten schloopen. Und du mötst jo ook noch, n poor Matrosenpatente vergeben. Kannst jo mool op, n Tass Kaff bi mi rinkieken, wenn du von Berlin trüch büst. Schloop goot und scheunen Dank ook för den scheunen Oobend.“
„Kannst sagen was du willst“, dachte Paula, „auch, wenn er nicht mehr der Jüngste ist, er riecht fast so gut, wie ich.“
Fine war schon vorgegangen und Paula schon wieder verunsichert, ob sie in 43 oder in Zimmer 34 wohnte. Sie hatte Glück, es war schon beim ersten Versuch das richtige Zimmer. Fine hatte Glück, dass Paula nicht mehr an den Handtaschenvergleich dachte. So blieb es vorerst noch unklar, was bei Paula unter unklarem Inhalt zu verstehen war. Nicht ganz abwegig war die Theorie, dass ein weiteres Mal die letzten Eier aus dem Hühnerstall im fernen Dröbermmoor für Verwirrung beim Sicherheitspersonal gesorgt hatten.
Die beiden Nachbarinnen aus Kolbingen lagen schon in ihren Betten. Paulas Atem kündigte bereits im Ansatz eine lautere Schlafphase an während Fine sich ein wenig Sorgen machte, wo wohl Anneliese abgeblieben sei. Da ging die Tür vorsichtig auf. Anneliese huschte zum Bett ihrer Mutter.
„Mama, schläfst du schon?“
„Nein.“
„Mama, ich gehe noch einmal kurz zu den anderen in den Speisesaal. Enno ist auch da. Geht das klar?“
„Geh mal, Lieschen. Komm aber nicht zu spät.“
Nun konnte sie beruhigt einschlafen. Sie ahnte ja nicht, dass die „anderen“ nur aus Enno bestanden.
Am nächsten Morgen wurde in allen Zimmern gepackt. Fein raus waren jene Kolbinger, die fast nichts für den Harztrip gepackt hatten (Harry Röndigs) oder ihren Koffer gar nicht erst ausgepackt hatten (Edwin Buhrfeindt). An Paulas Koffer wollte erst das eine Klappschloss nicht einrasten. Was hätte sie nun für ein Tröpfchen Salatöl gegeben. Dann aber, ganz unverhofft, schnappte auch das zweite Schloss ein. Eine Bestandsaufnahme ihrer Reiseverpflegung ergab ein ernüchterndes Ergebnis. Von dem Stück Butterkuchen in Küchenrollenpapier trennte sie sich schweren Herzens. Es war so hart geworden, dass auch mit neuem Gebiss nichts zu machen gewesen wäre. Aber es fanden sich noch vier ihrer ursprünglich 16 hartgekochten Eier im Bohnenbüdel. Alle vier trugen deutliche Spuren von Pastor Henry Krohns eindrucksvoller Demo beim Sicherheitscheck am Messeeingang.
Die Frikadellen waren alle weg. Das war auch gut so. Ihre Zeit wäre nun ohnehin abgelaufen und, dass hier in Berlin keine Luchsgefahr bestand, hatten die Kolbinger ja in den vergangenen zwei Tagen  mit eigenen Erfahrungen bestätigt bekommen.
In der Großstadt lauerten andere Gefahren! Für Berlin durfte der Bär nicht unerwähnt bleiben!

Heino Buhrfeindt und Dieter Schmarje hatten ja unbedingt noch etwas in der letzten Nacht erleben wollen. Sie fragten Lukas nach der Rückkehr von der RBB Party, was man denn noch tun könne. Sie hätten lieber das Internet statt Lukas fragen sollen.
Lukas berichtete den beiden beiden von einer Mutprobe am Eingang zum Zoo, wo immer am dritten Samstag im Monat sich mutige Berliner und Touristen einen zahmen Bären auf den Rücken binden lassen können. Dieser Brauch, im vergangenen Jahr vom Berliner Tourismusverband ins Leben gerufen, erfreue sich inzwischen sehr großer Beliebtheit. Besonders nett seien die Erinnerungsfotos, die die jungen Kerle mit dem aufgebundenen Wappentier der Berliner zeigen.
Das hörte sich gut an. Die zwei jungen Männer aus Aantenermoor machten sich gegen Mitternacht auf den Weg zum Zoo, um sich einen Bären aufbinden zu lassen. Vorsichtshalber steckte sich noch jeder von ihnen ein Zwölferpack „Kleiner Feigling“ in die Tasche. Mit zunehmender Nähe zum Zoo wuchs auch ein bisschen Unbehagen vor der eigenen Courage.  Unbehagen, das sich erfolgreich mit dem einen oder anderen „Kleinen Feigling“ bekämpfen ließ.
Vor dem Haupteingang zum Zoo war nicht eine Menschenseele. Nur gut, dass die beiden das Taxi noch nicht weggeschickt hatten. Sie fragten den Fahrer, der etwas verunsichert mit starkem Akzent aus seiner marokkanischen Heimat meinte:
„Gehört habe ich schon, vielleicht Nebbeneingang?“
Sie fuhren durch einige Nebenstraßen zum hinteren Eingang des Zoos. Als auch dort niemand war, baten sie den Fahrer, sie wieder zurückzufahren. Zu gerne hätten sie noch Lukas angerufen; dafür war es jetzt aber definitiv zu spät.
Ein paar Feiglinge später verließen sie das Taxi an ihrer Herberge. Wie es der Zufall wollte, begegnete Lukas ihnen auf dem Flur, der noch bis eben mit seinem Bilger Team die erfolgreiche Reise zur „Grünen Woche“ mit einigen Flaschen Berliner Kindl nachbesprochen hatte. Er strahlte die beiden Feiglingfreunde in höchster Fluchtbereitschaft an und fragte für die späte Stunde auf dem Gang zu den Schlafräumen etwas zu laut:
„Na, haben sie euch einen Bären aufgebunden?“
„Nö, da war keiner mehr.“
„Schade, ich war mir ziemlich sicher, dass ihr zurückkommen und mir erzählen würdet, euch hätte jemand einen Bären aufgebunden. Gute Nacht!“
Dass man ihnen doch einen Bären aufgebunden hatte sollten die beiden Einfaltspinsel erst auf der Rückfahrt zwischen Horneburg und Stade begreifen, als sie ihren Mitreisenden vom nächtlichen Misserfolg am Zoo berichteten und die sofort bemerkt hatten, dass ihre beiden Kameraden gelinde gesagt tierisch verar… worden waren. Letztendlich stimmten die beiden in das Gelächter der Umgebung ein. Lukas versprachen sie bei der Ankunft mit Grinsen im Gesicht, dass er eines Tages mit einer Revanche rechnen müsste.
Dann machten sie sich auf den Heimweg. Nicht immer gradlinig aber fröhlich.
Das Autofarbenroulette hatte für die Rückfahrt die Traumfarbe „Schwarz“ ergeben. Das hatte zum  Ergebnis, dass bereits weit vor dem Autobahndreieck Wittstock sämtliche „Küstennebel“ und „Kleine Feiglinge“ geleert waren. Und das wiederum hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass sie auf der RBB Party mit fast allen Majestäten, derer sie habhaft werden konnten, Brüderschaft getrunken hatten. Nur dem Umstand, dass sie die Rast an der Raststätte Stolpe Nord verschlafen hatten, war es zu verdanken, dass kein Nachschub an Bord gekommen war und sie so einigermaßen ausgenüchtert den heimatlichen Boden von Aantenwördenermoor betreten konnten.

Die Abfahrt verlief planmäßig. Nur an der Sitzordnung in den Bussen hatte sich durch die zwei gemeinsamen Tage einiges geändert. Natürlich saß Harry Röndigs von Anfang an neben der Königin der Nacht, neben seiner Sabine. Hannibal, das tierische Erbstück von Oma Klöfkorn hatte inzwischen seinen RBB Party Rausch ausgeschlafen und freute sich, die ganze Reise über auf Sabines Schoß sitzen zu dürfen. Die ersten Male als Hannibal mit Hannibal und nicht Annibal angesprochen wurde, sah er das verschwommene Bild von Oma Klöfkorn, seinem ersten Frauchen vor seinen Augen vorüberschweben.
Gerd Langholz saß neben Beate von Lindern, die ihm pausenlos von dem dänischen Interview erzählte und, dass demnächst auch das dänische Volk von ihren Kampf um den Wachtelkönig wisse. Sie ahnte nicht, dass sie komplett aus dem Beitrag herausgeschnitten worden war und sie ahnte auch nicht, dass Gerd Langholz sich weder für den Wachtelkönig noch das Fernsehinterview interessierte. Ihn interessierte mehr Beate als Mensch und da besonders wieder als Frau. Diese Frau ist durch ihre erfolgreiche Mission für den Wachtelkönig förmlich aufgeblüht.
„Man müsse ihr nur noch das andauernde Gerede vom Wachtelkönig abgewöhnen“, meinte Langholz in Gedanken.
„Und was haben Sie gestern noch erlebt, Herr Langholz? Auf der RBB Party hatte ich sie nicht gesehen.“
„Ich habe Stätten meiner Jugend besucht, bin ´mal zur FU gefahren. Hat sich aber viel verändert. Da hatte ich einmal eine Begegnung mit Rudi Dutschke, Sie wissen doch, diesem Studentenführer der 68er. Wir hatten damals einen sehr interessanten Gedankenaustausch. Hat mich geprägt fürs Leben.“
Dass der Gedankenaustausch auf der Toilette der FU stattgefunden und nur wenige zwei Minuten gedauert hatte, verschwieg der ehemalige Revolutionär. Das war aber auch egal, es interessierte Beate von Lindern ohnehin nicht. Wäre er seinerzeit statt Rudi Dutschke dort auf dem Klo einem Wachtelkönig begegnet, wäre die Lage schon erheblich interessanter gewesen. Klugerweise versuchte Langholz nicht mit dem Wachtelkönig auf dem Klo zu punkten. Selbst Beate von Lindern, nett aber etwas einfach strukturiert, hätte wahrscheinlich sofort erhebliche Zweifel an Langholz Beobachtung angemeldet.
Anneliese lehnte an Enno und war nach der kurzen Nacht schon gleich nach Abfahrt des Busses eingeschlafen.
Kalle hatte regen SMS Verkehr mit der Altländer Blütenkönigin, die sich durchaus vorstellen konnte, den netten Jungen aus Bilge mit der Rechts- Linksschwäche einmal zu heiraten. Allerdings könne sie sich auch wegen ihrer Eltern nur eine lebenslange Verbindung vorstellen, wenn Kalle bereit wäre, seinen Lebensmittelpunkt in das Alte Land zu verlegen. Kalle simste zurück, dass dieser Gedanke für ihn bislang unvorstellbar war. Nun aber, nachdem er sie ohne Haube gesehen hatte, könne er sich das Alte Land als neue Heimat durchaus vorstellen. Nur HSV Fan müsse er bleiben dürfen. Dagegen hatte Blütenkönigin Silke Quast nichts einzuwenden. Allerdings erwarte sie eine gütliche Einigung mit ihrem Vater über die Nutzung des Flaggenmastes.
„Du musst nämlich wissen, dass Papa Bayern Fan ist!“
„Ach du Scheiße!“

Das war Kalle so rausgerutscht und mehrere Köpfe um ihn herum gingen hoch, einige wollten wissen, was denn passiert sei.

Stolpe Nord (Raststätte) ereigneten sich zwei bemerkenswerte Dinge. Pastor Henry Krohn hatte sieben Mitglieder des Moorer Spielmannszuges gewinnen können, mit ihm einen instrumentalen Choral einzustudieren. Kaum, dass der Bus stand, versammelte der Pastor die interessierten Musiker auf einem freien LKW Parkplatz neben dem Bus. Nach 15 Minuten hatten sie es drauf und es klang gar nicht ´mal schlecht: Posaune, Trompeten, mehrere Flöten, zwei Trommeln und der Schellenbaum. Ein Ü-Wagen des NDR, der zufällig auf dem Rückweg von der Grünen Messe nach Hamburg war, stoppte neben den Musikern. Einer der Redakteure hatte den Pastor wieder erkannt, der gestern auf der Messe die Andacht durchgeführt hatte. Natürlich waren die Kolbinger Musikanten sofort bereit, ihr Werk noch einmal vor laufender Kamera vorzutragen. So kam es, dass der Landessuperintendent aus Hannover später am Sonntagabend seinen Pastor Krohn aus Bilge zum zweiten Male in zwei Tagen  in „Hallo Niedersachsen“, auf seinem Lieblingssender zu sehen bekam.

Das zweite große Raststätten Ereignis hatte mit Paula Heinsohn zu tun. Sie musste ´mal wieder, wollte aber nicht mit Fine zusammen gehen. Irgendwie wollte sie es sich und Fine beweisen, dass sie ganz selbständig mit dem Automaten zurechtkommt. Es fühlte sich auch gut an als die 70 Cent im Schlitz der Maschine verschwunden waren, das Sanifair Ticket heraus surrte und das Drehkreuz zum Passieren frei gegeben wurde. Paula blickte noch einmal zurück, ob die Person, die hinter ihr in der Schlange stand, die Aufgabe ähnlich souverän löste, wie sie selber. Dann suchte sie sich eine freie Klozelle und ward längere Zeit nicht mehr gesehen. Sie verpasste nicht nur die Uraufführung der Kolbinger Musiker. Um Haaresbreite hätte sie auch noch die Abfahrt des Busses verpasst, wäre Fine Riecken nicht aufgefallen, dass der Platz ihrer Nachbarin nicht besetzt war. Eine Blitzumfrage im Bus ergab, dass Paula Heinsohn zuletzt im Toilettenkeller der Raststätte gesehen wurde. Fine machte sich erneut auf zur Toilette. Sie war schon bis zum Drehkreuz und Paula war immer noch nicht zu sehen. Fine setzte noch einmal 70 Cent ein und hastete in den Vorraum der Damentoilette. Einige Männer und Frauen blickten neugierig und mitleidig hinter ihr her. Wer kannte das Gefühl nicht, wenn nichts mehr geht?

„Paula, Paula, büst du hier?“
Wasser rauscht. Aus gleicher Richtung Paulas Stimme.
„Jo, Fine, du glövst gor nich, wat ick hier beleeven do.“
Fine befürchtete schon das Schlimmste, als sich die Kabinentür öffnete und Paula sich voll angezogen auf die Klobrille niedersetzte, wieder aufstand, die Spülung betätigte und ganz aufgeregt auf die Klobrille zeigte.
„Nu kiek di dat mool an, Fine. Ick heb dat nu bald all fofftein Mool utprobeert. De brukt hier gor keen Klofru op eern Padermang. Sowie dat Woter löpt, fangt de Klosettbrill an un dreiht sick eenmool üm sick sülbst. Und kiek mool hier, hier is soon Böß binnen und de kricht jümmer ´n lütt beeten Woter, weet nich woher. Nu kiek di dat bloot an. Se is all weller eenmool rüm. Willst du ook mool probeern. Geiht mit dien Oors bestimmt as goot as mit min.“
„Paula, ick kenn de Technik, heb dat all mool´n anner Mool sehn. De Bus föhrt ohne uus, wenn wi nu nich düchtich op Gas pedt.“
Widerstrebend trennte sich Paula von diesem Wunderwerk der Technik.
„Wat mookt se denn bloot mit all de Klofraun und Klomänner, wenn sick dat dörsetten deit?“
„Is doch schietegool, wi möt no den Bus hen, de loot uus annerwies hier op de Raststätte stohn.“

Es fragte niemand, warum Paula erst so spät zum Bus kam. Alle waren froh, dass die Heimreise fortgesetzt werden konnte.

Je näher Hamburg oder Kolbingen heran rückte desto lebhafter wurde von den Handys Gebrauch gemacht. Aufgrund mangelnder Geografiekenntnisse der meisten Kolbinger variierten die angekündigten Ankunftszeiten von 14 Uhr bis 18 Uhr. Die größte Überraschung dürften wohl Samantha Meyers Eltern und ihr Freund Steffen erleben. Die Zaunkönigin fragte alle 10 Minuten, wo sie gerade seien und wann sie wohl ankommen würden. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für ihre genervte Umgebung im Bus. Als Samantha vielleicht zum zwanzigsten Mal fragte, wo sie gerade seien, rutschte Paul von Thun raus:
„Sind gerade an Leipzig vorbei!“
Heini Holtkamp setzte noch einen oben drauf.
„Wenn wir ohne Stau durchkommen, sind wir vielleicht heute Abend kurz nach sechs in Aantenwörden.“
Die drei Busse mit den Kolbingern rauschten gerade im Abstand von nur zwei bis drei Minuten an der Autobahnabfahrt Witzhave keine 15 Kilometer vom Autobahnkreuz Hamburg Ost an der A1 vorbei.
Samantha war zwar grottenschlecht in Geografie, dafür aber umso besser „in Handy“. Kaum jemand konnte so gut und blind einhändig simsen, wie sie. Das hat sie noch auf der Oberschule Nordkolbingen gelernt, nachdem dort das strikte Handyverbot während der Schulzeit eingeführt worden war und sie ihr Handy während des Unterrichts unter dem Tisch bedienen musste.
Während sie den Standort und die voraussichtliche Ankunftszeit mit der rechten Hand in ihr Handy eingab, konnte sich ihre linke Hand um die Hand von Michel Minners kümmern, die sich immer wieder auf ihr Knie verirrte. Es ist nicht ganz klar erwiesen, ob er das Knie der Zaunkönigin suchte, um sie zu fühlen, oder ob er das angenehme Gefühl provozieren wollte, das ihn durchfuhr, wenn Samantha seine Hand anfasste und sie zurück auf seine Knie legte. Denkbar auch, dass es ihm völlig egal war. Hauptsache Samantha fühlen!

Gerhard Langholz hat sich selbst aus der Unterhaltung mit der Wachtelkönigin herauskatapultiert als er kurz hinter der Raststätte Stolpe eine große Menge Kraniche entdeckte und Beate von Lindern mit den Worten darauf hinwies:
„Sehen Sie nur dort, da sind sie, die Kraniche des Ibykus.“
„Ich werd´ verrückt. Das sind ja mehrere hundert Tiere. Das wird Ubbo interessieren.“
Beate von Lindern legte sich über den Schulmeister, um mit der Kamera möglichst nahe an die Scheibe zu kommen. Während Langholz noch überlegte, wie er das Gefühl, das die Wachtelkönigin bei ihm auslöste, bewerten sollte, entstand eine Serie von acht Fotos. Sieben von ihnen zeigten verschwommene Bäume, die den Autobahnrand säumten. Das achte Foto wies nur leichte Unschärfen auf. In den weiten eines abgeernteten Maisfeldes konnte man einige graue Punkte erkennen: Kraniche! Langholz musste sie sich ganz lange auf dem kleinen Display der Canon anschauen und mehrfach bestätigen, dass es sich bei den grauen Punkten wirklich um Kraniche handelte. Die Wachtelkönigin nahm das aufregende Naturerlebnis aus dem fahrenden Bus zum Anlass, von ihrer Exkursion ins Eriksheiler Moor zu berichten. Ihr war es im vergangenen Sommer gelungen, das erste Kranichbrutpaar in Nordkolbingen nachzuweisen. Fast hätte sie die Entdeckung mit dem Leben bezahlt. Vor lauter Aufregung hatte sie eines der mit dünner Torfmoosschicht überwachsenen Wasserlöcher, die noch vom Torfabbau in der schlechten Zeit stammten, übersehen, und war in der braunen Brühe versunken. Eine junge Birke am Grubenrand, die sie reflexartig mit einer Hand umfasste, hatte ihr wahrscheinlich das Leben gerettet. Vielleicht war es aber doch eher der Ökobauer und Naturfreund Gero Remmers, der einen Hof in direkter Nachbarschaft des Moores bewirtschaftete und von seiner Wiese aus zufällig beobachtet hatte, dass sich ein Kranich hinter den Birken im Moor niederließ. Die Freude, dass Kraniche sich möglicherweise in dem durch seine Initiative wiedervernässten Moor ansiedeln, hatte ihn neugierig gemacht. Einige hundert Meter vor der Stelle, an der er den Kranich vermutete, hörte er nicht die ihm bekannten Trompetenrufe der Kraniche sondern das verzweifelte Geschimpfe von Beate von Lindern.
„An dem Tag lief natürlich gar nichts mehr in Sachen Kraniche. Musste mich erstmal bei Remmers auf dem Hof sauber machen und bekam von ihm einen alten Arbeits Blaumann. Damit bin ich dann bis zu meinem Auto und dann nach Hause unter die Dusche…“
In Hamburg Billstedt hatte es dann für Gerhard Langholz ein natürliches Ende mit den Kranichen: Sein Kopf war gegen die Scheibe gerutscht und er war eingeschlafen. Das bemerkte die Hobbyornithologin aber erst in Hamburg Harburg. Sie verstummte schlagartig und grübelte fortan, an welchem Punkt ihrer Geschichte er sich wohl in den Schlaf verabschiedet hatte. Das war aus dem Grunde von großer Bedeutung, weil sie ihm ja nach dem Erwachen die verpassten Passagen ihrer Kranichstory noch einmal erzählen wollte. Sie hatte in Langholz so einen geduldigen und verständnisvollen Zuhörer gefunden, der es einfach verdient hatte, die ganze Geschichte zu hören. Auch die Teile, die ihm durch den Schlaf entgangen waren.

Es war schon auf dem Obstmarschenweg, irgendwo zwischen Bützfleth und Drochtersen, als die Mehrzahl der Moorer Busgesellschaft die Gegend wiedererkannt hatte und abwechselnd die Kolbinger Hymne und den Anneliese Hit sangen. Anneliese machte zu ihrer großen Freude noch eine ganz andere Entdeckung: Der Gummistiefel an ihrem Fuß begann zu wackeln. Das konnte doch nur bedeuten, dass die Schwellung ihres Fußes zurückgegangen war. Und richtig! Der königliche Fuß ließ sich fast schmerzfrei und ohne Probleme aus Jan Rieckens Gummistiefel ziehen. Auf einer Socke mit dem Stiefel in der Hand arbeitete sich die Moorkönigin über den Mittelgang durch die fröhlichen Sänger zu ihrer Mutter und ihrer Tante Paula (die ja in Wirklichkeit nicht ihre Tante war).
„Seht ´mal, ich kann wieder ganz gut auftreten und die Schwellung ist auch fast ganz weg.“
„Das ist ja schön, meine Kleine, hast du denn den anderen Schuh mit?“
„Ja, aber der ist unten im Koffer. Entweder ich lauf auf Strümpfen oder pack den Koffer nachher aus. Das Beste ist aber wohl, wenn ich die paar hundert Meter bis nach Hause noch einmal mit Papas Stiefel laufe.“
„Jo“, schaltet Paula sich ein, „und denn kannst denn ollen Steebel endlich wechsmieten!“
Nun zeigte sich aber, dass Anneliese außer dem Stiefel noch mehr von Vater Jan abbekommen hatte.
„Nee, nee, der Stiefel kommt wieder in den Schuppen. Wer weiß, vielleicht wird er ja doch noch einmal gebraucht.“
„Ach so.“
Hätte Jan Riecken seine Tochter eben gehört, er hätte seine helle Freude an dem Kind gehabt.

Da sich die Busbesetzung auf der Rückreise doch zum Teil sehr von der der Hinfahrt unterschied, hatte das Bilger Organisationsteam mit den Busfahrern abgesprochen, dass erst von allen drei Bussen der Penny Parkplatz in Kolbingerhafen angesteurt werden sollte. Von dort sollten die Busse dann in der Besetzung der Hinfahrt die einzelnen Gemeinden Nordkolbingens abfahren, um die Berlinfahrer wohnortnah auszuladen. Viele ReiseteilnehmerInnen hatten ihre Ankunft per Handy angekündigt und ließen sich bereits aus Kolbingerhafen abholen. Das war auch gut so, hielt sich so doch das Durcheinander von Menschen und Gepäck beim Umpacken in Grenzen.

Es spielten sich zum Teil sehr anrührende und ergreifende Trennungs Szenen ab. Heino Buhrfeind und Dieter Schmarje verabschiedeten aufwendig, bedankten sich bei den Bilger Jugendlichen für die schöne Harzreise und zogen mit ihren Rollenkoffern und dem vom Leergut klirrenden Einkaufstrolly los. Zum großen Erstaunen ihrer Freunde nicht zu irgendeinem Auto oder nach Kolbingerhafen, sondern einmal quer über den Penny Parkplatz zum Altglascontainer. Nur, wer zufällig hinter dem Container gestanden hätte, hätte Dieter Schmarjes Dialog mit den vielen kleinen, von ihm und Heino persönlich geleerten Fläschchen hören können. Jede Hand voll kleiner Fläschchen bekam ein nettes Wort mit auf den Weg in die Wiederverwertung.
„Adieu meine kleinen Feiglinge, kommt bald wieder.“ Oder: „Hinein mit euch, Küstennebel und Feiglinge, werdet eins da drinnen, wie euer Inhalt einst in unseren Bäuchen.“
Ein zu Boden gefallenes Fläschchen hob er auf und sprach vor dem Einwurf in den Glasbehälter  liebevoll zu ihm:
„Auch du, mein Kleiner, musst nun auf die große Reise gehen. Mögest du bald den Weg zu Heino und Dieter nach Aantenwördenermoor zurückfinden. Gute Reise!“
Klirr!

Dabei ging es den beiden nach ihrer Schlafpause im Bus doch eigentlich schon wieder ganz gut. Als sie sich auf den Rückweg begaben, standen die Busse immer noch dort, wo die beiden sie verlassen hatten. Die letzten Rauchwölkchen verteilten sich in der frischen Kolbinger Luft.
„Fährt vielleicht ein Bus nach Aantenwördenermoor?“
Heino Buhrfeindt fragte einen der vor dem Bus verbliebenen Raucher gerade so, als seien sie in einer wildfremden Stadt und würden sich mit dem lokalen ÖPNV nicht auskennen. Schorsch Beckmann schob die beiden in genau den Bus, den sie erst wenige Minuten zuvor verlassen hatten.
Gerhard Langholz, inzwischen schon wieder seit einiger Zeit wach, machte sich tiefe Gedanken über seine beiden ehemaligen Schüler.
Sind sie Trunkenbolde, Dummköpfe oder begnadete Schauspieler?
Eine Antwort gab es nicht. Eben so wenig, wie für die Wachtelkönigin, die Langholz nach seinem Erwachen in Hamburg Harburg fragte, ob er nun wohl den Rest ihrer Kranichgeschichte aus dem Eriksheiler Moor hören wolle und er einfach nichts sagte. Er starrte nur stumm in die Landschaft als würde er mit offenen Augen weiter schlafen.
Keine gute Basis auf der sich ein glückliches, außereheliches Verhältnis aufbauen lässt!

 Sabine Klöfkorn und Hannibal trennten sich schweren Herzens in Kolbingerhafen von Harry nicht ohne sich vorher noch für den gleichen Abend zum Telefonieren zu verabreden. Ludolf Tausendfreund, der das Gespräch ebenso wie den Austausch der Abschiedszärtlichkeiten mitbekam, machte einen Fehler, den er später noch tausend Mal bereuen sollte.
„Heute Abend wird nicht telefoniert, heute Abend muss Natalie arbeiten!“
„Natalie arbeitet heute nicht!“
„Warum nicht?“
„Weil Natalie jetzt Sabine ist!“
„Dann arbeitet Sabine heute Abend!“
„Sabine arbeitet auch nicht!“
„Warum nicht?“
„Weil Sabine und Natalie jetzt gerade kündigen, mein Freund mit der Tausend davor. Harry, mein Schatz, gibst Hannibal und mir Asyl?“
Noch während er seiner Freundin ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe, Vermögensverhältnisse, Staatszugehörigkeit (sie war schließlich eine Scheinfranzösin mit Wurzeln im benachbarten Schleswig-Holstein!) unbefristetes Asyl im elterlichen Haus in Aantenwördenermoor gewährte, spürte er, dass sich seine Beziehung zu Ludolf Tausendfreund von vorheriger Bedeutungslosigkeit gerade in offene Feindschaft zu verwandeln begann. Diese Asylpraxis unterschied sich wohltuend von der Niedersachsens und der Bundesrepublik Deutschland, war aber auch nicht ganz ohne Probleme. Schließlich hatte Harry nichts mit Mutter Röndigs und Bruder Dennis abgesprochen.

Auch Paula Heinsohn nahm Abschied von „ihrer schönsten Reise“, die sie je gemacht hatte. Es war ihre bislang einzige Reise mit Übernachtung und, würden Fine und Anneliese noch einmal mitkommen, sie würde ja zu gerne noch einmal in den Harz, ins Gebirge fahren. Nun, nur wenige Minuten vor Dröbermmoor, hieß es Abschied nehmen. Abschied vom letzten der 16 vermeintlich  hartgekochten Eier. Es war ihr bei der Suche nach ihrem Schlüsselbund im Bohnenbüdel in die Hand gekommen. Das Ei wies deutliche Spuren von Henry Krohns Stirn auf und das schloss eine Panne wie mit dem ungekochten Ei am Sicherheitscheck zur Messe mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aus. Kurz vor Aantenwördenermoor war das Ei gepellt und während die Moorer ihr Gepäck und ihre Instrumente aus dem Gepäckraum räumten, arbeiteten sich Paulas Kunstzähne begleitet von wohligen Grunzlauten durchs Eigelb, das eigentlich schon seit Ankunft in Berlin Wedding diese Bezeichnung wegen seiner Schwarz- und Blaufärbung nicht mehr rechtmäßig hätte führen dürfen.
„Willst du ook mool afbieten, Fine? Süht nich mehr so gau uut; oober schmecken doot dat jümmer noch ganz goot.“
Fine wollte nicht. Sie war von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen. Wie ist Jan wohl die Tage zurechtgekommen?
 Groß war die Freude, als Fine ihren Jan mit der Gummikarre an Dürkes Tankstelle stehen sah. Die Unruhe verschwand aus heiterem Himmel, wie sie gekommen war. Gerda Schloboom hatte die Ankunftzeit per Handy von ihrem Sohn Peer mitgeteilt bekommen und sie an Jan weitergegeben, als der gerade mit einem Kanister Benzin für die Kettensäge mit dem Rad von Dürkes Tanke kommend  zurückfuhr. Anneliese fand gerade noch Zeit, sich mit einem flüchtigen Kuss von Enno zu verabschieden.
„Wenn die Mofa anspringt komm ich eben noch rüber.“
„Und wenn sie nicht anspringt?“
„Komm ich auch!“
„Ich liebe dich und wenn Viktoria mich nach Schweden einlädt, nehme ich dich mit“, flüsterte die Moorkönigin ihrem Prinzen ins Ohr.
Und dann war die Reise „in den Harz“ für die Mitreisenden aus Dröbermmoor zuende.

In Nordkolbingen gab es diesen und die folgenden Tage viel zu erzählen. Viele Geschichten von der Berlinreise ähnelten sich. Andere, vom gleichen Ereignis erzählend, wichen derart voneinander ab, dass unbefangene Zuhörer von völlig unterschiedlichen Begebenheiten ausgehen mussten. Einige Geschichten, die es durchaus wert gewesen wären, erzählt zu werden, blieben unerzählt.
 „Und“, meinte Paula Heinsohn an ihr nächtliches Kloerlebnis denkend, „das ist auch völlig in Ordnung so.“

In der Küche der Rieckens wechselten Fine und Anneliese sich mit den Berichten ihrer Reise ab. Jan, der nach seinem Fernseherlebnis mit den Bildern von Anneliese zwischen  der Kanzlerin und Kronprinzessin immer noch gewisse Zweifel hatte, ob er wirklich alles richtig verstanden hatte, konnte seinen beiden Frauen kaum folgen. Noch nie zuvor wurde in diesem Raum so häufig in Folge „Mann o Mann“ oder „Mannomann!“ ausgesprochen.

Paula hatte niemanden zum Erzählen. Sie ging, wie sie von der Reise zurückgekommen war, durch den Stall und stellte zu ihrer Zufriedenheit fest, dass Jan anscheinend alles am Laufen gehalten hatte. Die beiden Ziegen kamen zum Boxenrand, als sie Paula bemerkten und ließen sich kraulen.
„Schlecht weer dat nich, in  Berlin. Nu bin ick oober ook froh weller hier tau Huus in Dröbermmoor tau ween.“ Die Jitten ruckten zufällig mit ihren Köpfen und Paula fasste das als zustimmendes Kopfnicken auf.

Im Friedeberger Hof saßen Paul von Thun, Krischan Eggerkamp und Heini Holthusen. Sie kamen direkt vom Bus und hatten Ihre Reistaschen zu ihren Füßen vor dem Tresen abgestellt. Ihre Topgeschichte für die Stammkunden der Wirtschaft war die Schilderung ihrer Begegnung mit der Kanzlerin und Kronprinzessin Viktoria. Je länger sie am Tresen weilten, desto variantenreicher wurde die Begegnung. In den Folgetagen kursierten die wunderlichsten Geschichten durch Kolbingen. Dass Paul von Thun mit Angela Merkel Brüderschaft getrunken hat, und Krischan Eggerkamp die Kronprinzessin gefragt haben soll, ob sie noch zu haben sei, waren nur einige der Geschichten. Nach zwei Tagen haben die Ohrenzeugenberichte aus dem Friedeberger Hof noch einmal eine Eigendynamik entwickelt und gipfelten in einem Anruf des Friedeberger Schützenpräsidenten bei Paul von Thun mit der Anfrage, ob er wisse, welches Kolbinger Schützenfest die Kanzlerin denn im Sommer besuchen wolle. Dazu konnte Paul auch nichts sagen.
„Tut mir leid, Willem. Hab ich gar nix von mitbekommen. Muss ich wohl gerade mit Viktoria gesprochen haben.“
„Zu ärgerlich“, dachte Präsident Willem von der Geest, „wäre ich doch bloß mit in den Harz gefahren.“
Berlin war bei ihm noch nicht so richtig angekommen.

Mutter Geerdts begrüßte ihre Jungen gegen alle sonstigen Gepflogenheiten mit den Worten:
„Na endlich, das wurde aber auch mal Zeit. Drei Mal hat die Zeitung nun schon bei mir angerufen. Sie (völlig offen, ob Suse Hellerich oder „die Zeitung“) will noch morgen über die Berlinreise der Kolbinger „Maschesteeten“ berichten. Ihr müsst da sofort anrufen!“
Lukas und Jonas winkten etwas müde ab.
„Nu lass uns erst einmal ankommen, Tach sagen und ´n Happen Essen. Und dann können wir telefonieren.“
„Mein ja nur, weil das doch die Zeitung war.“
Ein wenig Enttäuschung darüber, dass die Jungen „der Zeitung“ nicht die gleiche Bedeutung beimaßen, wie sie, klang da schon durch. Es war doch immerhin die Stader Zeitung.

In Bilge wurde noch einer der Reisegesellschaft ähnlich empfangen, wie die Geerdts Zwillinge. Nach den ersten Fragen nach Wohlbefinden und wie es denn gewesen sei kam Pastor Krohns Frau Rebecca zur Sache.
„Ich weiß nicht, ist da bei euch unterwegs irgendetwas passiert? Der Superintendent hat angerufen und klang etwas aufgeregt. Er bat darum, dass du gleich nach deiner Rückkehr bei ihm anrufen solltest.“
„Bei ihm privat? Es ist Sonntag, da erreiche ich ihn gar nicht im Büro.“
„Ja, privat. Hat er ausdrücklich drum gebeten. Henry, hast du irgendwelchen Ärger?“
„Nicht, dass ich wüsste. Unangenehme Dinge erledige ich am liebsten gleich. Magst du vielleicht schon einmal eine Kanne Tee aufgießen? Ich gehe kurz telefonieren.“
Der Superintendent war gleich am Apparat.
„Schön, dass Sie mich gleich anrufen. Ich hörte davon, dass Sie verreist waren. Der Landessuperintendent hat mit mir telefoniert, gestern Abend. Ich wusste gar nicht, was er wollte. Wissen Sie Kollege Krohn, bei uns ist Samstag immer fernsehfreier Abend und deshalb konnte ich ja auch gar nichts wissen. Er beglückwünschte mich, einen Kollegen, wie Sie zu haben und berichtete mir von einem kofessionsübergreifenden Gottesdienst, den Sie spontan auf dem Messegelände der Grünen Woche abgehalten haben sollen. Was ist da denn eigentlich dran? Sie waren gestern in Berlin?“
„Ja, ich reiste mit einer Delegation Kolbinger Bürgerinnen und Bürger zur Grünen Woche. Es wurde der Wunsch an mich herangetragen, dort eine Andacht abzuhalten. Ich wollte erst nicht. Sie wissen ja, wie empfindlich Kollegen sein können, wenn jemand im Bereich ihrer Kirchengemeinde tätig wird. Letztlich habe ich mich aber dem Druck einiger meiner Bilger Gemeindmitglieder gebeugt und habe die Andacht gehalten.“
„Der LS erzählte mir, Sie seien im vollen Ornat zu sehen gewesen. Den Talar haben Sie dabei gehabt?“
„Ja, es ist einer von den neuen, die man ganz klein falten und im Rucksack mitnehmen kann. Und das Gute an dem Stoff ist, dass er keine Falten hinterlässt, wenn man ihn aus der Verpackung nimmt. Ich habe es mir angewöhnt, immer das Notwendigste dabei zu haben, wenn ich auf Reisen bin. Hat sich ja gerade wieder gezeigt, wie sinnvoll es war, dass ich auch bei einer ganz spontanen Amtshandlung das passende Outfit dabei hatte.“
„Outfit? Ach, Sie meinen den Talar. Versteh, versteh. Worum ich Sie bitten wollte, der LS bat mich, Sie für die CEBIT in Hannover zu engagieren. Er ist dort am dritten Messetag zu einem Rundgang geladen und würde sich freuen, wenn Sie dort ebenfalls einen Spontangottesdienst arrangieren würden. Na ja, dachte ich, wenn jemand aus meinem Kirchenkreis vom LS nach Hannover eingeladen wird, könnte ich ja vielleicht auch mitkommen. Ob Sie wohl den LS darum bitten könnten, dass ich Sie begleiten darf? Außerdem kann ich mich dann gleich über das neue Kindelangebot mit der digitalisierten Lutherbibel und digitalem Gesangbuch informieren.“
Dass ihn eigentlich die neueste Tabletgeneration viel mehr interessierte und er sich ein Model aussuchen wollte, das er sich von seiner Frau zum Geburtstag wünschte, hat er nicht gesagt. Er hat auch nicht gesagt, dass es sich immer ganz gut für die Karriere macht, wenn man vor dem Chef mit fähigen Mitarbeitern glänzen kann.
Henry Krohn war sehr zufrieden mit sich. Sein Instinkt hatte ihm geraten, sich an der Reise zu beteiligen ohne, dass er die geringste Ahnung haben konnte, dass er bei der Arbeit gefilmt und dann auch noch über das Regionalfernsehen in ganz Norddeutschland gesendet würde. Der Landessuperintendent wollte ihn, den kleinen Dorfpfarrer von Bilge, für eine Andacht auf der CEBIT in Hannover. Da war es ein Leichtes für ihn, seinem Chef aus Stade eine Einladung zum Mitkommen auszusprechen.

Hier soll die Geschichte über den Messebesuch der Nordkolbinger in Berlin nun beendet werden.

Sollte sie jemals weiter geschrieben werden, würde sie mit einem ausführlichen Zeitungsbericht über die Nordkolbinger Reise nach Berlin fortgesetzt werden, aufgemacht mit einem Foto (von Enno mit dem Handy gemacht), das Anneliese, die Moorkönigin von Dröbermmoor, zwischen Angela Merkel und Kronprinzessin Viktoria aus Schweden zeigt. Alle drei mit Handicaps: Merkel und die Prinzessin mit Schiverletzungen und Krücken, Anneliese mit dem Gummistiefel ihres Vaters Jan Riecken am Fuß, weil kein anderes Schuhwerk über die Schwellung ihres rechten Fußes passen wollte. Der Gummistiefel von Jan Riecken wird zum Symbol für das Erwachen der Region aus dem Dornröschenschlaf und findet mit einem ausführlichen Erläuterungstext Platz in einer beleuchteten Vitrine im Foyer des Nordkolbinger Rathauses. Dank an dieser Stelle für das Engagement des Samtgemeindebeamten Holger Breitinger in dieser Angelegenheit.
Es würde über Natalie, die Königin der Nacht erzählt werden, die als Sabine Klöfkorn im „Happy Midnight“ kündigte und sich langsam an ein Leben mit Harrys Familie unter einem Dach gewöhnen musste. Zeitgleich mit ihrer Schwangerschaft sah Hannibal Vaterfreuden entgegen. Schon bald nach dem Umzug nach Aantenermoor hatten Sabine und Harry ihm eine kleine Hündin aus erlesenem Zwinger als Gefährtin gekauft.
Oma Klöfkorn macht 2 Wochen Urlaub vom Altenheim in Aantenwördenermoor. Ihr gefällt der junge Mann, mit dem ihre Enkelin zusammengezogen war, und ihr gefällt das Essen, das Mutter Röndigs täglich kochte.

Man würde von einer Reise lesen können, die mit 5 Bussen in den Harz ging. Viele der von der Berlinreise bekannten Personen waren wieder dabei. Paula Heinsohn sollte endlich das „Gebirge“ kennenlernen und feststellen, dass für Angst vor Luchsen absolut keine Veranlassung bestand. Henry Krohn organisierte auf der Raststätte Allertal eine deutsch – skandinavische Andacht, weil der Reisetag mitten in den skandinavischen Schiferien lag und zu der Zeit auf den Raststätten mehr nordeuropäische als deutsche Stimmen zu hören waren. Damit kam er nicht ins Fernsehen aber in die Printmedien. Die evangelisch lutherische Kirche Dänemarks lud ihn als Ehrengast zum alle zwei Jahre stattfindenden Kirchentag in Roskilde ein. Außerdem konnte Henry Krohn endlich seinen Amtsbruder und Freund Dirk Olschewski in Bad Harzburg besuchen.

Paula Heinsohn wird sich schweren Herzens von ihren „Jitten“ trennen, die ein liebevolles Zuhause gar nicht weit entfernt auf dem Ökohof von Gero Remmers finden sollten. Über regelmäßige Treffen zum Kaffeetrinken am Sonntagnachmittag bahnt sich ganz allmählich eine etwas festere Beziehung zu Kuddel Oellerich, dem Kapitän i.R. aus Kolbingerhafen an.

Alle Quartiere Kolbingens, des benachbarten Hadelns und sogar in Stade sind bereits im März nach dem eindrucksvollen Messeauftritt der Kolbinger in Berlin ausgebucht. Das Alte Land profitiert von den Unterkunftsengpässen. Es wird zu lesen sein, dass Investoren den Bau von drei Hotels in Friedeberg, Kolbingerhafen und auf Krautsand  planen und die Planung dann auch umsetzen. Man wird davon lesen können, dass alternativ ökologisch ausgerichtete Umweltverbände das Nacktbaden in den Kolbinger „Kuhlen“ (Gewässer, die durch frühere Deichbrüche entstanden sind) als Geheimtip verbreiten. Die schlagartige Zunahme der Nacktbader in der folgenden Saison drohte zeitweilig zu einer Spaltung der Kolbinger Bevölkerung in Gegner und Befürworter des Nacktbadens zu führen. Erst die Verleihung des Innovationspreises Tourismus des Niedersächsischen Landtages an Gaby Melzer und Helge Ehlers im 2.Sommer nach dem denkwürdigen Berlinauftritt der Kolbinger rettet die Einheit im Kolbinger Land.  Die Fahrradtour zu den 18 Nordkolbinger „Königshäusern“ entwickelt sich zum Hit. Nordkolbingen erklärt sich zu der deutschen Region mit der höchsten Hochadelsdichte. Die Wahl von 18 ständigen Königinnen wird als Ziel in den Statuten des Tourismusvereines festgeschrieben. Die jährliche Proklamation der Majestäten soll sich zu einem touristischen Event auswachsen, das Menschen aus der ganzen Republik an die Elbe zieht.

Man wird von einem Pilotprojekt des Landkreises Stade lesen können, das direkt auf ein Konzept von Ubbo Hartwich und Beate Lindern zurückzuführen ist. Im Kolbinger Außendeichsgebiet steht eine Gigantische Windmühle in deren direkter Nachbarschaft ein Lehrpfad über das Leben des Wachtelkönigs informiert. Weit über die Grenzen des Landkreises hinaus sorgt die Tatsache, dass der Wachtelkönig sich gerade die Fläche unter der Mühle als Lebensraum gesucht hat, die andere Tiere meiden, für großes Interesse bei Ornithologen und Umweltschutzverbänden. Internationale Exkursionsgruppen reisen inzwischen in Kolbingen an, um sich vor Ort über dieses Phänomen zu informieren. Ubbo Hartwich hält seinen Standardvortrag über den Wachtelkönig inzwischen bis zu siebenmal im Monat.

Es wird von steigenden Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen berichtet. Die Fahrrinnen vom Elbfahrwasser nach Friedeberg und Kolbingerhafen sollen mit Mitteln aus dem Tourismus ausgebaggert werden. Die Marschmilchbetriebe (MMB) und die Moormilchbetriebe (MMB) werden unter Federführung von Carl Christian Wüst und dessen Schwager Nobbi Suhrbier eine sehr elitäre Produktionsgenossenschaft in Zusammenarbeit mit der kleinen Hasenhuter Molkerei bilden. Delikatessläden und Gourmetabteilungen großer Kaufhäuser können kaum die Nachfrage nach Kolbinger Milchprodukten befriedigen.

Nichts wird der interessierte Leser (und die interessierte Leserin, Anmerkung von Veronika Eggermann) über einen Besuch der Kanzlerin in Kolbingen erfahren, weil sie diesen entlegenen Teil der Republik - dessen zukünftige wirtschaftliche Bedeutung maßlos unterschätzend - nie besucht hat. Mehr wird man jedoch über die unkonventionelle Kronprinzessin Viktoria erfahren, die eines Tages auf dem Rückweg von einem Tulpenfest in den Niederlanden einen spontanen Stop in Dröbermmoor einlegte und mit ihrem Übernachtungswunsch bei den Rieckens für größte Aufregung sorgt. Sie wird am folgenden Tag mit dem Vorvertrag über den Kauf zweier Hannoveraner aus Kolbinger Zucht ihre Reise nach Schweden fortsetzen.  Zuvor hat sie sich noch durch das soziokulturelle Zentrum im Friedeberger Spieker führen lassen und eine Vereinbarung mit der Geschäftsführung über die jährliche Entsendung hochkarätiger, schwedischer Kulturschaffender in den Spieker getroffen.

Es wird von Lukas zu lesen sein, der beim Autohaus Kurt Möller in Kolbingerhafen Autos verkaufen wird, von seinem Freund Kalle, der tatsächlich seine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker im Alten Land macht und ganz nah bei der Blütenkönigin Silke Quast ein Zimmer nimmt.
Viola, Kohl Hiesels Tochter und amtierende Kohlkönigin, macht ein ganz passables Abitur tritt in Hamburg ein Studium an, das sich „Eventmanagement und Tourismus“ nennt.

Ja, das alles und noch Vieles mehr würde man lesen können, wenn diese Geschichte wirklich einmal fortgesetzt würde.

Und was sagt Paula Heinsohn aus Dröbermmoor dazu?
„Ach so!“


[1] „Stuten“ kommt aus dem Plattdeutschen und meint „Rosinenbrot“. Bei Hinnerk Holtkamp gibt es zwei Sorten. Wenn man „den  guten“ verlangt, hat er außer Rosinen auch noch einige andere leckere Zutaten zusätzlich.
[2] Aus dem Niederdeutschen: Toilette
[3] Im Norden gebräuchlich für Toilette
[4] Zumindest ein Zusammentreffen auf der Herrentoilette in der FU im Jahre 1968 zwischen Rudi Dutschke und Gerhard Langholz ist durch eine Textpassage in Dutschkes Brandtschrift „Willy Brandt, vom aufrichtigen Sozialisten zum Sofarevolutionär“. Dort heißt es auf Seite 27ff „Neben mir stand der Pädagogikstudent Gerhart Langholz, den ich zwei Mal auffordern musste, nicht immer beim Pinkeln zu mir herüber zu schauen. Ich sagte ihm: Genosse, wenn du beim Pinkeln nicht nach vorne schaust, kommst du vom Kurs ab. Schaffst du es hier nicht, den Kurs zu halten, wird es dir auch nicht mit deinen politischen Überzeugungen gelingen. Denke darüber nach. Wir reden drüber, wenn wir uns wieder einmal treffen.“  Er schaute zu mir rüber, pinkelte neben das Urinal und sagte : „Danke Genosse Rudi, für die weise Belehrung.“ Bis dahin hatte er noch kein bisschen Lernzugewinn. Mit Typen, wie diesen, kann man keine Revolution  machen, sie taugen höchstens für eine Landlehrerstelle.“
[5] In Norddeutschland gebräuchlich für Adolf, ein Name, der zwar noch gelegentlich vorkommt, aber nur ungern gesprochen wird.
[6] Schlagsahne
[7] Veronika Eggermann hätte an dieser Stelle sehr wahrscheinlich den Einwurf gehabt: „Und Seniorinnen, was ist mit denen, dürfen die nicht zur Andacht?“
[8] Erneuter Verweis auf Frau Klara Hitler, geb. Pölzl, die sich nicht ausreichend  genug Zeit mit ihrem Schwächeanfall abgegeben hatte. Hätte nämlich der kleine Adolf damals an jenem denkwürdigen Maitag 1889 nicht überlebt, hätten Millionen Menschen ihre Heimat behalten und die Moorer Sprache hätte sich in weit größerem Umfang in ihrer Urform erhalten.
[9] Hat nichts mit dem gleichnamigen Gebäck aus Hinnerk Holtkamps Backstube zu tun. Hier geht es um eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung der Pferdezüchter, bei der sie sich für den Erfolg ihrer weiblichen Pferde (Stuten) auszeichnen lassen.
[10] Jitten sind Ziegen
[11] taub
[12] stumm
[13] Ein einjähriges Pferd
[14] peinlich
[15] Staubsauger