Dienstag, 29. Januar 2019

Freitag der 13.


Freitag, der 13., was das wohl bringt?
Abergläubisch? Ich?
Nein, abergläubisch bin ich nun wirklich nicht.
Aber so ganz frei vom Aberglauben bin ich doch nicht. Naht einmal wieder ein Freitag, der ausgerechnet auf einen 13. Des Monats fällt, mache ich mir schon Gedanken, was wohl kommen mag. Im nächsten Moment wische ich aber schon wieder alle Katastrophengedanken fort.
Bin ja nicht abergläubisch.

Wir machten gerade Urlaub auf Sardinien.  Für Freitag, den 13. April, hatten wir eine Wanderung um eine tiefe Schlucht mit Wasserfall geplant. Die Anfahrt von unserem Quartier aus dauerte über eine Stunde über Serpentinenstraßen und durch enge Dörfer. Bereits kurz hinter Fluminimaggiore  querte eine schwarze Katze von links nach rechts die Straße. Wie war das noch mit der schwarzen Katze? Von links nach rechts?
Vielleicht auch umgekehrt? 
Oder war die Laufrichtung völlig egal?
Heute war jedenfalls Freitag, der 13.!
Ist ja auch egal, bin ja ohnehin nicht abergläubisch.
Es erfüllte uns mit etwas Stolz, dass wir den gut 6 Kilometer langen unbefestigten Forstweg fanden, an dessen Ende der Parkplatz, Ausgangs- und Endpunkt unserer mehrstündigen Tour, lag.
Und das, obwohl heute Freitag der 13. war!
Merkwürdig, dass ich schon wieder an dieses spezielle Datum dachte, mit dem ich im Unterbewusstsein doch irgendwie Unheil verband, obwohl ich nun wirklich nicht abergläubisch bin.
Durchgeschüttelt von hunderten wassergefüllter Schlaglöcher erreichten wir das Ziel. Was nun kam war reinste Routine: Wanderschuhe an die Füße, Tagesproviant, ausreichend Wasser, warme Jacke, und Regenschutz mussten in unseren Rucksäcken Platz finden.
Mit guter Stimmung und dem Wanderführer in der Hand brachen wir auf. Schon nach wenigen hundert Metern sollten wir links von einem hohen Olivenbaum in einem Steineichenwald eine unbegehbare Fußgängerbrücke über den Fluss suchen. Gleich unterhalb der Brücke sollte es laut Beschreibung eine Furt geben, in der man meist trockenen Fußes über Trittsteine das andere Ufer erreichen könne.
Wir fanden Olivenbäume und noch mehr Steineichen nur die unpassierbare Brücke nicht. Nach ca. 15 Minuten war uns klar, wir hatten den Abzweig von unserem Weg verpasst. Nach unserer Wegbeschreibung befanden wir uns jetzt auf dem letzten Kilometer des Rückweges, allerdings in entgegengesetzter Richtung.
Freitag, der 13.!
Quatsch, meine Dusseligkeit konnte ich wirklich nicht diesem Freitag anlasten.
Umdrehen? Warum? Wir entschieden uns, die Rundwanderung entgegengesetzt der Wegbeschreibung zu machen.
Es folgte der steile Aufstieg und ganz unerwartet öffnete sich die dichte Machia. Nur noch wenige Schritte vorbei an einer Wegmarkierung und wir wurden für alle Aufstiegsanstrengungen mit einer fantastische Aussicht auf einen  Wasserfall belohnt, der über eine Felskante viele, viele  Meter in die Tiefe der Schlucht stürzte.



Alles, wie im Wanderführer beschrieben und eine ideale Stelle fürs Mittagspicknick.
Der dann folgende Abstieg gelang ohne Probleme zumal wir immer unser Zwischenziel, einen Gebirgsbach zu Füßen des Berges, vor Augen hatten und uns gelegentliche Farbmarkierungen oder Steinmännchen am Wegesrand bestätigten, dass wir uns auf dem richtigen Pfad befanden.
Mehrmals kreuzten wir auf Trittsteinen den Bach in der Talsohle und fanden auch die Stelle, an der unser Weg nach links rund um das Bergmassiv zurück zum Ausgangspunkt unserer Wanderung abzweigte.
Und das alles, obwohl heute Freitag der 13. war und wir entgegen der beschriebenen Wanderroute gingen.
Nach einer guten Stunde bemerkten wir, dass schon lange keine Wegzeichen zu sehen waren. Wir liefen auf kiesigen Forstwegen.
Es wurde Zeit für einen Blick auf unsere gute Wanderkarte.
„Ulla, gibst du mir mal die Karte bitte.“
„Welche Karte?“
„Die große Karte von diesem Gebiet.“
„Die musst du haben.“
Ich hatte sie aber nicht!
Freitag der 13. April!
Ah was! Es musste auch so gehen. Auf meinen guten Orientierungssinn in freier Natur konnte ich mich schon immer gut verlassen.
An Weggabelungen verließ ich mich auf die kleine Skizze im Wanderführer, den Stand der Sonne und irgendwelche Gipfel, hinter denen ich unser Auto vermutete.
Erschüttert wurde mein Selbstvertrauen, als wir plötzlich auf eine Asphaltstraße stießen, die es nach meinem Gefühl hier überhaupt nicht hätte geben dürfen. Es war später Nachmittag.
Umkehren?
Bei all den verschiedenen und doch so ähnlich aussehenden Kieswegen durch die waldige Bergwildnis schien es eher unwahrscheinlich, dass wir irgendwann auf den Weg gelangen würden, von dem wir den falschen Abzweig genommen hatten.
Wir einigten uns, dem Asphaltband zu folgen. Es war eine Entscheidung basierend auf Logik – unserer Logik, nach der Asphaltstraßen nur dort sind, wo es auch Nutzer gibt. Also mussten irgendwo an dieser Straße weiter talwärts Dörfer liegen, von denen wir uns dann mit einem Taxi zu unserem Auto bringen lassen könnten.
Nach ein oder zwei Kilometern erblickten wir weiter unten im Tal ein Anwesen mit mehreren Gebäuden, alle gedeckt mit den ortsüblichen rotbraungebrannten Tonpfannen. Als wir die eingezäunte Gebäudeansammlung erreichten, verschwand die Sonne gerade hinter den etwas niedrigeren Bergen in westlicher Richtung.
Was für eine Enttäuschung, als wir feststellen mussten, dass es sich um eine Ferienappartementanlage zu handeln schien, die anscheinend nur im Sommer bewohnt wurde. Das Tor zur Anlage war verschlossen, kein Zeichen von Leben. Kein Hund, der bellt, kein Hahn, der kräht, kein Rauch aus dem Schornstein, kein Auto vor den Häusern und keine Wäsche an der Leine.
Hier gab es kein Leben, das war nun mal so sicher, wie das Amen in der Kirche!
Wir verharrten in Ratlosigkeit vor dem Gittertor. Die Füße und Waden schmerzten bereits, wir hatten ihnen schon viel mehr zugemutet, als geplant.
Wir mussten weiter und zwar weiter abwärts an den Fuß des Gebirges, dorthin, wo die kleinen Dörfer und Städtchen lagen, durch die wir auf dem Hinweg gefahren waren.
Wir liefen also weiter. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen und, führte die Straße unter Bäumen längs, bekam man schon eine leichte Ahnung von der Dämmerung. Die Knie begannen zu schmerzen. Der ständige Schub beim Abwärtsgehen auf der harten Asphaltstraße verleidete einem das sonst so angenehme Gefühl, wenn man nach längerer Steigung wieder bergab laufen darf.
Wie konnte mir das nur passieren?
Was sollten wir machen, wenn uns die Dunkelheit umgibt, die Kräfte aufgebraucht sind und immer noch keine Siedlung in Sicht ist. Draußen übernachten? In kurzen Hosen und Regenjacken über dem Pullover? Irgendwo eng aneinander gekuschelt hinter dem Stamm einer dicken Stein- oder Korkeiche?
Oder vielleicht zurückgehen und in die Ferienanlage einbrechen?
Hätte ich doch wenigstens Streichhölzer, wir hätten uns ein Feuer machen können. Brennholz gab es überall im Überfluss.
Wir setzten uns schweigend auf ein Steinmäuerchen am Straßenrand und gönnten unseren geschundenen Gliedern eine kleine Rast. Ein Jeder in Gedanken versunken, und, was entdeckten wir später?  Unsere Gedanken ähnelten sich sehr.
Gleichzeitig kam Leben in unsere Mienen. Es näherte sich ein Motorengeräusch von oben. Es war keine Täuschung, wir sahen einen Pickup die Serpentinen der Straße herabfahren, auf der wir uns gerade befanden.
Ich stoppte den Wagen, indem ich in der Mitte der Straße einfach keinen Durchlass bot.
Widerwillig ließ der Fahrer seine Fensterscheibe herab. Sehr schnell hatten wir dann geklärt, dass er perfekt sardisch sprach, wir gut deutsch konnten, er über deutlich mehr Französischkenntnisse verfügte, als wir. Wir boten ihm Konversation auf Englisch an und er antwortete mit einem entwaffnenden Lächeln auf Italienisch, dass er kein Englisch könne. Soviel konnte ich gerade noch verstehen. Ansonsten beschränkt sich mein Italienisch mehr auf Pizzeria - Italienisch, also nicht viel mehr, als der Fahrer – unser Fahrer, auf Englisch konnte.
Dass er unser Fahrer sein würde wusste er zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz zu mir noch nicht. Ich war nämlich von Anfang an fest entschlossen, dieses Auto nicht talwärts fahren zu lassen, ohne, dass wir drinnen sitzen.
Ich zeigte ihm auf der kleinen Skizze den Parkplatz, auf dem wir unser Auto zurückgelassen hatten. Er schüttelte immer nur den Kopf und murmelte etwas in seiner für uns unverständlichen Sprache. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass wir ein Taxi bräuchten, um dort hinzukommen. Er lachte kurz auf und schüttelte leicht und für uns viel zu lange den Kopf. Dann Griff er zur Seite und macht Platz auf der Bank neben sich.
Er hatte ganz schön lange gebraucht, um zu kapieren, dass er vielleicht das Taxi sein sollte.
Egal! Nun saßen wir im Auto.

Das Auto bewegte sich nunmehr schon mit eingeschalteten Scheinwerfern talwärts. Wir redeten nicht mehr miteinander. Warum auch? Niemand hätte den anderen verstanden.
Plötzlich und unerwartet war sie dann da, die Zivilisation. Domusnova, der Ortsname auf dem Schild am Ortseingang sagte mir nichts. Es war ein kleiner Ort und nach wenigen hundert Metern hielt unser Wohltäter vor einer Bar. Er begleitete uns bis an Tresen und gab an den Barkeeper all das wenige Wissen weiter, das er über uns hatte. Als er ging, bot ich ihm einen Fahrerlohn. Fast beleidigt lehnte er ab.
Der Barkeeper konnte Englisch und sogar ein wenig Deutsch. Als wir ihm zeigten, wo unser Auto stand, schüttelte auch er ungläubig den Kopf. Unserem Wunsch nach einem Taxi  kam er freundlich nach. Nach einigen Telefonaten war alles klar. Die Fahrt würde 70€ kosten und das Taxi würde in einer halben Stunde da sein.
Tatsächlich übergab uns Marco, der Barkeeper an Alfredo, der kein Taxifahrer war. Der freundliche Alfredo sprach Englisch, hatte kein Taxi und auf dem Beifahrersitz saß noch „a friend“.
Was einem nicht alles egal ist, wenn man nur noch den einen Wunsch hat, nämlich schnellstmöglich im Quartier zu sein, vielleicht ein Glas Rotwein und dann nur noch zu schlafen.
Auch Alfredo wollte nicht ganz glauben, wo unser Auto stand. Die überraschend große Entfernung versuchte er mit hohem Tempo auszugleichen. Weil ich Angst hatte, dass er über die letzten Kilometer durch Dreck und Pfützen verärgert sein könnte, erhöhte ich den Fahrpreis auf 80 € und erklärte es ihm mit dem vermuteten Reinigungsaufwand.
Er lachte und meinte, dass das nicht nötig sei. Er wies mit der Hand auf seinen „friend“ und sagte dass er zum Autosäubern  schließlich ja ihn da habe.
Ohne ein Zeichen des Ärgers steuerte er den SUV mit hohem Tempo durch Schlaglöcher und Pfützen. Und dann, ganz plötzlich stand da unser Mietwagen im Scheinwerferlicht. Eine gute Stunde hatten wir von der Bar hierher gebraucht. Wir stiegen aus und ich wollte Alfredo entlohnen.
Von wegen, dass noch in jedem Sarden ein kleiner Bandit stecken würde. Alfredo schüttelte den Kopf. Geld wollte er nicht. Ich könne ihm ja einen Kaffee ausgeben, wenn wir uns mal wieder treffen. Mit einem fröhlichen „Ciao“ verabschiedete er sich und es dauerte nicht lange bis die Rücklichter im Steineichenwald verschwanden.

Kurz vor Mitternacht saßen wir dann auf der Terrasse unserer Herberge hoch am Hang, 6 Kilometer vom Meer entfernt. Weit draußen irgendwo leuchtet ein Licht von einem vorbeifahrenden Schiff. Der Rotwein schmeckte an diesem Tag irgendwie besser als sonst.
„Weißt du eigentlich, dass heute Freitag der 13. ist?“ hörte ich aus dem Dunkel von der anderen Tischseite.
„Ja und?“
„Na ja, wenn man bedenkt, was uns heute passiert ist. So gesehen ist doch etwas dran, am Aberglauben mit dem 13. und Freitag.“
„Kann man auch anders sehen. Obwohl wir heute Freitag den 13. hatten, mussten wir nicht im Freien übernachten und wir haben jemanden getroffen, der uns mit zur Bar genommen hat. Von dort hat uns Alfredo zu unserem Auto gefahren und, obwohl dieser Freitag heute war, hat Alfredo kein Geld haben wollen.“
„Hm, kann man auch so sehen.“

Nachtrag:
Zwei Tage später führte uns unser Weg an der Bar in Domusnova vorbei. Wir überlegten lange, ob wir uns nicht mit einer Gabe für die freundliche Hilfe bedanken sollten. Wir taten es dann aber doch nicht, weil wir unsere Helfer nicht in irgendwelche Konflikte mit ihrem Ehrgefühl bringen wollten. Stattdessen habe ich zurück in Deutschland einen Brief an Marco in der Bar geschrieben (in 3 Sprachen dank Google Übersetzer!). In dem Brief lagen 40 € und ich hatte geschrieben, dass Alfredo kein Geld für die Fahrt haben wollte.

Caro Marco, questa lettera proviene da Ulla e Jörg Petersen. Se ci vedi nella foto, ci riconoscerai. Ad aprile ci siamo persi tra le montagne dietro a Domusnova. Avevamo bisogno di un taxi per la nostra macchina, che si trovava in un parcheggio a ovest di Vilacidro a un'ora da Domusnova. Tu e i tuoi colleghi abbiamo preso un taxi. Era un tuo amico e non era un taxi ma la sua auto privata. Ci ha portato alla nostra macchina. Non voleva soldi per il suo servizio. Ha detto che una volta avremmo potuto prendere un caffè per lui, se ci incontrassimo di nuovo un giorno. È improbabile. Abbiamo trascorso delle belle giornate sulla tua splendida isola Sardegna e siamo tornati a casa vicino ad Amburgo.
Nella lettera troverai 40 euro. Si prega di depositare i soldi nel bar Ogni volta che il tuo amico e aiutante arriva al bar, per favore dagli da bere finché i soldi non sono esauriti.Se lui vuole pagare, allora dici: I tedeschi lo hanno già fatto hai portato alla loro macchina.
Grazie ancora per il tuo gentile aiuto. Parliamo della disponibilità dei sardi ovunque e i nostri amici sono felici della nostra disponibilità.
Cordiali saluti dal nord - Germania.
Ulla e Jorg Petersen


Lieber  Marco, dieser Brief kommt von Ulla und Jörg Petersen. Wenn du uns auf dem Foto siehst, wirst du uns wohl wiedererkennen. Wir hatten uns im April in den Bergen hinter Domusnova verlaufen. Wir brauchten ein Taxi zu unserem Auto, das auf einem Parkplatz westlich von Vilacidro eine Stunde von Domusnova entfernt stand. Du und deine Kollegen besorgten uns ein Taxi. Es war ein Freund von dir und es war kein Taxi sondern sein privates Auto. Er brachte uns zu unserem Auto. Er wollte kein Geld für seinen Dienst. Er meinte dass wir ja einmal einen Kaffee für ihn bezahlen könnten, wenn wir uns irgendwann einmal wiedertreffen würden.Das ist aber unwahrscheinlich. Wir hatten noch schöne Tage auf eurer wunderschönen Insel Sardinien und sind nun wieder zu Hause in der Nähe von Hamburg.
Im Brief findest du 40 Euro. Bitte deponiere das Geld in der Bar. Immer wenn dein Freund und unser Helfer in die Bar kommt, gibst du ihm bitte ein Getränk, bis das Geld verbraucht ist.Wenn er bezahlen will, dann sagst du: Das haben die Deutschen schon gemacht, die du zu deren Auto gebracht hast.
Danke noch einmal für eure nette Hilfe. Wir erzählen überall von der Hilfsbereitschaft der Sarden und unsere Freunde freuen sich mit uns über so viel Hilfsbereitschaft.
Herzliche Grüße aus dem Norden - Deutschland.
Ulla und Jörg Petersen

Ein bisschen hatte ich gehofft, dass sich aus diesem Brief eine neue Geschichte ergeben würde. Die Hoffnung ist nicht eingetroffen. Immerhin bleibt noch die Hoffnung, für ein wenig Freude bei Marco und/oder Alfredo gesorgt zu haben. Vielleicht haben diese 40 € auch ein wenig dazu beigetragen, das Bild der Deutschen bei unseren südlichen Nachbarn etwas freundlicher aussehen zu lassen. Selbst wenn es das nur war, sind die 40 € gut angelegt.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Eine schöne Geschichte



Henning sieht mir über die Schulter, um zu erkennen, womit ich mich beschäftige.

 
                                               




„Ist ja cool. Hast du das Bild gemacht?“
„Ja.“
„Wie geht das denn? Ist der Baum da durchgewachsen? Gibt es ´ne Geschichte zu dem Bild?“
„Ja. Natürlich gibt es eine Geschichte dazu und ich versuche sie gerade aufzuschreiben. Fällt mir nicht so leicht. War ja 2006 als ich das Foto machte. Ich beschäftige mich gerade mit meinem Reisetagebuch und den Fotos von damals.“
„Ja, und der Stuhl? Wie geht denn so´was?“
„Hast du ein paar Minuten? Ich müsste schon ein wenig ausholen, damit ich dir die Geschichte im Groben skizzieren kann.“

Henning liebt Geschichten, auch meine.
Meistens jedenfalls.
Manchmal hasst er sie auch, immer dann nämlich, wenn ihm Zweifel am Wahrheitsgehalt kommen. Das wiederum reizt mich, gerade ihm Geschichten zu erzählen, die von Ereignissen handeln, die so oder so ähnlich geschehen sind, jedoch so phantastisch klingen, dass sie ebenso in das Reich der Märchen passen würden.

„Du lässt mich aber bitte erzählen, auch wenn es dir schwerfällt? Nicht unterbrechen, bitte, ich muss mich nämlich ganz schön konzentrieren. Ist ja schon einige Zeit her.“
„Ja klar, kennst mich doch!“
„Ja, ja, deshalb ja meine Bitte. Also 2006 waren wir mit dem Fahrrad für einige Tage im Lahema Nationalpark ca. 80 km nordöstlich von Tallin. Wir hatte Quartier im Parkhotel auf dem wunderschön restaurierten Gutshof Palmse mitten im Nationalpark. Bis das Gut mit der Unabhängigkeit Estlands 1918 enteignet wurde, gehörte es der baltischen Adelsfamilie von der Pahlen. Glaube ich jedenfalls. Auf unserem ersten Rundgang durch die gepflegte Hofanlage mit Herrenhaus, landwirtschaftlichen Wirtschaftsgebäuden, Orangerie und Park begegneten wir einem netten Herrn. Kann sein, dass er 75 war oder auch schon 10 Jahre älter. Wir kamen ins Gespräch, auf Deutsch. Herman Kaljurand, vielleicht auch Kaljuwand, so stellte er sich uns vor. Sein Deutsch erinnerte mich an Elisabeth Lissautzky, einer Baltendeutschen, die in den 60er Jahren eine Zeit in meinem Elternhaus zur Miete wohnte.
Auf die Frage, woher er so gut Deutsch könne, gab er zur Antwort, dass er zu einem Viertel oder vielleicht auch zur Hälfte deutscher Abstammung sei. Mutter und Großmutter hätten viel auf Deutsch mit ihm gesprochen. Nach 1944 dann nur noch, wenn sie alleine - unter sich sozusagen – waren. Und dann wurden sie Sowjetbürger mit estnischer Nationalität. Deutsch habe er erst wieder in der Öffentlichkeit angefangen zu sprechen, als Estland 1991 zum zweiten Mal unabhängig wurde und die ersten deutschen Touristen sich nach Palmse verirrten.
Heute würde er sich gerne ein bisschen zur bescheidenen Rente hinzuverdienen als Fremdenführer in Palmse.  Es gäbe ja schließlich niemanden sonst noch, der hier geboren wurde und so gut über das Gut und seine Geschichte Bescheid wisse.
Herman Kaljurand machte einen so netten Eindruck und wir taten, was er sich von der ersten Minute unserer Begegnung erhofft hatte: Wir engagierten ihn!  Und bereuten die 10 Euro, die ich ihm zu geben beschlossen hatte, nicht einen Moment. Selten habe ich eine derart unterhaltsame und informative Führung erlebt.“
„Und der Stuhl? Was…“
„Du wolltest mich doch nicht unterbrechen. Zum Stuhl kommen wir noch.
Ja eigentlich kann ich gleich vom Stuhl erzählen.
Am Ende der Führung durch den Gutskomplex schaute Herman, so sollten wir ihn inzwischen nennen, auf die Uhr und meinte, dass noch Zeit für einen kleinen Abendspaziergang durch den Park sei. Das kam uns gelegen, und während Herman noch von der Fischwirtschaft früherer Jahrhunderte in den zahlreichen Teichen rund ums Herrenhaus sprach, entdeckte ich diesen Stuhl etwas abseits des Weges. Während ich noch dachte, dass ein Stuhl hier im Park vom Gebüsch leicht verdeckt etwas ungewöhnlich sei, erfasste ich, dass dort, wo einst einmal eine Sitzfläche eingezogen war, ein Baum gewachsen war. Herman bemerkte, dass ich abgelenkt war, sah den Stuhl und führte uns dorthin. Tatsächlich war ein Baum mit beträchtlichem Umfang durch den Stuhl hindurchgewachsen. Während ich noch grübelte, was hier geschehen sein könnte, begann Herman Kaljuward die Geschichte von dem Stuhl zu erzählen. Ich versuche sie wiederzugeben.“

„Ich, ich ganz persönlich habe diesen Stuhl im Sommer 1944 hier abgestellt. Die Rote Armee hat Palmse kampflos besetzt, nachdem die Deutschen sich fluchtartig in Richtung Reval oder Tallin  zurückgezogen hatten. Bevor es zu sinnloser Zerstörung und Plünderung durch die Rotarmisten kommen konnte machte Oberst Jewgenni Kimowitsch Gasparow das Herrenhaus zu seinem vorübergehenden Hauptquartier. Was für ein Segen für mich und die Menschen, die hier lebten. Dieser Oberst war ein guter Mann. Er ließ den Leuten das wenige Vieh, das sie besaßen und sorgte dafür, dass die Kinder nicht hungern mussten. Der Krieg schien ihn und seine Einheit hier in Mitten des Waldes vergessen zu haben. Ich war 13 Jahre und freute mich, dass ich keine Schule hatte und der Oberst mich zu seinem persönlichen Adjutanten erklärte. Er sprach Deutsch und las oft in den Büchern, die die deutschen Offiziere bei ihrem plötzlichen Rückzug hinterlassen hatten. An einem schönen Spätsommertag bat er mich, einen der schweren Eichenstühle mit der geflochtenen Sitzfläche in den Park zu schaffen. Dort hat er dann sehr oft gesessen, gelesen, geraucht oder einfach nur in die Gegend geschaut.
Irgendwann hat man sich dann wohl in der Armeeführung daran erinnert, dass da irgendwo im Lahema noch der Oberst mit seiner Einheit liege. Die Spitze der Roten Armee stand an der Deutschen Reichsgrenze und Deutschland sollte nicht ohne den bewährten Jewgenni Kimowitsch Gasparow bezwungen werden.
Es war ein traurig herzlicher Abschied. Alle hier hatte den Oberst ins Herz geschlossen. Als er sah, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen, meinte er, ich solle auf alles gut aufpassen. Der Stuhl könne im Park stehenbleiben und wenn Berlin gefallen sei, würde er zurückkommen und weiterlesen.

Ich habe aufgepasst.
Auch auf den Stuhl. Monat für Monat.
Berlin fiel und ich erwartete im Sommer 1945 täglich die Ankunft des Obersten.
Er kam nicht.
Das Sitzgeflecht rottete durch und fiel auf den Waldboden. Niemand interessierte sich für den Stuhl. Der Park verwilderte mehr und mehr. Irgendwann bemerkte ich den jungen Kiefertrieb, dessen Spitze schon über die Rückenlehne ragte. Die Kiefer wuchs durch den Sitzrahmen des Stuhles.
An die Rückkehr des Obersten glaubte selbst ich dann irgendwann nicht mehr.
Er ist wohl tatsächlich nie wieder hier gewesen.
2002 beaufsichtigte ich die Arbeiter, die den Auftrag hatten, die überwucherten Wege im Park freizumachen. Als einer der Arbeiter den Stuhl entdeckte, kamen wir alle hier zusammen. Als Raivo  sich anschickte den Stuhl kaputt zu treten, hielt ich ihn zurück und erzählte, dass das der Stuhl des `guten Obersten von Palmse´ sei. Von dem Obersten, dem ich im Herbst 44 versprochen hatte, auf alles acht zu geben, bis er wieder zurück sei. Niemand traute sich nach meinen Worten dieses zarte Stuhlgerippe zu zerstören. Irgendwie genießt der Stuhl hier Denkmalstatus. Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ihn immer schön freizuschneiden und, wenn es gewünscht wird,
von ihm zu erzählen. Die Geschichte, wie der Baum in den Stuhl oder der Stuhl um den Baum gekommen ist.
Wie jetzt eben.
Wenn euch die Geschichte gefallen hat, erzählt sie gerne weiter.
Es gibt ja nicht viele gute Geschichten vom Krieg.“

„Ja, schön, dass wir mit Herman zusammengetroffen sind. Wobei es wohl nicht so ganz zufällig war. Herman war nicht unerfahren. Er konnte erkennen, wer aus Deutschland kommt und hatte wohl auch schnell gelernt, was wir Deutschen gerne hören.“
Henning sieht mich nachdenklich an.
„Hm, die Geschichte hättet ihr sonst nie erfahren.“
„Stimmt. Und du dann auch nicht.“
„Hast recht. Eine schöne Geschichte. Wenn du sie mir erzählt hättest und nicht Hermann,  ..“
„Was dann?“
„Ich hätte sie vielleicht nicht geglaubt.“
„Kannst mal sehen.
Henning…?“
„Ja.“
 „Seit wann gibt es wohl IKEA in Estland?“
„Weiß nicht. Wieso?“
„Siehst du die Schraube da oben an der Rückenlehne des Stuhles?“