Donnerstag, 21. Januar 2021

Boston Pro 4R Turbo II





 

Ich bin Grillfan. Ich weiß, das Grillen ist nicht jedermanns Ding. Ich mag es aber, und, was ich besonders mag, ist das etwas Ungesunde. Also, wenn das Fleisch über Holzkohle gart und ganz leichten Geschmack vom Kohlefeuer annimmt. Ich mag es, wenn das Fett in die Glut tropft und mit kleiner Stichflamme verbrennt und, vielleicht täusche ich mich, ich mag es auch, wenn dieser spezielle Geruch des Brennprozesses später kaum spürbar aus dem fertigen Nackensteak herauszuschmecken ist.

Was ich nicht mag, und das schon seit ich mit Eva verheiratet bin, ist bei jedem Grillanlass ihr Hinweis, dass ich doch schon wisse, dass das, was ich da mache, ungesund sei. Vielleicht hat sie ja Recht und vielleicht erklärt das auch, warum die Neandertaler ausgestorben sind. Die haben nämlich immer über Holzfeuer gegrillt. 

Das hatte ich ihr aber nur einmal gesagt. Sie fühlte sich von mir nicht richtig ernst genommen, sagte es mir und strafte mich wenig später noch einmal ab, indem sie mir mitteilte, dass das Fleisch diesmal überhaupt nicht schmecken würde.

Das fand ich ungerecht, schmeckte es doch wie immer. Also ein bisschen nach Holzfeuer, ein bisschen angekohlt – nur ein bisschen. Und auch diese leichte Ahnung vom Aroma des verbrannten Fettes war spürbar. Einfach gut!

Gegessen hatte sie es aber. Hatte ihr wohl auch geschmeckt.

Nur zugeben konnte sie das nicht. Nicht nach meiner Bemerkung mit den Neandertalern.

 

Dieses Jahr haben wir schon Anfang April gegrillt. Die Sonne hatte uns verführt. Tatsächlich war es dann trotz Sonnenschein eisekalt und wir gingen letztlich mit unseren Tellern in die warme Küche zum Essen.

„Schmeckt es dir denn“, fragte ich Eva.

„Ja, ganz gut gelungen“, gab sie zur Antwort, „aber du weißt schon, dass es ungesund ist?! Denkst du auch mal an Martin?“

Martin ist unser 8jähriger Sohn. Nein, an ihn hatte ich ehrlicherweise nicht gedacht.

Seit Ende Oktober hatte Eva mich nicht mehr auf die Risiken von über Holzkohle gegrilltem Fleisch hingewiesen. Hatten ja auch nicht mehr gegrillt bis eben jetzt, Anfang April. Irgendwie hatte ich schon unterbewusst seit Wochen auf Evas kritische Bemerkung gewartet. Irgendetwas hatte mir in letzter Zeit gefehlt. Jetzt wusste ich, was es war.

Mit dieser von mir unbeantworteten Frage nach der Gesundheit aß ich meinen Teller leer, streckte mich ein wenig im Stuhl und nahm genüsslich einen Schluck Bier.

Ich weiß nicht mehr, was mich dann geritten hatte.

„Und was meinst du sei gesünder?“

„Na gibt doch auch Gasgrills oder elektrische. Wist und Beckmanns haben doch auch so etwas.“

Nach einigen Momenten:

„Du sagst ja gar nichts.“

Was hätte ich ihr sagen sollen? Dass ich wieder an die Neandertaler gedacht hatte? Wistens und Beckmanns waren noch nicht ausgestorben. Vielleicht, weil sie mit Gas oder Elektrizität grillten? Wir lebten aber auch noch, trotz Holzkohle. Wie lange noch? Geschmeckt hatte es bei Beckmanns doch auch ganz gut.

„Du meinst, dass wir uns einen Grill, also einen ohne Holzfeuer kaufen sollen?“

„Auf jeden Fall.“ Und dann schob sie mit einem Grinsen im Gesicht nach: „Weißt ja was mit den Neandertalern passiert ist!“

Ja, das liebe ich an Eva und auch deswegen habe ich sie geheiratet.

Zwei Tage später legte sie mir den ALDI Prospekt für die kommende Woche auf den Schreibtisch. Was für ein Zufall auf der Titelseite stand: Ab Donnerstag, 23.04. Grillspaß zu Hause zum ALDI Preis. Ein glückliches Paar posiert hinter seinem nagelneuen Gasgrill Boston Pro 4R Turbo II für 229,00 €. In der Nase spürte ich bereits den Duft der im Bild abgebildeten Spieße, Würstchen und Steaks. Das Grillfieber packte mich -  und das, obwohl es nur ein Gasgrill war!

Vielleicht gar nicht so schlimm, so ein Gasgrill.

„Aber Evamaus, hast du gesehen? 229 € kostet der Grill, ganz schön happig. Kein Wunder, dass der Kerl da auf dem Foto barfuß läuft. Wenn wir den kaufen reicht es bei uns vielleicht auch nicht mehr für Socken.“

„Dafür aber gesund!“

„Sollen wir wirklich?“

„Ja, wir sollen! Donnerstag startet die Aktion. Du musst schon vor 7 Uhr in Drochtersen sein. Wenn du später kommst sind die Grills bestimmt schon vergriffen.“

„Ich mach Homeoffice und das fängt erst um 8.30 Uhr an. Ich finde 7 Uhr einfach etwas zu früh.“

„Keine Angst, für die Gesundheit ist mir nichts zu früh. Ich wecke dich um 6 Uhr, das ist es mir Wert. Du musst bestimmt schon um halb sieben dort sein. Weißt ja der frühe Vogel fängt den Wurm. Auf dem Rückweg kannst du von Lünstedt Brötchen mitbringen. Wir frühstücken dann gemeinsam und dann kannst du immer noch mit deinem Homeoffice beginnen.“

Mein Widerstand war gebrochen! Das Gute an der Geschichte: Mein Holzkohlegrill bleibt für den Notfall im Schuppen. Man kann ja nie wissen. Energiekrise! Kein Gas aber gutes Grillwetter! Sollst mal sehen, wie Eva dann guckt, wenn wir trotzdem grillen! Und Wistens? Können nur so lange grillen  bis die Gasflasche leer ist, aber dann können sie ja zu uns kommen.

 

Donnerstag, 23.04.20

„Du musst aufstehen, 6 Uhr.“

Eva sieht mir in die Augen. Sehe ich da ein bisschen Schadenfreude in ihrem Gesicht?

„Du musst los sonst wird es nichts mehr mit dem Grill.“

Während ich mich fertig machte, lief der Kaffee durch. Ohne Kaffee geht gar nichts, schon gar nicht, wenn ich einen Grill, einen Gasgrill, kaufen will. Der Becher mit der Trinktülle kennt das schon und ich auch.

Es war alles wie sonst auch, wenn ich zur Arbeit fuhr. Bis Wischhafen hatte ich mir schon zwei Mal die Lippen verbrannt. Kannte ich auch schon. In Dornbusch kippte ich mir den Kaffee über mein Bayerntrikot bevor der Becherschnabel an meinen Lippen anlag.

Ein Pauli Shirt sieht zwar blöd aus aber man hätte bestimmt die Kaffeespur nicht so gut sehen können. 

Mist verdammter!

Auf dem ALDI Parkplatz standen bereits einige Autos und dann sah ich auch schon die Schlange vor der Eingangstür. Das konnte ja heiter werden. Ich war der achte in der Reihe.

„Und was ist, wenn es nur drei oder vier Exemplare von diesem Turbogrill gibt“? ging mir durch den Kopf.

Erstmal eine rauchen.

Die Zeit schien stillzustehen. Ich guckte ständig auf die Uhr. Es waren immer noch 20 Minuten bis zur Ladenöffnung.

Ganz vorne stand ein kleiner Alter mit einer Schulter deutlich höher als die andere. Sah nicht so aus, als hätte er viel Zeit für die Morgentoilette gehabt. Hinter mir kam ein Ehepaar. Ich kannte die Frau irgendwoher. Hier aus Drochtersen? Unsere Blicke kreuzten sich.

„Auch wegen „Bellvita“ hier?“ fragte mich die Frau mit einem Lächeln.

„Ne“, sagte ich. „Was ist das denn?“

„Wasserbett, 999,00 €!“

„Wasserbett? Gibt´s doch erst ab Montag“, hörte ich die eine der beiden Frauen vor mir sagen.

Die Schlange verkürzte sich wieder um 2 Personen, nützte mir nur leider nichts, die beiden standen ja hinter mir.

Die Frauen vor mir, beide gut 60, blickten dem Pärchen nach.

„War doch Montag, Edith?“

„Ja Wasserbett Montag. Heute ischa  Boston Turbo Grill. Hoffentlich haben sie den auch da.“

Also direkte Konkurrenz vor mir. Bin ja nicht neugierig aber kannst ja nicht weghören so direkt daneben. Und so hatte ich dann bald erfahren, dass die beiden Frauen auch für den Boston Turbo anstanden.

Vor den beiden stand einer mit langen Haaren, die unter einem speckigen Lederhut heraushingen. Der Gürtel war nietenbeschlagen und an den Füßen trug er schräg abgelaufene Westernstiefel.

Den mochte ich auf Anhieb nicht. Er rauchte filterlos, und, was viel schlimmer war, nach jedem Hustenanfall spuckte er einen fiesen Auswurf auf den schwarzen Asphalt.

Boston Turbo 4 R II?

Der eher nicht!

Aber kannst nicht wissen.

Vor dem Spucker im Westernlook stand ein Ehepaar vielleicht um die 50 Jahre.

„Bestimmt schon gefrühstückt und das Stader Tageblatt auch schon gelesen. Solche Menschen wissen überhaupt nicht, wie ausschlafen geht. Ein Gasgrill für 229 € will irgendwie nicht zu ihnen passen. Hoffentlich habe ich recht!“ dachte ich für mich.

Und der Mann mit dem Monteursanzug auf Platz 2? Der könnte noch scharf auf den Grill sein. Kennt sich mit Gas aus. Ist vielleicht Klempner.

Der mit der schiefen Schulter auf Platz 1 stand eher nicht für einen Gasgrill an. Vielleicht für „Felix gemischte Vielfalt in Gelee“, Katzenfutter, 44 x 100-g-Pckg. zum Aktionspreis von 10.99 €.

Also, mit etwas Glück standen nur drei Gasgrills vor mir und, wenn es vier im ALDI gab, hätte ich den vierten. Aber nur, wenn die schiefe Schulter, das Ehepaar und der Westerntyp keinen Turbo Boston Grill wollten.

Es kam plötzlich Bewegung in die Schlange, eine Angestellte öffnete die Tür. Ich kannte mich aus im ALDI, die „Angebotsknaller“ standen immer geradeaus und dann neben dem Eingang zum Lager. 

Es entwickelte sich gut für mich. Die schiefe Schulter bog in den zweiten Gang rechts ab. Vielleicht war dort das Katzenfutter. Das Ehepaar blieb bei den Terrassenmöbeln stehen und der Monteur verschwand irgendwo zwischen den Hygieneartikeln. Den Mann aus dem Wilden Westen hatte ich überholt, als er sich einen verklemmten Einkaufswagen organisieren wollte.

Kenne ich auch! Die klemmen manchmal so, dass man sie nicht auseinanderbekommt.

Edith und Trudi, ich kannte inzwischen auch den Namen der zweiten Frau, obwohl wir nicht auf Brüderschaft getrunken hatten, kamen vor mir bei den Turbo Bostons an. Was ich sah, machte Freude! Drei Riesenpakete lagen gestapelt neben dem großen Aufsteller, auf dem ich das mir vom Prospekt bekannte Pärchen neben dem Gasgrill stehend erkannte. Trudi riss am obersten Paket. Es rührte sich kaum. Edith hatte einen herrenlos herumstehenden Wagen herbeigeholt. Auch zusammen hatten die zwei Frauen Probleme, den Grill auf den Wagen zu bekommen.

 „Ohne mich wird das hier nichts“, beschließe ich und wuchtete den Karton mit Trudi und Ediths Hilfe auf den Wagen. 

„Junger Mann, würden Sie mir bitte auch noch helfen?“

Keine Frage, der zweite Grill kam auf dem ersten zu liegen.

„Und Sie“, meinte Edith noch ein wenig außer Atem, „wollen Sie den letzten?“

„Ja“, sagte ich, „ich hole mir nur noch eben einen Wagen.“

„Wir warten hier noch bis Sie kommen, junger Mann.“

 

Ich war wieder auf dem Rückweg und hörte schon von Ferne, dass Trudi und Edith mit dem Cowboy im Streit lagen.

„Ich saach dir doch, dat is der Grill von dem jungen Mann da, der hatte uns geholfen und holt sich nur´n Wagen.“

Das war Edith, sie kämpfte für meinen Boston Turbo und natürlich auch für Evas Turbo 4R, was sie aber nicht wusste.

„Interessiert mir nich, wat hier liecht kann ick nehmen.“

„Ne, mein Guter, wir sind hier nicht im Wilden Westen. Finger weg. Dieser Grill gehört dem da.“ Dabei zeigte meine „Freundin“ Trudi auf mich.

Zeitgleich mit mir traf der Marktleiter im noch nicht zugeknöpften Kittel am letzten Boston 4R ein. Irgendwie spüren diese Typen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Trudi, Edith und natürlich ich waren die Guten und der Westernverschnitt mit dem ekligen Husten bekam gleich die richtige Ansage.

„Wer hier für Unfrieden sorgt, geht raus, haben Sie mich verstanden?“

Der Cowboy warf uns einen bösen Blick zu und entschied sich gegen ein offenes Duell in der Gangmitte des ALDI Drochtersen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Drops noch nicht ganz gelutscht war.

Macht nichts. Wichtiger war, dass ich Evas Gasgrill hatte. Während der Marktleiter mir beim Umpacken auf meinen Einkaufswagen half, klatschten die beiden Frauen sich ab.

„Edith, wir haben unsere „Gute Tat“ für heute im Kasten. Ham wir doch gut gemacht, oder???“

„Ja, und wie du ihm gesagt hast, dass das hier nicht der „Wilde Westen“ ist, dachte ich schon, nu fängt sie sich gleich eine ein.“

Ich hatte nicht nur einen Gasgrill für Eva, ich hatte auch zwei neue Freundinnen. Gerade winkten sie mir noch einmal zu, drehten ihre Daumen nach oben und schoben mit vollem Körpereinsatz ihre Gasgrills in die Tiefen des Marktes.

Ich winkte ihnen noch kurz hinterher, bedankte mich beim Marktleiter nicht ohne ihm zu versichern, dass ich tief beeindruckt sei von seinem Talent Streit zu schlichten.

Seinem Gesicht sah ich an, dass sich soeben mein Freundeskreis um eine weitere Person erweitert hatte. Das alles an einem Donnerstagmorgen kurz nach 7 Uhr und Eva hatte keine Ahnung, dass wir nicht nur um einen Gasgrill, sondern auch um drei Freunde reicher geworden sind. Und von dem anderen, dem Mann aus dem „Wilden Westen“, wusste sie auch nichts.

Ich hoffte nur, dass der mir nicht in der Prärie, da irgendwo zwischen Dornbusch und Neuland, auflauert.

Sein letzter Blick hatte etwas von: „Na warte, man sieht sich immer zweimal im Leben!“

Ich hatte unseren Neuen, also den Boston 4R Turbo II,  gerade im Kofferraum, als „er“ im Eingang des Marktes auftauchte. Der „Django“ von Drochtersen zeigte auf mich und rief irgendwelchen Kerlen, die ein paar Meter weiter an einem alten Lieferwagen lehnten zu: „Das is er, der hat meinen Grill geklaut!“

Blitzschnell war mir klar, dass diese drei nie meine Freunde werden würden. Außerdem erfasste mich schlagartig die große Sorge, ich könnte vielleicht in 15 Minuten mit Brötchen von Lünstedt aber ohne den Boston Pro 4R vor Eva stehen.

Ich schaffte es gerade noch rein ins Auto. Gas geben und nichts wie weg!

Von der Hauptstraße sah ich die drei mit erhobenen Fäusten. Sie grölten mir hinterher, ich verstand natürlich nichts. Zwischen Drochtersen und Dornbusch ging mir immer wieder durch den Kopf, was hier heute abgegangen ist. So hatte noch nie ein Donnerstag angefangen. Wirklich noch nie! Ich  konnte mich jedenfalls nicht daran erinnern. Und noch etwas ging mir durch den Kopf. Eva musste nicht alles wissen, was ich hier heute durchgemacht hatte. Und eine Erklärung, warum ich die nächste Zeit erst einmal nicht mehr zu ALDI nach Drochtersen wollte, würde ich auch noch finden.

 

Es gibt noch einen kleinen Nachschlag zu dieser Geschichte.

Das Frühstück war schön, ich ging an den Schreibtisch und Eva hatte mit Martins Hilfe den neuen Grill zusammengebaut. Erst während der Montage hatte sie so richtig wahrgenommen, was da neu in unseren Hausstand gekommen war: Grillfläche, Haube, Brenner und Bedienelemente aus Edelstahl, 4 stufenlos regulierbare Brenner, 15,4 kW, doppelte Turbozone für perfektes Anbraten von Steaks, mit Unterschrank und abklappbaren Ablageflächen, mit herausnehmbarer Fettschublade, Thermometer, mit doppelwandiger Haube, Schlauch, Druckregler, Wetterhülle und, glaubt ihr´s, mit einem Flaschenöffner!

Keine Frage, dieser Luxusgrill musste noch am selbigen Abend in die Erprobungsphase gehen. Eva und Martin hatten alles für die Grillparty besorgt. Das Wetter stimmte und die Gasflasche, eigentlich für den Unkrautbrenner gedacht, war auch schnell montiert. Es stimmte alles bis nach wenigen Minuten das typische Zischgeräusch der Gasbrenner verstummte. Die Gasflasche war offensichtlich noch leerer als sie sich angefühlt hatte.

Große Enttäuschung!

Auch bei mir.

Hatte sich doch gerade so etwas wie eine Beziehung zwischen mir und dem Turbobrenner Boston Pro 4 R II angebahnt. Ich schaute auf den Edelgrill und mein Blick fiel auf den Schuppen dahinter.

„Wartet mal“, sagte ich zu Martin und Eva, „ich habe da eine Idee.“

 

Es wurde dann noch ein sehr schöner Abend. Alles war wie sonst auch immer. Das Fleisch schmeckte köstlich. Unverkennbar der Geschmack nach Holzfeuer und das Aroma von verbranntem Fett. So hatte ich es gerne. Der bläuliche Qualm des Holzkohlefeuers stieg fast senkrecht in den Abendhimmel und die abstrahlende Wärme aus dem Kohlebecken ließ uns die Abendkühle noch eine ganze Zeitlang vergessen.

 

Mittwoch, 25. März 2020

Corona, Corona un nix as Corona

Nix, oober gornix is so as dat mool fröher weer. Soon oosigen lütten Virus, Corona heet dat, hett de Wölt, Dütschland un mien Dörp Freiborch fest in Grip. Farlich is dat Öös, kanns em nich sehen un wenn du em föhlen deist, is all tau loot. Dann büst krank un, wenn´t  ganz schlimm kummen dee, kanns dien Testament mooken - wenn du denn noch de Tied dorför finnst. 
Uns Politiker sünd all siet Weeken in höchste Alaambereitschaft. Jümmer mehr Lüe, ook hier in Landkreis hebt sick dat Coronavirus infangt un, wat veel slimmer is, ohne dat se dat wüss, verdeelt se em rund üm sick tau.  Nu is dat so wiet: De Kinner möt nicht meehr no School hin, Kita is dicht, no Stoots in Oederquart kanns ook nich mehr un ennig een Geschäft dröff nich mehr verkööpen.

Wat mookt bloots de Lüe, de Oobend för Oobend bi Harpain sit, ´n  Beer drinkt un in een dichte Wulk vun Tabakqualm klooge Ideen hebt, wo man mit all de Krisen vun düsse Wölt ümgeihen schall. Dor kanns wat hörn, oober dat is dann noch mool´n  anner Geschicht.  Wat förn`n  Akkewas!!!  Soziale Kontakte meiden?
Jo, wo verstoh ick dat denn?  Assoziale Kontakte dröff ick woohl noch, hebb de oober nich. 
Afstand holen, kann ick novolltrekken, dat Virus kummt jo ut Muul vun dien gegenöber.  Wo mook ick dat denn mit Waltraud Abbenseth, de mi meist bie´t Vertellen vun de negesten Norichten ut Dörp binoh in mien Ohr rinkrabbelt? 
Verstooht de dat richtich, wenn ick eer´n  Hinwies geeven do, op Diskretschionsafstand? Dor bün ick nu schoon bang, dat se mii noch dichter op´n Pelz rücken ward, wielddat se mi nich richtich verstoohn hett. Se hett dat joo mit de Ohrn, hört jo keen Piep un keen Papp.
Waltraud, so geiht dat nich! Oober solang se dat Virus nich hett, kann se mi dat ook nich in´t  Ohr puusten. Also dat Virusöös.
Is doch jümmer de bange Frooch, Waltraud, hest du dat Virus oder hest du dat nich? Wenn ick eehr froogen dee, secht se bestimmt, dat se keen Corona nich hett. Oober ohne Test kann se dat doch gornich weeten. Un no ergendwelke Symptome von den Virus kanns doch ook nich in de Reech vör de Kass froogen. Bi Waltraud möt ick so luut bölken, dat de Lütte Sylvia an de anner Kass an Achterutgang vun EDEKA sick verjoocht, wenn sie mi froogen hört, ob se Dünnpfiff oder Husten un Fieber hett. See, also nich Silvia, ick meen jo Waltraud.
Een Gedanke weer dat schon, dat ick eehr verkloor, dat se Afstand holln möt, wiel se tau de Risikogrupp hört. Se - un ick ook.  Tauminst een gooden Grund för een düchtigen Afstand. Ick meen dat Risiko för mie!
Un Waltraud? Wenn de keen Risiko is. Ook all´n poor Dooch öber 70 un de schnackt so veel, ook bannich veel dumm Tüch, jo, wenn dat keen Risiko is, wat denn?
Ick war eehr woll doch leever üm lütten Infektschionsafstand bitten, so rein profilaktisch will ick eehr mien Ansinnen verkloorn.

Eedeka! Man goot, dat wie den Looden noch hebbt. Annerswo gift dat schoon lang keen Looden mehr, in denn man sick´n Virus infangen kann. Dat is noch schlimmer as de Angst, dat du vörn in Looden geihst, ohne Virus, un kummst du achtern weller rut kanns man batz in Karanteen goohn. Also, tau eeten dröff wi jo jümmer noch inkööpen. Aptheek ook. Door dröf siet Sünnoobend nur noch twee Lüe tau sölbige Tied rin. De anner mööt buten op de Stroot töwen. Lütt beeten as fröher in de DDR.  Ick wüss dat jo noch nich, kumm dor hin, un keen steiht door? Waltraud! Watt´n Glück, hebb mie doch mool freut, düsse olle Schnabbeltante tau seen. De weet jümmer allns, wat in Dörp so löpt.

„Na Waltraud, gift wat för lau hier oder worüm steiht ji all buten?“ Statt tau antern, froocht se mie: „Oook´n büschen krank? Corona?“
De annern, twee Froonslüe ut Scheepdachhusen, un de Kuusentrekker vun Diek vergröttert batz eehrn Coronaafstand. Nur de Vadder vun de seuten Kinner ut Syrien blivt stoohn. Kann ween, dat he doov op de Ohrn is oder, glöv ick eher, he verstooht dat dütsche Wör Corona nich. Givt jo ook noch nich so lang.
Un dann seh ick ook dat Schild: „CORONA Schutz, nicht mehr als zwei Personen zur gleichen Zeit eintreten!“ Ook scheun, nu bruuk ick Waltraud nich mehr tau bemöten mit mien Frooch.  Hebb de Antwoort jo sülbig funnen.

Hüt is Moondach. Ick passeer de Apthek. Een fixn Blick rin in Looden. Keen een binn! Ne, nich dat ji nu denkt, dat ick een vun de unvernünftigen Hamsters op twee Been bin. Nee, dat jo nu nich. Oober wenn dor jüst nüms nich in Looden is? Viellicht doch mool furts rinkieken? Neesdroppen köpen? So as Vorrat, nur so´n ganz lütt beeten. Kannst jo nich weeten. Wenn de Infektschionskurve  wieter no booben klettert un all Coronapatienten miene Neesdroppen wüllt? Quatsch sech ick tau mie stünn oober schon vörn Tresen inne Apthek. Nu geev dat nich mehr veel tau öberlegen.
„Hebbt se Snuuvdooken ut Papier?“ fallt mie grood noch in. „Daut mie Leed, sünd all lang uut. Viellicht bi EDEKA. Versöcht se dat mool dor. Hüt Morn weern dor noch´n  ganzen Barch von Tempo. Hebb ick mie dor ook köft.“
Ick dann rööber no Edeka. Ick har jo ´n lang´n Zettel. Dat is nämlig so, dat wie wegen dat Risiko vun Corona versöcht nur noch jeden tweeten oder drütten Dach intauköpen. Mit hamstern as süks hett dat nix tau doon. Wi sind nich de klassischen Hamster, nee, wie sünd goor keen Hamster. Wieldat wie oober so tau seggen ööber Nacht tau een Hamsternation woorn sünd, rächt sick dat, wenn du nich mitmookst. Hüt geev dat tauminst mool weller Mehl in´t Regol. Een Kilo schall ick mitbringen. Brukt wie för Soßen taun andicken un öbermorn wüllt wie Appelpannkoken eeten. Dorför brukst du schon mool Mehl. Wat heb ick mi freut op den Appelpankoken, hier noch in EDEKA! 
Brot weer ut, steiht dor oober all weller in Gitterwoogen. Töft nur dorop, utpackt un insorteert tau warn. Lokuspapeer schall ick mitbringen. Steiht nu all siet twee Weeken jedet mool op´n Zettel. Jedet Mool! Un jedet Mool nix in´t  Regool. Un nu weller. Ulla hett noch secht: „Ganz wichtig, denk an Klopapier. Wi hebbt nur noch twee Rullen!“ Und, watt schall ick jau vertelln? Dat Regool is all weller lerich as´n ümstöt Woteremel. 
Süht ganz so ut, as weer nu, kort no denn nationalen Notstand de ganz private Notstand vun de Petersens vun Eschenhoff utbrooken is.  Man, man! Dor kummst du doch in`t Grübeln ööber hamstern. 
Hebbt wi wat falsch mookt? Ick meen mit dat Hamstern vun Lokuspapeer? 
Twee Rulln geiht fix tauenn!   Viellicht kann ick wat ööber Internet köpen? E-bay viellicht, neuwertig, Sofortkauf? 
Ick kum no de Kass!  Dor hebt se nu Striepen op denn Grund backt. Denk mool, dat du jümmer mit di un dien Woogen achter soon Striep stoohn schallst. Mookt schon Sinn in de Kris. Dat Virus as solket fallt nämlich doohl op´n Böön, wenn dat so bi een Meter rut ut dien Muul düst is. So heb ick dat tauminst verstoohn.
Also, ick steih dor un bin schon eenmool vörrückt un denn erkenn ick keen hier jüst vör mi steiht. Waltraud!
Se hett mi noch nich seehn. Mookt nix.  Vun achtern kumt Eva mit ehrn Woogen. Wi schnackt geern mool bien Inköpen. Un wie lacht ook geern mool. Ohne mie wat dorbie tau denken, frooch ick eehr, un ick swoer, dat weer as´n Jook meent: 
„Na Eva, hüt goornich an´t hamstern?“
Un denn antert se mit ernsten Blick:
„Ne, hüt nich, Lokuspapier is jo uut. Is ook goot so. Mien ganzen Huswirtschaftsruum is vullstopped mit Lokuspapeer. Willem wüsst dat nich, also mit all dat Lokuspapeer bi uns in´t Huus. He meen dat nur goot un hett an Fredach vun Aldi in Cuxhoben 8 Pack mitbröcht. De licht nu in`t Kinnerzimmer. Brukt wie jo nich mehr. Ick meen dat Kinerzimmer.“
Waltraud dreiht sick üm. „Moin tohoop!“
„Moin Waltraud.“
Un ick denn tau Eva: „Ick wull ook noch Lokuspapeer holen, wi harn nur twee Rulln in´t Huus. Un nu is dat all weller allns utverköfft!“
Se antert mit groote Oogen: „Nur twee Rulln? Wat hebt ji denn mookt all de letzten Weeken? Weet doch jeden een, dat man bi Corona oder so Lokuspapeer brukt. Annerwies sühst jo, wat passeert. Nur noch twee Rulln? Wie wüllt ji denn de Coronakris öberstoohn?“
 Jo, wo ward dat allns noch enn´?
Waltraud dreiht sick üm.
„Ick hebb all siet eene Week keen Lokuspapeer.“
Hört doch woll beeter as ick dacht hebb, de Olsch.
„Un, watt mookst du?“
Se wiest in eehrn Woogen. „Bild.“
Dor liggen dree Exemplare vun Bild. All vun hüt. „Waltraud du nimmst „Bild“ as Lokuspapier? Schniedst in lüütge Stücken? So as fröher?“
 „Jo. Ick hebb dor keen Problem mit. Wie harrn noch veele, veele Johr Zeitungspapier op ussen Padermang. Du hest´n Problem mit diene twee Rulln. Dor weet ick nix vun. Corona hin, Corona her. Dat dat hier in Edeka keen Klopapeer gift dat is keen Problem för mi.“
„Un worümm hest du dree Zeitungen köfft?“
 „Tschä, sühst jo wohin dat führt. Allns wat ick nich tweeschnippel kummt op´n Hümpel.“
„Und dann?“
„Dat warst du schon wies, wenn dat plötzlich ook keen „Bild“ mehr gift, wegen de Hamstermentalität vun de Lüe.“
„Na Waltraut,“ seggt de Deern an de Kass, „schall ick di morn dree Mool „Bild“ trüchleggen?“
Oh,oh, wo leevt wi bloot. Nu ward ook schon de Bildzeitung hamstert.

Coronatieden sünd schon ergendwie verrückte Tieden. De Not bringt uus all weller tohoop. Wie deelt dat Leed un de Freud. Buten op de Stroot blank mien Auto töft Eva. „Du,“ seggt se, „wenn dat mit de twee Rulln tauenn gohn is, loot de Finger vun de Bildzeitung. Du weetst jo wo du mi finnst. Een Packen Lokuspapeer künnt wi wohl entbeehrn.“

Tohuus hebb ick dann vertellt, dat dat Lokuspapeer uut weer as schon all de letzten Dach. 
„Un nu? Wat mook wi nu?“
„Nu köfft wi „Bild“ und wenn di dat nich gefallt, geiht wie no Eva un Willem.“
„Op Lokus?“
„Nee, nee. Oober dat sünd so welke?“
„Wat för welke?“ 
 „Du sühst dat nich op´n erstn Blick, hebbt jo ook keen dicke Backen.
 Oober de sünd Hamsters!“

Samstag, 21. März 2020

Oder sehe ich vielleicht zu schwarz?




Oh, oh, oh Herr Phillippsen, da haben Sie sich aber mal richtig Luft gemacht und nun komme ich noch mit meinen Anmerkungen!
Herr Philippsen, Sie müssen jetzt ganz, ganz stark sein! Sie fragen, ob sie denn zu schwarz sehen. Ich meine ja, meine sogar dunkelschwarz.
Lassen Sie mich erklären! Schon mal von selektiver Wahrnehmung gehört? Mir scheint, dass Sie ihr zum Opfer geworden sind. Selektive Wahrnehmung? Dass Sie nun auch noch ihren Keller oder Schuppen abschließen sollen, bestätigt doch endgültig, dass Sie ständig von subversiven, kriminellen Elementen umgeben sind, unter vagabundierenden Einbrechern leiden und, und, …
Nun mal wieder runterkommen und ganz ehrlich, werde ich auch gleich sein. Also ehrlich. Weil ja immer alles schlimmer wird, möchte ich Sie zu ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit Kriminalität in den letzten 10 Jahren befragen. Ich höre zwischen den Zeilen, dass es vorher ja noch erträglicher war. Und nun zu meinen Fragen, aber wirklich ehrlich antworten! Versprochen?!

Wie oft wurden Sie seit dem 24.2.2010
  • ·         Von subversiven, kriminellen Elementen ausgeplündert?
  • ·         Von Einbrechern besucht?
  • ·         Von Banden besucht, die Ihr Auto mitgenommen haben?
  • ·         Mit dem Enkeltrick oder Ähnlichem hereingelegt?
  • ·         Im Park von Drogendealern angehauen?
Ach so, Herr Philippsen, bevor ich Ihnen von meiner ganz persönlichen Kriminalstatistik berichten werde, noch ein kleiner Tipp zu vorbeugenden Maßnahmen. Höre ich doch heraus, dass Sie kein Freund von Vorsichtsmaßnahmen sind.
Oh, oh, oh, lassen Sie das nicht ihre Versicherung lesen. Die wird sich sicher freuen, wenn bei Ihnen ein Schadensfall eintritt. Unverschlossene Türen werden von Ihrer Versicherung als Einladung an die von Ihnen beschriebenen subversiven Elemente gesehen. Man wird Ihnen wegen Ihres fahrlässigen Verhaltens nichts zahlen.
Herr Philippsen, ich mache mir ein wenig Sorgen, ob Sie sich der Risiken bei Ihrem sorglosen Verhalten bewusst sind? Seien Sie vorsichtig, Mann! Es gibt ja tatsächlich Menschen, die es mit dem Eigentum ihrer Mitmenschen nicht so genau nehmen wie Sie und ich. Gott sei Dank sind es aber nur wenige gemessen an der Gesamtbevölkerung und sie haben nach jüngsten Zahlen aus Niedersachsen auch noch abgenommen. Aber dahin komme ich gleich noch.
Also, bevor ich´s vergesse, vorbeugen! Machen Sie den fehlgeleiteten Elementen in unserer Gesellschaft keine Steilvorlagen. Sie sind doch Fußballfan, oder? Wenn nicht, sind Sie bibelfest? Und führe mich nicht in Versuchung heißt es im Gebet. Gemeint ist da der Herr. Für uns sollte gelten, schwächere Mitmenschen nicht unnötig in Versuchung zu führen. Da haben wir, also Sie, ich und all die vielen anderen Menschen, die einen sozialverträglichen Umgang mit ihren Mitmenschen pflegen, eine gewisse Verantwortung!
Und nicht vergessen, die Versicherung! Waren Sie überhaupt Opfer in den letzten 10 Jahren?
Also: Schuppen, abschließen, Keller verrammeln, Fahrrad nicht unverschlossen abstellen, Bogen machen um finstere Ecken, Geldbörse nicht auf den Pfosten des Gartentores legen oder im Einkaufswagen spazieren fahren, Auto ruhig abschließen, keine Wertsachen offen liegen lassen, schließen Sie Fenster und Türen, wenn Sie das Haus verlassen. Und noch ein Tipp, nehmen Sie Ihr Passwort aus der Geldbörse mit ihrer Kreditkarte. Und bloß keine Passwörter im Internet weitergeben! Da gibt es nämlich auch noch Banditen in Ghana, Moskau und wer weiß wo, die unheimlich tricky sind, um an Ihr Geld zu kommen.
Also unsere Polizei (Staat) ist nicht ganz so untätig, wie Sie glauben. Komme ich noch hin. Aber nicht ohne Grund mahnt sie immer wieder, potentiellen Straftätern keine Einladungen auszusprechen. Ich und viele Menschen sind vorsichtig und das wirkt sich in den Statistiken aus. Kommen wir noch zu!
Nun erst einmal zu mir. Habe ja versprochen, dass ich auch ehrlich sein will. Meine Statistik sieht nicht schlecht aus. Trotz Reisen z.T. auch in Regionen, die man lieber meiden sollte, bin ich noch nicht beklaut worden. Stimmt nicht ganz. Vor wenigen Tagen hat mir mein Freund Hans Henning während ich leere Gläser und Flaschen einsammelte, mein Portmonee aus der Gesäßtasche gezogen, ohne dass ich es bemerkte. Er wollte mir demonstrieren, dass ich es den Banditen zu leicht machen würde. Recht hat er. Normalerweise steckt mein Portmonee nie in der Gesäßtasche, wenn ich mich in größeren Menschenansammlungen befinde. Hans Henning ich danke dir für diese kleine Lehrstunde!
Bei mir ist auch noch nicht eingebrochen worden, toi, toi, toi! Ich schließe immer alle Fenster und Türen und erwecke nicht unnötig den Eindruck, als gebe es etwas bei mir zu holen. Die Fenster sind mit Schlössern versehen. Hat bisher funktioniert. Ich weiß, dass das keine Garantie gibt aber ich bin vorsichtig. Nicht anders verhalte ich mich mit dem Schuppen, Keller und Auto. Es hat auch noch kein Enkel versucht, mich um mein Erspartes zu bringen, ich bin noch nicht beim Spaziergang überfallen worden und die Dealer, also die Dealer von denen Sie sich belästigt fühlen, sind hier bei mir in meinem Dorf unsichtbar. Aber selbst, wenn ich in Kreuzberg oder Neukölln in den Grünanlagen unterwegs bin, werde ich nicht belästigt. Irgendwie erkennen die armen Schweine, die dealen (müssen), dass ich nicht zu ihrem typischen Kundenkreis zähle. Auto geklaut? Fehlanzeige! Vielleicht ist es nicht das richtige Modell, zu alt oder immer am richtigen Platz abgestellt. Und, halten Sie sich fest, ich bin 14 Tage mit dem Auto durch Polen gereist. Nix passiert! Kein Aufbruch und mit dem eigenen Auto wieder nach Hause gekommen!
Noch ein Wort zu den Ausländern, haben Sie ja gar nicht so direkt angesprochen. Wir hier begegnen unseren Neubürgern überwiegend sehr freundlich und in der Regel kommt die Freundlichkeit von ihnen zurück. Da gibt es einige stille in sich gewandte Menschen, die die Traumata von Krieg und Flucht und wahrscheinlich abgrundtiefes Heimweh verarbeiten müssen. Sie bereiten mir keine Angst. Sie machen mich eher traurig.
Also Kriminalität hier bei uns? Es gibt alle paar Jahre mal einen Betrugsfall. Überfälle? Sind mir nicht bekannt. Autodiebstähle? Unerheblich! Andere Diebstähle? Nichts Besonderes. Ladendiebstähle? Immer mal wieder aber nicht das große Problem.
Vielleicht ist das bei Ihnen ja alles anders. Ich habe von Ihnen ja noch keine Antwort auf meine oben gestellten Fragen.
Oder Sie nehmen vielleicht selektiv wahr. Und das könnte mit einer selektiven Berichterstattung zusammenhängen.
Ja so ist es wahrscheinlich! Unsere Medien überschütten uns mit Horrormeldungen über Naturkatastrophen, Kriege, Gewaltverbrechen, etc. . Man muss schon sehr aufmerksam sein, dass man dieser gewollten oder unbeabsichtigten Manipulation nicht auf den Leim geht. Ich erwarte ja nicht, dass das Tageblatt berichtet, dass nach dieser Urlaubssaison wieder mehrere Millionen Deutsche im eigenen Auto aus dem Urlaub (sogar aus Polen) zurückgekehrt sind. Es würde uns aber allen besser gehen, wenn wir das Gute im Menschen und Miteinander höherrangig behandeln täten, wenn Alternativen zu Gewalt, Krieg, Umweltzerstörung, Verstöße gegen die Menschenrechte, unmenschlichen Wohn- und Arbeitsbedingungen etc. im Vordergrund der Berichterstattung stehen würden.
Da tut es doch gut, wenn im Tageblatt die Kriminalitätsstatistik des Landes Niedersachsen und des Landkreises Stade veröffentlicht werden.*


Aber, Herr Philippsen, kommt die Botschaft dieser Nachrichten bei Ihnen an? Wollen Sie wirklich wahrhaben, dass die Kriminalität im Wesentlichen nicht gestiegen – in vielen Bereichen sogar gesunken ist?  
Ist das so, dann sind Sie ein Opfer selektiver Wahrnehmung geworden.

Sie fragen, wie lange unsere Gesellschaft die von Ihnen so drastisch geschilderten Verhältnisse noch aushalte?
Ich frage mich, wie lange hält unsere Gesellschaft die vereinfachende und verfälschende Interpretation von Fakten aus? Menschen, die sich in permanente Weltuntergangsstimmung versetzen lassen, sich unnötig im Dauerangstzustand befinden, machen sich zur leichten Beute der Heilsprediger, die nicht einlösbare Versprechen machen. Das sind unverantwortliche Menschen, die die Werte unserer Gesellschaft wie Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte, Demokratie, Toleranz, Meinungs- und Pressefreiheit, - kurz die im Grundgesetz verankerten wunderbaren Grundrechte Artikel 1-19 für ihre Machtinteressen hemmungslos opfern würden. Diesem Grundgesetz und den ihm zugrundeliegenden Werten haben wir es zu verdanken, dass Deutschland sich nach zwei überwundenen Unrechtssystemen in zuvor nie gekanntem Wohlstand, Frieden und zuvor nie gekannter Freiheit entwickeln konnte. Übrigens verdanken wir der im Grundgesetz verankerten Meinungsfreiheit auch, dass wir Leserbriefe veröffentlichen, selbst wenn sie nicht unbedingt der Meinung der Herrschenden entsprechen.
Also mal ehrlich, Herr Philippson, Sie gehören doch nicht zu denen, die sich mit Rattenfängermethoden einlullen lassen?  
Ich atme tief durch, Herr Philippsen, und wünsche mir, dass Sie nun hinaus gehen, Ihren Schuppen abschließen, zum Sternenhimmel schauen und zu der Erkenntnis gekommen sind, dass doch nicht alles so schlimm ist, wie Sie noch dachten, als der Schuppen noch unverschlossen auf die vagabundierenden Horden wartete, um sich ausplündern zu lassen.

So, Herr Philippson, das hört sich alles so an, als wären Sie der alleinige Adressat. Stimmt und auch nicht! Ich möchte nicht wissen, wie viele Leser*innen Ihres Briefes zustimmend genickt haben. Sollten die mal meine Geschichte lesen, hoffe ich, dass sie nachdenklich werden und das hier Gelesene zustimmend abnicken.

*) Zwei Tage nach der Presseinformation aus dem Innenministerium wurde im Tageblatt ein Artikel über die Kriminalitätsentwicklung im Landkreis Stade veröffentlicht. In der Tendenz entspricht sie dem Niedersachsentrend bei leichten Abweichungen nach oben und nach unten. Man findet ihn im Tageblatt Online Archiv unter dem 15.03.2020. Hier möchte ich nur die Überschrift abdrucken.
Landkreis Stade ist laut Polizei sicher