Dienstag, 29. November 2016

Wildganssymposium Allwördener Außendeich Oktober 2016



Die Vision von einem konfliktfreien Miteinander zwischen Menschen, Gänsen und Menschen in Kehdingen


Freiburg
Auf Einladung der beiden Graugans Brutkolonien Süderelbmündung Wischhafen und Fähranleger Glückstadt hatten sich zeitgleich mit den Kehdinger Wildganstagen 2016 über 300 Delegierte unterschiedlichster Wildgansarten im Allwördener Außendeich zum ersten artenübergreifenden Erfahrungsaustausch über elementare, alle Arten betreffende Probleme eingefunden. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Einschätzung der Rolle, die der Mensch im Leben der Gänse spielt.
Etwas zum Leidwesen der gastgebenden Graugänse erschienen die Nonnengänse mit fast doppelt so starker Delegation als ihnen nach Population zugestanden hätte. Anders als  bei der Nahrungsaufnahme, wo sich durchaus auch einmal mehrere Arten mischen, setzten sich die einzelnen Arten streng getrennt mit Blick auf das Rednerpult in das zu dieser Zeit noch satte Außendeichsgras. Nun sollte es sich als Vorteil herausstellen, dass die Nonnengänse so zahlreich erschienen waren. Umschichtig konnten immer einige von ihnen die Sicherung gegen potentielle Feinde übernehmen.
Keine leichte Aufgabe!
Gleich zu Beginn entschuldigte sich die Versammlungsleiterin bei allen TeilnehmerInnen über den ungepflegten Zustand des Veranstaltungsortes.
„Es tut mir leid, dass die Menschen es wieder einmal nicht geschafft haben, die Disteln und Brennnesseln  zeitig zur Rast- und Zugzeit zu beseitigen. Dabei waren ihnen ja durchaus unsere Forderungen und Bedürfnisse schon länger bekannt. Witziger Weise haben sie ihre Flächen, auf denen sie uns nicht haben wollen, in einem ausgezeichneten Zustand. Wen wundert’s dann noch, dass wir uns auch gerne mal im Getreide und  Raps aufhalten. Dazu aber später mehr. Dank an die Nonnengänse, die heute die Sicherung der Veranstaltung übernommen haben.“
Zwei Zwerggänse aus Schweden konnten die Glückstädterin kaum verstehen und mussten manches Mal von einer benachbarten Nonnengans übersetzen lassen. Eine sehr nützliche Eigenschaft der Nonnengänse besteht in ihrer Vielsprachigkeit bedingt durch ihren weiten Zugweg durch die unterschiedlichsten Sprachregionen. Kaum eine der schwarzweißen Gänse spricht weniger als Russisch, Deutsch und Englisch. Neben der geringen Population ist die fehlende Vielsprachigkeit der Hauptgrund für das den seltenen Zwerggänsen fehlende Selbstbewusstsein.
Die mächtigsten Vögel waren die Kanadagänse.  Lange hatte man im Organisationsteam überlegt, ob man sie, ebenso wie die Nilgänse, überhaupt zu diesem internationalen Treff zulassen sollte. Schließlich gehören sie ja eigentlich gar nicht in diese Erdregion. Letztlich setzten sich aber die liberaleren Kräfte mit dem Argument durch, dass die Gänse ja nichts dafür könnten, dass sie von den Menschen hierher gebracht worden seien. Und, dass sie sich aus der Gefangenschaft befreit und dann in Freiheit kräftig vermehrt  hätten, dürfe man ihnen nicht zum Vorwurf machen.
Drei Brandgänse unterhalten sich unangemessen laut über die für sie etwas unglücklich gelaufene Brutsaison. Ein Ordnungsruf liegt förmlich in der Luft.
Etwas abseits landet gerade die verspätete Delegation Saatgänse. Irgendwie hatten sie die Windverhältnisse von Otterndorf gegen den starken Ostwind verkehrt eingeschätzt.


Auf dem Podium ist ein mächtiger Nonnengans Ganter im besten Alter eingetroffen. Er soll gleich das Eröffnungsreferat „Braucht die Gans den Menschen?“ halten.
Die Gruppe Nilgänse steht abseits und lästert über den Referenten ab. Zwei von ihnen hatten einmal eine Begegnung mit ihm, die sie, obwohl bestimmt nicht so gemeint, in unguter Erinnerung haben.
„Wahrscheinlich sind wir hier ohnehin überflüssig. Wenn ich den schon sehe, weiß ich, dass es doch nur wieder um die Interessen der fetten Nonnis geht.“ 
„Nonni“ für Nonnengans hatte sich bei den Nilgänsen eingebürgert, allerdings nur, wenn sie unter sich waren.
Als Minderheit unter den Gänsen wollten und konnten sie sich keinen Streit mit den Nonnengänsen erlauben. Das erklärt auch das Schweigen der Gruppe immer dann, wenn wieder einmal ein Trupp der schwarzweißen Nonnengänse vorbeizog um sich an die für sie ausgewiesenen Plätze zu begeben.

Eine aufgeregte Blessgans watschelt mit dem für sie typischen Gang durch die versammelten Gänse und ruft immer wieder: „Gibt es hier denn keine Geschäftsordnung? Wir haben keine Geschäftsordnung.“
„Was will die blöde „Nonni“ mit einer Geschäftsordnung?“ fragt eine Nilgans halblaut.
Selbst ist sie so blöd, die Blessgans mit einer „Nonni“ zu verwechseln, und setzt  dann noch einen drauf: „Kann doch nicht mal lesen, die dumme Gans.“
Zustimmendes Gänsegackern.

Am Rand der Versammlung entsteht ein kleiner Tumult. Ein Trupp gelbschnäbliger Singschwäne hatte beim Überflug von Sibirien nach Holland die Versammlung gesehen und wollte sich nun einmal etwas genauer umsehen.  Da weder Singschwäne noch irgendeine andere Schwanenart  auf der Gästeliste standen, verwehrte der Ordnungsdienst – natürlich Nonnengänse – ihnen lautstark den Zutritt zum Kongressgelände. Da nützt es auch nichts, dass die Menschen die Schwäne den Entenvögeln und innerhalb dieser Gruppe der Untergruppe der Gänse zuordnen.


Ein immer stärker werdendes Rauschen lässt schlagartig alle Gespräche verstummen. Der Blick der Gänse geht zum Himmel,  dem Rauschen entgegen. 100 Nonnengänse nähern sich dem Allwördener Außendeich von der Elbe her. Eben noch in klassischer Keilform wechseln die Gänse in fünf parallel fliegenden Keilen zu jeweils 20 Gänsen. Kurz vor der Tagungsstätte geschieht etwas Unfassbares. Nach kurzem Durcheinander kommt wieder Ordnung in das Chaos und die erstaunten KongressteilnehmerInnen können genau über ihren Köpfen für kurze Zeit den Schriftzug „WGT 2016“ lesen.
„Wildganstreffen 2016“, liest eine der Nilgänse mehr gehaucht als gesprochen und bringt damit deutlich ihre Anerkennung für die gelungene Formation zum Ausdruck.
Die Formation löst sich auf und der Gänsetrupp trennt sich in zwei Keile, die nach weiter Rechts- bzw.  Linkskurve Kollisionskurs fliegen. Die Keile verwandeln sich in Harpunen und kurz bevor sich die beiden Trupps über den Köpfen der begeisterten Zuschauer wieder begegnen wurden zwei Pfeile aus den fliegenden Gänseleibern, deren Spitzen sich innerhalb der nächsten Sekunden treffen müssen. Ja, sie müssen!  Anders kann es gar nicht sein!
Kaum eine Gans am Boden, der nicht der Atem stockt. Und dann eine noch nie gesehene Sensation:  Kurz vor dem unvermeidbar scheinenden Crash ziehen die Gänse steil nach oben, fliegen einen Looping leicht geschraubt, um sich dann zur Schlussformation zusammenzufinden.
Die meisten Gänse unten auf der Marschenweide hatten ihre Köpfe in Anbetracht des zu erwartenden Unglücks blitzschnell unter ihre Flügel geklemmt und trauten sich erst wieder hervor, nachdem sie das begeisterte Schwingenklatschen ihrer weniger ängstlichen Schwestern und Brüder vernahmen.
„Sie kommen zurück, sie kommen noch einmal“, ruft eine junge Graugans mit aufgeregter Stimme. „Sie fliegen eine Pyramide!“
Das kam aus dem Kreis der Nilgänse. Diese Figur war ihnen durch generationenlange Überlieferung über die Besonderheiten ihrer ursprünglichen Heimat Ägypten vertrauter als allen anderen hier versammelten Gänsen.
Eine Kanadagans regte später an, dass diese tollkühne Fliegertruppe im nächsten Jahr vielleicht einmal ein Ahornblatt wie in der kanadischen Flagge fliegen könnte.

Das hat es hier an der Unterelbe und auch sonst wo auf der Erde noch nie gegeben: 100 Nonnengänse fliegen in geringer Höhe eine Pyramide! Als wenn das noch nicht ausgereicht hätte, ließ die Nonnengansstaffel gerade in dem Moment, als das staunende Publikum über seinem Kopf genau in den Innenraum der Pyramide blickte, massenweise Gänseblümchen, Logo des ersten internationalen Gänsesymposiums, auf die KongressteilnehmerInnen herabregnen.
Was für ein Auftakt!
Riesenbeifall für die schwarzweißen „Teufelsflieger“ nach ihrer Landung.

Und nicht nur alle hier versammelten Gänsearten, die das westliche Europa kennt, waren zutiefst beeindruckt. Nur knapp 1500 Meter entfernt vom geschehen steht Johann von der Fecht mit dem Feldstecher auf dem Deich und will seine Rinder zählen. Plötzlich erweckt ein Trupp von mindestens 100 Nonnengänsen seine Aufmerksamkeit durch ein völlig unkonventionelles Flugverhalten. Was er durch sein Fernglas sieht, erinnert ihn sofort an exakt geflogene Formationen britischer Kampfjets. Aber, was er bislang nur aus dem Fernsehen kannte, kann er hier aus nächster Nähe betrachten und die Kampfjets hier über dem Allwördener Außendeich sind Nonnengänse.
Kaum dass das Spektakel vorüber ist, wischt von der Fecht sich über die Augen.
Hat er das wirklich eben gesehen?
Nonnengänse fliegen wie nach einer Choreografie Figuren?
Wie soll er das Gesehene seinen Freunden mitteilen?
Weder seinen Kegelbrüdern noch den Mitgliedern des Arbeitskreises Fraß Schäden auf Grün- und Ackerflächen ist das hier zu vermitteln, ohne dass er, bestimmt kein Gänsefreund, sich der Lächerlichkeit preisgeben würde.
Aber geschehen ist es eben gerade - vor seinen Augen.
Eine Pyramide aus Gänseleibern geformt und über die Außendeichsweiden fliegend.
Selbst Hintze, Ladewig und all die anderen bezahlten Gänsefreunde  würden derartige Schilderungen als eine weitere Provokation von ihm, dem hitzköpfigen Landwirt aus Freiburg, betrachten. Sein ernsthaft geführter Kampf um Anerkennung der Fraß Schäden  und Ausgleichszahlungen könnte Schaden nehmen.
Von der Fecht beobachtet, dass sich bei ihm trotz seiner Abneigung gegen die ihm sonst so verhassten Gänse ein gewisses Maß an Hochachtung  einstellt.


Nur drei Kilometer Luftlinie entfernt feiert der Tourismusverein Kehdingen seine Gänsetage bei Gänsekeule und Torte. Wem das nicht genügt, der besucht einen der Fachvorträge, in denen Experten so ziemlich alles aus dem Leben der Gänse berichten. Zumindest alles, was ihnen bekannt ist, und das ist schon  ganz schön viel.
Nur eines wissen sie zu dem Zeitpunkt noch nicht: Im Allwördener Außendeich tagt zeitgleich das erste internationale Gänsesympositum  und außer einigen hundert Gänsen unterschiedlicher Arten ist nur der Freiburger Landwirt Johann von der Fecht Zeuge, wie 100 Nonnengänse in einer Welturaufführung komplizierte Formationen fliegen. Ja, kompliziert, denn eine mehrdimensionale  Pyramide fliegen heißt schon erheblich mehr als eben nur den Standardkeil zu fliegen.
Schade für von der Fecht, dass er sich niemandem mitteilen kann. Nicht einmal seiner Frau, die ihn auch ohne Erzählungen vom Gänseformationsflug schon häufiger mal für etwas „spinnert“ erklärt.

Auf dem Kongressgelände haben die gastgebenden Graugänse soeben die Eröffnung mit einem kleinen Einleitungsreferat über die Tagungsinhalte und mögliche Ziele abgeschlossen.
Der Gastredner tritt an das Pult und bedankt sich mit seiner tiefen, sicheren Stimme und leicht osteuropäischem  Akzent für die Ehre, hier den Gastvortrag halten zu dürfen.
„Liebe Gänse aller Arten des westlichen Europas. Wir sind hier zusammengekommen dank der Initiative der beiden hiesigen Grauganskolonien. Dank an euch Schwestern und Brüder. Ich will mit meinem Vortrag, mit den Ergebnissen meiner Beobachtung der Menschen, der Natur und, liebe Zuhörerschaft, das soll hier nicht unter den Tisch fallen, auch einer sehr kritischen Selbstbetrachtung von uns, der großen Familie der Gänse, dazu beitragen, dass auch künftige Generationen mit der Gewissheit auf sichere Zugwege und sichere Brut- und Rastplätze leben können.  Lasst mich eine elementare Erkenntnis aus meinen Beobachtungen gleich an den Beginn meiner Ausführungen stellen: Ohne den Menschen keine Zukunft für die Gans!“
Mit Blick auf die gar nicht so kleine Gruppe junger und sehr erregter Nonnengänse fährt der Gänserich fort.
„Ich sehe euer Transparent, auch ich bin in jungen Jahren unter dem Slogan „Nur eine Erde ohne Menschen kann eine gute Erde sein!“ jährlich zwischen Irland und dem Eismeer hin und her geflogen. Aber glaubt mir liebe Freunde, glaubt einem erfahrenen Ganter, der sich viel Zeit zum Nachdenken genommen hat, das Leben einer Gans besteht aus mehr als den Farben Schwarz und Weiß. Da gibt es noch die vielen Grautöne und vergessen wir nicht die ganze Palette mit all den schönen bunten Farben, wie wir sie aus der Natur kennen. Hüten wir uns vor schnellen, oftmals zu wenig reflektierten Schlüssen.
Ja, ich kenne die Menschen, kaum einer von uns hat sich mehr mit ihnen befasst als ich. Und ich sage auch, dass es nicht wenige Schweine unter ihnen gibt (Beifall von den organisierten Junggänsen), die uns Gänse und andere Kreaturen ohne erkennbaren Sinn töten.
Menschen brechen Grünland um, das uns über Jahrhunderte die Nahrung geboten hat, die wir benötigen um unsere vom Flug geschwächten Körper wieder aufzupäppeln, Menschen verscheuchen uns von unseren Rastplätzen, was zu ständigem und völlig unnötigem Verlust von Fettreserven führt. Ich habe schon von Gänsen gehört, die sich unter diesen Umständen nicht mehr den Strapazen des Vogelzuges aussetzen wollen.
Ja, es gibt inzwischen schon Gänse, die hier nicht nur überwintern sondern auch ihre Jungen aufziehen. Und, liebe Nonnengänse, es sind schon lange nicht mehr nur die Graugänse, die sich ganzjährig in unseren klassischen Überwinterungsgebieten aufhalten.
Ich schweife ab.
Lasst mich von den unterschiedlichen Menschen berichten, mit denen wir es zu tun haben. Sie lassen sich ganz leicht in drei Gruppen klassifizieren. Da sind die, die uns mögen. Mit Abstand die größte Gruppe. Gefolgt sind sie von der Gruppe derer, denen wir völlig egal sind. Und dann ist da noch die relativ kleine Gruppe der Menschen, die uns überhaupt nicht mögen, uns vielleicht sogar hassen.“
Zustimmendes Geschnatter.
„Unsere größte Aufmerksamkeit sollten wir  der letztgenannten Gruppe widmen ohne dabei den Bezug zu den uns wohlgesonnenen Menschen aus dem Blick zu verlieren. Man möchte jetzt meinen, dass wir die Gruppe Menschen, der wir völlig egal sind, nicht weiter beachten müssen. Ja, sie sollen heute nicht im Focus der Betrachtung stehen. Nichts desto trotz müssen wir auch diese Gruppe sehr im Auge behalten. Schlagen sie sich nämlich auf die Seite einer der beiden anderen Gruppen, wird es, so oder so, gewaltige Konsequenzen für die Zukunft unserer Völker haben.
Einfache Gemüter mögen jetzt meinen, dass es ausreiche, sich nur mit unseren Feinden auseinanderzusetzen. Das ist zu kurz gedacht, wie ich gleich weiter ausführen werde.
Wir müssen unsere Freunde pflegen und, aufgepasst liebe Gänse, unsere Feinde auch!“
In der Zuhörerschaft macht sich Unruhe breit. Zwei Saatgänse überlegen allen Ernstes, ob sie sich derart irrige Thesen weiter zumuten oder lieber gleich auf das binnendeichs gelegene Weizenfeld fliegen sollen. Letztlich sind sie zu feige, alle Blicke auf sich zu ziehen und die Versammlung schon so kurz nach ihrem Beginn zu verlassen.
„Beruhigt euch wieder! Ich habe erwartet, dass ihr mit Unverständnis auf meine Worte reagieren würdet. Vielleicht gelingt es mir ja in meinem weiteren Vortrag, die Fragezeichen aus euren Blicken verschwinden zu lassen.“
„Reden kann er ja“, meinte die Nilgans, die noch vor nicht allzu langer Zeit dem Redner jegliche Kompetenz absprechen wollte.
„Wir müssen unsere Feinde dazu bringen, uns nicht mehr als ihre Feinde zu sehen. Das allein ist die Lösung, liebe Gänse!“
„Und wie, bitte schön, soll das gehen!?“ ruft eine der „Jungnonnis“ aufgeregt über die Köpfe aller anderen Gänse hinweg und erntet zustimmendes Geraune und Gezische aus der versammelten Gänseschaar.
„Die Frage habe ich natürlich erwartet und ich glaube, dass ich auch eine Antwort habe. Zurzeit haben die Gänsefreunde unter den Menschen die Mehrheit und das Sagen. Sie machen die Gesetze, die uns derzeit ein sorgenfreies Leben ermöglichen, wie es nicht einmal die letzten 10 oder sogar 20 Gänsegenerationen vor uns gekannt haben.
Damit das auch in der Zukunft noch so ist, müssen wir an zwei beteiligten Gruppen ansetzen: Bei den „guten“ Menschen und, nun haltet euch fest, bei uns, den Gänsen!“
Große Unruhe und Geschnatter unter den KongressteilnehmerInnen. So verwegene Theorien hat die Gansheit wohl noch nie vernommen.
Der wortgewandte,  erfahrene Ganter hat genau diese Situation kommen sehen. Er lässt seinem Auditorium noch etwas Zeit und nimmt einige Schlucke Grüppenwasser zu sich, bevor er sich wieder an das Publikum wendet.
„Beruhigt euch! Diskutieren können wir, wenn ich es euch erklärt habe.“
Eine wohlgeplante Pause gibt der aufgeregten Zuhörerschaft Gelegenheit wieder zur Ruhe zu kommen.
„Ich sage nur Vertragsnaturschutz. Die wenigsten von euch werden wissen, was das heißt. Ihr kennt aber alle die Flächen in Elbnähe: Hohes Gras, Brennesselnester und Diesteln ohne Ende.“
Zustimmendes Kopfnicken.
„Diese wunderschönen  „Gänseweiden“ sind von den „guten“ Menschen aufgekauft worden und dürfen irgendwann im Jahr von den anderen mit Vieh beschickt werden. Das geschieht angeblich zum Schutze der Wiesenbrüter. Erst wenn deren Brutzeit vorüber ist, darf dort gemäht werden. Bis zu dem Zeitpunkt stehen oft schon Brennesseln und Diesteln so hoch, dass  kein Vogel dort mehr brüten mag und auch wir uns dort aus Sicherheitsgründen nicht mehr wohl fühlen.
Was machen wir?
Wir weichen aus auf die Getreideflächen oder intensiv bewirtschafteten Grünländer der Bauern in Elbnähe!
Nun frage ich euch, wie würdet ihr reagieren, wenn ihr hier nach dem langen Flug aus arktischen Gebieten eintrefft und die Menschen hätten alles Gras totgespritzt oder umgepflügt?
Weit und breit nichts zu essen für uns.
Geht gar nicht würdet ihr sagen, wovon sollen wir denn leben?“

Aufgeregtes Geschnatter in der Gänseschaar.

„So, und nun stellt euch vor, wie es den Bauern hier geht, wenn sie morgens auf ihr Feld kommen und ihr Getreide oder manchmal auch Raps ist bis auf den Boden runter abgefressen.
Das, wovon sie leben wollen und müssen, wurde von uns vernichtet.
Können die noch mit freundschaftlichen Gefühlen an uns Gänse denken?
Sie können es nicht!
Es wundert mich nicht, wenn sie uns am liebsten mit der Flinte vom Himmel holen würden.“

„ Wir müssen doch auf die neuen Saaten, wenn das elbnahe Grünland aus sicherheitsrelevanten Gründen für uns nicht mehr in Frage kommt. Abgesehen vom Sicherheitsaspekt reichen die letzten geeigneten Flächen nicht hinten und vorne, um uns alle satt zu machen“, ruft eine reifere Nonnengans aus der Mitte des Publikums und erntet zustimmenden Beifall. „Und außerdem sollen die Bauern doch jetzt irgendwelche Ausgleichszahlungen für Fraßschäden bekommen. Sollen sich doch nicht so anstellen.“

Der Referent kennt die Gans, die da soeben gesprochen hat. Seit einigen Jahren gelingt es ihr mit ihren populistischen Äußerungen eine immer größer werdende Schaar von Gänsen um sich zu scharen.
„Deine Sprüche helfen uns nicht weiter. Es ist doch alles viel komplexer, als du es siehst. Ich weiß zufällig aus gewöhnlich außerordentlich gut informierten Kreisen der guten Menschen, dass die Fraßschaden Regulierung völlig unzureichend ist und zudem  durch Ungleichbehandlung betroffener Landwirte für Unfrieden sorgt.
Meine Lösung sieht anders aus. Wir müssen von unserer Seite ein Zeichen setzen.“
„Und wie soll das Zeichen aussehen“?  fragt eine Blessgans aus dem nördlichen Schweden mit leicht skandinavischem Akzent.
„Ich sage nur Selbstbeschränkung! Selbstbeschränkung in mehrfacher Hinsicht. Wir müssen von den Äckern fernbleiben.“
„Dann verhungern wir!“
„Nun lasst mich doch bitte einmal ausreden. Parallel  zu unserem selbstauferlegten „Ernteverbot“ müssen wir auf die für uns guten Menschen einwirken, dass sie die Flächen, die sie heute als Vertragsnaturschutzflächen  für fast alle Wiesenvögel und besonders auch für uns Gänse wieder in einen Zustand versetzen, der es den Wiesenvögeln erlaubt, dort sicher ihre Brut aufzuziehen. Ohne Disteln und Brennnesseln könnten auch wir Gänse dort angstfrei satt werden, ohne dass wir auf die Äcker müssen.
Ich höre schon, dass ihr befürchtet, dass wir von den Flächen allein nicht satt werden können. Die Befürchtung teile ich mit euch. Deshalb zu einer weiteren Selbstbeschränkung, die ich für unverzichtbar halte:
Geburtenkontrolle bei uns! Nicht mehr als ein bis zwei Eier pro Saison ausbrüten oder freiwillig jedes zweite Jahr  komplett auf Nachwuchs verzichten. Eier legen ja, brüten nein!“
Geschickt lässt er die Worte auf seine stumme Zuhörerschaft wirken um dann seine Gedanken weiter auszubreiten.





„Wir müssen Verhältnisse schaffen, mit denen alle leben können. Den Bauern hier müssen wir ihr Feindbild nehmen, unseren Freunden unter den Menschen müssen wir das Gefühl lassen, dass sie ihren wertvollen Beitrag zum Wohle der Natur leisten und wir, wir …“
„Wir sind die Looser in diesem Spiel! Wir müssen auf unser Recht uneingeschränkter Fortpflanzung verzichten“, schreit eine wütende Junggans (Nonnengans natürlich) vom linken Flügel.
Wohl durchdacht entgegnet der Referent dem Hitzkopf:
„Nun höre mir einmal gut zu, mein junger Freund. Wir wären nach meinem Vorschlag nicht die Looser, wie du es sagst, wir wären die Winner! Mit ein bisschen Familienplanung nur sorgen wir für gute Stimmung unter den Menschen und, das ist mir das Wichtigste, gute Stimmung zwischen den Menschen und uns. Wenn es uns gelingt, unseren Bestand auf die Hälfte zu reduzieren, hat das überhaupt keine Auswirkungen auf die Arterhaltung. Und, was hindert uns daran, die „Brutquote“ sofort heraufzusetzen, wenn sich bei uns eine Bestandsgefährdung abzeichnet? Nichts!“
Absolute Stille im Auditorium. Wäre jetzt eine Gänsedaune zu Boden geschwebt, man hätte ihren Aufprall auf dem Boden gehört – glaubt man zumindest in dieser Stille. Dann durchbricht die erste Gans, eine von den großen Kanadagänsen, die Stille.
„Genial, einfach genial! Das könnte das Modell  Zukunft sein, der Friedenspakt mit den Menschen für Generationen! Was für ein diplomatischer Schachzug!“


Damit endete das Schweigen im Außendeich. Kaum eine Gans kann noch an sich halten. Alle sind am Schnattern und diskutieren „Für“ und „Wider“ des Planes bis die Versammlungsleiterin um Ruhe bittet.
„Ruhe! Ruhe bitte. Es wurde mir soeben ein Antrag zur Abstimmung vorgelegt.“
Nachdem endlich Ruhe auf der Versammlungsstätte eingetreten war formuliert die Versammlungsleiterin den aus drei Teilen bestehenden Antrag.
·         Hinwirkung auf Änderung der Bewirtschaftungsauflagen für Vertragsnaturschutzflächen
·         ab sofort keine Äsung auf intensiv genutzten Acker- und Weideflächen
·         freiwillige Brutkontrolle
Mit stolzer Genugtuung nimmt der Gastreferent das soeben von der Wahlkommission vorgelegte Resultat zur Kenntnis. 72% der anwesenden Gänse haben seinen mit tiefster Überzeugung vorgetragenen Argumenten zugestimmt.  18% haben dagegen gestimmt – unter ihnen viele der jungen Delegierten. 10% haben sich der Stimmen enthalten oder hatten, wie 4 der Ringelgänse,  schlicht vergessen im richtigen Moment den Flügel zu erheben.
So endet das erste internationale  Wildganssympositum im Allwördener Außendeich mit einem kühnen, bis dahin nie für möglich gehaltenen Ergebnis.

Oktober 2021
Im Freiburger Kornspeicher richtet der Tourismusverein Kehdingen nun schon zum 2. Mal gemeinsam mit der Kehdinger Landwirtschaft die Wildganstage aus. Nachdem seit 2017 keine nennenswerten Fraßschäden von den Kehdinger Äckern gemeldet wurden, gelang es endlich, Gänsefreunde und ehemalige Gänsefeinde an einen Tisch zu bekommen.
Keiner wusste mehr so genau, wie es zu den flexiblen Bewirtschaftungsauflagen auf den Vertragsnaturschutzflächen gekommen war. Fakt ist jedenfalls, dass, seitdem früher gemäht und  früher mit dem Viehauftrieb begonnen wurde, die Gänse von den Äckern fort blieben. Mit der Rückkehr der Gänse auf die früher verschmähten Flächen beobachteten die Gänsefreunde unter den Menschen auch die Rückkehr der Wiesenbrüter auf die kurzgrasigen Weiden im ehemaligen Außendeich und im Deichvorland.
Sie stellten auch fest, dass die Gänsepopulation 2017 erschreckend abgenommen hatte um sich dann aber in den folgenden Jahren ungefähr auf der Hälfte des 2016 gezählten Bestandes einzupendeln.
Wildganstage 2021 gemeinsam mit den hiesigen Landwirten, wer hätte das vor einigen Jahren geglaubt?
Johann von der Fecht und zwei seiner Kollegen aus Balje sitzen mit Hintze und dem Landrat am Tisch bei Gänsekeule und Bier. Dass sie einmal sehr schwierige Zeiten miteinander hatten mag man heute nicht mehr glauben.

Am 2. November 2021 begegnet Johann von der Fecht Ladewig und Hintze auf dem Allwördener Deich nur wenige hundert Meter neben dem Vogelbeobachtungsturm. Ladewig hält einen Vogelring aus PVC in der Hand.
„Nonnengans, männlich, beringt 2012 auf Kamtschatka.“
Dann zeigt er auf die Überreste einer Nonnengans wenige Meter von ihnen entfernt.
„So ist es in der Natur. Wir haben ihn noch gesehen, den Seeadler, als er aufflog. Ungefähr eine Gans am Tag braucht er. Ganz schön alt geworden, der Ganter.“

Was sie nicht wussten: Der Ganter, der diesen Ring zu seinen Lebzeiten trug, war exakt der, der seinerzeit 2016 auf dem ersten internationalen Wildganssymposium im Allwördener Außendeich den spektakulären Vortrag mit dem Titel „Braucht die Gans den Menschen?“ gehalten hat.  Es war der, der damals in den langwierigen und harten Verhandlungen in Lüneburg und Hannover für einen Richtungswechsel im Umgang mit den Vertragsnaturschutzflächen in Kehdingen gesorgt hatte. In Gänsekreisen hat er sich mit seinem Auftritt auf dem ersten Wildganssympositum einen Namen für alle Zeiten geschaffen. Kaum eine Gans zwischen dem Eismeer und der Grünen Insel noch jenseits Großbritanniens, die nicht die Geschichte vom ersten internationalen Gänsesymposiums kannte. Es waren nicht wenige Gänse, die ihren Nachkommen voller Stolz berichten konnten, mit  diesem Ausnahme Ganter einmal ein Stück geflogen zu sein oder einen Rastplatz geteilt zu haben.
Nun, im hohen Alter, hat ihn während  seiner morgendlichen Dehnübungen am Fuße des Allwördener Deiches für wenige aber folgenschwere Sekunden der Instinkt, der ihn all die Jahre immer rechtzeitig vor Gefahren gewarnt hatte, verlassen.  Er hatte noch das Rauschen der Adlerschwingen gehört, als sich im nächsten Moment die messerscharfen Krallen des Greifvogels in seinen Rücken gruben.

So endete das Leben einer Nonnengans, die so viel Gutes für die gesamte Gansheit  bewirkt hat und für ein friedliches Auskommen mit der Menschheit gesorgt hat nur wenige hundert Meter entfernt von der Stätte, wo sie 2016 Geschichte schrieb.





Samstag, 1. Oktober 2016

Genosse in Not!


Ein Brief per E-Mail versandt am 17.09.2016 an den Parteivorsitzenden der SPD, Herrn Sigmar Gabriel, Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Herrn Stephan Weil, Ministerpräsidentin von NRW, Frau Hannelore Kraft, Landtagsabgeordnete Frau Petra Tiemann und  5 weitere SpitzenpolitikerInnen der SPD.

Anmerkung: Bis zum 3. Oktober 2016 gab es keine Antwort.  Nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Vielleicht ist es auch ein wenig zu viel verlangt. Und, nun mal ganz ehrlich: Ich habe eigentlich auch keine Antwort erwartet. Dennoch hat es mir irgendwie gut getan, denen „da oben“ mal kräftig die Leviten gelesen zu haben.

Liebe Genossinnen und Genossen,
ich bin die Partei, Genosse seit 1976. Bisher hat die SPD immer meine Stimmen, mein Engagement  und meine Beiträge bekommen. Nun bekommt sie einen Brief von mir. Ich schreibe nicht aus Langeweile, es ist die Sorge um unsere Partei mit ihrer ruhm- und segensreichen Geschichte.
Ich bin müde, mich ständig in der Öffentlichkeit dafür rechtfertigen zu müssen, dass meine Partei ihren Grundsätzen untreu ist. Ich bin müde zu antworten: „Du hast ja Recht, aber…“
 Es macht mich traurig und wütend, dass über die Jahre viele unserer kreativsten Genossinnen und Genossen der Partei den Rücken gekehrt haben. Ich bin nicht wütend auf die Abtrünnigen. Ich zürne meinen Parteiführungen, die diesen Menschen keine Heimat mehr geboten haben. Oft verspüre ich den Wunsch, ihnen zu folgen. Dann aber denke ich, dass ich mir meine politische Heimat mit ihren wunderbar formulierten und jahrzehntelang praktizierten Grundsätzen nicht von meiner leichtfertig agierenden Parteispitze nehmen lassen will.

Warum spürt ihr nicht, dass Parteimitglieder und Wahlvolk gradlinige Politik mit klaren Aussagen im Interesse besonders der abhängig Beschäftigten und Benachteiligten in unserem Staat suchen, wünschen, fordern?
Verhindert den Eindruck, gemeinsame Sache mit denen zu machen, die nur ihre eigenen Interessen und niemals die der von ihnen abhängigen Menschen und die unseres Gemeinwesens verfolgen!

Abkehr von sozialdemokratischer Politik zu Heilsverkündern unterschiedlichster Richtungen werdet ihr nur verhindern können, wenn ihr den Menschen das Gefühl gebt, sie und ihre Sorgen ernst zu nehmen, wenn ihr sie optimal über die politischen Zwänge informiert und sie viel, viel mehr in Entscheidungsprozesse einbezieht.
Weil es so aktuell ist und meine (und eure) SPD auf dem besten Weg ist, einen weiteren Riesenschritt in Richtung  politische Bedeutungslosigkeit zu gehen, muss ich TTIP und CETA ansprechen. Im Umgang mit diesen Abkommen wird derzeit eklatant gegen Informations- und Beteiligungsbedürfnisse der Partei- und sonstigen Öffentlichkeit verstoßen.  Völlig unnötig setzt die Parteispitze sich dem Vorwurf der Arroganz und Oberflächlichkeit aus.

Euch ist der Appell von unserem Genossen Hans-Georg Tillmann bekannt. Ich muss nicht daraus zitieren. Ich kann ihm in vieler Hinsicht sehr gut folgen.
Wenn ihr schon hinsichtlich der Zukunftsauswirkungen von TTIP und CETA anderer Meinung seid als tausende eurer WählerInnen und GenossInnen, warum erweckt ihr dann auch noch den Eindruck, schnell etwas durchwinken zu wollen, bevor der Druck aus Öffentlichkeit und Partei zu groß wird?
Derartiges Verhalten stinkt nach Unredlichkeit selbst, wenn es nicht an dem ist!

Das mögen weder wir Genossinnen und Genossen in den Ortsvereinen noch unsere WählerInnen.

Vertrauensbildend wäre, sofort den Zeitdruck aus den Entscheidungen herauszunehmen. Wir konnten bislang ohne TTIP und CETA leben und würden es auch noch 12 oder mehr weitere Monate können.  Dann nutzt die Zeit, alle Ängste und Sorgen der Bevölkerung gründlich auszuräumen. Und, wenn es euch nicht gelingt, die Argumente eurer KritikerInnen zu widerlegen, dann, verdammt noch mal, habt endlich mal den Mut, einen eigenen Weg zu denken und zu gehen.

Schiss vor Stimmenverlusten?

Braucht ihr nur zu haben, wenn ihr weiterhin den Eindruck vermittelt, fremdgesteuert, unkreativ und bürger- bzw. wählerfern zu agieren. Ja, dann werden uns weiterhin Stimmen verloren gehen und ich weiß nicht, wie lange ich noch dem Druck widerstehen kann, außerhalb der SPD sozialdemokratische Grundsätze zu vertreten und zu leben.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen, besinnt euch auf die Grundsätze unserer Partei . Macht nicht nur sozialdemokratische Politik , sondern agiert auf dem Weg dorthin auch sozialdemokratisch und nichts anderes!
Ich wünsche mir noch einen langen weiteren gemeinsamen Weg. Aber mit "Weiter so!" sehe ich schwarz für unsere Partei.
 
Jörg Petersen
OV Nordkehdingen
Unterbezirk  Stade

Warum kommst du erst so spät?


Es ist schon bald 22 Uhr und ich radle allein durch Neukölln im Herzen Berlins. Ich, das Landei aus Kehdingen, mit dem Fahrrad im Dunkeln durch engen Großstadtverkehr, in dem eigene Regeln gelten. Regeln, die ich jahrelang in der Schule vermittelt habe, haben hier keine Gültigkeit. Ich fahre die Wildenbruchstraße entlang über die Sonnenallee in Richtung Karl Marx Straße vorbei an den vielen kleinen Geschäften und Bars. Vor den Türen sitzen die Menschen, aus den Häusern schallt die Musik Anatoliens oder des Nahen Ostens. Ein Gerüchemix von Speisen aller Herren Länder wabbert über die Straße.
„Ein bisschen, wie im Urlaub“, geht es mir durch den Kopf, nur würde ich da niemals nachts mit dem Fahrrad durch die Straßen fahren. Und allein schon gar nicht.
Ich bin an der Karl Marx Straße. Jetzt sind es nur noch 300 Meter bis zur Passage „Oper von Neukölln“, in der sich das Kino befindet, in das ich will. Die Ampel zeigt rot. Radfahrer mit und ohne Licht fahren links und rechts an mir vorbei. Kurz bevor die Ampel  umspringt, viel zu spät aus Neuköllner Sicht, erliege ich dem Gruppenzwang und trete in die Pedale, kreuze die Fahrbahn und fahre auf dem Fußweg entgegen der Fahrtrichtung zur Passage.
Noch immer etwas erstaunt, dass ich ohne Beschimpfungen und Beinahcrashs die letzten 300 Meter hinter mich gebracht habe, schließe ich mein Fahrrad an einen der Stahlbügel an.
 Lenas Worte gehen mir durch den Kopf.
„Entweder es steht da noch, wenn du aus dem Kino kommst, oder es ist weg. Dein Schloss ist für die Fahrraddiebe hier kein echtes Hindernis. Deine einzige Chance ist, dass keiner scharf auf dein uncooles Rad ist.“
Ich freue mich ausnahmsweise einmal darüber etwas „Uncooles“ zu besitzen und verlasse mein Fahrrad mit dem innigen Wunsch, dass es nicht Begehrlichkeiten weckt bei  jemandem, der es cool findet, etwas Uncooles zu besitzen.

Im Innenhof der Passage sind alle Tische und Bänke vor der Kneipe „Hofperle“  besetzt. Hundert und mehr Stimmen erzeugen zwischen den schallreflektierenden Häuserwänden ein Geräusch, wie das Rauschen des Verkehrs an einer vielbefahrenen Straße. Ich ertappe mich dabei wie ich mich umdrehe, um nach den anderen zu schauen. Da ist aber niemand, weil ich mich allein auf den Weg gemacht hatte. Ich bin 20 Minuten zu früh, hatte den Weg von früheren Fußmärschen viel länger in Erinnerung. Ich gehe in das leere Foyer, das ich zwei Tage zuvor voller Menschen erlebt hatte, und steure den Ticketschalter an.
„Einmal „Ein ziemlich kleiner Freund“ und eine Cola bitte!“
„Macht 8 € und „Zwofuffzich“ für de Cola. Is Kino 3 die Treppe runter im Keller. In 10 Minuten könn´ se rein.“
Ich nehme meine „Fritzcola“ und begebe mich wieder in den Innenhof. Hier scheint es nur fröhliche Menschen zu geben, die den lauen Abend gemeinsam genießen. Ich komme mir mit meiner Cola in der Hand irgendwie deplatziert  und etwas ausgeschlossen vor. War vielleicht doch nicht so eine gute Idee alleine in die Nachtvorstellung zu gehen. Ich bewege mich aus der Passage raus und finde mich vor einem Laden eines Jobcenters wieder. Im Fenster hängen interessante Angebote, die ich ohne Brille mehr rate als dass ich sie lese.
Noch 15 Minuten bis zum Beginn der Vorstellung.
Ich bummle zurück vorbei an den vielen fröhlich schnatternden Menschen ins leere Foyer. Hier setze ich mich auf einen Platz mit Blick auf den Eingang und die Kasse. Hin und wieder verkauft der Mann noch ein Ticket.
Eine Vorstellung muss gerade zuende gegangen sein. Für kurze Zeit Gedränge an der Ausgangstür und dann herrscht wieder Stille. Die Stimme des Ticketverkäufers erschrickt mich.
„Se könn´ nun runterjehn.“
Ich bleibe noch. Lieber hier sitzen als im abgedunkelten Kinosaal.
22.12 Uhr, also 3 Minuten vor Beginn, betrete ich das Kino 3 im Keller. Es ist ein eher kleiner Saal, der noch nicht sehr gefüllt ist. Genau genommen sitzt da nur eine junge Frau, die ich vor einigen Minuten schon in Begleitung eines  Mannes am Kartenschalter gesehen hatte. Nun ist sie hier also alleine. Und er? In einem anderen Film?
Ich setze mich drei Reihen hinter sie und stelle fest, dass es nicht so einfach ist, sich für einen Platz zu entscheiden, wenn alles frei ist und niemand sich an der Entscheidung beteiligt. Ich wähle den vorletzten Platz meiner Reihe irgendwo in der Mitte des Saales.
Zwei Personen nur wollen diesen so gelobten Film sehen?
Ein Mann kommt rein, es ist der Partner der Frau vor mir. Und dann zwei Mädchen oder besser junge Frauen. Ihnen scheint es gut zu gehen. Sie plappern angeregt und lachen. Noch verstehe ich kein Wort. Sie lassen sich in der Reihe hinter mir in die Sitze fallen ohne ihren Redestrom zu unterbrechen. Ein Pärchen betritt den Raum. Nichts Ungewöhnliches an den beiden. Er  hat sein Käppi verkehrt herum aufgesetzt und beide gucken beim Gehen auf ihr Handy. Ich spüre ein Grinsen in meinem Gesicht während ich denke, dass sie sich wohl nicht auf der Jagd nach irgendwelchen virtuellen Monstern ins Kino verirrt haben. Sie bewältigen die Stufe im Gang, ohne zu stolpern. Vielleicht hilft ihnen gerade eine App auf dem Handy, die Stolperfallen rechtzeitig zu erkennen. Vielleicht vier Reihen hinter mir finden sie ihren Platz. Ein kurzer Blick über die Schulter und ich sehe, dass ihre Gesichter immer noch leicht von den Displays ihrer Handys erleuchtet sind.
„Ob sie wohl auch noch während des Filmes mit ihren Handys arbeiten?“
22.15 Uhr, es passiert etwas auf der Leinwand. Ich bringe meinen Körper in eine vermeintlich kinotaugliche Lage. Die Fritzcola in der halbgefüllten  Flasche nimmt langsam die Temperatur meiner Hand an.
Ich sitze mit sechs Personen in der Nachtvorstellung im Kino 3 in der Neuköllner Oper.
„ Mehr nicht?“ geht mir durch den Kopf.
Noch nicht ganz zuende gedacht, da huscht noch eine weitere Person in das Kino, verharrt etwas unentschlossen im Gang und entscheidet sich dann für einen Sitz eine Reihe vor mir. Sie sitzt nur zwei Plätze links von mir und ich kann gut ihr Gesicht erkennen, wenn helles Licht von der Leinwand reflektiert. Eine Afrikanerin, jung und allem Anschein nach allein.
Die Werbung läuft. Die Frau vorne Legt ihre Füße mit Schuhen auf die Vorderreihe, ihr Begleiter hat es sich schon auf ihrer Schulter gemütlich eingerichtet. Vom „Käppi“ und seiner Begleiterin höre und sehe ich nichts. Sie sind wahrscheinlich noch mit ihren Handys beschäftigt.
Die beiden Frauen hinter mir haben sich mit Essbarem aus Rascheltüten gemütlich eingerichtet, vier nackte Füße ruhen auf den Rückenlehnen meiner Nachbarsitze. Sie reden und ich ertappe mich beim Zuhören. Lauter belangloses Zeug über gemeinsame Bekannte, über ihre Mütter und so weiter. Immer begleitet von Gekicher und Lachen. Sind echt gut drauf die beiden.
Die Afrikanerin weiß, was sich gehört, ihre Füße sind ebenso wie meine auf dem Boden. Ihr Blick geradeaus auf die Leinwand gerichtet. Selbst als ein sehr witziger Vorspann des demnächst anlaufenden Filmes „Tschick“ lief, verzieht  sie keine Miene.
„Acht Personen in einem Großstadtkino. Was die wohl bewogen hat, in diesen Film zu gehen? Was sind das für Menschen?“
Wie ein Ohrwurm arbeitet es in mir. Warum bin ich gerade mit diesen 7 Menschen aus der Millionenstadt Berlin heute Abend hier im Kino?
Der Film beginnt und er ist nett, witzig – ausgesprochen unterhaltsam wie ich es erwartet hatte. Trotz eines harten Tages stellt sich bei mir kein Schlafbedürfnis ein wie beim Fernsehen auf dem heimischen Sofa.
„Es liegt am Film“, analysiere ich „und daran, dass ich mich alleine nachts auf den Weg gemacht habe und bestimmt auch daran, dass ich die ganze Zeit daran denken muss, warum die anderen hier sitzen.“
Die Afrikanerin lacht nicht, wenn wir anderen lachen. Sie verzieht nicht einmal das Gesicht. Ich ertappe mich dabei, dass bei jeder witzigen Passage mein Blick zu ihr geht. Es rührt sich nichts in ihrem Gesicht. Versteht sie vielleicht die Sprache nicht? Nein, dann geht man doch nicht ins Kino. Und alleine?
Ich ja auch.
Der Film geht etwas unerwartet zuende. Das passiert mir immer wieder mit dieser Art Filmen, sie könnten endlos weitergehen. Ich stehe als erster auf, weil ich ein Nachspannbanause bin. Kann die schnelle Schrift so schlecht lesen. Dann bleibe ich doch noch stehen und mir widerfährt etwas – mal wieder – als wäre ich ferngesteuert.
Das Kino wird hell und alle erheben sich. Da rufe ich in das Kino: „Alle bitte mal herhören. Ich lade euch alle auf ein Getränk in die Hofperle ein.“
Die wenigen Leute bleiben stehen. Sie sehen zu mir mit fragendem, leicht  amüsiertem Blick. Sie erwarten etwas von mir, ich muss erklären.
„Ich arbeite an einer Studie über die Motive von Kinobesuchern, also warum sie in Spätvorstellungen, äh.. und so.“
Der Innenhof ist leer. Weg ist das Stimmengewirr, nur ein Tisch der Hofperle ist besetzt. Fast alle sind mitgekommen. Das Handypärchen, das erste Paar, die jungen Frauen, schließlich soll es ja ein Gratisgetränk geben. Nur die Afrikanerin war weg. Aber nicht lange. Ich habe sie nicht kommen sehen, hörte plötzlich eine Stimme hinter mir.
„Was soll´s hab ik mir jedacht, ich bleibe noch, der Abend ist ohnehin jeloofen.“
Und dann steht sie da, die Stimme, neben mir und es ist die Afrikanerin, die eine waschechte Berlinerin ist. Wieder einmal bin ich Opfer eingefahrener  Denkmuster geworden.
Afrikanerin! Das mir das nun wieder passiert ist.
Während die Runde auf ihr Getränk wartet, ist es still. Selbst die beiden jungen Frauen sind etwas verunsichert, was hier eigentlich passiert. Es ist dann der mit dem Käppi, der das Schweigen bricht.
„Was für eine Untersuchung machst du da? Ist ja komisch, jeden Abend im Kino?“
Mir ist nicht mehr wohl, ich muss aus dieser Nummer raus.
„Also, das ist keine richtige Untersuchung.“
Und dann habe ich erzählt von meinen Gedanken im Kino und meiner Neugierde, was gerade uns acht hier am Tisch an diesem Abend im Kino zusammengeführt hat. Natürlich wollten wohl alle den Film sehen, aber was gibt es noch zu wissen und dass mir dann die Einladung so rausgerutscht ist und ich schon „Scheiße“ gedacht habe, als ich noch im Kino zu ihnen sprach.
Mit einem Mal reden alle, nein fast alle. Die Begleiterin des Käppis spielte weiter am Handy. Sie hat überhaupt nicht mitbekommen, was hier in den letzten Minuten passiert ist. Das Käppi selber hat das Handy griffbereit auf dem Tisch liegen. Ja und die Afrikanerin, die mit ziemlicher Sicherheit eine Deutsche ist, sagt auch nichts. Immerhin folgt sie den Gesprächen am Tisch.
„Also“, sagt die lockige Frau, die hinter mir gesessen hatte, „ich erzähl mal, wie wir zum Kino gekommen sind. Also meine Mutter glaubt nicht, dass ich Single bin oder sie will es nicht glauben. Sie gibt mir heute Nachmittag Geld für zwei Kinokarten für mich und „meinen nicht vorhandenen Freund“. Vermute mal, dass sie über den Umweg etwas über meinen Freund erfahren will.“
Sie und ihre Freundin lachen.
 „Und dann habe ich mich bedankt und habe Carla angerufen, ob sie mitkommt. Weil Carla noch einen Termin hatte, sind wir erst in die Spätvorstellung. So einfach ist das.“
„Das ist dann ja ein billiger Abend“, meint das Käppi, „und Getränke auch noch frei. Wir waren auf der Karl Marx unterwegs und da habe ich zu ihr gesagt – eij, kannst du mal das Handy weglegen- hab ich zu ihr gesagt lass uns mal gucken was in der Oper läuft. Evi hat den Film gegoogelt und dann sind wir eben rein.“
„Habt ihr denn etwas vom Film mitbekommen?“
Irritierte Blicke auch von Evi.
„Na ja, meine ja nur. Ihr habt doch immer mit euren Handys rumgemacht.“
„Ejh Alter, kannst nicht texten und filmgucken zur gleichen Zeit?“
„Kann vielleicht schon, will aber nicht.“
Ich habe das Gefühl, dass ich für Evi von einem anderen Stern bin. Die Nichtafrikanerin schaltet sich ein und meint, dass texten, lesen und Film ansehen doch nun echt kein Problem sei.
„Und“, fragt der Lockenkopf zum Paar, das noch nichts gesagt hat, „habt ihr ihm auch etwas zu erzählen?“
„Ich heiße übrigens Jörg, nur mal so eben.“
„Ich bin Alex und der, mein Freund, heißt Jussuf. Willst du erzählen, Jussuf oder soll ich?“
„Mach du man.“
„Wir kennen uns seit einer Woche und haben  heute Nachmittag rumgealbert, dass man doch erst hätte ins Kino gehen müssen bevor irgendetwas anderes läuft. Da hat Jussuf gesagt  dann können wir ja heute gehen, damit auch alles stimmt bei uns. Dann haben wir uns das Kinoprogramm von Neukölln genommen und diesen Film rausgesucht.“
„Und, hat euch der Film gefallen?“
Sie fanden ihn alle gut nur die Nichtafrikanerin sagte nichts.
„Wie hat dir denn der Film gefallen?“  frage ich sie.
„Ich heiße Conny. Ich fand den Film schon ganz schön. Es war aber irgendwie nicht mein Tag heute. Ich habe mich darüber geärgert, dass ich alleine im Kino saß. Das hatte ich mir anders gedacht. Mein Freund hat mich um Viertel nach zehn angerufen und meinte, dass er nicht von der Arbeit wegkönne. Ich stand unten und hatte schon zwei Karten. Ich wollte sie zurückgeben. Da hat der Typ gesagt, dass er nur eine zurücknimmt, ich sei ja schließlich da.
 Hab mich nur geärgert: Über meinen Freund, über den Typen an der Kasse und dann auch noch über mich. Ich hätte gar nicht rein gehen dürfen.“
„Ich habe dich beobachtet. Du hast nicht einmal gelacht und ich dachte schon, dass du kein Deutsch kannst.“ Und dann ein wenig leiser: “Dachte du wärest aus Afrika.“
Nun hat sie erstmals herzhaft gelacht.
„Ich bin Neuköllnerin, in der Fuldastraße aufgewachsen. Mein Vater war hier in Berlin stationiert und er wollte nicht zurück in die Staaten und meine Mutter ist zu ihm nach Berlin gekommen. Sie sind schon 29 Jahre deutsche Staatsbürger und ich besitze nur die deutsche Staatsbürgerschaft. In den USA habe ich noch Großeltern und viele Verwandte. Aber sei beruhigt, du bist nicht der einzige, der auf meine Hautfarbe hereingefallen ist. Der Gipfel war als ein Kontrolleur der BVG mich ansprach mit den Worten: Ich Kontrolleur du mir Fahrkarte zeigen. Nach dem ersten Erstaunen sagte ich in meinem besten Berlinerisch. Wat, du willst ´n Kontrolleur sein? Wo haste denn Deutsch jelernt? Kann ja kaum eener verstehen. Er ist weitergegangen ohne dass ich meine Karte zeigen musste. So etwas kann dir passieren als Deutsche mit der verkehrten Hautfarbe.“
Alle haben an ihren Lippen gehangen und nun, als sie schwieg, ist es ein oder zwei Sekunden still. Und dann fragt Carla: „Nun weißt ja alles über uns aber wir wissen nicht warum du so alleene unterwegs bist.“
„Das kann ich euch ganz schnell sagen. Meine Frau und ich besuchen unsere Tochter in Alttreptow. Ich hatte von diesem Film gehört und wollte ihn unbedingt sehen und die beiden hatten mich auch begleiten wollen. Heute waren wir auf Radtour in der Uckermark. 70 Kilometer sind wir gefahren und waren erst um 20 Uhr wieder zurück in Berlin. Die beiden Frauen wollten nicht mehr los, sie waren zu kaputt.  Ich hatte vorhin noch etwas auf dem Sofa geschlafen und fühlte mich ausgeruht genug, um die Vorstellung ohne einzuschlafen  überstehen zu können. Da bin ich dann einfach alleine los und mal ehrlich gesagt, es macht keinen Spaß alleine ins Kino zu gehen. Der Film war aber gut, hat mir sehr gefallen.“
„Besonders die Szenen, wie der große Hund sein Herrchen immer wieder umrannte“, warf Conni mit strahlendem Lachen, wie es ihr während der Vorstellung nicht ein einziges Mal gelungen war, in die Runde.
Nach dem zweiten Getränk kommt die Bedienung an den Tisch, um uns, den nunmehr letzten Gästen der Hofperle, mitzuteilen, dass  jetzt geschlossen würde. Der Lockenkopf schaut auf die Uhr und meint zu Carla: „Ist Zeit für uns, woll´n wir?“
Das war das Zeichen für den allgemeinen Aufbruch. In weniger als einer Minute löst sich unsere Gruppe auf. Die Menschen, mit denen ich die letzten 3 Stunden verbracht hatte, verschwinden wieder in die Anonymität, aus der sie gekommen waren.
Ich gehe durch die fast menschenleere Passage. Dort, wo vor drei Stunden noch dichtgedrängt ein Fahrrad neben dem anderen gestanden hat, steht nun nur noch eines und das ist, Gott sei Dank, meines.
Ich fahre zurück durch Neukölln. Die Stadt hat sich verändert: Die Geschäfte sind geschlossen und nur vor einigen Kneipen sitzen noch die letzten Nachtschwärmer. Der Verkehr ist fast zum Erliegen gekommen und ich fahre sämtliche Ampelfarben ignorierend aber mit vorzüglicher Beleuchtung durch die Stadt, als würde ich immer schon hier leben.

Am nächsten Morgen werde ich gefragt, wie der Film war und wann ich wieder zu Hause war. Erstaunte Blicke über den Frühstückstisch.
„Und warum bist du erst so spät gekommen?“
„Ich habe noch das ganze Kino nach der Vorstellung in die Hofperle eingeladen.“
„Kannst du vielleicht einmal ernst sein, bitte?!“
Und dann habe ich ihnen meine Geschichte erzählt vom Käppi und seiner Freundin, dem Lockenkopf und Carla, Jussuf , Alex und Connie der Afrikanerin, die eine Deutsche aus Neukölln ist.
Skeptische Blicke.
„Das hast du wirklich gemacht?“
„Hmm.“

Bestimmt bin ich der erste Kinobesucher in Neukölln, der nach dem Film alle Gäste einer Vorstellung zu einem Getränk eingeladen hat.