Samstag, 1. Oktober 2016

Genosse in Not!


Ein Brief per E-Mail versandt am 17.09.2016 an den Parteivorsitzenden der SPD, Herrn Sigmar Gabriel, Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Herrn Stephan Weil, Ministerpräsidentin von NRW, Frau Hannelore Kraft, Landtagsabgeordnete Frau Petra Tiemann und  5 weitere SpitzenpolitikerInnen der SPD.

Anmerkung: Bis zum 3. Oktober 2016 gab es keine Antwort.  Nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Vielleicht ist es auch ein wenig zu viel verlangt. Und, nun mal ganz ehrlich: Ich habe eigentlich auch keine Antwort erwartet. Dennoch hat es mir irgendwie gut getan, denen „da oben“ mal kräftig die Leviten gelesen zu haben.

Liebe Genossinnen und Genossen,
ich bin die Partei, Genosse seit 1976. Bisher hat die SPD immer meine Stimmen, mein Engagement  und meine Beiträge bekommen. Nun bekommt sie einen Brief von mir. Ich schreibe nicht aus Langeweile, es ist die Sorge um unsere Partei mit ihrer ruhm- und segensreichen Geschichte.
Ich bin müde, mich ständig in der Öffentlichkeit dafür rechtfertigen zu müssen, dass meine Partei ihren Grundsätzen untreu ist. Ich bin müde zu antworten: „Du hast ja Recht, aber…“
 Es macht mich traurig und wütend, dass über die Jahre viele unserer kreativsten Genossinnen und Genossen der Partei den Rücken gekehrt haben. Ich bin nicht wütend auf die Abtrünnigen. Ich zürne meinen Parteiführungen, die diesen Menschen keine Heimat mehr geboten haben. Oft verspüre ich den Wunsch, ihnen zu folgen. Dann aber denke ich, dass ich mir meine politische Heimat mit ihren wunderbar formulierten und jahrzehntelang praktizierten Grundsätzen nicht von meiner leichtfertig agierenden Parteispitze nehmen lassen will.

Warum spürt ihr nicht, dass Parteimitglieder und Wahlvolk gradlinige Politik mit klaren Aussagen im Interesse besonders der abhängig Beschäftigten und Benachteiligten in unserem Staat suchen, wünschen, fordern?
Verhindert den Eindruck, gemeinsame Sache mit denen zu machen, die nur ihre eigenen Interessen und niemals die der von ihnen abhängigen Menschen und die unseres Gemeinwesens verfolgen!

Abkehr von sozialdemokratischer Politik zu Heilsverkündern unterschiedlichster Richtungen werdet ihr nur verhindern können, wenn ihr den Menschen das Gefühl gebt, sie und ihre Sorgen ernst zu nehmen, wenn ihr sie optimal über die politischen Zwänge informiert und sie viel, viel mehr in Entscheidungsprozesse einbezieht.
Weil es so aktuell ist und meine (und eure) SPD auf dem besten Weg ist, einen weiteren Riesenschritt in Richtung  politische Bedeutungslosigkeit zu gehen, muss ich TTIP und CETA ansprechen. Im Umgang mit diesen Abkommen wird derzeit eklatant gegen Informations- und Beteiligungsbedürfnisse der Partei- und sonstigen Öffentlichkeit verstoßen.  Völlig unnötig setzt die Parteispitze sich dem Vorwurf der Arroganz und Oberflächlichkeit aus.

Euch ist der Appell von unserem Genossen Hans-Georg Tillmann bekannt. Ich muss nicht daraus zitieren. Ich kann ihm in vieler Hinsicht sehr gut folgen.
Wenn ihr schon hinsichtlich der Zukunftsauswirkungen von TTIP und CETA anderer Meinung seid als tausende eurer WählerInnen und GenossInnen, warum erweckt ihr dann auch noch den Eindruck, schnell etwas durchwinken zu wollen, bevor der Druck aus Öffentlichkeit und Partei zu groß wird?
Derartiges Verhalten stinkt nach Unredlichkeit selbst, wenn es nicht an dem ist!

Das mögen weder wir Genossinnen und Genossen in den Ortsvereinen noch unsere WählerInnen.

Vertrauensbildend wäre, sofort den Zeitdruck aus den Entscheidungen herauszunehmen. Wir konnten bislang ohne TTIP und CETA leben und würden es auch noch 12 oder mehr weitere Monate können.  Dann nutzt die Zeit, alle Ängste und Sorgen der Bevölkerung gründlich auszuräumen. Und, wenn es euch nicht gelingt, die Argumente eurer KritikerInnen zu widerlegen, dann, verdammt noch mal, habt endlich mal den Mut, einen eigenen Weg zu denken und zu gehen.

Schiss vor Stimmenverlusten?

Braucht ihr nur zu haben, wenn ihr weiterhin den Eindruck vermittelt, fremdgesteuert, unkreativ und bürger- bzw. wählerfern zu agieren. Ja, dann werden uns weiterhin Stimmen verloren gehen und ich weiß nicht, wie lange ich noch dem Druck widerstehen kann, außerhalb der SPD sozialdemokratische Grundsätze zu vertreten und zu leben.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen, besinnt euch auf die Grundsätze unserer Partei . Macht nicht nur sozialdemokratische Politik , sondern agiert auf dem Weg dorthin auch sozialdemokratisch und nichts anderes!
Ich wünsche mir noch einen langen weiteren gemeinsamen Weg. Aber mit "Weiter so!" sehe ich schwarz für unsere Partei.
 
Jörg Petersen
OV Nordkehdingen
Unterbezirk  Stade

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