Sonntag, 8. November 2015

Alles Öko oder was?



Auch schon mal ein bisschen schlechtes Gewissen gehabt, weil du genau weißt, was man eigentlich der Umwelt zuliebe nicht tun sollte, es aber dennoch gerade tust?
Mir passiert das schon häufiger. Licht im Raum angelassen, Heizung nicht abgedreht, Auto benutzt statt Fahrrad oder die Auffahrt mit Round Up bearbeitet. Gib mir etwas Zeit und es fallen mir noch viel, viel mehr Beispiele ein.
Ganz verunsichert bin ich immer in Gegenwart von den Menschen, die alles (fast) immer richtig machen. Sie haben kein oder kein eigenes Auto, bewegen sich mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV, kaufen nur Bio- oder Fair Trade Produkte. Sie tragen Wolle oder Baumwolle, haben Sonnenkollektoren für Stromerzeugung und Warmwasserproduktion auf den Dächern und die Wände ihres Hauses sind aus Lehmputz. Fast hätte ich es vergessen: Sie haben nicht nur die freundliche Atomsonne auf Fahrrad, Haustür oder Briefkasten. Aus ihren Steckdosen fließt ausschließlich der teurere Ökostrom! Philo hat versucht, es mir zu erklären. Trotz seiner gründlichen Bemühungen ist mir bis heute noch nicht ganz klar, wie man verhindert, dass nicht doch das eine oder andere Kilowattchen aus Brokdorf an der Unterelbe sich unter den grünen oder gelben Strom mischt. Treffen mit diesen, zugegeben meist sehr sympathische Zeitgenossen, strengen mich an. Ständig muss ich aufpassen, nichts Falsches zu tun, zu sagen. Immer eine halbwegs passable Erklärung im Ärmel haben, warum wir noch Auto fahren oder in vier Wochen trotz Mülltrennung immer noch 60 Liter im Restmüllbehälter haben. Über unsere Wanderung im Taurus Gebirge spreche ich nicht. Alle Erklärungen, warum wir in die Türkei geflogen sind, statt mit der Bahn in den Thüringer Wald zu fahren (Originalton Hedwig: „Ihr glaubt gar nicht, wie schön man vor der Haustür wandern kann!“), würden sofort mit unschlagbaren Ökoargumenten widerlegt.
Echt anstrengend, oder etwa nicht?
Vielleicht geht es ja nur mir so!
Aber, es gibt da noch die gemäßigten Ökos, die hart für eine lebenswertere Umwelt kämpfen und dabei nicht vergessen haben, gelegentlich über sich zu lachen und hin und wieder auch einmal den eigenen Grundsätzen untreu werden.
Tom und Drea zum Beispiel, aus Nürnberg. Die fliegen nach Kolumbien! Fahrrad, das sieht jeder ein, geht nicht: Atlantik! Und überhaupt, einfach zu weit. Mit dem Schiff? Sehr fragwürdig bei den fiesen Schwerölabgasen, die die Schiffsdiesel ungefiltert in die Luft abgeben. Außerdem haben auch Ökos nur so wenig Jahresurlaub, dass sie ihn nicht so gerne nur für die Fahrt mit dem Schiff nach Kolumbien und zurück verbrauchen. Ich kann auch verstehen, dass man mal etwas anderes als das Nördlinger Ries oder das fränkische Umland sehen will.
Also bei den beiden, bei Tom und Drea, kann man sich trotzdem wohlfühlen. Vielleicht, weil sie uns nicht immer durch die Blume zu verstehen geben, wo bei uns Entwicklungschancen bestehen, unsere ganz persönliche Ökobilanz zugunsten einer verbesserten Umwelt zu verändern.
Ja, wir sind wirklich gerne mit den beiden zusammen, wir kennen uns gut. Das heißt aber nicht, dass  eine Begegnung mit den beiden ohne Überraschungen abläuft.
Vor zwei, drei Jahren beispielsweise wurde mein Glaube an die ökologische Integrität der beiden heftig und noch dazu zu meinem ganz persönlichen Nachteil erschüttert.
Obwohl wir eigentlich alle vier, also Ulla, Drea, Tom und ich schon längst aus dem Alter heraus sind, in dem man bis „in die Puppen“ im Bett bleibt, bin ich der einzige, für den die Nacht je nach Abendprogramm meist bei 6 oder 7 Uhr morgens zuende ist.
Was tun in der fremden Wohnung?
Erst einmal umdrehen, zur Decke gucken, nachdenken,… Irgendwann wird es mir zu bunt. Leise schleiche ich zum Bad. Komme zurück. Sie schlafen immer noch alle. Ich beschließe Brötchen zu holen, vielleicht lebt die Wohnung, wenn ich zurückkomme.
In der Nebenstraße gibt es einen Bäcker. Es ist kein Biobäcker und es gibt keine Werbung für Dinkel-, Emmerbrote oder andere Produkte irgendwelcher Getreidesorten, deren Nutzung durch die Menschheit bis in die Jungsteinzeit zurückgeht. Schon beim Eintreten sehe ich eine bemerkenswerte Vielfalt von Körnerbrötchen. Brötchen, die das Herz eines jeden Körnerfreundes und Ökojunkies höher schlagen lassen müssen!
Denke ich!
Es gelingt mir relativ leicht, eine Mischung zusammenzustellen, für die ich mich nicht am Frühstückstisch schämen muss. Als dann die Frage der jungen Bäckereifachverkäuferin, wegen heftigen fränkischen Dialektes noch einmal in einem Hochdeutschverschnitt wiederholt gestellt wird, ob es denn noch etwas sein dürfe, werde ich weich. Für mich kaufe ich zwei schöne, helle Brötchen, die hier aber ganz anders heißen; mir aber trotzdem viel besser schmecken als die vielen Vollwert- und Körnerbrötchen.
Und wenn sie über mich herfallen, ich werde zu meinem Einkauf stehen: Zähne zusammen und durch!
Ach ja, das ist noch nicht alles. Schnell noch ein Pfund Jacobs Krönung kaufen. Bei denen gibt es nämlich keinen echten Kaffee, der sich filtern lässt. Sie brühen sich immer nur kleine Tässchen mit elendig schwarzem, dickem Kaffee, der dann mit viel heißer Milch gestreckt wird. Die Tüte, aus der der Kaffee kommt, hat keinen Markennamen. Ist wahrscheinlich eine Fair Trade Abfüllung vom Ebi, dem Bio Supermarkt um die Ecke.
Nix für mich, also nichts für ein 100%iges Frühstück. Ich habe in der Küche einen Filtertrichter und Filterpapier gesehen. Das gibt keinen Ärger, das können sie ab, die beiden. Sind ja tolerant fast ebenso, wie umweltbewusst.
Zurück in der Wohnung, inzwischen scheint schon die Sonne über die gegenüberliegenden Häuser in die Zimmer, finde ich immer noch niemanden vor. Also beschließe ich das Wagnis, ein Frühstück in einer fremden Wohnung vorzubereiten. Wenn mein Agieren nicht immer ganz geräuscharm ablief, war das durchaus beabsichtigt. Kaum, dass die Krönung in wohlduftenden Kaffee verwandelt ist, geht die Tür zu Dreas Zimmer auf. Noch etwas verschlafen setzt sie sich an den Tisch und schenkt sich, oh Wunder, vom Filterkaffee ein.
„Oh, frische Brötchen gibt es auch schon!“
Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Sie greift in den Brötchenkorb und nimmt eines von meinen hellen Brötchen aus dem Korb. Keine vorwurfsvolle Predigt! Sie schneidet das Brötchen auf, bestreicht die Hälften mit Butter und Marmelade und beißt genussvoll in das „ungesunde“ Weißmehlbrötchen.
Ich hätte mein Gesicht sehen mögen. Was geht hier ab. Bevor ich endgültig realisiere, was hier gerade passiert, öffnet sich die Tür, Tom kommt rein.
„Tomorrow („morgen“, Frankenenglisch, von Tom fälschlicherweise immer wieder gerne im Sinne von „Moin, Moin“ oder „Guten Morgen“ verwendet)! Oh, leckere Semmeln!“
Er greift in den Korb und mein zweites helles Brötchen landet auf Toms Teller.
Etwas fassungslos muss ich zur Kenntnis nehmen, dass ich heute Körnerbrötchen essen muss. Wer hätte das gedacht? Keine weißen Brötchen! Dafür aber hat der Ökoschein, der bis heute Drea und Toms Häupter umgab, spürbar an Glanz verloren.
Aber, wir sind uns noch einmal deutlich näher gekommen.
Alles Öko, oder was??!!!

Ein schöner Tag


Der Juli hatte gerade angefangen und mit ihm auch endlich der Sommer. Der Morgen war noch sehr frisch und es zeichnete sich trotzdem schon ein sehr schöner Tag ab.
Ich stehe auf dem kleinen Balkon, genieße die erste Wärme der Sonne und lasse meinen Blick über die Nachbargärten bis hin zum Bodden schweifen. Die Tochter des Nachbarn mit der Trompete ist vor zwei Tagen angereist. Zu sehen ist von ihr um diese Zeit noch nichts. Dafür ist sie einfach noch zu jung. Die anderen Nachbarn, die Rostocker, sind zwar viel älter aber auch für sie ist es noch zu früh. Sie werden vielleicht in einer Stunde in ihren roten bzw. hellblauen Bademänteln durch die morgentaunassen Wiesen an den Bodden zum täglichen Morgenbad spazieren.
Von fern über den Bodden schallt das Motorengeräusch eines Außenborders. Der Fischer kommt  zurück von seinen Stellnetzen und Reusen. Die Schwalben sind schon auf Insektenjagd und von der Boddenwiese höre ich das heisere Gebrüll einer Wasserbüffelkuh, die, kaum, dass sie ihr Kalb zur Welt gebracht hat, dem Bullen in der Herde Zeichen gibt, dass sie bereit ist, es mit einem weiteren Kälbchen für den Biofleischladen auf dem Gut Darss zu versuchen.
Ich blicke zum Kirschbaum, der im Winkel der Garagen des Trompeters und der Rostocker zu einem stattlichen, bereits mehrere Meter hohen Baum herangewachsen ist. Die ersten Früchte beginnen sich rot zu färben. Auf einem Zwetschgenbaum, gleich nebenan,  landen nacheinander zwei Stare. Sie scheinen ein Paar zu sein.  Ohne Mühe gelingt es ihnen auf dem für sie fast zu dünnen, heftig schwingenden Zweig das Gleichgewicht zu halten.
Was für ein schöner Morgen!
 Die beiden Vögel scheinen meine Meinung zu teilen, sie beginnen lebhaft miteinander zu kommunizieren. Ich beobachte sie und stelle fest, dass sie sich immer wieder die Köpfe während ihres Dialoges zuwenden.
Habe ich das soeben richtig gehört?
War da nicht immer wieder das Wort Kirschbaum oder Kirsche herauszuhören?
Das Kann nicht sein!
Schon, dass Tiere miteinander kommunizieren; aber nicht in einer, nicht in meiner Sprache.
Und doch! Je aufmerksamer ich den Vögeln zuhöre, desto mehr Worte beginne ich zu verstehen. Von der Sprachmelodie her klingt es ein bisschen so, wie sich die Frauen Siebenbürgens anhören, wenn sie sich in ihrem Heimatdialekt unterhalten.
Das gibt es doch nicht!
Immer mehr verstehe ich von dem Gespräch der beiden Vögel.
„Ich fliege jetzt rüber, …. probieren.“
„Das machst du nicht! Noch nicht!“
„Warum nicht?“
„Warte, ob sie auch in diesem Jahr wieder den Baum schmücken, dann ist es doch viel schöner.“
„Ja, Recht hast du.“

Ich muss es Ulla erzählen.
Oder doch lieber nicht?
Sie wird wahrscheinlich einmal mehr den Kopf schütteln, vielleicht „Spinner“ murmeln und meine Mithilfe beim Vorbereiten des Frühstückes einfordern.
Ich behalte mein Wissen für mich!

Inzwischen sind zwei Stunden vergangen. Hinter mir liegen unser morgendliches Bad im Bodden und ein schönes Frühstück auf dem kleinen Balkon mit Bodden- und Gartenblick. Die Sonne steht höher und gibt schon einen kleinen Vorgeschmack auf die zu erwartende Hitze. Mit dem Kaffeepott in der Hand lehne ich mich aufs Geländer des Balkons und blicke auf den Kirschbaum der Rostocker.
Ach nein, die beiden Stare sind wieder da. Auch sie haben Kirschbaum und Garten der Rostocker im Blick. Es tut sich etwas dort unten im Garten.
Der Rostocker legt eine Leiter ins Gras und ich höre sie, die Rostockerin, sagen:
„Wenn wir jetzt nichts machen, werden wir keine Kirsche am Baum behalten.“
„Du siehst doch, dass ich alles vorbereite.“
Von rechts höre ich die verhaltene Stimme des Starenweibchens sagen:
„Er hat die Leiter geholt. Ich glaube, dass er heute noch mit dem Schmücken beginnen wird.“
„Kann schon sein“, antwortet das Männchen.
Es wirkt etwas unruhig, als wollte es am liebsten schon einmal einen kleinen Ausflug zum Kirschbaum machen.

Der Rostocker zerschneidet eine Rettungsfolie in Streifen. Auf der einen Seite sind die Streifen silbern auf der anderen goldfarben. Einen nach dem anderen hängt er sie in den Kirschbaum. Seine Frau gibt gelegentlich Anweisungen.
„Weiter rechts“ oder „höher Helmut! Gut so!“
Dann ist es so weit, das Werk ist vollbracht. Sichtlich glücklich und zufrieden steht das Paar vor dem Baum mit den im Wind raschelnden Alufolienstreifen und seinen kurz vor der Reife stehenden Früchten. Ein schöner Tag – auch für die Rostocker.
Erst der Blick aus dem Fenster: Strahlender Sonnenschein! Dann das Boddenbad und anschließendes Frühstück im Garten. Nun ist auch schon der Kirschbaum vorbereitet. Es ist Zeit, für eine weitere Tasse Kaffee und die Ostseezeitung. Freude bei jedem Blick in den Garten, besonders beim Anblick de Kirschbaumes.
Ja, es ist ein schöner Tag!

Freude auch beim Starenpärchen.
Kaum, dass sich die Rostocker auf ihre Gartenstühle zurückgezogen haben, gibt das Starenweibchen den geschmückten Baum frei.
„Wir können jetzt. Mir kommt er bald schöner vor, als im vergangenen Jahr.“
Die letzten Worte hört das Männchen nicht mehr, weil es die Anspannung nicht länger ertragend schon zum Kirschbaum gestartet ist. Das Weibchen folgte ihm und beide eröffnen die Kirschsaison 2015. Genussvoll verschwinden die halbreifen Früchte in den Vogelmägen.
„Warum die Menschen mit dem Kirschessen immer erst beginnen, wenn die Früchte kurz vor dem Verderben sind?“ denkt die Starenfrau als sie ihre achte oder neunte Kirsche anpickt.
Ein paar Minuten kann ich das Männchen nicht mehr sehen. Kurze Zeit später das Fluggeräusch eines kleinen Starenschwarmes, der sich aufgeregt schnatternd im Zwetschgenbaum niederlässt. Dann die vertraute Stimme, die, die nach den Frauen Siebenbürgens klingt:
„Seht nur, wie schön sie ihn geschmückt haben. Hab´ ich euch zu viel versprochen? Fliegt bitte von hier hinten in den Baum. Wir wollen die beiden netten Menschen nicht stören, nun, wo sie sich nach getaner Arbeit auf ihren Gartenmöbeln erholen.“
Etwa fünfzehn bis zwanzig Stare fallen in den Baum ein und beginnen mit der Kirschenernte.
Was für ein schöner Tag - auch für die Vögel!

Und, wie sieht es bei mir aus?
Dass der Tag auch für mich einen schönen Anfang hatte, habe ich ja bereits anfangs beschrieben. Nun aber noch diese Steigerung: Das unbeschreibliche Erlebnis, die Stare verstehen zu können! Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich werde gleich noch einmal auf den Balkon gehen und prüfen, ob es nicht doch nur Einbildung war.
Ob sie mich wohl auch verstehen?
Ich werde es ausprobieren.

Na bitte, geiht doch!



Vor unserer Auffahrt endet die Straße für Autos. Radfahrer, Fußgänger und bisweilen motorgetriebene Zweiräder können aber einen Fußweg entlang unserer Grundstücksgrenze bis zum Fischteich nutzen. Das ist eigentlich noch gar nicht schlimm. Schlimm ist im Prinzip auch nicht, dass statt eines Zaunes eine dichte Feldahornhecke die Grundstücksgrenze bildet. Schlimm ist eigentlich nur, dass diese Hecke die Eigenschaft besitzt sich in kürzester Zeit in Richtung Himmel und Gehweg auszudehnen. Ach, was sag ich. Richtig schlimm ist das eigentlich auch nicht. Schlimm, also richtig schlimm ist nur, dass diese Hecke mindestens zweimal im Jahr geschnitten werden muss. Schlimmer als das Schneiden selber ist dann immer die Zeit, bis sie dann endlich geschnitten wird. Schon beim Frühstück fängt es an.
„Die Hecke müsste mal geschnitten werden.“
„Ja“!
„Wann glaubst du, dass du Hecke schneiden kannst?“
Pause
„Vielleicht am Freitag.“
„Freitag soll das Wetter wieder schlechter werden.“
„Mal seh´n.“

Zweimal wird bei uns geschnitten. Das erste Mal  vor Schützenfest. Irgendwie ist der Zeitpunkt von mir voll akzeptiert und bislang hat es spätestens bis zum Freitag vor dem Schützenfest  immer geklappt. Zum Scherz habe ich zu den Nachbarn gesagt, dass ich mir ja nichts nachsagen lassen will, falls einer aus der Straße Schützenkönig wird.
Eigentlich unwahrscheinlich, wir haben nur zwei Schützen in der Straße, von denen einer nie auf die Scheibe schießt, weil er nicht König werden will und der andere entweder zu schlecht schießt oder auch nicht Schützenkönig werden will. Also könnte ich mir den Termindruck beim Heckeschneiden getrost schenken.
So einfach ist das aber nun auch wieder nicht. Ganz tief in meinem Innern scheint doch irgendwie die Sorge zu sitzen: „Und, wenn nun doch einer der beiden König wird? Wie sieht das denn aus, wenn bei uns die Hecke nicht geschnitten ist?“  
Erklären kann ich mir diesen Druck eigentlich nicht. Über dreißig Jahre wohnen wir nun schon hier und die Hecke hat höchstens mal einen versprengten Schützen auf dem Heimweg vom Schützenfrühstück oder  Festplatz gesehen. Und die waren meist in einem Zustand, dass sie wohl einiges auch schon mal doppelt gesehen haben aber bestimmt nie wahrgenommen hätten, dass unsere Hecke hätte geschnitten sein müssen.
Den Schützenumzug hat unsere Straße nur direkt an ihrer Einmündung zur Feldstraße gesehen. So gesehen würde es eigentlich auch ausreichen, wenn die beiden Eckgrundstücke geschnittene Hecken hätten.
Also vor Schützenfest genügten meist zwei oder drei  mit steigender Intensität vorgetragene Mahnungen, bis ich dann zur Schere greife. Weniger wohl, weil ich von der Notwendigkeit des Heckenschnitts gerade zu diesem Zeitpunkt überzeugt bin. Eher, weil ich meine Ruhe haben möchte.

Oder doch vielleicht das Schützenfest?

Etwas anders verhält sich die Sachlage zum zweiten Schnitt, meist gegen Ende August oder Anfang  September. Ab Mitte August geht es los.
„Die Hecke müsste geschnitten werden.“
„Hmm.“
„Und wann glaubst du darangehen zu können?“
„Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter mitspielt.“
In Jahren, wie diesem, spielt das Wetter nie mit. Und, wenn es dann mal trocken ist, steht ein anderer wichtiger Termin an.
Völlig stressfrei sind Morgen, an denen es in Strömen gießt.  Der Haussegen gerät nicht in Gefahr. Heckenschnitt  wird bei diesem Sauwetter von niemandem erwartet.
Mit jedem Tag, der verstreicht wächst die Hecke und der Durchgang zwischen meinem Nachbarn und mir wird deutlich schmaler. Mit der Hecke wächst von Tag zu Tag bei mir die Einsicht, dass die Hecke nun wirklich mal geschnitten werden müsste.
Nur in diesem Jahr wollte es einfach nicht klappen. Inzwischen waren wir uns beim Frühstück schon einig, dass nun bald etwas mit der Hecke passieren müsse.

In dieser Phase bekam ich unerwartete Hilfe von Erwin Kleinschmidt. Kleinschmidt, ein entfernter Nachbar aus der Siedlung, nutzt den Gehweg entlang der Hecke regelmäßig mit dem Fahrrad, um Nachschub für seine Giftspritze oder „Moosfrei „ und Ähnliches vom Raiffeisen Markt zu holen. Nachschub wird immer gebraucht. Bei Kleinschmidt findest du nicht ein Kraut, das da wächst, wo es nicht wachsen soll.  Man gewinnt den Eindruck, dass Kleinschmidts gesamter Lebensinhalt aus nichts anderem besteht, als zum Raiffeisen Markt zu radeln, dann zurück, die Mittelchen verbrauchen und wieder rauf aufs Rad.
Ab Mitte August fing Kleinschmidt in diesem Jahr an, mit uns durch unsere Hecke zu kommunizieren. Wir sahen ihn nicht, er sah uns nicht, konnte nicht einmal sehen, ob wir draußen waren und ihn überhaupt hören konnten.
„Muss mal was passier´n, hier!“
Ich erkenne Kleinschmidts Stimme. Mit wem er wohl redet?
Auf dem Rückweg vom Markt höre ich ihn wieder.
„Bös eng hier!“
Ich gehe zur Auffahrt, um zu sehen, mit wem er spricht. Kleinschmidt radelt vorbei.
„Guten Tag, Herr Kleinschmidt.“
„Tag!“
Es passt nicht zu dem Bild, das er von mir hat. Er möchte nicht wahrhaben, dass ich nett zu ihm bin.
Ich stehe auf der Straße und kann den ganzen Fußweg bis zum Teich einsehen.
Niemand ist zu sehen.

Ich verstehe, Kleinschmidt hat zu uns gesprochen. Sozusagen durch die Blume, wenn auch in diesem Fall die Blume eine Hecke ist.
Kleinschmidts Bedarf an Krautvernichtern scheint  gewaltig.
Vielleicht tue ich ihm auch Unrecht und er radelt zwischendurch auch einmal anderswohin.
 Aber eines ist sicher: Witterungsbedingt hat er das gleiche Zeitfenster zum Radeln wie wir fürs  Kaffeepäuschen auf der Terrasse.
Fast täglich spricht Kleinschmidt mit uns durch die Hecke.
„Unmöglich, unmöglich!“
„Lehrer und dann noch nicht einmal Hecke schneiden!“
Wir nehmen seine Botschaften an und freuen uns über seine Kreativität.
„Ne, wat´n Schludderkroom!“
Hier ist Kleinschmidt zu weit gegangen!
Bis jetzt hat meine Frau ihm vielleicht noch insgeheim zugestimmt. Aber „Schludderkroom“ das geht nun wirklich zu weit. Schließlich konnten wir die Hecke nicht schneiden – wegen des Wetters und, weil wir ja auch noch etwas  anderes zu tun haben.
„Der spinnt wohl, Kleinschmidt! Die Giftspritze, wann wir die Hecke schneiden bestimmen immer noch wir und nicht Kleinschmidt!“
„Oh, das kam aber so richtig von Herzen, meine Ulla“, ging es mir durch den Kopf. „Danke Herr Kleinschmidt, danke. Das tut so richtig gut. Sie haben uns in Sachen Gartenhecke wieder auf einen Nenner gebracht. Machen Sie weiter so, das tut unserer Beziehung gut!“ 
So oder ähnlich würde ich es ihm auch gerne durch die Hecke zurufen, bin aber ehrlich gesagt zu feige, es zu tun.
Und dann, Mitte September, die Sonne scheint auf den Frühstückstisch, der Terminkalender hat keine Eintragungen und „er“ [1] hat bis Mittag Trockenheit vorhergesagt. Vielleicht noch eine weitere Tasse Kaffee und dann gibt es keine Entschuldigung mehr. Rein in die Arbeitsklamotten und ran an die Hecke!

Eigentlich war es dann gar nicht so schlimm. Zu zweit haben wir die Arbeit bis Mittag geschafft. Das Geschirr ist wieder im Schuppen und „er“ hat, was in den letzten Jahren wirklich selten ist, für heute Unrecht gehabt. Es ist schon deutlich über Mittag und immer noch scheint die Sonne. Zufrieden mit unserer Leistung sitzen wir mit dem  Kaffeebecher in der Hand auf der Terrasse.
Ist es schön in der Sonne bei geschlossenen Augen zu dösen!

„Na bitte, geiht doch!“
Ich öffne die Augen und sehe über die Oberkante unserer akkurat geschnittenen Hecke eine Prinz Heinrich Mütze in Richtung Fischteich gleiten.

Ja, so ist sie, die Welt der Kleinschmidts. Nur, wenn sie den Leuten nicht immer wieder die Meinung sagen, passiert auch etwas.

Seit dem Tag ist es still geworden jenseits unserer Hecke. Kleinschmidt radelt nicht weniger: Unkraut kennt keinen Urlaub! 
Am Frühstückstisch ist es auch stiller geworden. Zumindest was die Hecke betrifft.
Die Welt ist wieder in Ordnung. Für Kleinschmidt und auch für uns.  Es könnte alles so schön sein, wenn, wenn …
Also, jedes Mal, wenn Kleinschmidts Prinz Heinrich Mütze wie von Geisterhand bewegt an unserem Grundstück vorüberschwebt, will ich ihr hinterherrufen, dass wir die Hecke auch ohne seine Stänkereien geschnitten hätten. Was bildet sich der Kleinschmidt eigentlich ein.

An vier aufeinanderfolgenden Tagen fahre ich mit dem Fahrrad an Erwin Kleinschmidts Vorgarten vorbei. Ein einsames Gänseblümchen steht auf dem Rasen. Bei uns wäre es zwischen hunderten anderer Gänseblümchen gar nicht aufgefallen. Aber hier!
„Schludderkoom!“ denke ich am dritten Tag und schmunzle  in mich hinein.
Am vierten Tag ist es weg, das Gänseblümchen. Erwin Kleinschmidt wird es entdeckt und ausgestochen haben.
„Na bitte, geiht doch!“ geht mir durch den Kopf.
Erschreckt stoppe ich meine Gedanken. Geht natürlich gar nicht, Erwin Kleinschmidt. Nicht mit mir!




[1] „er“ meint nach lokalem Sprachgebrauch nichts anderes als „Kachelmann“ , irgendein anderer Metreologe oder weniger personifiziert „der Wetterbericht“. Diese Fußnote nur für diejenigen, die sich mit den wunderschönen Feinheiten der norddeutschen Ausdrucksformen nicht so gut auskennen.

Freitag, 24. Juli 2015

Lass uns reden, Anton!


Anton ist mit meinem Leben in Freiburg verbunden, wie die Schule, das Lebensmittelgeschäft oder die PostzustellerInnen, die über all die Jahre mit mir älter geworden sind. Anton bin ich in meinen allerersten Jahren in Freiburg begegnet. Ich wohnte damals noch im ehemaligen Überlandwerk, dort, wo sich heute ein Teil des Gartens vom DRK Pflegeheim befindet. Anton klingelte und stellte sich vor: „Guten Tag, Anton, der Scherenschleifer. Schleife alles, Scheren, Messer und Gartengeräte. Haben Sie etwas für mich?“

Auf Anhieb fiel mir nichts ein. Irgendwie fühlte ich mich etwas überrumpelt. Aber ich bat ihn, zu warten, bis ich meine Küchenmesser durchgesehen hätte. Tatsächlich gab es zwei Kartoffelschäler und ein Brotmesser, die ich ihm überlassen konnte. Anton fuhr rückwärts die Auffahrt hoch, öffnete die Kofferraumklappe, nahm eine Kabeltrommel in die Hand und hielt nach einer Steckdose Ausschau.

„Geben Sie her, ich habe hier im Flur eine Steckdose.“

Gleich, nachdem die Stromverbindung hergestellt war, surrte der Elektromotor im Kofferraum des Autos los. Mit leichtem Sirren zog Anton die Klingen über den Schleifstein. Nach zwei oder drei Minuten überreicht er mir die Messer.

„Einsfuffzich, wenn´s  geht passend.“

Von nun an kam Anton jedes Jahr ein oder zwei Mal. Eine Eigenheit von ihm war, dass er nach dem Klingeln immer ein paar Schritte von der Tür zurückwich. Eine andere bestand darin, dass er von sich immer sprach, wie von einem Fremden. Ich hörte ihn niemals sagen: „Hier bin ich wieder!“ oder „Ich bin´s, Anton.“ Wenn er kam, sagte er immer:

„Anton ist wieder da.“

Manchmal fügte er noch den „Scherenschleifer“ ein. Anton wurde mir über die Jahre vertraut, wie der Schornsteinfeger. Wir haben ihn nie weggeschickt, ohne dass er zumindest ein Messer oder einen Spaten für uns geschliffen hat. Ich sah ihm gerne bei der Arbeit zu, wenn die Funken um ihn herum aus dem Kofferraum seines Autos flogen. Eine Schutzbrille oder Arbeitshandschuhe trug er nicht bei der Arbeit.

Einmal im Sommer, es war recht heiß, arbeitete Anton im nicht mehr ganz weißen Unterhemd. Seine Hände waren ziemlich schwarz  vom ständigen Umgang mit Eisen. Eine eingebrannte, in die Haut eingezogene Schwärze, die nicht so aussah, als ließe sie sich am Abend mal eben mit einer Bürste und etwas Seife beseitigen.

Anton reicht mir eine fertig geschärfte Heckenschere. Ich will zufassen und verharre in der Bewegung. Mein Blick haftet an Antons Unterarm, auf dem deutlich eine eintätowierte Nummer zu sehen ist. Diese Nummern kannte ich bis zu diesem Tage nur aus Geschichtsbüchern. Gedanken schießen mir durch den Kopf. Unser Anton war KZ Häftling?! Wie alt ist er wohl? Höchstens 1935 geboren. Vielleicht auch erst 40 geboren. Auf jeden Fall 10 Jahre älter als ich, nur 10 Jahre?! Dann war er als Kind im Lager. Vielleicht sieht er heute nur älter aus, als er tatsächlich ist. Anton eines der Romakinder, an denen verbrecherische Ärzte sehr zweifelhafte, unwissenschaftliche und zutiefst  menschenverachtende Experimente durchgeführt haben?

Anton erkennt mein Entsetzen über die soeben gemachte Entdeckung und geht zur  Tagesordnung über. Er drückt mir die Schere in die Hand und erzählt wie andere vom letzten HSV Spiel im Volksparkstadion:

„Auschwitz, Eltern alle tot, viele Verwandte sind nicht zurückgekommen aus den Lagern. Alle Roma. Hast du noch etwas zu schleifen?“

Anton fuhr vom Hof und ließ mich mit meinen Fragen und meinem Entsetzen zurück. Ich will bei seinem nächsten Besuch unbedingt mit ihm reden, will ihn fragen, ob er mir mehr über seine Nummer auf dem Unterarm erzählen mag.

In den Folgejahren gab es immer gute Gründe, warum ich nicht zum Fragen kam. Manchmal kam er, als nur Ulla im Hause war oder ich war schon auf dem Sprung zum nächsten Termin. Ich hatte die Nummer auch schon einmal schlichtweg vergessen.

Nun haben wir das Jahr 2015 und mühen uns in unserer Ferienwohnung mit einem grottenstumpfen Messer ab, um durchwachsenen Speck in kleine Würfel zu schneiden. Ein Fall für Anton. Anton kommt natürlich nicht hierher an die Ostsee. Anton war schon lange nicht mehr bei uns.

„Ulla, weißt du, wann Anton das letzte Mal bei uns war?“

Auch sie kann sich nicht mehr erinnern:

„Vielleicht vor zwei Jahren?“

Anton ist weggeblieben und wir haben es nicht bemerkt bis uns dieses stumpfe Küchenmesser an der Ostsee an unseren Scherenschleifer erinnert hat.

Ich versuche mich an meine letzte Begegnung mit ihm zu erinnern. Er hatte von unterwegs angerufen und gefragt, ob wir etwas zu schleifen hätten. Ich zögerte etwas, weil ich in Gedanken alle Gerätschaften durchging, die eventuell eine Behandlung durch Anton vertragen könnten. Bevor ich antworten konnte, presste er mit etwas Verlegenheit in der Stimme heraus:

„Ich habe kein Geld mehr und mein Tank ist leer. Wenn du für 5 oder 10 Euro zu schleifen hast, genügt es um genug Benzin für den restlichen Heimweg zu kaufen.“

„Ja, klar  Anton, halt dich aber nicht zu lange auf, ich muss gleich aus dem Haus.“

Anton muss schon in unserer Straße  gestanden haben. Keine zwei Minuten nach unserem Telefonat klappte er den Schleifstein im Kofferraum eines alten Mazda auf.

Er war selig, dass seine Heimfahrt gesichert war. Kaum, dass ich ihn ausbezahlt hatte, verabschiedete ich mich, um im Haus meine Tasche zu packen. Wieder habe ich es nicht geschafft, mit diesem freundlichen und genügsamen Mann ins Gespräch über seine Geschichte zu kommen.

Das nächste Mal!

Nun liegt diese Begegnung wohl schon mindestens zwei Jahre zurück. Einige Male habe ich unsere Küchenmesser selbst geschärft und dachte dabei sicherlich:

„Es ist eigentlich Zeit, dass Anton mal wieder kommt.“

Er ist über zwei Jahre nicht mehr bei uns gewesen. Kein gutes Zeichen! Die letzten Jahre hatte er immer seinen Besuch telefonisch angekündigt, um sicher zu gehen, dass er nicht vergebens an unserer Haustür klingelt.

Das nächste Mal, Anton, will ich mit dir reden.

Ich fürchte nur, ein nächstes Mal wird es nicht mehr geben.

Anton, wir haben nicht bemerkt, dass du nicht mehr bei uns gekommen bist. Uns hatte scheinbar nichts gefehlt. Nun aber, da wir dein Ausbleiben entdeckt haben fehlst du mir.