Montag, 25. August 2014

Eigentlich sind wir ja nicht neugierig



Wir haben diese Ferienwohnung über der Garage mit Boddenblick in dem wunderschönen Garten unserer Vermieter gelegen schon einige Jahre. Man kennt sich, man grüßt sich, man erkennt sich beim morgendlichen Bad im Bodden. So schwamm die blonde Rostockerin in diskretem Abstand an uns vorüber. Wir sehen in ihren Garten von unserem kleinen Balkon aus.
Wohnt sie jetzt eigentlich auf Dauer hier oder nur an den Sonnentagen?
Wir kennen ihren Namen nicht, wissen aber über unsere Vermieter, dass sie und ihr Mann beide Ruheständler sind und viel Zeit in dem von der Mutter geerbten Haus verbringen. Ja, die Rostockerin, so heißt sie nun einmal bei uns, zieht mit kräftigen Zügen durch den Bodden. Als sich ihr Blick mit dem von Ulla kreuzt, wird eine freundliche Begrüßung fällig. Und nicht nur das. Sie sucht die Bestätigung, dass sie in ihrer Vermutung, dass wir ihre Nachbarn (auf Zeit) sind, richtig liegt.
„Sie sind die Gäste von Harders, ich erkenne Sie an der Frisur.“
Ulla bestätigt ihre Vermutung. Der Rostocker trocknet sich schon im beißenden Westwind auf der Badebrücke ab.
„Ja, ich sehe Sie immer, wenn Sie auf dem Balkon sitzen.“
„Wir sehen Sie auch immer im Garten.“
„Ja denn, einen schönen Tag noch, ich muss raus.“
Natürlich wissen wir alles von den Rostockern, was man mit bloßem Auge erfassen kann. Fragte Ulla mich doch gleich bei der Ankunft:
„Hast du schon gesehen, die Rostocker haben dieses Kraut (frz. Pfeifenkraut) an ihrem Kompost weggenommen. Das sieht da jetzt ganz kahl aus.“
Ich hatte es nicht gesehen und es sieht wirklich kahl aus. Dafür habe ich am ersten Morgen einen hellblauen und einen roten Bademantel durch die Wiesen gehen sehen.
„Sieh mal, Ulla“, sagte ich zu ihr, „die Rostocker gehen vor uns baden.“

Natürlich wissen wir auch über unseren Nachbarn nach Süden Bescheid. Schon beim Einräumen unserer Ferienwohnung fiel uns auf, das der üppige Grenzbewuchs stark ausgelichtet war. Obwohl wir seinen Namen inzwischen ganz gut kennen, bleibt er für uns „Der Trompeter“. Er ist Weltklassetrompeter und hat einen Forschungsauftrag an der Uni Dresden. Wenn er nicht auf Konzertreise ist, erholt er sich in seinem Sommerhaus, direkt unter unserem Balkon.
Wir sind ja nicht neugierig, aber, was sollst du machen, wenn sich das Leben des Trompeters und seiner Gäste zum Teil genau unter unserem Balkon abspielt?
Die junge Frau ist nicht mehr die, die wir in den Vorjahren kennengelernt haben. Und die neue Frau, die da bei ihm im Haus ist? Seine neue Freundin? Nur eine Freundin oder ein Feriengast? Offene Fragen! Nun, wo sie abgereist ist, werden wir sie nicht mehr fragen können.
Hätten wir ohnehin nicht getan, sind ja nicht neugierig.
Ich denke ohnehin, dass sie nur gute Bekannte waren, sonst hätten sie sich schon ´mal beim gemeinsamen Blumenpflanzen in den Arm genommen. Haben sie nicht, oder ich habe es gerade nicht gesehen.
Ist ja auch egal, wen interessiert´s schon?
Jetzt sind da neue Leute eingezogen, kommen aus Leipzig. Eine junge Frau und noch jemand. Habe die andere Person noch nicht gesehen. Die junge Frau aber, benutzt alle Türen ins Haus und heute hat sie mehrfach allem Anschein nach nach ihrem Papa gerufen. Wer ist der Papa? Der Trompeter oder die unbekannte Person? Er soll ja einige Kinder haben, der Trompeter aus Dresden.
Nun, wo das ganze Grenzkraut gekappt ist, kreuzen sich schon mal unsere Blicke, wenn unser Nachbar das Haus durch die Haupteingangstür verlässt. Er ist ein freundlicher Kerl, grüßt zu uns hoch und ist immer gut für einen kleinen Small Talk. Als wir noch vor dem Frühstück Baden fuhren, haben wir ihn mal dort getroffen. Er hatte nichts an, wie all die anderen Frühschwimmer auch. Weltklassetrompeter hin oder her, ohne Klamotten sieht er auch nicht anders aus, als alle anderen Männer, die nicht Trompete spielen.
Hab´ ihn übrigens gleich erkannt. Auch an seiner Frisur, wie die Rostockerin Ulla erkannt hat. Ich hab´s ihm aber nicht gesagt, nur so für mich gedacht.
Erstaunlich, dieser Mann schleift seine Balkone, streicht sie und schneidet selbst die große Buchenhecke, die sein Grundstück umgibt. Das hätte er doch eigentlich nicht nötig, bei seinem Einkommen, oder?
Übrigens, er beobachtet uns auch, dachte schon wir wären am Wochenende abgereist. Angetäuscht! Wir waren nur am Samstag mit dem Auto unterwegs. Das mit der Abreise hat er mir erzählt, während ich die Fahrräder auf den Träger gepackt habe, weil wir weiter weg eine Radtour unternehmen wollten. Nun weiß er, dass wir diese Woche noch hier sind. Ein bisschen sollte man schon voneinander wissen, wenn man so dicht aufeinander wohnt.

„Unverhofft trifft sich oft!“ war seine Begrüßung, als ich ihn heute Morgen beim Brötchenholen vor dem EDEKA Markt traf. Ja, man kennt sich inzwischen. Herbert hat eine Schallplatte vom Trompeter und hat ihn auch schon im Konzert gehört. Herbert ist ein Fan von ihm und hätte sich an meiner Stelle mit großer Wahrscheinlichkeit ein Autogramm auf die Brötchentüte geben lassen.
Das habe ich nicht, obwohl, je länger ich darüber nachdenke, es wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk für Herbert.  Auf der EDEKA Tüte: „Zum Geburtstag alles Gute, Ihr Trompeter aus Dresden!“
Das hätte schon etwas.
Für mich nicht, wie schon gesagt, mir genügt es, dass wir uns so gut kennen, der Trompeter und ich.

Heute Nachmittag hat Ulla den Trompeter in der Bioschlachterei auf dem Gutshof getroffen. Die beiden verstehen sich inzwischen schon richtig gut Er erzählt ihr, welches Fleisch er immer mit nach Dresden nimmt und einfriert. Alles! Außer Wildschwein, das kommt ihm nicht ins Haus. Warum nicht, hat Ulla vergessen zu fragen. Na ja, nächstes Jahr treffen wir ihn ja wieder. Die Bedienung ist sehr beflissen und berät ihren Kunden mit ehrfurchtsvoller Stimme. So verhalten sich Untergebene.
Der Trompeter zahlt und geht in das nebenliegende Restaurant, weil er, wie er Ulla mitteilte, noch etwas essen wolle. Kaum, dass er durch die Tür verschwunden ist, raunt die Verkäuferin Ulla über das Biofleisch hinweg zu: 
„Wissen Sie, wer das war?“
„Ja“, meinte Ulla, „der Trompeter aus Dresden.“
Das hatte doch etwas von Spielverderberei, oder?

Warum er wohl auf gar keinen Fall Wildschwein wollte? Ich hätte ihn doch fragen sollen, als er unter unserem Balkon damit begann, die Fleischpakete und ein paar andere Dinge für die Rückreise in sein Auto zu packen. Neugierige, also richtig neugierige Menschen, hätten wohl gefragt.
Aber muss man denn immer alles von seinen Nachbarn wissen?
Obwohl, das mit dem Wildschwein wäre schon ganz gut zu wissen. Da steckt doch mehr dahinter, dazu gibt es doch eine Geschichte!?
Schon jetzt beginne ich zu ahnen, dass ich die nächsten zehn Monate nicht zur Ruhe kommen werde. Wenn ich ihn dann treffe im Juli nächsten Jahres, kommt er mir nicht wieder so davon. Ich werde ihn gleich nach der Begrüßung fragen, warum er kein Wildschwein isst und, im Gegenzug, könnte ich ihm verraten, warum ich keine Hähnchen mehr von Lieschen Lehmann esse.
Das wird ihn interessieren. Er ist nämlich nicht nur berühmt. Er ist auch ein wenig neugierig.

Das ist übrigens keine Selbstverständlichkeit  zwischen Nachbarn – mit dem „gut“ kennen, es muss nicht immer so sein, wie zwischen uns und dem Trompeter.
Nur wenige Meter weiter von uns entfernt, direkt neben den Rostockern, die inzwischen höchstwahrscheinlich  längst schon für immer hier leben, urlaubt die Nienburger „Schreifamilie“. Wir kennen sie schon seit einigen Jahren. Das Haus muss ihnen gehören oder Verwandtschaft von ihnen. Das kleine Rohrdachhaus, dachte ich anfangs, hat die Familie wohl finanziell überfordert. Es gab nämlich keine Gardinen, dachte ich zumindest. Inzwischen weiß ich, dass es doch Gardinen gibt, die aber fast nie zum Einsatz kommen. So haben wir zwangsläufigen und ungewollten Einblick in deren Familienleben. Trotzdem wissen wir eigentlich nichts von ihnen. Wir sind uns nicht einmal ganz sicher ob es zwei Kinder in der Familie gibt, oder ob der zweite Blondschopf, den wir manchmal auf der Fernsehcouch sehen, vielleicht doch der Kopf der Puppe des einzigen Kindes ist. Ulla meinte, der Familie schon einmal auf dem Weg zum Bodden begegnet zu sein. Da gab es zwei blonde Mädchen. Gesichert ist das alles allerdings keineswegs. Niemand hat diese Familie in das Haus zurückkehren sehen.
Niemand von uns!
Der Eingang des Hauses kann nicht einmal von unserem Schlafzimmerfenster eingesehen werden. Ich habe es ausprobiert, als das Auto einmal nicht vor dem Haus stand. Fenster auf und den Kopf so weit raus, wie es eben gerade ging.
Nur mal so.
Man sieht übrigens auch vom Auto nur das Vorderteil, kann also nicht sehen, wer einsteigt, wer drinnen sitzt. Unsere Vermieter sind uns auch keine große Hilfe, wissen auch nichts von ihren Nachbarn. Nur, was wir auch schon wissen. Nämlich, dass alle in der Familie sich anschreien. Das muss man nicht sehen, das hört man selbst durch die meist geschlossenen Fenster. Der Vater kann das besonders gut. Das Kind – und wenn es zwei Kinder sein sollten – die Kinder können es auch schon sehr gut. Nur in einer anderen Tonlage. Die Mutter hört man nicht so oft schreien. Vermutlich hat sie dafür keine Zeit, weil sie den Urlaub überwiegend dafür nutzt, Wäsche zu waschen, die sie dann im Wohnzimmer auf einen Wäscheständer hängt um sie dann für den nächsten Waschgang nach dem Trocknen sorgfältig zusammenzufalten. Vielleicht muss sie sich im Urlaub auch einfach ein wenig vom Schreien erholen, weil sie das ja zu Hause schon immer tut, wenn sie mit den Kindern alleine ist.
Einmal wollte ich sehen, wie sie aussieht, unsere Nachbarin. Als ahnte sie, dass ich rein zufällig zu ihr rüber blickte, ließ sie nur die Ansicht ihres Rückens zu. Gemerkt haben konnte sie wirklich nichts. Niemals würde ich so auffällig aus dem Fenster schauen. Ist auch nicht nötig. Viel besser kann man in das Wohnzimmer der Schreifamilie blicken, wenn man bei uns im Badezimmer in den Spiegel sieht. Natürlich, wenn du direkt vor dem Spiegel stehst siehst du nur dich selber. Musst schon ein bisschen schräg gucken und dann siehst du glasklar, was sich da unten bei den Nienburgern abspielt. Allerdings nur spiegelverkehrt, was wiederum nicht so viel ausmacht, weil die Nienburger doch eigentlich eher uninteressant für uns sind. Für mich allemal!
„Ist dir ´mal aufgefallen, dass die Nienburger niemals draußen im Garten sind?“ fragte Ulla einmal.
Ja, das ist schon merkwürdig. Selbst bei schönstem Sommerwetter bleiben Türen und Fenster geschlossen, nichts spielt sich im Garten ab. Vielleicht haben sie zu Hause immer Garten, denke ich mir, und wollen nun im Urlaub einmal etwas richtig Anderes. Ich habe aber auch schon gemutmaßt, dass die Familie einen Gendefekt aufweist und unter einer Tageslichtunverträglichkeit leiden könnte. Das gibt es bestimmt. Andere Menschen können keine Kuhmilch ab und bekommen Pickel, wenn sie nur über ein Erdbeerbeet blicken.
Ich würde sie ja gerne einmal fragen, aber wann und wo? Man sieht sie auch hier im Dorf nicht geschweige denn am Strand. Irgendwann am späten Vormittag ist das Auto verschwunden und erst zu Zeiten, wenn unsere Kinder schon längst im Bett gelegen hätten, kommen sie wieder zurück.
Das ist doch keine Neugierde, wenn Nachbarn sich so auffällig verhalten? Da will man schon etwas mehr wissen.
Neulich meinte Ulla, sie seien wohl abgereist. Meine erste Frage war, ob denn Wäsche auf dem Ständer hängen würde.
„Eben nicht“, meinte Ulla, „das ist es ja gerade, was mich stutzig macht. Das Auto ist weg und das Wohnzimmer sieht noch unbewohnter aus, als es das ohnehin schon tat.“
„Ja, dann sind sie wohl weg.“
Warum die wohl hierher fahren in ihrem Urlaub? Nach allem, was wir von ihnen mitbekommen, müsste doch zu Hause alles viel leichter gehen. Vielleicht gibt es dort sogar einen Wäschetrockner.
Ich will mir darüber  keine Gedanken mehr machen, hab´ doch schließlich Urlaub! Sollen sie doch machen, was sie wollen.
So leicht ist das aber auch wieder nicht. Beim nächsten Klogang fällt ein Routineblick auf den Spiegel. Das gibt es doch gar nicht, da hängt wieder Wäsche auf dem Ständer, wenn auch seitenverkehrt!  

So geht man nicht mit Nachbarn um, nicht einmal mit Nachbarn, die man so wenig kennt, wie uns. Die machen sich doch überhaupt keine Gedanken, wie uns das langsam an die Nerven geht - und das im Urlaub. Also, mit Neugierde hat das nichts zu tun, wenn man ein klein wenig mehr über seine Nachbarn wissen möchte. Es ist eben einfach viel leichter sich zu erholen, wenn man weiß, mit wem es zu tun hat.

„Ulla, ist eigentlich bei den Nienburgern schon Licht an?“

Montag, 28. April 2014

Die Alternative: Hähnchen von Lisbeth Lehmann




Das Maß ist voll, jetzt reicht es! Kein Fleisch mehr aus nicht artgerechter Haltung, kein Fleisch aus Schlachthöfen mit kriminellen Strukturen und ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, kein Fleisch mehr, von Tieren, die prophylaktisch mit Antibiotika vollgespritzt wurden! Putenfleisch isst mein Freund ja schon lange nicht mehr. Aber nun, nachdem er einen Kriminalroman über die miesen Machenschaften der Fleischproduzenten und Schlachthöfe gelesen hat, ist ihm der Appetit auch noch an Hähnchen, Schwein und Rind gründlich vergangen.

„Wie nun, bist du nun Vegetarier?“
„Nein, nicht so richtig.“
„Und, was heißt das?“
„Ich esse Fleisch, wenn ich die Garantie habe, dass die Tiere artgerecht gehalten wurden. Bio Fleisch oder das Geflügel von Lisbeth Lehmann an der Moorstrecke nach Stade. Da weiß ich, dass die Hühner noch draußen frei herumlaufen und nicht einem ungesunden Mast Plan mit wahllosem Medikamenteneinsatz unterworfen waren.“
„Du meinst die Lisbeth Lehmann hinter dem Milchviehbetrieb Grodtmann, ihr Mann heißt Gerd?“
„Ja, die meine ich. Da ist die Welt noch in Ordnung. Bei der kaufen sogar zwei Sterneköche aus Hamburg. Der eine hat sie sogar in seinem Kochbuch empfohlen. Da schmeckt das Huhn auch noch nach Huhn und nicht nur Gewürz, wie am Hähnchenwagen vor dem EDEKA Markt in Freiburg.“

Dieser plötzliche Sinneswandel machte mich schon stutzig. In Eckards Familie wurde immer viel und gerne Fleisch gegessen. Ich begann über unseren Fleischkonsum nachzudenken.
Wie hieß doch noch mal das Buch, von dem Eckard erzählt hatte? Vielleicht gibt es das ja in der Gemeindebücherei oder ich hole es mir von Eckard.

Wenige Tage nach meinem Gespräch mit Eckard musste ich auf den Hof von Hartwig von Allwörden. In einem seiner beiden Hähnchenställe sprang ständig der Schutzschalter heraus und ich war nun bestellt, den Fehler zu finden. Es passte gerade gut in den Betriebsablauf. In der Nacht zuvor war der 30 Tage dauernde Mastprozess gerade beendet. Ein abenteuerlicher Trupp von „Hühnergreifern“ hat die ganze Nacht gebraucht, um die schlachtreifen Hähnchen einzufangen und in Transportbehältnissen zu verstauen. Heute noch sollte mit der Stallreinigung und der anschließenden Desinfektion begonnen werden. In nur wenigen Tagen wiederholt sich das 30tägige Gastspiel, die Mast vom Küken zum schlachtreifen Hähnchen. Schon vor dem Stall blieb mein Blick an einem Gitter Container mit toten Hühnern haften. Hartwig bemerkte meinen Blick und meinte mich beruhigen zu müssen.
„Das ist ganz normal. Bei so vielen Tieren schaffen es eben nicht alle lebendig bis zum Schlachthof. Einige sind krank oder der Stress beim Greifen haut sie um.“
Wir kamen in den leeren Stall. Es roch muffig warm und stark nach Hähnchenmist. Auch hier einige tote Tiere.
Bewegte sich da nicht etwas?
Ich blieb stehen und sehe, wie ein erstauntes Huhn den Kopf gerade unter dem Körper eines verendeten Tieres hervorarbeitet.
„Da lebt ja noch ein Hähnchen“, stellte ich überrascht fest.
„Auch ganz normal“, meinte Hartwich, der, als er bemerkte, dass ich ihm nicht mehr folgte, wenige Schritte vor mir stehen blieb.
„Einige ertragen den Stress nicht und krepieren, andere werden ohnmächtig und wenn der ganze Zirkus hier vorbei ist, melden sie sich plötzlich wieder zurück auf den Globus. Scheintot sozusagen.“
„Und was passiert mit denen?“
„Die holt sich immer Lisbeth Lehmann, weißt doch, dahinten hinter Meinhard Grodtmann auf der linken Seite.“
„Ach so.“
Mehr fiel mir im Moment nicht ein.
Auf der Rückfahrt und noch den ganzen Abend beschäftigte mich die Frage, ob ich Eckard beim nächsten Kegeln erzählen sollte, dass er und die Sterneköche aus Hamburg bei Lisbeth Lehmann Hähnchen kauften, die das Überleben des Massenexodus in der Hähnchenschlachterei nur einer vorübergehenden Schwäche zu verdanken hatten. Bei Lisbeth durften sie sich noch  einige Tage im Auslauf  der Illusion hingeben,  dem frühen Hähnchentod für alle Zeiten entkommen zu sein.

Ja, so ist das mit den Illusionen. Nun sind es nur noch drei Tage bis zum nächsten Kegelabend, und ich weiß immer noch nicht, ob ich Eckard die  Illusion von den glücklichen Hähnchen aus Lisbeths Hühnerhof nehmen soll oder nicht.
Es sind ja noch drei Tage.

Sonntag, 27. April 2014

Die Ostfriesen Amerikas



The Polish people
oder
Die Ostfriesen der USA

Indian Summer, stundenlang geht es durch die gold-gelb-roten Wälder Neuenglands und Vermonts. Diese Natur macht benommen, berauscht. Die Autofahrt endet an einem kleinen See. So klein, dass man ihn bequem in 15 Minuten umrunden kann. Fünf oder sechs Häuser liegen am Seeufer, keines so nah an dem anderen, dass man sich gestört fühlen könnte. Eines dieser Häuser gehört der Familie unserer Amerikanischen Verwandtschaft. Hier, fern jeder Großstadthektik mitten im goldenen Herbstwald waren wir zu einer Familienfeier eingeladen. Am Vorabend des Festes saßen alle bereits angereisten Gäste im großen Wohnzimmer beisammen, als das Telefon klingelte.
„Es waren die Sondergelds, unsere Nachbarn“, sagte unser Gastgeber, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. „Als sie hörten, dass die Deutschen hier sind, fragten sie, ob sie dazu kommen könnten. Sie werden gleich hier sein.“
Mr. Sondergeld zählt zu der inzwischen fast ausgestorbenen Gruppe von Immigranten, die es irgendwie noch geschafft haben, dem menschenverachtenden Nazideutschland  den Rücken zu kehren, bevor es nicht mehr möglich war -  die Wege nicht mehr ins Exil, sondern nur noch in den Tod führten. Er hat Deutschland noch als Kind, vielleicht als Jugendlicher in Erinnerung behalten. Dieser Mann hat die Angst vor Verfolgung, Demütigungen, Verlust der Heimat, schwierigen Neuanfang im Exil und ganz besonders den unbegreiflichen Holocaust erleben und verarbeiten müssen. Freunde und Verwandte, denen sich kein Schlupfloch aus der Hölle bot, sind irgendwo in den Vernichtungslagern ihrer arischen Landsleute hingemordet worden.
Jeder versteht, dass das Erlebte tiefe Traumata hinterlassen hat, dass Traurigkeit, Verbitterung, Misstrauen,  Zorn bis hin zum tiefen Hass das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen bestimmt.

Sowohl aus der Literatur als auch aus realen Begegnungen sind mir auch ganz andere Erfahrungen präsent. Ich weiß nichts über das persönliche Familienschicksal von Mr. Sondergeld. Tatsache ist nur, dass ihn ein Gemisch aus Neugier und Kindheitserinnerungen bewegt hat, sich noch am späteren Abend auf den Weg zu machen, um den Deutschen Besuch seiner Nachbarn und Freunde kennenzulernen. Sofort füllte er den Raum aus mit seiner lauten Herz- und Fröhlichkeit. Es dauerte nicht lange und Mr. Sondergeld fand wieder in die Sprache seiner Kindheit zurück. Durchmischt mit vielen Worten auf Englisch ergab sich schnell eine lebhafte Unterhaltung, die ihren Reiz auch durch den liebenswerten Sprachenmix erlangte.
Nach einigen Getränken fragte Mr. Sondergeld mich, ob es in Deutschland noch „die Jokes von die dumme Menschen aus Friiislend gäbe“.
„Oh, Sie meinen die Ostfriesenwitze?“
„Yes, diese Ostfriese. We have Ostfrieses too. Sie heißen in America Polish People.“
„Aha.“
„Ich erzähl dir eine Joke von eine polish scientist, wie sagen du auf deutsch?“
„Wissenschaftler.“
„Danke. Eine polish Wissensch, also eine scientist bekommt die Job, ihm soll find out how far jump eine Frog, was sagen du zu frog?“
„Frosch.“
„Soll find out, how far jump die Frosch mit vier legs, äh Bein. Die scientist nimmt die Frosch and says zu Frosch mit vier Bein „Frosch jump!“ Die Frosch jump 80 cm. Die scientist nimmt ein paper and writes: „Frosch mit 4 Bein jumps 80 cm.“
Dann soll die Scientist find out, how far jump die Frosch mit drei Bein. Er nimmt ein knife, ein Messer, and cut off one leg. Zu die frog mit drei Bein sagt ihm again: „Frog jump!“ Die Frosch jump 70 cm. Die polish man schreibt auf sein paper.
Dann soll die Scientist find out, how far jump die frog mit two legs. Die frog jump 68 cm. Nächstes task, wie far jump die frog mit one leg. Er sagt zu die frog: „Frog jump!“ Die frog jump 15 cm, nix sehr straight. Nächstes task was, how far spring die frog ohne legs. Die scientist cut off die letzte Bein und sagt zu die frog ohne legs: „Frog jump!“ Die frog springt nicht. Ihm sagt noch einmal „Frog jump!“ aber die frog jump nicht. Da bekommt die Scientist sehr böse und sagt noch einmal:  „Frog jump!“ Die frog jump nicht.
Da schreibt diese polish scientist in sein paper: „Frog without Bein can not hören!“
Mr. Sondergeld belohnt sich für diese gelungene Pointe mit lautem Lachen, in das die Runde einfällt.

Wieder zurück in Deutschland hält dieser polnische Ostfriesenwitz, viele Male von mir weitererzählt, die Erinnerung an Mr. Sondergeld am kleinen See im fernen Vermont, wach. Vielleicht zehn Jahre später, es war das Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Südkorea, kam ich noch einmal in das gastliche Haus an dem kleinen See. Wir saßen in der Runde und es wurde sich angeregt unterhalten, als mir Mr. Sondergeld einfiel.
„Sagt mal, gibt es eigentlich Familie Sondergeld noch? Es war so witzig mit ihm als wir das letzte Mal hier waren?“
Ja, es gab sie noch und sie bewohnten auch gerade wieder ihr Zweithaus am See. Trotz der späten Stunde rief unser Gastgeber bei den Sondergelds an, um ihnen vom deutschen Besuch zu berichten und fragte, ob sie nicht Lust hätten, zu kommen. Es vergingen nur wenige Minuten und Mrs. Und Mr. Sondergeld erschienen im Bademantel – sie hatten sich schon zur Ruhe begeben. Mr. Sondergeld war etwas älter geworden aber ich erkannte ihn sofort wieder. Nach kurzer Vorstellung wer wir waren und wann und wo es schon einmal eine Begegnung zwischen uns gab, befanden wir uns wieder in angeregter Unterhaltung. Es wurde getrunken und viel gelacht. Irgendwann erzählte ich, dass er mir all die Jahre gut in Erinnerung geblieben ist, weil ich seinen Witz mit „die polish scientist“ mit großem Erfolg mindestens 1000 Schulkindern  in Deutschland weiter erzählt hätte.
„Was für eine Witz war das?“
„Na, der Witz mit dem Frog und dem Wissenschaftler.“
„Kenn ich nicht, kannst du erzählen?“
Und ob ich konnte. Es gab keinen Witz in den vergangenen 10 Jahren, den ich häufiger erzählt hatte. Nur in dieser Variante hatte ich Mr. Sondergelds Rolle und den Sprachenmix weggelassen.
Kaum, dass die Pointe heraus war, brach Mr. Sondergeld in das für ihn typische schallende Gelächter aus.
„Diese Joke ist wonderful, ich werde mir merken diese Witz“, brachte er immer noch lachend heraus.
Bevor er sich verabschiedete, wandte Mr. Sondergeld sich mir noch einmal zu.
„Ich will dir geben noch eine Joke für deine Students in Deutschland. Wir haben hier Jokes von die fair-haired Frauen. Du weißt fair?“
Man half mir aus der Runde mit der passenden Vokabel: „blond“.
Also auch in Amerika kannte man die Witze über blonde Dummchen, vielleicht  sind sie auch von dort über den Atlantik geschwappt, wie so viele andere unnütze, blöde oder bisweilen auch sinnvolle und nützliche Dinge und Angewohnheiten.
„Also, ein fair Frau wollte fly from L.A. to Miami mit second class ticket. Die fair Frau mit second class setzt sich auf eine seat von first class. Sagt die Stewardess in first class zu die fair Frau: „Du kannst nicht sitzen auf first class mit second class ticket.“ Die fair Frau doesn´t move. Kommt ein andere Stewardess und sagt zu die fair Frau: „Du kannst nicht sitzen auf first class mit second class ticket.“ Die fair Frau doesn´t move. Dann gehen die Stewardessen to the captain und tell him, that the fair Frau mit second class setzt sich auf eine seat von first class und nicht wechseln will.
Sagt die Captain: „Let me do.“
Ihm geht nach die fair Frau, whispers in ihr Ohren. Die fair Frau mit second class ticket gets up und geht nach second class. Wenn die Stewardessen das gesehen, sie gehen to the Captain und ask him wie ihn das gemakt hat. Hat der Captain gesagt:
„Ich hab die fair Frau gesagt: First Class fliegt nicht nach Miami!“
Wie schon vor zehn Jahren war Mr. Sondergeld sehr erfolgreich mit seinem Witz, die Runde belohnte ihn mit ausgiebigem Gelächter.
„So, nun kannst du deine Students eine neue Joke von America erzählen und in 10 years du kommst nach Vermont und erzählst mir diese Joke, damit ich kann lachen!“
Für diesen Joke bedankte sich Mr. Sondergeld noch einmal bei sich selbst mit seinem fröhlichen Lachen und verabschiedete sich.
Das liegt nun schon 12 Jahre zurück. Der Joke mit der fair Frau hat nie die Erfolge feiern können, wie der Joke mit „die polish Scientist“. Trotzdem habe ich ihn gemocht,  besonders in Verbindung mit der Erinnerung an diesen fröhlichen, alten Mann in den Wäldern Vermonts, den wehmütige Kindheitserinnerungen dazu bewegt haben, nachts im Bademantel durch den Wald zu laufen, um mit den „Germans“ zu reden. Vielleicht wird mich das Schicksal noch einmal an den kleinen See in Vermont führen. Auf Mr. Sondergeld werde ich wohl vergebens warten. Seine Witze werden mir bestimmt wieder einfallen. Und, wenn ich sie erzählen werde, werde ich daran denken, dass es ja eigentlich Mr. Sondergeld war, der darum gebeten hatte, dass ich ihm seinen Witz von der „fair Frau“ erzähle.

Donnerstag, 24. April 2014

Das Familiengeheimnis



Opa war aus Hamburg Berne raus aufs Dorf gekommen, die Familie seines Sohnes zu besuchen. Vielleicht auch nur, um einmal wieder richtig satt zu werden. Auf dem elterlichen Hof gab es dafür eigentlich auch kaum genug, obwohl die ganz schlechte Zeit nun nach der Währungsreform gerade vorbei schien. Nicht so für Opa Henry. Genau genommen sollten sich die Zeiten für Opa noch einmal vorübergehend dramatisch verschlechtern.
Aus welchem Anlass unser Opa zu Inge Hildebrandt ins Wirtshaus ging, ist mir nicht überliefert. Sicher ist nur, dass er dort war, recht lange. Sicher ist auch, dass er nicht wusste, wie er zurückgekommen war und ganz sicher waren sich er und alle anderen aus der Familie, dass er mit seinen Zähnen aufgebrochen war und nun definitiv ohne Zähne aus seinem Rausch aufgewacht war.
Ohne Zähne zu sein ist an sich schon sehr unangenehm, sieht nicht gut aus, kannst nicht anständig sprechen und vom Essen zu reden  brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Nun magst du vielleicht denken: „Ist doch nicht so schlimm! Wenn es ohnehin nicht so viel zu beißen gibt. Spart doch wieder Essen!“
Das kann man so auch wieder nicht sagen. Wenn du nämlich wenig zu beißen hast, kannst du ohne Zähne gar nichts beißen und das ist, versteht sich von selbst, überhaupt nicht mehr lustig.
Opa Henry war noch aus einem anderen Grund totunglücklich. Damals konnte man nicht mal eben zum Zahnarzt und drei Tage später gibt es die neuen Zähne.  Kriegsbedingt  gab es noch wenige Zahnärzte und Dentallabors. Außerdem war man froh, wenn man sein weniges Geld nicht für die Zähne anlegen musste sondern in Essen investieren konnte.
Es folgten ein zwei Tage schlechter Stimmung und Ernährung - nur mit den unterschiedlichsten Breisorten, Milch und Säften.

Und dann, noch vor Opas Abreise nach Hamburg, die große Entspannung. Mit einem Lächeln im Gesicht, das zwei strahlendweiße Zahnreihen sichtbar machte, trat der Opa in die Stube. Überglücklich berichtete er davon, wie er seine Zähne auf dem Weg zum Plumpsklo  im dunklen Keller auf dem Absatz eines Kellerfensters wiedergefunden hatte. Dabei hätte er schwören können, dass er dort schon einmal nach seinen Zähnen gesucht hatte.
Was soll´s! Hauptsache die Zähne waren wieder da.

Was Opa Henry nicht wusste: Jeden Freitag wurde der Klo Eimer auf dem Gartenland geleert. An dem Freitag, der dem Opa die Wiedervereinigung mit seinen Zähnen bescherte, tauchte das Gebiss zwischen den Rhabarber Stauden auf. Dobbertin, der die undankbare Aufgabe hatte, den „Goldeimer“ zu leeren, wusste natürlich wie alle Menschen der Hofgemeinschaft, was dem Besucher aus Hamburg widerfahren war. Für Opa Henry unsichtbar gelangten die Zähne ins Haus. Nachdem sie geschrubbt und abgekocht waren, musste nur noch ein Platz gefunden werden, an dem der zahnlose Opa ganz „zufällig“ sein Gebiss wiederfinden konnte.

Opa Henry freute sich über seine wiederhergestellte Kaufähigkeit und reiste überglücklich heim zur Oma. Zurück blieb das Familiengeheimnis. Ein Geheimnis, das mir erst viele Jahre nach dem Tod von Opa Henry und Oma Gretel durch meine  Mutter anvertraut wurde.