Mittwoch, 12. September 2018

Des Rätsels Lösung


Ausgangssituation:  Schlange vorm Räucherfischstand in Wustrow, Verkäuferin, Kundin Typ mollige Hausfrau Mitte 40 und ich, Kunde 68, loses Mundwerk.

„Zum Mitnehmen oder hier essen?“
„Mitnehmen!“
„Nicht drücken, ist noch ganz frisch!“
Da rutschte mir halblaut raus:
„Können mich drücken, bin nicht mehr ganz frisch!“
Ich biss mir fast auf die Zunge und dachte: „ Gott sei Dank, hat sie nicht gehört.“
Dann musste ich mit meiner Makrele an der Hausfrau vorbei und hörte, wie sie ihrem Begleiter zu tuschelte:
„Dat is er, der Unverschämte, der mit dem weißen Bart.“
„Soll ick?“
„Nee, lass ma, kein Ärga!“
Das letzte hatte das ganzkörpertätowierte Muskelpaket wohl nicht mehr verstanden, stand auf und schob mich vorsichtig zur Seite. Ich rechnete mit dem Schlimmsten.
Dann das Wunder von Wustrow: Er ging an mir vorbei, baute sich  vor einem gut aussehenden Rentner mit weißem Bart auf.
„Is woll ne kleine Entschuldigung fällig, Ziegenbart, oder dat setzt wat.“

Das war nun das Letzte was der urlaubende Ziegenbart wollte und er entschuldigte sich umgehend.
Ich hatte mich inzwischen zu einer älteren, nett aussehenden Dame an den Tisch gesetzt.
Konnte ja nicht wissen, dass sie die Frau des weißen Ziegenbartes war, der sich kurz nach mir etwas verstört auf die Bank setzte.
„Irma, guck mal unauffällig rüber zu dem Mann mit der braunen Glatze. Bei dem musste ich mich eben entschuldigen.“
„Der mit den Tätowierungen?“
„Psst, nicht so laut!“
Zu spät, der Tätowierte drehte sich schon um.
„Ja, ja, erzähl deiner Alten ma ruhig von deine versaute Anmachtouren.“
Die Begleitung des Muskelprotzes legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Unterarm.
„War doch allet nich so schlimm!“
Nun lernte ich die nette Irma von einer ganz anderen Seite kennen.
„Hubert, was um Gottes Willen hast du gemacht? Kann ich dich nicht mal mehr alleine zur Fischbude schicken? Red´ schon!“
„Nix, ich habe definitiv nichts gemacht!“
„Aber gesagt.“
„Auch nichts gesagt.“
„Und warum hast du dich dann entschuldigen müssen?“
„Weiß ich auch nicht!“
„Hast es aber getan. Wie blöd bist du denn, wenn du doch nichts getan hast?“
„Ich fang doch mit dem nix wegen nix an. Willst du das kleine Stück oder dieses hier?“
Ganz entsprechend meiner zurückhaltenden Art mischte ich mich nicht in das Gespräch ein. Still aßen wir mit offensichtlich sehr unterschiedlichem Genuss unseren Räucherfisch.
Ich stand dann auf, um meine Fischreste zu entsorgen.
„Tschüß“, sagte ich den beiden halbzugewandt.
Irma hatte zu ihrer anfänglichen  Nettigkeit zurückgefunden.
„Schönen Tag noch!“
„Ja, danke, Ihnen auch“, antwortete ich. Ich sah Irmas fröhlich, freundliche Augen und auch der Ziegenbart lächelte mich an.
Ich hätte jetzt einfach gehen können. Es wäre so einfach gewesen. Aber ich brachte es nicht übers Herz, die beiden mit ihrem „Nix-Problem“ allein zu lassen.
„Er hat übrigens nix gemacht.“
„Wer?“
„Ihr Mann!“
„Sag ich doch“, meldete Hubert sich zurück.
„Und woher wollen Sie das so genau wissen?“ fragte Irma mit interessiertem Blick.
„Weil ich das gesagt habe wofür Ihr Mann sich bei dem Herren entschuldigt hat. Schönen Tag noch.“

Zwei Tage später, ich saß im „Walfisch“ in Born. Hinter mir hörte ich Stimmen.
„Alles voll hier.“
„Lass uns gehen.“
„Oder wir fragen mal den Herren hier, sind ja noch dreie frei.“
Gesagt, getan! Ich wandte der fragenden Stimme mein Gesicht zu und erkannte sie sofort: Irma!
„Nein Sie schon wieder. Hubert, erkennst du ihn wieder?“
Natürlich hatten wir uns sofort wiedererkannt. Irma und Hubert setzten sich zu mir an den Tisch. So nette Leute, wie sie sich über ihre Speisekarten gebeugt über die Vorzüge und Nachteile des einen oder anderen Gerichtes austauschten.
Nein, ging es mir durch den Kopf, sie haben ein Recht auf Auflösung des Rätsels aus der Räucherbude von Wustrow.
„Danke noch mal, wegen vorgestern.“
„Wie? Was? Da in Wustrow?“
„Ja, dass Sie sich für mich entschuldigt haben.“
„Ach keine Ursache. Nur eine Sache noch. Seit vorgestern rätseln wir immer wieder wofür ich mich entschuldigt habe. Können Sie da vielleicht weiterhelfen?“
„Ich hatte zu der Frau des Tätowierten gesagt sie könne mich ruhig drücken, weil ich ja auch nicht mehr der Frischeste wäre.“
Ein Blick in die Gesichter von Irma und Hubert und ich wusste, dass die Erklärung nicht ausreichte.


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