Freitag, 18. April 2014

Gute und schlechte Nachrichten



Zahnschmerzen kommen immer ungelegen. Bei mir kommen sie zusätzlich immer dann, wenn gerade kein Zahnarzt erreichbar ist, nachts oder an Feiertagen. Erschwerende Umstände herrschen, wenn man nicht auf den heimischen Dentisten zurückgreifen kann oder sich gerade im Ausland befindet.
All das, also den „worse case“ in Sachen Zahnproblemen, habe ich während eines Campingurlaubes an der Jammerbucht im nördlichsten Zipfel Jütlands erlebt. In der Nacht von Freitag auf Sonnabend macht sich der Zahn bemerkbar. Er lässt sich für die Nacht noch mit einfachen Schmerzmitteln betäuben. Trügerisch die Hoffnung, dass sich vielleicht alles  von alleine regelt, dass der Schmerz am nächsten Morgen verschwunden sein wird.
Nichts war verschwunden. Ganz im Gegenteil, nicht einmal mehr an Frühstück war zu denken. Die Erhöhung der Schmerzmitteldosis führt zwar zu mäßiger Linderung bis zur Mittagszeit verursachte aber auch  Übelkeit. Es führte kein Weg mehr an einer Zahnarztpraxis vorbei.
Wo gibt es die nächste Praxis?
Der nächste Ort heißt Fjerritslev. Hier arbeitet der Zahnarzt erst wieder am Montag. Nach Auskunft von Passanten sollten wir es doch noch einmal in Brovst versuchen. Da, 15 Kilometer entfernt, sollte es noch einen Zahnarzt geben. Wir fanden die Praxis und ein Schild mit dem Hinweis, dass Zahnärzte in Ålborg und Løgstør Notdienst hätten. Wir entschieden uns für Løgstør, weil es näher an unserem Campingplatz lag.
In dem kleinen Städtchen am Limfjord war die Praxis schnell gefunden und sie hatte tatsächlich Bereitschaft. Die Sprechstundenhilfe erkannte mit ihrem routinierten Blick sofort, dass sie einen Schmerzpatienten vor sich hatte.
„Wait a minute, I´ll call the doctor!“
Der Doktor war eine Doktorin, sehr freundlich und nicht unattraktiv. Außerdem sprach sie Deutsch. Nach einer ersten Untersuchung und Klopftest mit Schmerzensschrei von mir sagte sie:
„Ich muss mich machen eine Bild von Ihre Zahn.“
Das hat sie dann auch gemacht. Es gab ein Röntgenbild, das sie ausgiebig gegen das Fensterlicht haltend begutachtete. Die Diagnose war eindeutig:
„Ich habe ein gude und ein slegte Nachricht für Ihnen, Pedersen.
Den gude Nachricht: Wir haben eine gude Bild von deine Zahn! Und nun die slegde Nachricht, Pedersen. Ich glaub, ein Stück von Sie muss in Denmark bleiben.“

Und so war es dann auch. Der Wundschmerz war nichts im Vergleich zu den zuvor erlittenen Schmerzen. Meine ohnehin schon große Zuneigung für unser nördliches Nachbarland hat noch einmal eine Steigerung erfahren, nun, wo ein Stück von mir für alle Zeiten schon da ist, wenn ich den Fuß über die Deutsch-Dänische Grenze setze.

Donnerstag, 17. April 2014

Da beißt die Maus keinen Faden ab




Eine Weihnachtsgeschichte

Es war eines jener Weihnachtsfeste nach der schlechten Zeit, ohne dass man sagen konnte, dass die Zeiten schon gut waren. Tannenbaumschmuck, von unserem Vater mit der Laubsäge ausgesägt, und Strohsterne aus goldenem Haferstroh aus den Tagen „als es doch gar nichts gab“ – wie unsere Mutter immer wieder betonte – hatten noch ihren Platz am Weihnachtsbaum.
Im bunten Wechsel mit diesem bescheidenen, aber dennoch von der ganzen Familie geliebten Baumschmuck fanden sich noch einige Tannenbaumkugeln und bunte Vögel mit seidigem Schwanz und einer Klammer statt Füßen unter den Beinen. Die Großmutter soll sie schon aus ihrem Berliner Elternhaus mitgebracht haben.
Zu all diesem Schmuck, der mich – soweit ich zurückdenken konnte – jedes Weihnachtsfest begleitet hatte, gab es eine sensationelle Neuerung: Schokoladenkringel mit bunten Streuseln, Geleekringel in verschiedenen Farben von waldmeistergrün über himbeerrot bis bernsteingold baumelten an Zwirnsfäden von den Zweigen des Weihnachtsbaumes. Als meine drei Schwestern und ich am Heiligabend nach alter Familientradition das Lied „Oh Tannenbaum“ vor dem Baum mit seinen leuchtenden Kerzen sangen, schielten wir nicht, wie in den anderen Jahren, auf die Geschenke unter dem Baum.  Nein, dieser nach den Gaben  suchende Blick  fehlte in diesem Jahr. Etwas Anderes, bislang  uns Unbekanntes, beanspruchte unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Augen waren geradeaus gerichtet auf die Tannenbaumkringel und mehr noch vielleicht auf die Tannenzapfen, Glocken und Pilze ummantelt von verschiedenfarbigem Stanniolpapier.
Aus der Tiefe des vom Fußboden bis zur Decke reichenden Baumes leuchtete ein Päckchen mit kleinen Schokolädchen, ein Jedes in einer anderen Farbe  verpackt, von einem goldenen Bändchen zusammengehalten.
„Oh Tannenbaum“ war verklungen, die Eltern freuten sich über die gelungene Überraschung und wir Kinder konzentrierten uns auf die uns zugedachten Päckchen. Der Weihnachtsabend nahm seinen Lauf wie in jedem Jahr. Die Geschenke wurden gegenseitig vorgeführt, glückliche Gesichter bei den Kindern und Erwachsenen. Die Mädchen verwandelten sich in Puppenmütter und ich, der einzige Junge, stellte die neuen Tiere für meinen Bauernhof hinter die vom Vater selbst gebastelten Zäune. Streifte mein Blick über den Weihnachtsbaum, blieb er ein jedes Mal am süßen Baumschmuck hängen.  Nur mir, dem Jungen, war es erlaubt all diese Kostbarkeiten aus der Nähe zu betrachten. Die Mädchen hatten in ihren damals üblichen, leichtentzündlichen Perlon Kleidern strikte Anweisung, nicht zu nah an die Tannenbaumlichter zu gehen. Unsere Mutter wurde nicht müde, zu betonen,  dass schon etliche Kinder in ihren Perlon Kleidern verbrannt sein sollten!
Gleich zu Beginn des Festessens hielt der Vater seine übliche Festrede, an deren Ende sich die Eltern sich mit ihren Weingläsern zuzuprosten pflegten. Wir Kinder taten es ihnen mit unseren saftgefüllten Gläsern nach. Bevor es in diesem Jahr aber zu dem nicht ganz ungefährlichen  Anstoßen kam – gefährlich, weil gerade wir Kinder nicht die Zartheit der Weingläser einzuschätzen wussten - , musste der Vater noch eine  sehr ernste Warnung bezüglich der Süßigkeiten im Weihnachtsbaum aussprechen.
 „Dass mir niemand etwas vom Tannenbaumschmuck nimmt“, meinte er wohl vorausahnend, welch Anziehungskraft die Süßigkeiten im Weihnachtsbaum auf uns schokoladenentwöhnte Kinder ausübte.
„Jeder soll seinen Teil bekommen, wenn wir am Altjahrsabend den Tannenbaum gemeinsam plündern.“
Die Tage verstrichen, der Altjahrsabend rückte immer näher, als alle Kinder in das Weihnachtszimmer gerufen wurden.
„Aufstellen nach Alter!“
Keiner wusste, was geschehen war. Wohl ahnten wir den Ernst der Situation. Vater marschierte vor der orgelpfeifenförmigen Reihe seiner vier Kinder auf und ab, wie einst Napoleon vor den Resten seiner ruhmreichen Armee. In der Hand hielt er eine leere Stanniolhülle an goldenem Bändchen. Der Aufdruck ließ noch gut erkennen, dass sie einmal einem Tannenzapfen aus Schokolade als Verpackung diente. Die kläglichen Überreste des einstmals prächtigen Baumschmuckes zogen in Wellenbewegungen an unseren Augen vorbei, die so typisch waren für den Gang unseres Vaters. Typisch, weil er mit seinem steifen Bein, einer ständigen Erinnerung an den nunmehr schon zehn Jahre zurückliegenden  Krieg, nicht anders laufen konnte.
„Wer sich an Gemeingut vergreift, vergeht sich an allen und verdient Strafe. Ich möchte, dass sich der Dieb unverzüglich stellt“, sprach er in theatralischem Ton und gipfelte in der Vorhersage:
„Hier beginnt eine Laufbahn, die unweigerlich im Zuchthaus enden wird!“
Wir kannten alle das Backsteingemäuer des Gefängnisses in unserer Kreisstadt und stellten uns, ein jeder überzeugt von der eigenen Unschuld, die armen Geschwister schon bei Wasser und Brot hinter Gitterstäben vor.
„Napoleons“ rastlose Wanderung endete vor der ältesten Schwester. Er fixierte sie mit seinen Augen und forderte ein Schuldgeständnis von ihr ein. Ein etwas zaghaftes aber eindeutiges „Nein“ ließ den zum Vernehmer mutierten Vater zur nächstjüngeren Tochter weiterrücken. Auch negativ!
Nun war ich an der Reihe. Welch ein Verhängnis, dass ich nie ein Grinsen unterbinden konnte, wenn es wirklich ernst wurde. Es kam, wie es kommen musste! Auf Vaters ernste Frage folgte mein Grinsen, das ganz und gar nicht meiner Stimmung entsprach. Eine Ohrfeige erst ließ das Grinsen erstarren und erlaubte mir, ein überzeugendes „Nein“ hervorzubringen. Bedingt durch das Gegrinse ließ sich nicht vermeiden, dass ein gewisser Verdacht an meiner Person haften blieb.
Die kleine Schwester heulte bereits, bevor sie befragt wurde. Sie wollte nicht in das Gefängnis und die Mutter meinte schon:
 „Lass doch, Karl!“
Nein, gleiches Recht für alle! Auch sie musste antworten und wies weinend jegliche Schuld von sich.
Mit dem lächerlichen Stanniol am Bändchen baute sich der Vater vor seiner  verschreckten Kinderschar auf. Es wurde mucksmäuschenstill. Er sah uns in die Augen und aus seinem Mund kam leicht gepresst:
„Einer muss es gewesen sein, da beißt die Maus keinen Faden ab!“
Stille, und in die Stille hinein hörte man etwas durch die Tannenzweige rauschen, am Ende landet es mit einem dumpfen Aufprall auf dem Fußboden. Wir drehten uns um. Auf dem Fußboden lag das Päckchen mit den kleinen Schokoladentäfelchen, noch sorgfältig gebündelt mit zerrissenem Bändchen.
Bewegung in den Tannenzweigen! Eine kleine graue Maus huscht über den Boden hin zu dem Schokoladenpäckchen, das ich bereits all die Tage seit dem Weihnachtsabend heimlich für mich ausgesucht hatte. Sie knabberte die Verpackung auf und begann, ohne sich durch die Familie stören zu lassen, mit dem Festessen.
„Willst du wohl!“ rief unsere Mutter und klatschte in die Hände. Erschrocken huschte das Mäuschen in die Zimmerecke und verschwand in einer Lücke zwischen Dielen und Fußbodenleiste. Ein Aufatmen ging durch die Reihe der Verdächtigten, das blitzartig in befreiende Fröhlichkeit umschlug. Nur unser Vater wollte nicht richtig mithalten. Er schien eher etwas verlegen, was so gar nicht zu dem eben noch so überlegenen Ermittler passen wollte.
War er es nicht, der gerade noch sagte: „Da beißt die Maus keinen Faden ab“?
Naja, auch Väter können sich einmal irren.

Montag, 14. April 2014

Unternehmer unter sich



Es ergab sich so, ganz plötzlich. Frühjahrsferien standen an und es flatterte ein Sonderangebot für den Autozug von Hamburg Altona nach Basel ins Haus. Das Angebot war zu verlockend. Noch einmal nach Süden in den Schnee ohne den Stress von 900 Kilometer Autobahn. Wir buchten den Zug und ein Quartier in einem Schigebiet mittlerer Schwierigkeit nicht weit von Basel im Bregenzer Wald.
Die Anreise erwies sich wie erhofft als relativ stressfrei mit einigen Schlafstunden in einem eigenen Schlafwagenabteil. Im Schigebiet fanden wir ein angenehmes Quartier vor, das wir allem Anschein nach allein bewohnten. Das Haus lag etwas abseits vom Hauptgebäude, in dem sich auch das Restaurant befand. Der Wirt brachte uns die 100 Meter hinüber zu unserem Zimmer, wies uns in die Besonderheiten ein und verschwand wieder.
Wir haben noch etwas geschlafen und  haben uns dann gut ausgeruht  mit der Erkundung unserer neuen Umgebung beschäftigt. Schistiefel ausleihen und kleiner Rundgang durch das Dorf. Viel gab es nicht zu sehen. So beschlossen wir das im Hausprospekt angepriesene Wellnesspaket aufzuschnüren. Alles kostenlos, im  Übernachtungspreis enthalten: Sauna, Fitnessraum mit diversen Geräten, Whirlpool! Gehört hatten wir schon von alledem, Sauna vor Jahren auch schon einmal ausprobiert; aber fast schon wieder vergessen. Wo wir leben, muss man sich anders fit halten oder bis in die Kreisstadt zum nächsten Fitnesscenter fahren. Nein, so groß war das Bedürfnis nach Kraftmaschinen und Ausdauertraining an Geräten nicht, dass wir uns dafür ins Auto setzten und auch noch Geld dafür ausgeben.
Aber hier, hier hatten wir nun alles im Haus und noch dazu kostenlos.  Wir packten uns eine Tasche mit Utensilien, von denen wir glaubten, dass wir sie auf unserem Fitnesstrip brauchen würden. In weißen, hauseigenen Bademänteln begaben wir uns  in die Wellnessebene. Ein kurzer Blick in den Kraftraum.  Die Entscheidung fiel recht leicht, wir sind ja schließlich im Urlaub und da wollen wir uns nicht abrackern. Bewegung sollten wir ja in den nächsten Tagen auf den Pisten noch in genügendem Umfang bekommen. Also begaben wir uns in einen hellen Raum mit Whirlpool. Da der Hotelleitung wohl bewusst war, dass wir nicht die einzigen Gäste sind, die nicht an dauerhafte Benutzung einer Badewanne mit Brausestrahlen gewöhnt sind, gab es eine verständliche Bedienungsanleitung.  Abfluss schließen und Wasser in gewünschter Temperatur bis zum blauen Strich am Wannenrand einlassen! Das kannten wir schon von unserer Badewanne – bis auf den blauen Strich.  Dann einsteigen und nach Wunsch die unterschiedlichen Zuläufe öffnen, die mit einstellbarer Härte den Wasserstrom auf die Haut ermöglichen, den Körper massieren und die Luftblasen und  „Whirls“ produzieren.  Soweit doch alles ganz verständlich.  Aber da stand nichts davon, ob mit und wenn ja, mit wie viel Textilien man in die Wanne steigen soll.
Nein, prüde sind wir ja eigentlich nicht, aber dieser Raum ist zugänglich für jedermann.  Wir entschieden uns vorsichtshalber für Badebekleidung. Völlig überflüssig! Während der ganzen Whirlpool Sause erschien kein Mensch. Woher auch, hatte der Wirt nicht gesagt, dass wir die einzigen Gäste im Nebenhaus seien? Nach anfänglichem Reiz lässt der Spaß ziemlich schnell nach. Wir mussten sogar den Druck der Wasserstrahlen reduzieren, weil der harte Strahl anfing, Schmerzen auf der Haut zu erzeugen.
Ganz schön, es einmal ausprobiert zu haben. Das war´s dann auch. Nachdem ich später einmal in einer Bäderausstellung gesehen habe, was so eine Massagebadewanne kostet, habe ich endgültig beschlossen, Whirlpools in die Liste der Produkte aufzunehmen, die ich mit Sicherheit in diesem Leben nicht mehr kaufen würde.
„Sauna“ steht über einer Holztür mit Glasausschnitt. Das wäre doch nun die Gelegenheit, in Ruhe auszuprobieren, wie man das Dampfbad am besten genießen kann. Ein Lämpchen links von der Tür zeigt an, dass die Sauna ihre Betriebstemperatur erreicht hatte. Etwas unbeholfen tauschten wir unsere hauseigenen Bademäntel gegen die großen ebenfalls hauseigenen Badetücher. Dann rein in die Kammer.
Ganz schön warm!
Kurze Orientierung und langsames Wiedererkennen  setzt ein. Die hölzernen Bänke in zwei oder drei unterschiedlichen Höhen, ein Ofen, der die Steine heiß hält und ein gefüllter Wassereimer mit Schöpfkelle.
Mein Gott ist das heiß!
Noch dampft hier nichts. Die Schöpfkelle, der Aufguss.  Man muss das Wasser über die heißen Steine gießen. Ich versuche es einfach einmal.
Mit Gezische und Gegurgel verwandelt sich das Wasser in Wasserdampf und umhüllt unsere schwitzenden Körper.
Ja, das war´s, so wird es gemacht!   Nach drei, vier Aufgüssen mache ich trotz der Nebelschwaden eine Entdeckung: Ein kleines, braunes Fläschchen mit Fichtennadelextrakt. Aha! Aroma in den Dampf; aber wie? Direkt auf die heißen Steine oder ins Wasser? Ich versuche es mit einem Schuss „Fichtennadel“ in die Wasserkelle. Das Ergebnis ist frappierend! Die weiße Wolke ist gesättigt vom Aroma der Fichten, bei geschlossenen Augen und eingebildetem Vogelgezwitscher könnte man sich jetzt mitten im Fichtenhochwald wähnen. Die Bronchen bedanken sich und die Schleimhäute der Nase reagieren mit der Produktion von Rotz und das, obwohl Taschentücher nicht zu der Ausstattung von Österreichischen Saunen gehören. War vielleicht doch nicht so gut – die Idee mit den Fichtennadeln.
Die Tür geht auf und ein Mann um die Fünfzig lässt ca. 85  Kilogramm auf das Lattenrost fallen.
„Ich bin der Wolfgang!“
Wir hatten uns noch nicht von dem Schreck des unerwarteten Besuchers erholt, als dieser auch schon Initiative ergriff, die Kelle in die Hand nahm und für reichlich Dampf sorgte.
Ist das so in der Sauna, dass man gleich alle duzt?
Wird wohl. Wir folgen artig seinem Beispiel  und stellen uns auch vor. Mit wohligen Grunz Lauten streckt Wolfgang sich auf dem Lattenrost, sein Lendenschurz macht sich gewollt oder ungewollt selbstständig. Wir hocken ein wenig wie die Hühner auf der Stange und bemühen uns wahrscheinlich ganz vergebens so natürlich wie möglich zu wirken. Man möchte ja auch nicht gleich als Sauna Greenhorn identifiziert werden.  Gerade hatten Puls und Atmung sich wieder einigermaßen beruhigt, als erneut die Tür aufging. Durch den Nebel erkannte ich eine blonde Frau.
„Hallo, ich bin die Christa. Mein Gott was stinkt das hier nach Fichtennadeln. Habt ihr das Zeug da drauf gekippt?“
„Äh, nein, also das roch auch schon so, als wir kamen.“
„Kann ich überhaupt nicht haben.“
„Wir auch nicht“, sagte ich, „wir haben jetzt auch genug. Was meinst du Ulla, wollen wir gehen?“
Sie hatte ebenso wenig Lust weiter mit Wolfgang und Christa die Sauna zu teilen. Kaum, dass wir draußen waren, meinte Ulla:
„Und ich dachte wir wären alleine im Haus. Und nun?“
„Nun kalt duschen und ab aufs Zimmer!“
Das war es dann fürs Erste mit Wellness.

Das Nebenhaus hatte zwar auch eine eigene Küche, weil es aber so gering ausgelastet war, blieb sie unbesetzt und wir sollten zum Essen in das Restaurant im Haupthaus kommen. Es war sternenklar und wir hasteten schnell durch die schneidende Kälte hinüber zum Restaurant. Es erwartete uns von der Einrichtung und der Gestaltung her alpenländischer Standard. Den Essensgerüchen nach zu urteilen musste das Angebot von Fastfood bis zur regionalen österreichischen Küche reichen. Ein Blick über die Karte und meine Vermutung fand sich bestätigt. Gerade wollten wir uns über unsere Essenswahl austauschen, als uns ein Pärchen vom Eingang aus fröhlich zuwinkte. Auch ohne Handtuch und bei klarer Sicht erkannte ich sofort unsere „Freunde“ aus der Sauna. Christa und Wolfgang kamen strahlend auf uns zu. Es muss doch zu schön sein, wenn man in der Fremde plötzlich auf vertraute Personen stößt, selbst wenn der Vertrautheitsgrad nahe Null  liegt. Während Wolfgang fragte, ob sie sich zu uns setzen dürften, zog er bereits einen Stuhl für sich vom Nachbartisch heran.  Er wartete weder unser „Ja bitte!“ ab noch  kümmerte es ihn, wie Christa zu einer Sitzgelegenheit kommt. Als sie sich endlich einen weiteren Stuhl vom Nachbartisch herbeigezogen hatte und saß, plapperte sie ohne das Ende von  Wolfgangs Redebeitrag abzuwarten los, um uns mitzuteilen, dass sie sich riesig freue, uns wieder zu treffen.
Es war unglaublich, wie nahe wir uns  durch die zwei gemeinsamen Saunaminuten gekommen waren. Wir wussten von den beiden lediglich die Vornamen, dass sie Saunaprofis (wir die Saunadoofis!) waren und teilweise mit einem hauseigenen Frotteetuch bekleidet waren.  Das Wort Kontaktfreudigkeit reicht bei Weitem nicht aus bei dem, was wir hier gerade erlebten. Gut, dass die Menschen, die mit mir gemeinsam bis zu 10 Minuten bei EDEKA am Fleischtresen oder an der Kasse anstehen, nicht genauso veranlagt sind, wie Christa und Wolfgang. Diese Wiedersehensfreude im Aktivmarkt am nächsten Tag würde mich total erschöpfen. Ich möchte sogar noch ein Stückchen weiter gehen: Sie würde mich überfordern.

Es gab kein Entkommen, keine Alternative. Wir mussten die beiden Kletten ertragen. Gut und schlecht zugleich war, dass wir kaum etwas zur Unterhaltung beitragen mussten bzw. konnten. Das hatte Wolfgang übernommen und dabei war es ihm ziemlich egal, ob er gerade etwas in den Mund gestopft hatte oder jemand anderes aus der Runde versuchte, etwas zur Unterhaltung beizutragen. So erfuhren wir ziemlich schnell, dass Wolfgang die Stadthalle in Wupperfeld managte. Ein zweifellos sehr verantwortlicher Job. 50 Leute hat er unter sich.
„Glaub nicht, dass der Schröder (derzeit gerade  Bundeskanzler) mit mir gerne tauschen würde.“
„Ja, der Wolfi hat seine Auszeit verdient.“
„Halt mal die Klappe, Christa, jetzt red´ ich doch gerade!“
Das Essen kam. Meine Hoffnung, dass der wasserfallartige Redefluss von Wolfgang durch die großen, blutigen Steakhappen gebremst würde, erwies sich als sehr trügerisch. Nichts konnte diesen Spitzenverdiener, inzwischen hatte er auch schon durchblicken lassen, welch königliches Gehalt der Stadtrat bereit war für sein einzigartiges Talent monatlich auszuschütten, aufhalten.
Vier Pommes in den Mund.
„50 Leute, in Spitzenzeiten auch schon einmal 70. Das ist kein Pappenstiel, will sagen, da biste nur am Rotieren.“
Ich schweifte mit meinen Gedanken weg. Da traf es mich aus heiterem Himmel, das Fragezeichen am Ende von Wolfgangs letztem Satz. Es wurde still.
„Kannst du das bitte noch einmal sagen, Wolfgang, ich habe deine Frage nicht genau verstanden?“
Er guckte mich etwas irritiert an und fragte:
„Was machst du denn so, wie viele Leute hast du unter dir?“
Dass Ulla vielleicht auch „Leute unter sich haben könnte“ kam ihm nicht einmal ansatzweise in den Sinn. Weiß der Teufel, was mich geritten hatte. Ich dachte plötzlich an die Schule, deren Leitung ich vor einem Jahr übernommen hatte, sah meine Kolleginnen, Kollegen und die Schülerschaft vor mir  und sagte:
„Ungefähr 600, Hausmeister, Reinigungskräfte in die Gesamtbelegschaft eingerechnet.“

Das hatte gesessen!  Alle waren sprachlos.
Christa immer noch, weil sie die Klappe halten sollte und es gewohnt war, zu machen, was ihr Wolfi von ihr verlangte.
Ulla, weil sie befürchtete, von mir in eine äußerst peinliche Situation gebracht zu werden.
Wolfgang, weil er nach den langen Beschreibungen seiner verantwortungsvollen, gutbezahlten Tätigkeit erst einmal verdauen musste, dass sein Gegenüber noch einmal in einer ganz anderen Liga spielt.
Und ich? Ich war auch sprachlos, nachdem mir die Antwort einfach so, völlig unbedacht herausgerutscht war. Fieberhaft arbeitete ich an einer Auflösung. Dabei kam mir ein Stück Sehne im Fleisch sehr zu Pass. Während ich mich vergebens bemühte, das Stück Fleisch mit meinen Zähnen zu zerkleinern, konnte ich Zeit schinden.
Die Geschichte als Witz auflösen? Eigentlich eine Spezialität von mir. Vielleicht hätte ich es versucht, hätte Wolfgang nicht seine Sprache wiedergefunden.
„Welche Branche?“
Ich hatte die Lösung!
„Darf ich nicht drüber reden, verstehst du doch, Wolfgang?“
„Ja, ja, verstehe ich. Konkurrenz, Konkurrenz! War auch einmal ein paar Jahre im Großhandel.  Musst nichts sagen. Aber nur mal so, ganz wage, welche Richtung?“
Ich beuge ihm meinen Kopf über meinen fast leeren Teller entgegen und hauche in verschwörerischem Ton in sein Ohr:
„Bildung und Forschung. Behältst es  aber bitte für dich, ich habe nichts gesagt.“ Zu Ulla gewandt: „Ich sage nichts mehr, ist das in Ordnung?“
„Auf gar keinen Fall sagst du noch etwas. Das war meiner Ansicht nach schon alles viel zu viel.“
Wolfgang nickte verständnisvoll mit dem Kopf wie man es von den Wackeldackeln auf der Hutablage älterer Ford oder Opel Modelle kennt. Sein Gesicht verriet allerdings, dass da noch etwas offen war zwischen uns.

Wir verabschiedeten uns ziemlich schnell von unseren „Freunden“ mit der Begründung, dass wir morgen früh auf die Piste wollten und noch ziemlich angestrengt von der langen Anreise aus Norddeutschland seien.
Draußen auf der Straße fiel Ulla über mich her.
„Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Warum hast du das gemacht?“
Wahrheitsgemäß antwortete ich:
„Ich weiß es selber nicht. Aber wahrscheinlich konnte ich das prahlerische Gebabbel von dem Kerl nicht ertragen und plötzlich gab es kein Zurück mehr. Ich bin ja froh, dass mir der Trick mit der Geheimhaltung noch eingefallen ist.“
Ich glaube, dass sie mich nach der ersten Aufregung ganz gut verstehen konnte.

Was wohl aus Wolfgang und Christa geworden sein mag?
Ich habe sie am nächsten Tag noch einmal vom Lift aus gesehen, wie sie sich anschickten, die rote Piste anzugehen. Der Zufall wollte es, dass wir uns nicht mehr über den Weg liefen. Wolfgang wird sicherlich im Internet oder über die IHK Stade versucht haben, herauszubekommen, welch großes Unternehmen in der Gegend der Elbfähre Wischhafen Glückstadt im Sektor Bildung und Forschung arbeitet. Vielleicht wird es ihn stutzig machen, dass er keine brauchbaren Ergebnisse gefunden hat.  Aber, soooo schlau, wie der Geschäftsführer der Stadthalle von Wupperfeld ist, wird er seine Negativrecherche dadurch erklären, dass das Unternehmen ja offensichtlich mit geheimen Aufträgen befasst ist. Ist ja logisch, dass Firmen, die  Geheimaufträge haben, nicht im Branchenbuch aufgeführt sind und dass die IHK  über derartige Betriebe keine Auskunft geben darf.

Sonntag, 13. April 2014

Genießt Lissabon!




Zur Entstehung dieser Geschichte:
Die SMS mit den Worten "Genießt Lissabon!" erreichte uns in Lissabon zu einem Zeitpunkt, als wir völlig fertig von unseren Erlebnissen nach einem verpassten Flug, einer Odyssee durch den Flughafen Lissabon und dem Verlust einiger hundert Euros auf den Hotelbetten unseres nicht eingeplanten Nachtquartieres lagen. Die Umstände, die zu dem unfreiwilligen Aufenthalt in Lissabon geführt hatten, waren allesamt nicht geeignet auch nur annähernd an "Genießen" zu denken. Dreas  kleine Meldung "Genießt Lissabon!" war in dieser Situation so komisch, dass wir plötzlich lachen mussten. Ich beschloss, aufzuschreiben, was uns widerfahren war.


Genießt Lissabon!
 „Sag mal, spinnt die?“ Drea schickt eine SMS von Istrien. Sie hatte kurz vorher von Ulla eine Nachricht erhalten, dass wir auf dem Rückflug von Madeira in Lissabon hängen geblieben sind.
„Genießt Lissabon! Drea“ am Donnerstagabend um 21.30 Uhr im Hotel Tryp am Flughafen Lissabon empfangen, zu einer Zeit, als wir eigentlich schon in Hamburg aus dem Flugzeug steigen sollten.
Dabei hatte alles so gut angefangen.
14.20 Uhr sollte unser Flug in Funchal auf Madeira starten. Eine wunderbare Zeit. Normal aufstehen, genüsslich ein letztes Frühstück in der Quinta Allegre, unserem schönen Hotel. Dann war noch Zeit für eine schöne Tasse Kaffee auf der sonnigen Terrasse mit Blick über den Atlantik. Adieu geliebter Ort.
Auf dem Weg zur Autovermietung habe ich mir 60 Minuten überlegt, wie ich reagieren wollte wenn von Brava Cars irgendwelche Beanstandungen kämen. Das Auto war eine Ruine, hätte laut Auskunft eines Verkehrspolizisten bei einer Verkehrskontrolle zwei Tage zuvor schon seit Jahren nicht mehr in der Vermietung sein dürfen.
Es lief alles gut, der Schlurren hielt durch.
Dann nur noch das Auto mit dem Heck zur steilen Steigung abstellen. So hatten wir es nämlich übernommen mit halbvollem Tank. Nach wenigen hundert Metern, als das Auto waagerecht rollte, war der Tank nur noch viertelvoll. Banditen!
All meine auf Englisch durchdachten Rechtfertigungen, Beschimpfungen, Drohungen mit der Polizei waren vergebens. Niemand interessierte sich für den Tankstand, niemand kontrollierte, ob die Polster weitere Löcher und Flecken bekommen hatten oder ob die Anzahl der Beulen und Schrammen abwich vom Zustand bei Auslieferung dieses Fiesta Fossils der Firma Ford. Brava Cars brachte uns mit einem ähnlich versifften Bus zum nahegelegenen Flughafen.

Mit nur wenigen Minuten Verspätung hoben wir ab in Richtung Lissabon. Es war ein angenehmer und ruhiger Flug. Keine zwei Stunden später Landung in Lissabon. Aufenthalt fast zweieinhalb Stunden und dann sollte es weiter nach Hamburg gehen.
Hier nun nahm das Verhängnis seinen Lauf. In der Shopping- und Fressmeile haben wir uns zum kleinen Imbiss niedergelassen, gelesen und – verdammtes Handy! – versucht eine SMS zu senden. Dabei muss es passiert sein. Kein Empfang, Handy wieder in die Brusttasche des Hemdes. Es wurde langsam Zeit, das Gate 19 aufzusuchen. Das Boarding sollte in allernächster Zeit beginnen. Am Gate 19 passierte noch nichts. 35 Minuten vor Abflug bemerke ich, dass mein Ausweis weg ist. Alle Taschen mehrfach durchsucht. Nachgedacht! Bei der Landung war er noch da. Vielleicht an der Stelle, wo wir in der Halle gesessen hatten? Es war höchstens 300 Meter zu laufen. Ich bin zu dem Platz, inzwischen von einer Frau besetzt, der ich auf Englisch erklärte, dass sie möglicherweise auf meinem Ausweis sitzt. Sie lächelte portugiesisch freundlich, verstand kein Wort, wunderte sich nur, warum der Ausländer vor ihr auf die Knie ging, um unter die Sitzbank zu schauen.
Das Wunder von Lissabon! Nein, ich habe den Ausweis nicht gefunden. Aber ich hörte eine dünne Frauenstimme hinter mir.
„Mister, your identity card?“
„Ja, ich habe sie hier wohl verloren.“
„Mein Mann hat sie gefunden und bringt sie gerade zum Fundbüro irgendwo dahinten.“
„Danke!“
Natürlich ging das alles auf Englisch. Sie versuchte ihren Mann mit dem Handy zu erreichen. Er ging nicht an sein Telefon.
Nun spätestens hätte ich zum Gate zurückkehren sollen. Vielleicht hätten sie mich ja auch mit der Kopie des Ausweises nach Hause gelassen.
In diesem Moment kam der Ehemann. Er sprach sehr gut Deutsch und erzählte mir, dass er kein Fundbüro gefunden hätte aber meinen Ausweis einem Polizisten übergeben hätte, nicht weit von hier. Weit und breit war kein Polizist zu finden aber ein Schalter meiner Fluggesellschaft TAP. Ich ging hin mit meinem portugiesischen Freund. Es begann eine endlose Geschichte von Dialogen mit Menschen, die mehr oder weniger gut Englisch sprachen und außerdem noch als Gemeinsamkeit hatten, dass sie sich erst um mein Problem kümmerten, nachdem sie mir unmissverständlich klar gemacht hatten, dass dieses kleine Häuflein Touristenschei… sich auch als solches begriffen hat. Den ersten Kontakt dieser Art hatte ich am TAP Schalter mit einer Angestellten, die, statt mir zu helfen, mich aggressiv in die Schranken wies. Welche Schranken das eigentlich waren blieb mir bis jetzt verschlossen. Die Zeit lief. 23 Minuten vor Abflug kam die Auskunft der guten Frau, dass mein Ausweis gefunden sei und zum Gate 19 gebracht würde.
Na bitte, geht doch!
„Thank you!“ und auch noch einen Dank an meinen Helfer bevor ich zu einem (für mich) mörderischen Dauerlauf zum Gate 19 ansetzte. Ulla sah mich schon von weitem ankommen und winkte hektisch. Am Schalter, 15 Minuten vor Abflug, machte uns die Frau von TAP klar, dass nichts mehr ginge.
„Es sind doch noch 15 Minuten!“
Sie griff noch einmal zum Telefon, schüttelte mit dem Kopf und erklärte uns, dass nun unsere Koffer aus dem Flugzeug geholt würden.
Mein Einwand, dass das viel länger dauern würde, als uns noch in das 60 Meter entfernte Flugzeug zu bringen, beantwortete sie mit einem Achselzucken. Wir sollten unsere Koffer bei „Lost and Found“ abholen und uns dann außerhalb des Zolls um ein Ticket kümmern.
Ratlosigkeit!
Dann noch ein lustloser Versuch ihrerseits, uns den Weg über die verschiedenen Ebenen des Airports zu erklären.

Den ersten Kontakt auf unserer Odyssee durch Lissabons Flughafen führte uns zufällig an dem Schalter von TAP vorbei, an dem ich gerade einige Minuten zuvor so klein gemacht worden bin. Die gleiche Frau guckte mich an als wollte sie sagen:
„Der schon wieder!“
„Entschuldigung, ich habe meinen Flug nach Hamburg verpasst, können Sie herausfinden, ob mein Ausweis am Gate 19 angekommen ist oder wohin er gebracht worden sein könnte?“
Nach einigen lustlosen Telefonaten teilte sie uns mit, dass sie nicht wisse, wo mein Ausweis jetzt sei. Wir sollten bei „Lost and Found“,  beim Zoll oder der Polizei fragen. Es folgte eine wage Wegbeschreibung.

Nach einigem Herumirren fanden wir „Lost and Found“ und erzählten unsere Geschichte.
In welchem Flugzeug wir denn den Ausweis verloren hätten. Antwort:
 „Nicht im Flugzeug sondern hier im Airport!“
Ja, dann seien wir völlig verkehrt hier, denn diese Stelle sammelt nur Fundsachen aus den Flugzeugen. Wir sollten es doch beim Zoll versuchen oder am Ticketcounter oder bei der Polizei. Es folgten wortreiche Beschreibungen mit vielen Richtungsangaben per Hand- und Armbewegungen. Den Zoll konnte ich sehen. Nachdem wir hier unser Problem erneut vorgetragen hatten, öffnete der nette Zöllner mehrere Päckchen mit Reisedokumenten, die von Gummibändern zusammengehalten wurden. Es sah nach Altlasten aus und meine Befürchtung, dass die Aktion ziemlich witzlos sei, trat ein.
Der Tipp des Zöllners, wir sollten es doch mal am Ticketcounter von TAP versuchen.

Die Damen am Counter waren in Feierabendstimmung und es dauerte eine ganze Zeit, bis sich eine aus dem Pulk der quasselnden Kolleginnen löste, um gelangweilt zu fragen, was wir eigentlich wollten.
Inzwischen kam es mir schon ganz gut auf Englisch über die Lippen, was mein Problem ist. Wegen des Ausweises sollten wir zur Polizei und ein Ticket würden wir kriegen, wenn wir unser Gepäck hätten. Das Gepäck würden wir bei „Lost and Found“ bekommen. Dann müssten wir durch den Zoll und rechts um die Ecke. Unser Einwand, dass wir ja nun aus dem gesicherten Bereich heraus wären und außerdem schon an der Fundstelle waren, die aber…. saß.
„Also, dann gehen Sie erst einmal im Untergeschoss zur Polizei und holen sich Ihren Ausweis und die stellt Ihnen dann auch eine Bescheinigung aus, dass Sie umgekehrt durch den Zoll dürfen. Dann holen Sie Ihr Gepäck und dann sehen wir weiter.“
„Thank you!“

Mehr durch Zufall fanden wir den kleinen Polizeiposten in den Kasematten des Untergeschosses.
Polizei, Freund und Helfer, hier muss uns geholfen werden!
Ein junger Polizist hörte sich unsere Geschichte ungeduldig an und schimpfte auf alle anderen Stellen, an denen wir schon waren. Die schöben zu gerne immer alles auf die Polizei. Er hatte meinen Ausweis natürlich nicht und schien anfangs auch keine Peilung zu haben, wie er den Fall lösen oder uns wieder loswerden könnte. Kurz bevor ich ihm den Tipp geben wollte, doch mal ein wenig herumzutelefonieren, kam er selbst auf den Gedanken. Auf einem Schmierzettel hakte er all die Stellen ab, von denen negative Auskünfte gekommen waren: Zoll, Gate 19, TAP, Immigrationpolice.
„Ist nichts, kein Ausweis. Man muss seinen Ausweis auch nicht verlieren!“
Schlaumeier!
„Wenn kein Ausweis zur Deutschen Botschaft hier in Lissabon, aber erst morgen.“
Da klingelt das Telefon des Kollegen am Nachbartisch. Ich verstehe immer nur Jorg Petersen.
Gute oder schlechte Nachricht?
Gute!
„Ihr Ausweis wurde gefunden, er wird gleich gebracht.“
Der Beamte wurde merklich freundlicher. Soeben hatte er damit begonnen, einen Bericht anzufertigen. Nun, wo der Fall gelöst schien, konnte er seine auf dem PC angelegte Datei wieder löschen.
„Der Ausweis kommt gleich und dann gehen Sie zu „Lost and Found“ Ihr Gepäck holen.“
„Da waren wir doch schon.“
„Es gibt hier noch ein Fundbüro außerhalb des Zolls. Ich zeige es Ihnen gleich. Dann können Sie weiter nach Hamburg reisen."
„Geht leider nicht, der letzte Flug nach Hamburg ist weg.“
Bis dann der Ausweis von einem fröhlichen Beamten der Immigrationspolizei gebracht wurde, hat „unser“ Polizist noch nach einem Hotel am Flughafen für uns gesucht und uns von seiner Hamburg Reise erzählt.
Mein Gott, was war der Mann plötzlich nett.

Der Ausweis kam und wurde mir mit langem Händeschütteln überreicht. Immer wieder ermahnte uns der inzwischen zum wahren Freund avancierte Polizist, gut auf unsere Sachen aufzupassen. Er brachte uns wie versprochen zu „Lost and Found“ und nun passierte ein kleines Wunder. Der Mann am Schalter behandelte uns von Anbeginn wie seinesgleichen mit Respekt und Höflichkeit. Es dauerte nicht lange, einige Telefonate, ein Geleitschein für den Zoll und der Hinweis, dass wir am Band 8 20-30 Minuten warten sollten, dann könnten wir unsere Koffer entgegennehmen.
Das hörte sich gut an – zu gut nach all unseren Erfahrungen der letzten Stunde. Der Zöllner erkannte uns wieder. Er kontrollierte den Passierschein, unsere Pässe und ließ uns ziehen in den gesicherten Bereich. Band 8 lag vor uns, rechts von uns „Lost and Found“ für Verlorenes im Flugzeug. Während wir darauf warteten, dass sich Band 8 allein für unsere beiden  Koffer in Bewegung setzt, fällt mein Blick auf Band 7, auf dem gerade zwei Koffer einsam ihre Runde antraten. Es waren unsere Koffer!

Nun nur noch zum Ticketschalter.
Sehr freundliche Bedienung, ungewohnt.
„Munich wäre noch etwas.“
„Nein wir wollen nach Hamburg, Bremen, Hannover oder Berlin.“
„Ja, Hamburg morgen früh.“
„Das ist gut.“
„Ist aber ausgebucht.“
„Berlin morgen Mittag.“
„Gut, dann nach Berlin.“
„Dusseldorf ist morgen 8.40 Uhr, 90 € billiger per each als Börlinn.“
Wir gucken uns an und wechseln von Börlinn nach Dusseldorf.
„Sie müssen aber die neuen Tickets bezahlen, es war ja nicht der Fehler von TAP.“
„Und wieviel ist das?“
„Moment please, 474 €.“
Was haben wir für eine Wahl, wir können nicht tagelang auf einen Billigflug warten. Die Tickets werden gekauft.
„Morgen bitte um 6.30 Uhr am Airport. Viel Spaß in Lissabon!“
„Danke!“
Das war schon fast so gut wie Dreas SMS.

Und nun nur noch zum Hotel. Gesehen hatten wir es ja schon. Der am Ende so freundliche Polizist hatte es uns durch das Fenster der Halle gezeigt. Schweißgebadet, ich, zogen wir über Kleinpflaster und um Verkehrskreisel zum Hotel. Opa Schulz, unser ehemaliger Nachbar im Krankenhausweg, wäre wahrscheinlich in der Drehtür stehengeblieben und hätte gesagt: „Vornehm geht die Welt zugrunde!“
Mit dem Spruch hatte er einmal auf der Schwelle unseres Wohnzimmers gestanden und traute sich nicht, den Teppichboden zu betreten. Das Hotel hielt natürlich auch noch eine Überraschung für uns bereit. Die günstigen Zimmer waren alle weg. Es gab aber noch zwei Zimmer in dem 8-stöckigen Hotel.
„Leider nur noch für 150€/Nacht.“
Fragender Blick zu uns. Welche Wahl hätten wir? Mit dem Taxi in die Innenstadt, günstigeres Hotel und am nächsten Tag wieder mit dem Taxi zum Flughafen. Wir kämen auf das gleiche Geld und hätten mehr Stress. Also haben wir das Zimmer genommen.
Als wollte das Schicksal uns ein wenig versöhnen, stand auf dem Kassenbon 115 €. Sowohl Ulla als auch ich hatten den Preis zu unseren Ungunsten verkehrt verstanden.
Das Zimmer war supermodern und gut. Es brauchte ein wenig, bis wir die notwendigsten Funktionen entschlüsselt hatten. Das Fenster ließ sich etwas öffnen aber der Verkehrslärm dröhnte derartig zum 6. Stock hoch, dass wir es bald wieder schlossen. Die Nacht entwickelte sich zu einem mehrstündigen Saunagang. Eine Stunde vor dem Wecken wachte ich auf und entdeckte die kleinen Knöpfchen für die Klimaanlage. Sie fing aber derart geräuschvoll an unseren Temperaturwünschen entgegenzukommen, dass wir beschlossen, sie wieder auszustellen und den Saunagang um eine weitere Stunde zu verlängern.
115 € nur für die „Sauna“, ohne Frühstück. Frühstück extra aber erst ab 6 Uhr. Die Zeit von 6 – 6.30 Uhr war aber bereits für den Rollenkoffertransfer zum Flughafen vorgesehen.

Es klappte einmal wieder alles bestens. Wir wurden unsere Koffer schnell los, erhielten unsere Boardingkarten und nahmen ein Minifrühstück für 20 € im Flughafengebäude ein.
Die gute Serie hält an! Glatter Flug nach Düsseldorf, Koffer sind angekommen und eigentlich sollte es mit der Bahn weiter nach Hamburg gehen. Vielleicht gibt es ja einen billigen Kurzstreckenflug nach Hamburg. Lufthansa und Air Berlin flogen noch am Nachmittag. Lufthansa für über 300€/Person Air Berlin fast die Hälfte aber am nächsten Tag. Nein Danke, es reicht! Wir machen uns auf zum Bahnhof.
Reservierung ging nicht mehr, Buchung zu kurzfristig! Gesamtkosten 123 €.  
Ulla hatte leider ihre Bahncard zu Hause gelassen. Was, dachte sie, sollte sie auch mit der Bahncard auf Madeira, wo zum einen keine Züge fahren und wenn doch, hätte ihr die Bahncard auch nichts gebracht. Man sieht ja an meinem Ausweis, was alles so passieren kann. Meine Bahncard 50 hat alle Levada Wanderungen mitgemacht. Das hat mir nichts genützt; aber nun konnte ich zum halben Preis von Düsseldorf nach Hamburg fahren. Ja wieder so eine kleine Freude in all dem Ungemach, das wir bereits erlitten hatten.
Wer jetzt glaubt, dass alle Widrigkeiten überstanden seien, hat die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. In Duisburg umsteigen, der IC, den wir 10 Minuten später besteigen sollten, hatte 20 Minuten Verspätung.
„Sänk ju Deutsche Bahn!“

Nun schreibe ich im Zug nach Hamburg das ganze Missgeschick auf, das uns widerfahren ist. Zwischen Münster und Osnabrück lässt sich noch nicht sagen, ob die Bahn noch einen Personenschaden oder eine Betriebsstörung für uns bereithält. Wir sitzen immer noch im Bistro, weil wir in der näheren Umgebung unserer Koffer keine zwei zusammenhängenden Sitzplätze finden konnten. Der Raps blüht und das bereits am 11. April und die Bistrotische eignen sich durch ihre Höhe fantastisch zum Schreiben.
Das ist doch auch wieder einmal eine gute Nachricht!

732 € hat uns die Unterbrechung in Lissabon gekostet. So gesehen war der Kurzurlaub nach Madeira gar nicht mehr günstig. Aber, immerhin habe ich meinen Ausweis wieder. Etwas teurer, als wenn ich ihn bei Harald Breitmoser neu beantragt hätte. Auch hier lässt sich der ganzen Geschichte noch etwas Gutes abgewinnen.
So richtig gern habe ich meinen Personalausweis nie gehabt. Das Bild kam überhaupt nicht gut und, wenn ich nicht unbedingt musste, habe ich nicht drauf gesehen. Das ist nun ganz anders. Mit seiner unverhofften Wertsteigerung auf 732 € erfährt er eine ganz andere Wertschätzung von mir. Das Bild finde ich plötzlich gar nicht mehr so schlimm und besser aufpassen werde ich zukünftig auch auf ihn -  das Goldstück.

Ja, Andrea, nur so viel zu Lissabon!