Montag, 10. Februar 2014

Mein Frisöör



Mein Frisöör oder warum ich nicht gerne „fremd“ gehe

Es ist wieder mal so weit, die Haare hängen übers Ohr, der Bart liegt sich schief und, was viel schlimmer ist, er ist über die Oberlippe gewachsen und wird zunehmend zu einer ernst zu nehmenden Behinderung beim Essen. Ich muss dringend wieder einmal zu Wolfgang, meinem Frisör.
Montags hat er geschlossen, nur Hausbesuche oder Altenheim!
So weit ist es ja Gott sei Dank noch nicht.

Dienstags gehen alle, die Samstag zu spät dran waren und Montag nicht konnten, weil ja geschlossen. Mittwoch und Donnerstag gibt es bei mir immer viele Termine und Freitag gehen die Umsichtigen, die Sonnabend zur Goldenen Hochzeit, Schützenball oder sonst einem wichtigen Ereignis müssen. Also Freitag ist ein ganz ungünstiger Tag. Bleibt nur Sonnabend und der ist auch immer ungünstig, genau so ungünstig, wie der Freitag, aus den gleichen Gründen.

Ich könnte natürlich an einem der fünf ungünstigen Tage einfach so hereinspazieren, mich hinsetzen und warten. Das aber ist nicht mein Ding, es gibt so viel Sinnvolleres, als das Wochenblatt zu lesen oder den mehrere Wochen alten Stern, der sich durch tausendfaches Durchblättern kontinuierlich von einer Informations- zu einer Infektionsquelle hin entwickelt hat.

Ich habe auch schon einmal, aber das sage ich jetzt nur ungerne, einen anderen Frisiersalon aufgesucht. Das mach ich aber nicht wieder.
Da treffe ich Kerstin, Wolfgangs Frau beim Einkaufen. Sonst sagt sie immer: „Moin Uwe!“ oder ein knappes „Hallo“. Diesmal guckte sie mich nur etwas länger an, um dann mit etwas vorwurfsvollen Unterton zu sagen:
 „Beim Putzbüdel gewesen?“
„Hhmmm“

Das ist nicht schön -  für uns beide nicht!
Und es ist noch einmal nicht schön. Dann nämlich, wenn der Bart wieder einmal über die Oberlippe gewachsen ist und ich zu Wolfgang rein muss.
Zwei Mal musste ich das schon durchmachen. Da kommst du dann rein in den Salon und wirst mit einem Blick über den Spiegel nur mit der Frage: „Fremd gegangen?“ begrüßt. Willem Hardekopf, dem Fremdgehen anscheinend vertraut ist, grinst mich nichts wissend verschwörerisch durch den Spiegel an.

Schadensbegrenzung, ich hatte mir ja schon etwas ausgedacht.
„Ach nöö, ich hatte nur gerade ´ne Stunde Wartezeit in Frankfurt und da habe ich gedacht, mach das mal eben.“
„Türkenschnitt, seh´ ich doch, obwohl schon fast wech!“

Dann bin ich doch ganz froh, wenn ich statt in Hardekopfs Grinsegesicht gucken zu müssen, den Stern nehmen kann, der hier schon vor 8 Wochen lag und langsam wieder den Hochglanz  hat, den er schon einmal an seinem Erscheinungstag hatte – nur eben etwas anders.

Also, bei Wolfgang braucht man keinen Termin, anders als bei Ilka oder Haarhaus Hagen oder Martina mit der „mobilen Schere“. Deswegen gehe ich ja auch so gerne zu Wolfgang. Einfacher ist das aber trotzdem nicht, liegt aber an mir. Nun habe ich vor Jahren eine fantastische Entdeckung gemacht. Wenn ich zum Einkaufen gehe am Sonnabend, meist so bei elf oder zwölf Uhr, guck ich eben vorher bei Wolfgang rein.
„Moin“
Er dreht sein Gesicht vom Spiegel und Kunden weg, wirft einen etwas längeren Blick auf seine Armbanduhr, obwohl im Salon doch eine viel größere Uhr hängt, und sagt dann:
„Halb eins, is recht?“
Und ob! Das ist Optimum. Der Einkauf ist erledigt, Einkaufskorb ins Auto und dann rein zu Wolfgang. Sein letzter Kunde ist schon raus und er fegt überwiegend graue Haare, die Arbeit der letzten Stunde, unter die Klappe im Fußleistenbereich. Eine feine Zeit zum Haare schneiden.
Obwohl der Fortschritt in mancherlei Hinsicht auch in Kehdingen schon Einzug gehalten hat (Tiefkühlpizza und Internet, nur, um mal zwei Beispiele zu nennen), haben sich einige Bräuche wider jeglichen Einfluss von außen bewahrt. Dazu gehört die angenehme Angewohnheit der Kehdinger, dass sie Punkt zwölf zu Tisch gehen. Nur bei Wolfgang und mir ist das anders. Er fegt nach zwölf und ich geh zu Tisch, wenn es etwas gibt oder wenn ich Lust dazu habe.

Ich werde freundlich auf den Frisiersessel gebeten, den Nylonkittel schon in der Hand unterbricht Wolfgang die Bewegung, mit der er gewöhnlich das Nylon über den Kunden drapiert.
„Is recht, wenn ich eben einen Happen essen gehe?“
„Ja,ja, geh man“, sage ich dann immer. Ich weiß ja, dass er sich nicht lange mit der Esserei abgibt.
„Kerstin hat noch Grünkohl von gestern“, sagt er mit einer halben Rückwärtsdrehung, als er mit eingezogenem Kopf durch die windschiefe Tür in die Hinterzimmer des Altbaus verschwindet. Kerstins Grünkohl nutzt den kurzen Moment der geöffneten Tür, um sich bei mir vorzustellen.
 „Sie kocht nicht schlecht“, meinte Wolfgang mal bei anderer Gelegenheit. Dem Geruch nach zu urteilen hat er Recht.

Ich höre Geschirr klappern, es sind noch keine fünf Minuten verstrichen, und mein Frisör ist zurück. Während er mir den hellblauen Nylonkittel überschmeißt geht er noch einmal mit der Zunge über die Zähne und seufzt  tief auf beim Gedanken an den Grünkohl.

Das harte Krepppapier an meinem Hals kratzt und es kommt, was immer kommt:
„Wie immer?“
 „Wie immer!“
„Nicht so kurz?“
„Nicht so kurz.“
„Ohren frei?“
„Ohren frei.“
„Bart auch?“
„Bart auch.“
„Ein Drittel?“
„Ein Drittel.“

Das war am Anfang einmal anders. Aber als ich feststellte, dass Wolfgang ein ganz anderes Verständnis von Bruchrechnung hatte als ich und bei zwei Drittel nur noch kurze Stoppeln das Gesicht bedeckten, haben wir uns auf ein Drittel geeinigt. Nun stimmt alles: Ich sage ein Drittel, Wolfgang schneidet zwei Drittel und am Ende bleibt ein Drittel stehen. Alles so, wie ich es haben will!
Bruchrechnung nach Kehdinger Regeln.

Bartschneiden ist der langweiligste Part bei Wolfgang -  kannst nicht reden dabei.
Die harten Stoppeln springen von der Schere weg und landen willkürlich auf den geschlossenen Augenlidern oder den Lippen. Wenn Wolfgang dann zur Maschine greift nutze ich die Gelegenheit blitzschnell eine Hand vom Nylon zu befreien, um mir schnell die Stoppeln aus der Augenhöhle und vom Mund zu wischen. Meistens merkt er es.
„Lass mal, mach ich mit dem Pinsel.“
Genau das wollte ich doch vermeiden. An den Augen lass ich es mir ja noch gefallen. Wenn er dann aber mit den Schweineborsten über meine Lippen geht, kneife ich sie, bei dem Gedanken, wessen Lippen dieser stummelige Pinsel schon alles in seinem langen Dasein abgefegt hat, fest zusammen. Das Ergebnis ist, dass ich später gleich vor der Ladentür Stoppeln ausspucke und mit dem Handrücken über die Lippen gehe.

Ein schöner Moment dann, wenn Wolfgang den Stuhl senkrecht stellt und mit einem Lob einfordernden Blick in den Spiegel fragt: „Gut so?“
Na klar ist das gut und auch die Nachfrage „Nicht zu kurz?“ beantworte ich ihm, wie er es hören will.
Spätestens jetzt beginnt die Phase, warum ich fast nie „fremd“  gehe, wie Wolfgang immer meint. Es beginnt der Moment des Gebens und Nehmens. Gibt es so nicht beim Türken oder irgendeinem anderen Frisör, den man mal so nebenbei besucht.

Meistens eröffnet Wolfgang die heiße Phase auf dem Stuhl.
„Was ist denn dran an dem Gerücht?“
„Welches Gerücht?“
„Dass die Straßenbaufirma, die die Hauptstraße pflastert, insolvent ist.“
„Hör ich heut zum zweiten Mal, hat Bruno mich auch schon gefragt und der hat es in Hansis Keller gehört, soll einer von den Straßenbauern Hans Ahlers erzählt haben.“
„Wär´ja Schiet so kurz vor Ende der Arbeiten.“
„Jo.“
Mehr fällt mir dazu dann auch nicht ein.
„Mariechen Hase ist gestorben.“
„Hab´ ich auch gehört.“
„Is ja ´n Segen.“
„So gesehen, ja.“
Noch nicht ganz zu Ende gesprochen, denke ich, was für einen Mist redest du denn da eigentlich?
Aber Wolfgang genügt das.

Themenwechsel
„Augenbrauen auch?“
„Augenbrauen auch.“
„Sehen aus wie bei Breschnew.“
„Ja, oder wie bei Waigel.“
„Ja, der hätte auch mal kommen können.“
Das wär´s  gewesen, Breschnew oder Waigel bei Wolfgang in Freiburg. Wenn er es dann nicht schon gewusst hätte, hätte ich ihm eine schöne Geschichte zu erzählen gehabt!

Wie  zuvor schon angedeutet ist ein harmonisches Verhältnis vom Kunden zu seinem Frisör – und bei Wolfgang allemal – von geben und nehmen bestimmt. Nach dem Einsatz von Wolfgang – Straßenbau und Mariechen Hase – musste ich nun liefern.
„Stimmt es, dass im Spieker Firma Mählert den Auftrag bekommen hat, obwohl sie das zweithöchste Angebot abgegeben haben?“
Während ich ihm erkläre wie der Sachverhalt ist kommt die schon seit längerem erwartete Frage „Nase auch?“
Obwohl ich eigentlich jedes Mal sagen möchte: „Nein, heute nicht“, ist er schneller. Seine Schere kitzelt in meinen Nasenlöchern und ich denke:
 „Schere, wie viele Nasenlöcher musstest du dir schon von innen ansehen?“

Der Haarschnitt nimmt langsam Gestalt an.
„Dein Schwager war schon lange nicht mehr bei mir.“
Was soll ich sagen?
„Hmm“.
„Hab´ ich irgendetwas falsch gemacht?“
„Nee, kann ich mir nicht denken, passt eben nicht immer so, wenn die von Hamburg hier sind.“
„Bin ich ja beruhigt, dachte schon.“

„Ohren auch?“
Auch darauf hatte ich schon gewartet. Gegen „Ohren“ hab´ ich nichts, und wenn ja, hätt´s  wohl auch nichts genützt bei dem Tempo mit dem Wolfgangs Schere Fakten schafft, bevor ich antworten kann.
Das Ritual nähert sich dem Ende mit dem Kommentar, was für schönes volles Haar ich noch hätte und ob es etwas Gel oder Haarspray sein darf.
„Nö, Wolfgang, heute nicht.“
Einmal mit dem Handspiegel rund um den Kopf.
„Gut so, nicht zu kurz?“
Auf dem Weg zur Kasse.
„Eine Frage, musst nicht antworten, musst du heute noch irgendwo hin?“
„Ja.“
Pause!
Immer der gleiche Gag!
„Nun sag schon, was hast du heute noch vor? ´Was Besonderes?“

Ist das dann auch geklärt jammern wir uns noch kurz etwas vor, dass der Haarschnitt so teuer geworden sei und die Betriebskosten schon wieder gestiegen sind und so billig, wie der Türke in Frankfurt könne er hier nicht arbeiten.
Wenn  dann auch noch 50 Cent Trinkgeld in der stiefelförmigen Spardose für das Personal versenkt sind und ich mich aus der Kinderdose mit einem oder zwei Harribo Lakritz bedient habe,  bin ich durch für die nächsten vier Wochen.

Zu Hause brauche ich nicht auf ein Lob zu warten, wie etwa „Gut siehst du aus!“
Wenn´s hoch kommt sagt Ulla: „Typischer Wolfgangschnitt mal wieder!“ und geht zum Tagesgeschäft über.

„Na und“, denke ich dann, „bist du schon einmal von deinem Frisör zurückgekommen und hast gedacht: Das war doch wieder nett heute?“
Schön, dass ich meinen Frisör noch im Dorf habe auch, wenn es manchmal an Stellen kitzelt, wo der Frisör eigentlich besser weg bleiben sollte.

P.S.:
Mein Freund Jan, erst seit wenigen Jahren Kehdinger, hat auch schon einige Geschichten mit Freiburger Frisierstuben erlebt. Nur bei Wolfgang war er noch nie, wie er mir unlängst anvertraute. Umso mehr war er an einer Beschreibung des Frisörs meines Vertrauens interessiert.
Als ich bei der Schere im Nasenloch angekommen war, schien sein Interesse schlagartig erloschen.
Er werde wohl nicht zu Wolfgang gehen, sagte Jan.
Ich weiß gar nicht warum, aber so ist das manchmal mit den Zugereisten.

Und nun zu guter Letzt noch eine Richtigstellung von meinem Schwager Horst, die wiederzugeben ich mich verpflichtet fühle:

„Richtig an Wolfgangs Beobachtung ist, dass ich jetzt seit Jahren ebenfalls nicht mehr "fremd-", sondern zu "meinem" türkischen SPD-Abgeordneten in der Bezirksversammlung Altona, Becet Algan, gehe, dessen Frisierstube ein sehr schlichter, aber viel frequentierter Treffpunkt türkisch stämmiger Ottensener ist. An den Wänden kann man - bei einem Gläschen türkischen Tees - Photos bewundern, die Becet neben allerlei SPD-Prominenz zeigen...“




Strandgut



„Strandgut“ oder „Es kommt ein Dixi-Klo ge…“
Zur Erinnerung an einen Höhepunkt unseres gemeinsamen Berufslebens für meinen Freund Klaus-Dieter Melahn
Dezember 2013

Sturmfluten sind bei uns ja keine Seltenheit. Wenn es ganz schlimm kam, brachen die Deiche, Vieh und Menschen ertranken und es dauerte bisweilen Jahre bis die Wunden an den Deichen und in den Seelen der Überlebenden vernarbt waren.
Gott sei Dank erleben wir diese Fluten, die sogenannten Jahrhundertfluten, nicht so oft. Meistens steigt das Wasser nur bis an den Deichfuß und, wenn es mal sehr heftig kommt, bis zur Deichmitte. Ist das Wasser wieder abgelaufen, findet sich entlang des Deiches allerlei Strandgut. Das war schon immer so und schon immer gab es großes Interesse der Küstenbewohner, brauchbares Strandgut in ihren Besitz zu bringen, bevor die Obrigkeit in Gestalt eines Strandvogtes oder Deichgrafen ein öffentliches Interesse am Strandgut verkündet.
Spektakulär sind Wracks mit zum Teil noch brauchbarer Ladung oder die Überreste des Schiffes selbst. Immer wieder sind es Decksladungen, heute zum Teil ganze Container, und jede Menge Treibholz, das sich als Bau- oder Brennholz verwerten lässt.
Für große Aufregung sorgten einst einige ägyptische Mumien, die nach einer Schiffsstrandung in der Elbmündung am Baljer Elbdeich antrieben. Wie enttäuscht mögen die Strandräuber gewesen sein, als sie feststellten, dass die Mumien keine Schätze bargen.
Ebenfalls für Aufregung sorgte gegen Ende des letzten Jahrhunderts ein völlig anderes Strandgut: Ein hellgrünes Plastik Klo, ein sogenanntes Dixi Klo.

Ortswechsel:
Große Pause in der Freiburger Schule. Unser Schulleiter schiebt mir und meinem Kollegen Klaus-Dieter einen Zettel zu. „Klaus-Dieter/Jörg, Klo Haus in Hörne angetrieben, Rückfragen an 0475392..Ida“.
Ida war unsere Schulsekretärin.
„Was wollt ihr denn mit einem Klo Haus?“ fragte uns unser Schulleiter mit sichtbar irritiertem Blick. Er war ja schon einiges mit uns gewöhnt. Aber nun? Ein Klo Haus?
Ja, was sollen wir denn damit? Wir haben die Telefonnummer angerufen. An der anderen Seite eine etwas ältere Frauenstimme.
„Ja, er is scha nu nich mehr da; aber er hat gesacht an´n Deich liecht ´n Klo. So eins, wie ihr da in´n Middelalterdorf habt. Und da hat er gesacht, tu mal inne Schule anrufen. Die müssen ja auch maa nach Tante Meyer in´n Middelalter Dorf.“
„Und, hat er auch gesagt, wo es liegt?“
„Nee, irgendwo in Hörne.“
„Danke für den Anruf, Tschüß.“

Ja, unser guter Informant hat bestimmt schon den Transporter von Mirkens und Glaser gesehen, der im Sommer regelmäßig das Mittelalterdorf in Hörne ansteuert um die Dixi-Toiletten auszutauschen. Hier, wo im Sommer Schulkinder tageweise in unserem schuleigenen Mittelalterdorf Geschichte spielerisch erfahren, haben wir zwei Miettoiletten für teures Geld im Einsatz.
Ein Klo für das Mittelalterdorf, das macht Sinn! Da hat doch echt jemand („er!“) in Hörne mitgedacht.
Noch am selben Nachmittag sind Klaus-Dieter und ich nach Hörne am Deich entlang auf verbotenen Wegen. An jeder zweiten Deichüberfahrt kurz auf die Deichkuppe und einen Blick nach rechts und links. Ein Dixi Klo ist eigentlich doch unübersehbar. Und richtig, kurz vor dem historischen Baljer Leuchtturm, hatten wir es entdeckt.
Raus aus dem Auto. Der Orkan war vorüber; aber es wehte immer noch ein starker, unangehm kalter Wind.
„Die Farbe passt nicht zu dem anderen“, meinte ich.
„Na und?“
Wo er Recht hat, hat er Recht. Die Inspektion ergab, dass das Klo fast unbeschädigt war. Ein bisschen Chemie in den Tank, Rolle Klopapier und fertig ist das „Eigenklo“.
„Guck mal, hier klebt ein Schild drin von einer Hamburger Baufirma“, meint Klaus-Dieter und war schon dabei, die Folie abzuziehen.
Irgendwo hatte ich gelesen, dass man seinen Anspruch auf Strandgut geltend macht, indem man einen Pflock einschlägt und das gefundene Teil daran mit einem Band fest bindet. Das versuchte ich meinem Freund zu erklären seinen befremdlichen Blick bemerkend, als ich nach kurzer Suche im Treibselstreifen mit einer dünnen Leiste zurückkehrte.
Ich drückte die Leiste in den weichen Deich und verband „unser“ Dixi Klo mit einem Stückchen Nylonband aus einem angeschwemmten Fischernetz mit der Leiste.
„So“, meinte ich, „jetzt sind wir auf der sicheren Seite!“
Er lachte und auch ich musste lachen bei dem Gedanken, dass uns jemand bei der Sicherung unseres Klos beobachtet.
„Und nun?“
„Nun“, meinte ich, „nun fahren wir nach Freiburg, holen einen Anhänger und bringen das Klo ins Mittelalterdorf. Vorher fahren wir aber noch bei Klaus Schmoldt vorbei, dem Deichgrafen.“
Der Hof des Deichgrafen lag direkt an der Straße nach Freiburg im Krummendeicher Ortsteil Wechtern. Ich kannte ihn gut, wir haben viele Jahre  im Deichverband zusammengearbeitet.
Klaus-Dieter: „Muss das sein?“
„Sicher ist sicher“, war meine Antwort, „könnte ja sonst passieren, dass man uns vorwirft, wir hätten uns am Eigentum des Landes Niedersachsen vergriffen.“
Aus dieser Äußerung war schon reichlich Zweifel an der aktuellen Rechtmäßigkeit meiner Pflockaktion am Elbdeich heraus zu hören.
Es war schon dunkel als wir auf den Hof vor dem Altenteil unseres Deichgrafen fuhren. Klaus-Dieter kannte ihn noch nicht und ich nutzte noch schnell die Gelegenheit, ihn auf eine gewisse Verschrobenheit des Alten einzustimmen.
Klingel gefunden, es klingelt auch draußen laut vernehmbar und schon kurze Zeit später Schritte zur Tür und die Außenbeleuchtung geht an. Ein Schlüssel dreht im Schloss und die Tür öffnet sich einen Spalt. Frau Schmoldt begrüßt uns mit einem „Ja?“
Ich begrüße sie und bringe mich als den Lehrer ihrer Enkelkinder Klaus und Anne in Erinnerung, stelle meinen Kollegen, Herrn Melahn, vor. Die Tür öffnet sich eine Nuance weiter. Die erste Unsicherheit ist verflogen ein gewisses Misstrauen bleibt, bis wir unsere Geschichte von dem Dixi Klo am Deich erzählt hatten.
„Und nun wollen wir gerne mit ihrem Mann besprechen, ob wir das Klo haben dürfen“, erklärte ich ihr.
„Mein Mann , der arbeitet gerade, aber ich kann ihn ja mal Fragen“, sagte sie, drehte den Kopf in den Flur und rief: „Klaus hier sind zwei Lehrer aus Freiburg. Die wollen was von dir wegen ein..Klo am Deich, können die rein?“
„Was?“ schallt es aus den Tiefen des Hauses. Unser Deichgraf konnte nicht mehr so gut hören oder er war einfach zu weit weg.
„Komm doch selbst mal her, und sie kommen erstmal rein.“
Na endlich!
Nun standen wir im Flur und hörten, wie Frau Schmoldt ihrem Mann eine Geschichte von zwei Männern aus Freiburg, von einer Schule, „du weißt doch, Anne und Klaus Lehrer“, von einem Dixi Klo, das die haben wollen, erzählt.
Ihn näher kommend hörten wir ihn sagen: „Und was hab´ ich denn damit zu tun?“
Sein Interesse am Besuch war entfacht, es war an der Zeit, dass der Deichgraf sich persönlich ein Bild von der Lage macht.
„Ach Sie sind das, Herr Peters, kommen sie doch rein.“ Die Unterschlagung der letzten beiden Buchstaben meines Namens wundert mich schon lange nicht mehr. Scheint eine regionaltypische Eigenart der Menschen hier zu sein. Habe ich bei anderer Gelegenheit auch schon erlebt.
Wir folgen ihm in sein Arbeitszimmer.
Kaum dass wir alle sitzen, steht er auf und redet auf uns ein immer lauter werdend und sein Kopf wird immer roter.
„Das macht mich sowas von wütend, so verrückt, die spinnen doch alle!“
Klaus-Dieter und ich sehen uns etwas ratlos an; aber schon bald gibt es Entwarnung. Er meinte nicht uns und unsere Dixi Klo Geschichte. Er steckte gedanklich noch in dem Problem, das er gerade beackerte. Klaus Schmoldt arbeitete an einem Leserbrief für das Stader Tageblatt. Grund für seine Erregung war der Umstand, dass der Wachtelkönig, bislang nur als Autobahnbremse im Bullenbruch bei Buxtehude im Kreisgebiet wahrgenommen wurde nun plötzlich auch in Nordkehdingen im Außendeich vermutet wurde. Als aufmerksamer Zeitungsleser und Kommunalpolitiker war mir natürlich sofort klar, dass mit dem Nachweis der Existenz eines Wachtelkönigs im Außendeich dort sämtliche Veränderungen bis zum St. Nimmerleinstag  unmöglich sind.
„Keiner hat ihn gesehen, kräch, kräch soll er gemacht haben. Hier! Bei uns im Außendeich! Das ist ja lächerlich, kann ja nicht ´mal richtig fliegen und dann aus Afrika! Ein weiteres verächtliches „Kräch, Kräch“ ausstoßend wirft er die Arme hoch und wendet sich uns zu.
Jetzt oder nie denke ich.
„Wir brauchen Sie als unseren Deichgrafen.“
In Gedanken noch beim Wachtelkönig, dem größten „Untier“ des Universums, scheint er seinen Besuch zu registrieren.
Wir erzählen ihm von unserem Fund am Deich und, dass wir das Klo so gut für unser Mittelalterdorf gebrauchen können. Langsam bekommt, was ihm seine Frau in Kürze mitteilen wollte, einen Sinn.
„Tscha“, spricht er nach der ganzen Geschichte mehr zu sich selbst, als zu uns, „tscha, eigentlich gehört es ja dem Land Niedersachsen, wenn das sonst niemandem gehört. Steht da denn was drauf, ein Schild oder so was?“
„Ja“, schaltet sich Klaus-Dieter ein, „ein Aufkleber ist da dran.“
„Müsst ihr abmachen, dann gehört es niemanden mehr. Und was soll das Land Niedersachsen mit´m Dixi Klo, die haben ja alle Toiletten zu Hause.“
Was immer er meinte mit denen allen, die ja Toiletten zu Hause haben. Die Landtagsabgeordneten, den Ministerpräsidenten oder all die anderen Niedersachsen?
Ist ja auch egal! Seit diesem Abend ist die Schule stolze Besitzerin eines Dixi Klos.
Nicht so spektakulär, wie die einst angeschwemmten Mumien, dafür aber viel brauchbarer.

Die Greundiek im Freiburger Hafen




Die „Greundiek“ im Freiburger Hafen, ein maritimes Ereignis der eher ungewöhnlichen Art


























Und sie hat es doch geschafft! Vielen Unkenrufen zum Trotz hat die „Greundiek“ am Montag pünktlich mit der Abendtide im Freiburger Hafen fest gemacht. Zweifler hatten dem Stader Kümo keine Chance gegeben. Das Fahrwasser sei zu eng, die Wassertiefe nicht ausreichend und an ein Wendemanöver im Hafen sei schon gar nicht zu denken. Kapitän Joachim Fielitz und seine Crew haben das Gegenteil bewiesen. Bis auf eine abrasierte Prigge und ein leichtes „Touchieren“ in der engen Sperrwerksdurchfahrt klappte alles wie am Schnürchen. Vorausgegangen war eine generalstabsmäßige Planung. Kapitän Fielitz studierte die Fahrrinne bei Ebbe, verglich die Wasserstände mit dem Schiffstiefgang und fand gerade eben genügend Platz im Hafen fürs notwendige Wendemanöver: Grünes Licht für die „Greundiek“.
Bereits auf der Elbe wurde die „Greundiek“ vom Freiburger Schlepperkapitän Bodo Duhn empfangen. Einem Pilotfisch gleich nahm er den grünen Riesen aus Stade mit dem kleinen Schubboot „Mobby Schlick“ auf den Haken. Am Freiburger Hafen herrschte Volksfeststimmung. Mehrere hundert Freiburger fanden sich ein, um die Einfahrt des größten jemals in Freiburg eingelaufenen Schiffes mit zu erleben. Gemeinsam mit der Crew feierte Freiburg den spektakulären Schiffsbesuch mit Blasmusik und mit, wie sollte es anders sein, reichlich Wurst und Getränken. Für die Bewirtung auf der Kaimauer sorgte Gastwirt Harald von Bargen dann auch noch während der gesamten Liegezeit der Greundiek in Freiburg. 



 
Die Crew der Greundiek lobte die Gastlichkeit der Freiburger und verzeichnete mit ca. 2500 Besuchern die höchsten Gästezahlen ihrer bisherigen Reise in die verschiedensten Häfen an der Niederelbe. Selbst Cuxhaven, das nächste Ziel des Schiffes, konnte die Freiburger Besucherzahlen nicht übertrumpfen.
Ob die Greundiek nun allerdings häufiger im Freiburger Hafen liegen wird ist alles andere als sicher. So reibungslos wie das Kümo den Weg hinein gefunden hat, ging es nicht wieder hinaus auf die Elbe. Das Sperrwerk passierte das betagte Schiff noch ohne Probleme. Eine zu enge Kurve im ausgepriggten Fahrwasser vor dem Radarturm sollte dem Kümo fast zum Verhängnis werden. Über eine halbe Stunde benötigte „Mobby Schlick“, um den grünen Riesen aus Stade vom Schlickrücken zu drücken und zu schleppen. Gerade als das kleine Häuflein Schaulustiger am Radarturm anfing, zu mutmaßen, dass die Greundiek wohl ihren endgültigen Liegeplatz vor Freiburg einnehmen müsste, kam Bewegung in den Schiffsrumpf. Milimeterweise rutschte die Greundiek dem Fahrwasser entgegen und plötzlich ging es ganz schnell: Die Leinen wurden gelöst, die „Greundiek“ lief mit eigener Kraft ihrem neuen Ziel Cuxhaven entgegen.