Montag, 25. August 2014

Fremde Stimmen in der Nacht




Kein gutes Zeichen, wenn man „Stimmen hört“. So jedenfalls bei uns im Norden. Besonders noch, wenn niemand sonst diese Stimmen hört.
Ulla hatte damals noch ein ausgezeichnetes Gehör und einen leichten Schlaf gerade in der Zeit, als die Kinder noch klein waren. Wir waren aus dem Ort herausgezogen, hatten ein Haus in damals noch einsamer Randlage gebaut. Es war das erste Haus in einem gerade neuerschlossenen Baugebiet, umgeben von hohen Bäumen und nur wenige Meter von einer größeren Wasserfläche entfernt. Die Natur um uns herum war voller Geräusche, die sich uns erst nach und nach erklärten.
Nichts für Menschen mit leichtem Schlaf.
„Hast du das gehört? Da ist etwas!“
Natürlich hatte ich nichts gehört oder ich konnte die Geräusche der Nacht schnell erklären, weil ich sie von den vielen Nächten, die ich in der freien Natur verbracht hatte, kannte.
Es war in einer Spätsommernacht, der Duft des Strohs auf dem frisch abgedroschenen Acker gelangte durch das geöffnete Fenster bis ins Schlafzimmer.
„Hör ´mal, da sind Stimmen!“ Ulla flüsterte als müsste sie Angst haben, dass sie gehört werden könnte.
Noch völlig verschlafen kann ich beim besten Willen keine Stimmen vernehmen.
„Wo hörst du Stimmen?“
„Jetzt sind sie weg; aber eben waren sie noch da, Männerstimmen. Ich habe sie deutlich gehört.“
„Vielleicht Nachtangler“, sagte ich und drehte mich wieder auf die Seite.
„Sie kamen aber nicht vom Wasser, vielleicht vom Mühlenweg.“

Tage später, an einem ungewöhnlich lauen Abend saßen wir noch beim Schein eines Windlichtes auf der Terrasse. Die Mähdrescher hatten bereits ihre Arbeit wegen des einsetzenden Taus eingestellt und außer einem Käuzchen, dem Platschen eines springenden Fisches oder einem fernen Motorengeräusch herrschte Stille.
„Hörst du, da sind Stimmen!“
Tatsächlich hörte ich Stimmen vom Mühlenweg her. Sie wurden lauter und lauter. Geräusche von Fahrrädern, ein Pedal quietschte bei jeder Umdrehung, durch die Bäume sahen wir ein Licht vorbeigleiten und schon entfernten sich die Stimmen und Geräusche bis sie nicht mehr zu hören waren.
„Das waren die Stimmen, die ich neulich gehört hatte, genau die Stimmen!“ Aus ihrer Art zu sprechen klang heraus: „Siehst du, ich habe doch nicht gesponnen, als ich dich weckte. Da waren wirklich Stimmen.“
Ja, es waren wirklich Stimmen in einer Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag. Was macht eine Gruppe von wahrscheinlich Männern nachts auf dem Mühlenweg? Ein asphaltierter Verbindungsweg, der sonst höchstens von den Landwirten benutzt wird, um zu ihren Äckern zu gelangen. Ein Licht nur aber deutlich mehrere unterschiedliche Stimmen, nichts Beunruhigendes, eben nur nicht zu verstehen.

Einige Wochen später bin ich wie jeden Tag vor dem Schlafengehen noch einmal mit dem Hund vor die Tür gegangen. Die Dunkelheit machte mir nichts, es war nicht so finster, dass man den Weg nicht erkennen konnte. Es regnete und stürmte.  Auf dem Mühlenweg höre ich durch das Geräusch des Windes und Regens Stimmen, die sich schnell nähern. Ich verlasse den Mühlenweg und stelle mich hinter ein paar Bäume vielleicht 20 Meter entfernt. Der Hund hat schon lange gehört, dass sich Menschen nähern. Er steht neben mir, den Kopf aufmerksam in die Richtung der Stimmen gewandt. Ein Licht bewegt sich über den Weg auf uns zu. Gegen den helleren Nachthimmel zeichnen sich mehrere Silhouetten radelnder Personen ab. Sie befinden sich in einem lauten, lebhaften Gespräch, von dem ich kein Wort verstehe. Die Stimmen und Fahrradgeräusche, ich erkannte das quietschende Pedal wieder, verschwinden so schnell in der Nacht, wie sie gekommen waren. Der Hund zog schon die ganze Zeit an der Leine, wundert mich, dass er still gehalten hatte, bewegte sich zum Mühlenweg. Stimmen konnte ich nicht mehr hören; aber das einsame Fahrradlicht war noch gut zu sehen, bis es endlich hinter einer Kurve verschwand.
Was bewegt diese vermutlich jungen Männer am Wochenende, es war wieder ein Wochenende,  mit klapprigen Fahrrädern ohne Licht durch Sturm und Regen zu radeln?
Zurück im Haus bekommt der Hund sein Futter und ich begebe mich ins bereits dunkle Schlafzimmer. Ulla dreht sich zur Seite. Schläft sie vielleicht noch nicht?
„Ich habe die Stimmen getroffen, eben, auf dem Mühlenweg“, sagte ich mit gedämpfter Stimme, um herauszufinden, ob sie wohl schon schläft.
„Lass mich, ich schlaf schon.“
Mir gehen die Stimmen nicht aus dem Kopf. Ausländische Stimmen, vielleicht türkische? Wohin fahren sie mit ihren wenig verkehrssicheren Fahrrädern? Kommen sie auch einmal wieder zurück? Wann? Woher?
Irgendwann fiel ich in den Schlaf, ohne eine Antwort gefunden zu haben.
Ulla schlief schon lange. Seit sie mich überzeugt hatte, dass sie keine Phantomstimmen gehört hatte, und klar war, dass die Stimmen nicht ums Haus schlichen, sondern lediglich auf dem Mühlenweg vorbeiradelten, waren sie kein Thema mehr, und, dass diese Stimmen nun ein Thema für mich waren, interessierte sie nur mäßig.

Über Wochen und Monate hörte ich nachts nun die Stimmen. Draußen mit dem Hund oder durch das geöffnete Schlafzimmerfenster. Antworten auf meine Fragen hatte ich immer noch nicht gefunden. Stattdessen ergab sich eine weitere Frage.
Warum begegnen mir die Stimmen immer nur an den Wochenenden?
Es sollte noch eine Weile dauern, bis sich das Rätsel der nächtlichen Stimmen auf dem Mühlenweg löste.

An einem klirrenden Frosttag im Februar machte ich mit dem Fahrrad über den Mühlenweg aus dem Dorf kommend eine ungewöhnliche Beobachtung. Aus dem Obsthof gegenüber dem Teich stieg eine dünne Rauchsäule auf. Da ich ohnehin gleich mit dem Hund gehen musste, wollte ich die zwei Dinge, Hund ausführen und Ursache des Rauches ermitteln, miteinander verbinden.
Die dünne Rauchsäule stand immer noch über den Bäumen, als ich mich mit Hund und, wie sollte es bei mir anders sein, mit Kamera, der Apfelplantage näherte. Im Obsthof angekommen, löste sich das Rätsel mit dem Rauch schnell. Vor einem kleinen Feuerchen hockte, mir den Rücken zugewandt, ein Mann. Er saß nicht, sondern hockte. Eine Körperhaltung, die ich nur bedingt lange ertragen könnte. Diesem Menschen schien sie nicht fremd, er machte den Eindruck, als hocke er schon stundenlang so vor dem Feuer. Als er meine Schritte über den gefrorenen Boden nahen hörte, richtete er sich erschrocken auf und blickte mir verunsichert entgegen. Besuch im Obsthof war wohl eher die absolute Ausnahme. Schnell erfasste ich die Situation. Dieser Mann mit den schwarzen Stoppeln, braunem Teint und einer unglaublich großen Nase im Gesicht, musste einer von den Türken sein, die sich auch hier in der Gegend bei einigen Bauern als Landarbeiter verdingt hatten. Ich hatte schon von ihnen gehört, nur, begegnet war ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinem von ihnen. Dieser Mann war offensichtlich mit dem Ausschneiden der Apfelbäume beschäftigt, seine Obstbaumschere und eine kleine Bügelsäge lagen neben der Feuerstelle im angetauten Schnee.
Ich ging zielstrebig auf den Mann zu, reichte ihm die Hand, die er erschrocken mit etwas Zögern  nahm, und stellte mich vor.  Mit meinen Worten schien er nicht viel anfangen zu können. Als er das Gefühl hatte, dass weder mein Mischlingshund noch ich eine Gefahr für ihn bedeuteten, zeigte er mit leichtem, etwas verlegenem Lächeln auf die Bäume und dann auf sich: „Ich Appelbäume schneiden. Serr kalt!“
Das mit der Kälte konnte ich nur bestätigen.
„Ich Hassan! Komm an Feuer.“ Mit einer Handbewegung lud er mich ein, an seinem Feuer Platz zu nehmen. Offensichtlich hatte ich Hassan bei seinem Mittagsmahl gestört. Auf einem Stück Papier lagen angebissene Brot- und Käsestücken und am Rande der Glut stand eine angerußte, kleine Teekanne aus Metall. Ich hockte mich vor das Feuer, wie ich es zuvor schon bei Hassan gesehen hatte. Mein Hund begann sich für den Käse zu interessieren, den Hassan durch einen schnellen, beherzten Griff vor dem immer hungrigen Tier retten konnte. Den Regeln orientalischer Gastfreundschaft folgend, bot Hassan sofort an, sein karges Mahl mit mir zu teilen. Ich lehnte dankend ab und hielt stattdessen meine Hände über das wärmende Feuer.
„Serr kalt!“ Hassan schüttelte sich zur Untermalung seiner Worte.
„Ja, es ist heute sehr kalt!“ antwortete ich ihm.
Erlenzweige brannten im Feuer. Totholz aus der Windschutzhecke, die den Obsthof umgab. Bestimmt war es nicht leicht gewesen, dieses Feuer zu entzünden. Trotz meiner Jugenderfahrungen bei den Pfadfindern hätte ich wohl große Schwierigkeiten gehabt, unter diesen Bedingungen ein Feuer zu entfachen.
Hassan und ich begannen eine Unterhaltung über das Wetter, Feuer, Arbeit und ich zeigte ihm das Dach von unserem Haus, das man gerade noch durch die unbelaubten Apfelbäume sehen konnte.
„In dem Haus wohne ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern. Zwei Mädchen.“
Hassan erzählte mir, dass er auch verheiratet sei und drei Kinder habe, in der Türkei. Man konnte sich ganz gut unterhalten, wenn man sich einmal an die Sprache mit arg reduzierter Grammatik gewöhnt hatte. Bevor ich mich auf den Weg zurück machte, fragte ich Hassan, ob ich ein Foto von ihm machen dürfe. Dieses Ansinnen löste erneut Verunsicherung und Unruhe bei ihm aus. Ich erzählte ihm, dass ich Hobbyfotograf sei und mich würden Motive von Menschen an ihrem Arbeitsplatz interessieren. Das beruhigte ihn und er stellte sich sogar mit seinem Arbeitsgeschirr in Pose. Ich machte das Foto, so, wie er sich vorstellte, dass es aussehen müsse. Dann bat ich ihn, sich wieder an das Feuer zu hocken und mit seinem Mittagsmahl fortzufahren. Das war das Motiv, das mich von Anbeginn gereizt hatte. Es hatte so etwas archaisch Natürliches. Der Mensch bei der Befriedigung existentiellster Bedürfnisse: Wärme und Nahrungsaufnahme. Ich hatte schon Freude an den Bildern, als ich den Auslöser der Kamera bediente. Hassan konnte wohl kaum ahnen, was in mir vorging. Ich verabschiedete mich von ihm mit der Ankündigung, dass ich ihm die Fotos demnächst zeigen würde.

Zu Hause angekommen konnte ich es kaum erwarten, in die Dunkelkammer zu gehen. Der Film musste entwickelt werden. Bloß nichts verkehrt machen! Dann die Beruhigung: Der nasse Film an der Leine zeigte kontrastreiche Negative. Ein paar Stunden später lagen die ersten Abzüge auf dem Tisch vor mir. Ich war zufrieden mit meinen Ergebnissen. Was Hassan wohl sagen würde?
Er war nicht mehr im Obsthof, inzwischen war es schon dunkel geworden. Morgen, morgen Nachmittag wollte ich ihm ein Foto bringen.

Am nächsten stieg kein Rauch aus den Obstbäumen auf, das Wetter war umgeschlagen, es regnete. Der Regen war noch schlimmer zum Bäume ausschneiden als der klirrende Frost vom Vortag. Hassan arbeitete, ich erkannte es an dem Fahrrad, das an der Erlenhecke abgestellt war. Er strahlte, als er mich kommen sah, ich war kein Fremder mehr, hatte nichts Bedrohliches für ihn.
„Moin Pettersen!“ begrüßt er mich. Ich hatte vergebens versucht, ihm meinen Vornamen beizubringen. Pettersen hatte vielleicht Ähnlichkeiten mit einem Wort seiner Muttersprache. Hassan freute sich über das Foto und ließ es nach eingehender Betrachtung in den Tiefen seiner Arbeitsjacke verschwinden. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich das Foto selber im Labor entwickelt hätte. Das von mir benutzte  Vokabular entsprach nicht annähernd dem, das er an seiner Arbeitsstelle gewohnt war. Ich spürte schnell, dass er mich nicht verstehen konnte, obwohl er meine Ausführungen mit einem verstehenden Lächeln und ständigem Kopfnicken begleitete. Ich musste ihm das Labor zeigen, damit er verstehen konnte, was ich meinte. Auf einem Stückchen Verpackungspapier notiere ich den besprochenen Sonntag, die Uhrzeit, meinen Namen und zeige noch einmal zu meinem Haus hinüber.
Hassan nickte und ließ den Zettel ebenfalls in seiner Jacke verschwinden.
„Scheißwetter!“ sagt Hassan zum Himmel deutend.
Aus genau dem Grunde verabschiede ich mich mit den Worten:
„Also dann, bis Sonntag!“
Wird Hassan wohl kommen?

Er kam. Bevor ich ihn sah, hörte ich bereits das rhythmische Quietschen seiner Pedale, als er die Auffahrt hochfuhr. Dieses Geräusch?! Die Stimmen in der Nacht!
Sie haben ein Gesicht bekommen - in diesem Moment. Hassan ist eine dieser Stimmen, ich muss ihn befragen nach den Gründen der nächtlichen Fahrradtouren bei jedem Wetter und nur am Wochenende.
Wir tranken Kaffee zusammen und aßen Kuchen. Hassan hatte sich rasiert und trug keine Arbeitskleidung mehr. Hassan blickte unauffällig um sich, nahm alles, was er sah, mit Interesse auf. Das war nicht seine Welt. Nicht die Welt, die ihm aus der Türkei oder Deutschland vertraut war. Vielleicht kannte er sie aus dem Fernsehen. Ich führte meinen Gast in die Dunkelkammer. Neugierig verfolgte er meine Arbeitsschritte im gelben Licht der Laborlampen. Kindliche Freude, als er im Entwicklerbad sein Gesicht entstehen sah. Fast unhörbar hauchte er „Hassan“.
Während die Fotos trockneten, saßen wir mit der ganzen Familie in der Stube und tranken Tee.
„Warum“, fragte ich Hassan, „fährst du mit anderen Männern an den Wochenenden immer spät abends mit dem Fahrrad an unserem Haus vorbei? Ich habe schon oft eure Stimmen gehört, wenn ihr euch unterhaltet. Heute habe ich das Qietschen deiner Pedale wiedererkannt. Du bist doch dabei, bei diesen nächtlichen Fahrten?“
Hassan guckte überrascht als würde er noch überlegen, ob er wirklich alles richtig verstanden habe. Ja, er bestätigte meine Vermutung und begann erst langsamer und dann immer schneller seine Geschichte zu erzählen. Ich versuche sie etwa sinngemäß wiederzugeben.

„Meine Landsleute und ich sind keine Türken, wir sind Kurden. Die meisten von uns sind illegal in Deutschland. Wir arbeiten bei den Bauern aber, weil wir illegal in Deutschland sind, dürfen wir möglichst nicht zu sehen sein. Unsere Bauern behandeln uns sehr unterschiedlich. Einige von uns wohnen in kleinen Wohnungen andere eher in einem Verschlag, der irgendwo abgetrennt wurde. Einige werden von der Familie mitbeköstigt, andere versorgen sich selbst. Der Stundenlohn ist fast überall gleich, die Arbeitgeber scheinen sich abgesprochen zu haben. Ausgezahlt bekommen wir sehr unterschiedlich. Einigen wird die Wohnung vom Lohn abgezogen und in den meisten Fällen lassen wir uns Dinge, die wir brauchen von unseren Bauern einkaufen. Auch das wird uns dann natürlich vom Lohn abgezogen. Das ist auch ganz in Ordnung so. Nur haben wir leider festgestellt, dass die Preise, die wir zahlen, sehr unterschiedlich sind, obwohl doch alle Waren aus dem EDEKA oder ALDI kommen. Gearbeitet wird von Montag bis Sonnabend, Feierabend ist, wenn der Chef sagt, dass Feierabend ist. Der Sonntag ist frei. Hier gibt es auf keinem Hof mehr als einen Kurden. Wir sind abends allein und nur die wenigsten von uns können türkisches Fernsehen über Satellit empfangen. Die meisten gucken deutsches Fernsehen. Da lernt man wenigstens etwas Deutsch. Bei der Arbeit geht das nicht gut, weil viele Arbeiten alleine oder unter Maschinenlärm verrichtet werden. Krank werden darf niemand von uns. Wenn das doch der Fall ist, muss der Bauer zur Apotheke oder sich selbst etwas gegen die beschriebenen Symptome verschreiben lassen. Schwere Verletzungen dürfen nicht vorkommen. Das wäre auch schlecht für den Bauern, wenn sein Arbeiter ins Krankenhaus müsste und herauskäme, dass er keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland hat. Einige von uns sind schon ein paar Jahre in Deutschland, ohne zwischendurch in die Heimat zu ihren Familien zu können. Ich bin auch schon zwei Jahre hier und habe mein jüngstes Kind noch nicht im Arm gehalten. Pause
Ich weiß nicht, wann ich wieder nach Hause komme. Ich habe auch viel zu viel Angst, dass ich nicht wieder zurück nach Deutschland komme. Einmal haben sie mich schon in den Bergen zwischen Jugoslawien und Österreich geschnappt. Das war nicht schön. Ich wurde in die Türkei abgeschoben und das Geld, das ich für die Einschleusung bezahlt hatte, war verloren. Ich musste es wieder versuchen, wovon sollte sonst meine Familie leben? Ich schicke einmal im Monat Geld von der Post in F. an meine Frau. Es reicht für die Familie und meine Frau kann auch immer noch etwas für ein eigenes Haus beiseitelegen.
Einmal im Monat telefoniere ich mit meiner Frau. In unserem Dorf gibt es ein Telefon in der Bar. Ich rufe am 1. Sonntag immer um 19 Uhr von der Telefonzelle aus in der Bar an. Meine Frau sitzt dann dort bereits und wartet auf meine Stimme aus dem fernen Deutschland. Sie erzählt von den Kindern, aus der Familie und vom Dorf. Ich kann kaum zuhören, weil mir die Tränen über das Gesicht laufen und ich lautes Weinen unterdrücken muss. Sie soll nicht merken, wie traurig ich bin. Manchmal denke ich, dass das Heimweh und die Sehnsucht mich  in diesem fernen Land auffressen. Und nun verstehst du vielleicht, warum wir mit dem Fahrrad durch die Nacht fahren? Wir treffen uns sonnabends und sonntags bei einem Freund, der in einem kleinen Haus auf „seinem“ Bauernhof wohnt. Er hat es dort sehr nett und seine Leute wissen von unseren Treffen, manchmal bringt uns die Oma sogar einen Kuchen rüber. Wir müssen nachts auf möglichst abgelegenen Wegen unterwegs sein, weil wir tagsüber zu sehr auffallen und in eine Kontrolle geraten könnten. Die Wochenenden sind das Schönste vom Leben außer in der Heimat zu sein. Wir lachen, singen, essen und tanzen zusammen und können unsere Sprache sprechen, was uns in der Öffentlichkeit nicht einmal in der Türkei erlaubt wird. Manchmal wechseln wir den Bauern. Das mag der natürlich nicht gerne aber er kann nichts machen, weil sein Verhalten so illegal ist wie unser Aufenthalt in diesem Land. Man muss nur darauf achten, dass man seinen ganzen Lohn schon ausbezahlt bekommen hat.
Es kommt auch vor, dass wir mal in Zeiten mit wenig Arbeit an einen Nachbarn ausgeliehen werden. So lernen wir dann auch noch einmal andere  Menschen kennen.
Hin und wieder verschwindet einer von uns in die Heimat und kommt erst Monate später voller Geschichten und manchmal mit kleinen Geschenken der Familie zurück. Wir kommen fast alle aus der gleichen Gegend. Ich will auch nach Hause, will meinen Sohn sehen und mit dem Hausbau beginnen. Aber ich habe Angst vor der Reise. Du hast es gut, Pettersen, du hast deine Familie um dich.“
Hassan verließ uns, um mit seinen Freunden irgendwohin zu radeln. Wo das war, hatte er uns nicht gesagt. Ich hörte gelegentlich die Stimmen nachts vom Mühlenweg. Dann dachte ich an Hassan und seine Freunde, die sich ein paar Stunden Heimat holten. Einmal begegneten sie mir im Dunkeln auf dem Mühlenweg. Ich hörte sie schon von weitem, auch der Hund blieb stehen und lauschte in die Nacht. Hassan war auch dabei, ich erkannte ihn am quietschenden Pedal. Als die Gruppe näher kam, habe ich mich nicht versteckt. Bevor sie mich ganz erreicht hatten, rief ich: „Hassan, halt an!“ Seine Kameraden mögen sich wohl erschreckt haben. Hassans Pedal schwieg. „Pettersen, bist du es?“ Die ganze Gruppe stand um uns herum, 5 oder 6 Personen. Hassan erzählte mir schnell, dass er in der nächsten Woche in die Türkei aufbrechen wolle. Ich wünschte ihm viel Glück und entließ ihn und seine Freunde in die Nacht. Als weder die Stimmen noch das Fahrradpedal zu hören waren, sagte ich zu meinem Hund: „Komm Hund, lass uns ins Haus gehen.“

Nachtrag
Zwei, drei Jahre später habe ich Hassan vor dem EDEKA Markt getroffen. Wir begrüßten uns wie alte Freunde. Er erzählte mir, dass er seit einiger Zeit wieder hier sei. Auf die Frage, warum er am helllichten Tage im Ort sei, sagte er, dass er einen Asylantrag gestellt hätte und befristete Aufenthaltsgenehmigung habe. Ich lud ihn ein, uns zu besuchen. Er kam nie und ich habe ihn nie wiedergesehen.
Heute sind die Stimmen vom Mühlenweg verschwunden. Die meisten Kurden auf den Höfen sind legal im Land. Die nächtlichen Fahrradtouren der Illegalen gibt es nicht mehr oder sie nehmen andere Wege.
Eines Tages hilft mir Hanifi, der Ehemann einer Bekannten, beim Holzspalten. In der Pause erzähle ich ihm von meinen Begegnungen mit Hassan. Ich erzähle von dem Feuer im Obsthof und hole das Foto von Hassan. Hanifi nimmt es in die Hand und sagt:
„Ja, das ist Hassan, mein Onkel!“
Auf die Frage, ob Hassan auch noch irgendwo hier sei, berichtete Hanifi mir, dass sein Onkel in der Kleinstadt nahe dem Heimatdorf gemeinsam mit einem Verwandten sehr erfolgreich einen Goldhandel betreibe.

Damit, lieber Hassan, sind die nassen und frostigen Tage im Obsthof wohl für alle Tage Erinnerung. Ob du wohl das Foto von dir am Feuer noch besitzt?


B 73 - Eine Katzengeschichte



Es war die Zeit, als Gerd noch jeden Freitag in seinem Holzofen das unschlagbar leckere Brot für sich und seine Freunde buk. Gleich neben dem Katzenhaus, das Gudrun als Herberge für herrenlose und pflegebedürftige Katzen aus dem halben Landkreis eingerichtet hat, stand der von Gerd handgemauerte Backofen. Jeden Freitag wurde eingeheizt und ab 18 Uhr lagen 12 runde und unglaublich duftende Brotlaibe zur Abholung bereit. Sie warteten auf Personen aus dem Bekannten- und Freundeskreis.
Nun wurde das Brot nie einfach so abgeholt. Gerd nutzte die beträchtliche Restwärme seines Ofens, um damit köstlich gewürzte Hähnchenteile in einer schweren, schwarzen Eisenpfanne zu garen. Ab 18 Uhr trafen die ersten Brotabnehmer ein, wählten sich eines der im Holzregal liegenden Brote aus und entrichteten ihren Obulus für Brot und Bewirtung in das bereitstehende Spendenglas. Dann suchte man sich einen Platz am massigen Holztisch im Wintergarten der Gastgeber. Auf dem Tisch befanden sich lauter ausgesuchte Leckereien und die große schwarze Pfanne mit den zerkleinerten Hähnchen. Der Duft des frischen Brotes, der Hähnchenpfanne, verschiedener Wurst- und Käsesorten erfüllte den Wintergarten mit seinen kleinen Zitronenbäumchen und selbstgezogenen Paprika Pflänzchen. Nach gut zwei Stunden Genuss mit Essen, Trinken und lauten Diskussionen über die wichtigen und weniger wichtigen Ereignisse des Dorfes und der Welt löste sich die Runde auf.
Brotholen hatte höchsten Genuss- und Unterhaltungswert. Nur, wenn es gar nicht anders ging, verpasste ich einen dieser Abende. Mir waren sie bald so lieb, wie meiner Schwester ihre Tatortsendungen am Sonntagabend.
Terminüberschneidungen am Freitag  ließen sich nie ganz vermeiden. Trat der Fall ein, begab ich mich am Sonnabendmorgen zu Gudrun und Gerd, packte mein Brot in den Jutebeutel und setzte mich zu Gudrun und Gerd an den Tisch. Während stets eine der zur Hausgemeinschaft zählenden Katzen sich schnurrend an mein Bein schmiegte, nahm ich den Bericht vom Vorabend entgegen.
An einem dieser Sonnabende komme ich in den Wintergarten und ein großer, schwarzer Kater liegt mit geschlossenen Augen anscheinend völlig teilnahmslos auf dem Stuhl, den ich mir zum Sitzen ausgeguckt hatte. Während ich mich auf dem Nebenstuhl niederließ, stellte Gudrun mir den Neuzugang vor.
 „Das ist B 73, den Namen hat er von Gerdi bekommen. Er ist sehr aggressiv im Umgang sowohl mit den anderen Katzen als auch uns gegenüber. Schlechte Zeiten muss er hinter sich haben, anders kann ich mir sein Verhalten nicht erklären.“
„B 73, ein ungewöhnlicher Name“, meinte ich und streckte gleichzeitig meinen Arm aus, um, wie ich es bei allen Katzen tat, das Tier durch Streicheln und Kraulen für mich einzunehmen. Zeitgleich mit Gudruns Warnung erwachte B 73 aus seinem scheinbaren Schlaf, fauchte mich an und schlug mit seiner Tatze gegen meine ausgestreckte Hand, die ich erschrocken im allerletzten Moment  zurückzog.
„Du darfst ihn nicht anfassen. Das dürfen nicht einmal Gerd und ich. Er hat einen extrem schwierigen Charakter, muss schlimme Zeiten durchgemacht haben.“
Noch beeindruckt von der Blitzattacke des Katers fragte ich nach dem Grund für diesen etwas ungewöhnlichen Katzennamen.
Gudrun, die Katzenmutter des Nordkreises, hatte B 73 aus irgendeinem Grunde in ihre Obhut genommen. Weil sie natürlich nicht alle herrenlosen und hilfsbedürftigen Katzen beherbergen kann, bekommen sie bei ihr nur ein Zuhause auf Zeit, bis sie wieder genesen sind und in liebevolle Hände abgegeben werden. B 73 fiel etwas aus dem Rahmen. Er zeigte keinerlei Dankbarkeit für  das schöne Zuhause, das er bei Gudrun und Gerd vorfand. Ganz im Gegenteil, jeder Versuch, sich ihm liebevoll zu nähern, wurde mit einer Attacke beantwortet. Da reichte dann auch bald die Katzenliebe von Gudrun und Gerd nicht mehr. Dieser unsoziale Kater musste schnellstmöglich das Haus verlassen. Per Anzeige sollte B 73 ein neues Zuhause bekommen. Die Zeitungsanzeige war ein kleines Kunstwerk. Sie erweckte Mitleid mit dem Tier verschwieg jedoch auch nicht, dass der Kater nicht ganz problemlos sei.
„…, deswegen nur in fürsorglichen Haushalt ohne Kleinkinder gegen Schutzgebühr abzugeben.“
Wer holt sich schon gerne freiwillig ein Problem ins Haus? Tagelang gab es keine Reaktion auf die Anzeige und keinerlei Anzeichen, dass sich an B 73 Verhalten irgendetwas zum Guten entwickeln würde. Rat- und Hilflosigkeit begannen sich in dem sonst so katzenfreundlichen Haus breit zu machen. Als eine Woche verstrichen war, schien sich eine Lösung des Problems anzubahnen.
Eine etwas älter klingende Männerstimme meldete sich per Telefon.
„Ich ruf´ wegen die Katze in´e Zeitung an, issie noch zu haben?“
Gudruns Herz begann zu klopfen. Jemand fragt wegen des schwererziehbaren Katers an. Gleichzeitig rührt sich ihr Gewissen.
„Ja, aber Sie haben doch gelesen, dass er nicht ganz einfach ist?“
„Ja, hab´ich.“
„Passt er den in Ihre Familie?“
„Ich bin allein.“
„Er ist aber nicht sehr zahm.“
„Macht nix, brauch´ wieso alle paar Wochen ´ne neue Katze.“
Die Alarmglocken der Katzenmutter schrillten.
„Wieso brauchen Sie alle paar Wochen eine neue Katze?“
„Ach wissen Sie, ich wohn direkt an´e B 73, die leben nie lange bei mir.“
Gudrun beendete das Gespräch nicht ohne dem Mann mitgeteilt zu haben, dass  der Kater ein liebevolles Zuhause und nicht den frühen Tod auf der Bundesstraße B 73 zwischen Hamburg und Cuxhaven sucht. Als sie Gerd von dem Interessenten erzählte war auch für ihn sofort klar, dass der Kater auf keinem Fall zu diesem Mann „an´e B 73“ darf.

Es gab keine weiteren Anrufe, niemand interessierte sich für die Problemkatze. Der Kater fand irgendwie einen Weg mit den übrigen Hausbewohnern auszukommen, Katzen und Menschen respektierten seine Marotten.
Er hatte nicht nur ein neues Zuhause sondern auch einen neuen Namen bekommen:
B 73!

Eigentlich sind wir ja nicht neugierig



Wir haben diese Ferienwohnung über der Garage mit Boddenblick in dem wunderschönen Garten unserer Vermieter gelegen schon einige Jahre. Man kennt sich, man grüßt sich, man erkennt sich beim morgendlichen Bad im Bodden. So schwamm die blonde Rostockerin in diskretem Abstand an uns vorüber. Wir sehen in ihren Garten von unserem kleinen Balkon aus.
Wohnt sie jetzt eigentlich auf Dauer hier oder nur an den Sonnentagen?
Wir kennen ihren Namen nicht, wissen aber über unsere Vermieter, dass sie und ihr Mann beide Ruheständler sind und viel Zeit in dem von der Mutter geerbten Haus verbringen. Ja, die Rostockerin, so heißt sie nun einmal bei uns, zieht mit kräftigen Zügen durch den Bodden. Als sich ihr Blick mit dem von Ulla kreuzt, wird eine freundliche Begrüßung fällig. Und nicht nur das. Sie sucht die Bestätigung, dass sie in ihrer Vermutung, dass wir ihre Nachbarn (auf Zeit) sind, richtig liegt.
„Sie sind die Gäste von Harders, ich erkenne Sie an der Frisur.“
Ulla bestätigt ihre Vermutung. Der Rostocker trocknet sich schon im beißenden Westwind auf der Badebrücke ab.
„Ja, ich sehe Sie immer, wenn Sie auf dem Balkon sitzen.“
„Wir sehen Sie auch immer im Garten.“
„Ja denn, einen schönen Tag noch, ich muss raus.“
Natürlich wissen wir alles von den Rostockern, was man mit bloßem Auge erfassen kann. Fragte Ulla mich doch gleich bei der Ankunft:
„Hast du schon gesehen, die Rostocker haben dieses Kraut (frz. Pfeifenkraut) an ihrem Kompost weggenommen. Das sieht da jetzt ganz kahl aus.“
Ich hatte es nicht gesehen und es sieht wirklich kahl aus. Dafür habe ich am ersten Morgen einen hellblauen und einen roten Bademantel durch die Wiesen gehen sehen.
„Sieh mal, Ulla“, sagte ich zu ihr, „die Rostocker gehen vor uns baden.“

Natürlich wissen wir auch über unseren Nachbarn nach Süden Bescheid. Schon beim Einräumen unserer Ferienwohnung fiel uns auf, das der üppige Grenzbewuchs stark ausgelichtet war. Obwohl wir seinen Namen inzwischen ganz gut kennen, bleibt er für uns „Der Trompeter“. Er ist Weltklassetrompeter und hat einen Forschungsauftrag an der Uni Dresden. Wenn er nicht auf Konzertreise ist, erholt er sich in seinem Sommerhaus, direkt unter unserem Balkon.
Wir sind ja nicht neugierig, aber, was sollst du machen, wenn sich das Leben des Trompeters und seiner Gäste zum Teil genau unter unserem Balkon abspielt?
Die junge Frau ist nicht mehr die, die wir in den Vorjahren kennengelernt haben. Und die neue Frau, die da bei ihm im Haus ist? Seine neue Freundin? Nur eine Freundin oder ein Feriengast? Offene Fragen! Nun, wo sie abgereist ist, werden wir sie nicht mehr fragen können.
Hätten wir ohnehin nicht getan, sind ja nicht neugierig.
Ich denke ohnehin, dass sie nur gute Bekannte waren, sonst hätten sie sich schon ´mal beim gemeinsamen Blumenpflanzen in den Arm genommen. Haben sie nicht, oder ich habe es gerade nicht gesehen.
Ist ja auch egal, wen interessiert´s schon?
Jetzt sind da neue Leute eingezogen, kommen aus Leipzig. Eine junge Frau und noch jemand. Habe die andere Person noch nicht gesehen. Die junge Frau aber, benutzt alle Türen ins Haus und heute hat sie mehrfach allem Anschein nach nach ihrem Papa gerufen. Wer ist der Papa? Der Trompeter oder die unbekannte Person? Er soll ja einige Kinder haben, der Trompeter aus Dresden.
Nun, wo das ganze Grenzkraut gekappt ist, kreuzen sich schon mal unsere Blicke, wenn unser Nachbar das Haus durch die Haupteingangstür verlässt. Er ist ein freundlicher Kerl, grüßt zu uns hoch und ist immer gut für einen kleinen Small Talk. Als wir noch vor dem Frühstück Baden fuhren, haben wir ihn mal dort getroffen. Er hatte nichts an, wie all die anderen Frühschwimmer auch. Weltklassetrompeter hin oder her, ohne Klamotten sieht er auch nicht anders aus, als alle anderen Männer, die nicht Trompete spielen.
Hab´ ihn übrigens gleich erkannt. Auch an seiner Frisur, wie die Rostockerin Ulla erkannt hat. Ich hab´s ihm aber nicht gesagt, nur so für mich gedacht.
Erstaunlich, dieser Mann schleift seine Balkone, streicht sie und schneidet selbst die große Buchenhecke, die sein Grundstück umgibt. Das hätte er doch eigentlich nicht nötig, bei seinem Einkommen, oder?
Übrigens, er beobachtet uns auch, dachte schon wir wären am Wochenende abgereist. Angetäuscht! Wir waren nur am Samstag mit dem Auto unterwegs. Das mit der Abreise hat er mir erzählt, während ich die Fahrräder auf den Träger gepackt habe, weil wir weiter weg eine Radtour unternehmen wollten. Nun weiß er, dass wir diese Woche noch hier sind. Ein bisschen sollte man schon voneinander wissen, wenn man so dicht aufeinander wohnt.

„Unverhofft trifft sich oft!“ war seine Begrüßung, als ich ihn heute Morgen beim Brötchenholen vor dem EDEKA Markt traf. Ja, man kennt sich inzwischen. Herbert hat eine Schallplatte vom Trompeter und hat ihn auch schon im Konzert gehört. Herbert ist ein Fan von ihm und hätte sich an meiner Stelle mit großer Wahrscheinlichkeit ein Autogramm auf die Brötchentüte geben lassen.
Das habe ich nicht, obwohl, je länger ich darüber nachdenke, es wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk für Herbert.  Auf der EDEKA Tüte: „Zum Geburtstag alles Gute, Ihr Trompeter aus Dresden!“
Das hätte schon etwas.
Für mich nicht, wie schon gesagt, mir genügt es, dass wir uns so gut kennen, der Trompeter und ich.

Heute Nachmittag hat Ulla den Trompeter in der Bioschlachterei auf dem Gutshof getroffen. Die beiden verstehen sich inzwischen schon richtig gut Er erzählt ihr, welches Fleisch er immer mit nach Dresden nimmt und einfriert. Alles! Außer Wildschwein, das kommt ihm nicht ins Haus. Warum nicht, hat Ulla vergessen zu fragen. Na ja, nächstes Jahr treffen wir ihn ja wieder. Die Bedienung ist sehr beflissen und berät ihren Kunden mit ehrfurchtsvoller Stimme. So verhalten sich Untergebene.
Der Trompeter zahlt und geht in das nebenliegende Restaurant, weil er, wie er Ulla mitteilte, noch etwas essen wolle. Kaum, dass er durch die Tür verschwunden ist, raunt die Verkäuferin Ulla über das Biofleisch hinweg zu: 
„Wissen Sie, wer das war?“
„Ja“, meinte Ulla, „der Trompeter aus Dresden.“
Das hatte doch etwas von Spielverderberei, oder?

Warum er wohl auf gar keinen Fall Wildschwein wollte? Ich hätte ihn doch fragen sollen, als er unter unserem Balkon damit begann, die Fleischpakete und ein paar andere Dinge für die Rückreise in sein Auto zu packen. Neugierige, also richtig neugierige Menschen, hätten wohl gefragt.
Aber muss man denn immer alles von seinen Nachbarn wissen?
Obwohl, das mit dem Wildschwein wäre schon ganz gut zu wissen. Da steckt doch mehr dahinter, dazu gibt es doch eine Geschichte!?
Schon jetzt beginne ich zu ahnen, dass ich die nächsten zehn Monate nicht zur Ruhe kommen werde. Wenn ich ihn dann treffe im Juli nächsten Jahres, kommt er mir nicht wieder so davon. Ich werde ihn gleich nach der Begrüßung fragen, warum er kein Wildschwein isst und, im Gegenzug, könnte ich ihm verraten, warum ich keine Hähnchen mehr von Lieschen Lehmann esse.
Das wird ihn interessieren. Er ist nämlich nicht nur berühmt. Er ist auch ein wenig neugierig.

Das ist übrigens keine Selbstverständlichkeit  zwischen Nachbarn – mit dem „gut“ kennen, es muss nicht immer so sein, wie zwischen uns und dem Trompeter.
Nur wenige Meter weiter von uns entfernt, direkt neben den Rostockern, die inzwischen höchstwahrscheinlich  längst schon für immer hier leben, urlaubt die Nienburger „Schreifamilie“. Wir kennen sie schon seit einigen Jahren. Das Haus muss ihnen gehören oder Verwandtschaft von ihnen. Das kleine Rohrdachhaus, dachte ich anfangs, hat die Familie wohl finanziell überfordert. Es gab nämlich keine Gardinen, dachte ich zumindest. Inzwischen weiß ich, dass es doch Gardinen gibt, die aber fast nie zum Einsatz kommen. So haben wir zwangsläufigen und ungewollten Einblick in deren Familienleben. Trotzdem wissen wir eigentlich nichts von ihnen. Wir sind uns nicht einmal ganz sicher ob es zwei Kinder in der Familie gibt, oder ob der zweite Blondschopf, den wir manchmal auf der Fernsehcouch sehen, vielleicht doch der Kopf der Puppe des einzigen Kindes ist. Ulla meinte, der Familie schon einmal auf dem Weg zum Bodden begegnet zu sein. Da gab es zwei blonde Mädchen. Gesichert ist das alles allerdings keineswegs. Niemand hat diese Familie in das Haus zurückkehren sehen.
Niemand von uns!
Der Eingang des Hauses kann nicht einmal von unserem Schlafzimmerfenster eingesehen werden. Ich habe es ausprobiert, als das Auto einmal nicht vor dem Haus stand. Fenster auf und den Kopf so weit raus, wie es eben gerade ging.
Nur mal so.
Man sieht übrigens auch vom Auto nur das Vorderteil, kann also nicht sehen, wer einsteigt, wer drinnen sitzt. Unsere Vermieter sind uns auch keine große Hilfe, wissen auch nichts von ihren Nachbarn. Nur, was wir auch schon wissen. Nämlich, dass alle in der Familie sich anschreien. Das muss man nicht sehen, das hört man selbst durch die meist geschlossenen Fenster. Der Vater kann das besonders gut. Das Kind – und wenn es zwei Kinder sein sollten – die Kinder können es auch schon sehr gut. Nur in einer anderen Tonlage. Die Mutter hört man nicht so oft schreien. Vermutlich hat sie dafür keine Zeit, weil sie den Urlaub überwiegend dafür nutzt, Wäsche zu waschen, die sie dann im Wohnzimmer auf einen Wäscheständer hängt um sie dann für den nächsten Waschgang nach dem Trocknen sorgfältig zusammenzufalten. Vielleicht muss sie sich im Urlaub auch einfach ein wenig vom Schreien erholen, weil sie das ja zu Hause schon immer tut, wenn sie mit den Kindern alleine ist.
Einmal wollte ich sehen, wie sie aussieht, unsere Nachbarin. Als ahnte sie, dass ich rein zufällig zu ihr rüber blickte, ließ sie nur die Ansicht ihres Rückens zu. Gemerkt haben konnte sie wirklich nichts. Niemals würde ich so auffällig aus dem Fenster schauen. Ist auch nicht nötig. Viel besser kann man in das Wohnzimmer der Schreifamilie blicken, wenn man bei uns im Badezimmer in den Spiegel sieht. Natürlich, wenn du direkt vor dem Spiegel stehst siehst du nur dich selber. Musst schon ein bisschen schräg gucken und dann siehst du glasklar, was sich da unten bei den Nienburgern abspielt. Allerdings nur spiegelverkehrt, was wiederum nicht so viel ausmacht, weil die Nienburger doch eigentlich eher uninteressant für uns sind. Für mich allemal!
„Ist dir ´mal aufgefallen, dass die Nienburger niemals draußen im Garten sind?“ fragte Ulla einmal.
Ja, das ist schon merkwürdig. Selbst bei schönstem Sommerwetter bleiben Türen und Fenster geschlossen, nichts spielt sich im Garten ab. Vielleicht haben sie zu Hause immer Garten, denke ich mir, und wollen nun im Urlaub einmal etwas richtig Anderes. Ich habe aber auch schon gemutmaßt, dass die Familie einen Gendefekt aufweist und unter einer Tageslichtunverträglichkeit leiden könnte. Das gibt es bestimmt. Andere Menschen können keine Kuhmilch ab und bekommen Pickel, wenn sie nur über ein Erdbeerbeet blicken.
Ich würde sie ja gerne einmal fragen, aber wann und wo? Man sieht sie auch hier im Dorf nicht geschweige denn am Strand. Irgendwann am späten Vormittag ist das Auto verschwunden und erst zu Zeiten, wenn unsere Kinder schon längst im Bett gelegen hätten, kommen sie wieder zurück.
Das ist doch keine Neugierde, wenn Nachbarn sich so auffällig verhalten? Da will man schon etwas mehr wissen.
Neulich meinte Ulla, sie seien wohl abgereist. Meine erste Frage war, ob denn Wäsche auf dem Ständer hängen würde.
„Eben nicht“, meinte Ulla, „das ist es ja gerade, was mich stutzig macht. Das Auto ist weg und das Wohnzimmer sieht noch unbewohnter aus, als es das ohnehin schon tat.“
„Ja, dann sind sie wohl weg.“
Warum die wohl hierher fahren in ihrem Urlaub? Nach allem, was wir von ihnen mitbekommen, müsste doch zu Hause alles viel leichter gehen. Vielleicht gibt es dort sogar einen Wäschetrockner.
Ich will mir darüber  keine Gedanken mehr machen, hab´ doch schließlich Urlaub! Sollen sie doch machen, was sie wollen.
So leicht ist das aber auch wieder nicht. Beim nächsten Klogang fällt ein Routineblick auf den Spiegel. Das gibt es doch gar nicht, da hängt wieder Wäsche auf dem Ständer, wenn auch seitenverkehrt!  

So geht man nicht mit Nachbarn um, nicht einmal mit Nachbarn, die man so wenig kennt, wie uns. Die machen sich doch überhaupt keine Gedanken, wie uns das langsam an die Nerven geht - und das im Urlaub. Also, mit Neugierde hat das nichts zu tun, wenn man ein klein wenig mehr über seine Nachbarn wissen möchte. Es ist eben einfach viel leichter sich zu erholen, wenn man weiß, mit wem es zu tun hat.

„Ulla, ist eigentlich bei den Nienburgern schon Licht an?“